Schiefergasrevolution

Was bedeutet die Veränderung der Gasmärkte für Russland? /  Dr. Hans Joachim Kopp, Partner Roland Berger Strategy Consultants Moskau

Derzeit ist der Weltgasmarkt großen Veränderungen ausgesetzt. Ausgelöst durch die sog. Schiefergas-Revolution in den USA gibt es schon jetzt massive Auswirkungen auf Handelsströme und das Preisgefüge, Schiefergas ist zum wahren Wettbewerbstreiber geworden. Die Folge: Vielerorts sinken die Energiepreise und beeinflussen somit auch wichtige Investitionsentscheidungen innerhalb weltweit produzierender Konzerne. Bei all diesen Veränderungen stellt sich auch die Frage nach den Implikationen für Russland. Roland Berger Strategy Consultants hat im Rahmen einer jüngst durchgeführten Studie zu Unconventional Gas für die AHK die Auswirkungen dieser globalen Trends untersucht.

Phänomen Schiefergas und Veränderung der Gasmärkte
Je nach Art und Durchlässigkeit des Gesteins – der Fachausdruck dafür ist die sog. Permeabilität – lassen sich konventionelle und unkonventionelle Gasvorkommen klassifizieren. Von konventionellen Lagerstätten spricht man, wenn das Gas in gut durchlässigen Gesteinsschichten enthalten ist und mit klassischen Techniken gefördert werden kann. Dagegen zeichnen sich  unkonventionelle Lagerstätten dadurch aus, dass das Gestein eine sehr geringere Durchlässigkeit hat, und das Gas sich in extrem kleinen, sehr schlecht miteinander verbundenen Poren des Gesteins befindet. Um das Gas aus unkonventionellen Lagerstätten zu fördern – das bekannteste in dieser Kategorie ist Schiefergas, also aus Schiefergesteinen oder  Schiefertonen –, ist es notwendig, Fließwege zu schaffen. Dies erfolgt mit der seit Jahrzehnten bekannten Technik des Hydraulic Fracturing. Dabei wird eine Mischung aus Wasser, Sand und Additiven bei hohen Drücken in die Lagerstätte gepresst. Schiefergas ist erst seit wenigen Jahren  wirtschaftlich förderbar – durch den kombinierten Einsatz von horizontaler Bohrtechnik und Hydraulic Fracturing.

Eine zentrale Rolle spielt Unconventional Gas heute in Nordamerika. Innerhalb weniger Jahre hat es einen Anteil von 50 Prozent an der gesamten Nordamerikanischen Gasförderung erreicht. Aufgrund des Booms bei Unconventional Gas sind die USA seit 2009 wieder das Land mit der höchsten Gasförderung weltweit –  584 Mrd. cbm (2009) ggü. 528 (Russland) bzw. 651 Mrd. cbm (2011) ggü. 607 (Russland).

Die Gasimporte der USA sind dementsprechend drastisch gesunken, ab 2011 um knapp 25 Prozent. Absolut gesehen entspricht dieser Rückgang der gesamten Fördermenge eines Landes wie z.B. Oman oder Venezuela. Die LNG-Importe, also der Teil, der per Tankschiff in die USA gelangt, hat sich im selben Zeitraum gedrittelt. Die in den USA nicht mehr benötigten LNG-Mengen fließen nun an die europäischen Handelsplätze. 

Die Auswirkungen  auf den europäischen Gasmarkt sind spürbar – je nach Standpunkt durchaus angenehm oder auch schmerzhaft. Das Gaspreisniveau in den USA hat sich mit heute rund 4 USD je mmBtu gegenüber dem langjährigen Mittel von vor 2008 nahezu halbiert. Auch in Europa stehen die Gaspreise seither unter Druck. Internationale Öl- und Gasgesellschaften investieren massiv in Erschließungsrechte für unkonventionelle Gasvorkommen und in die entsprechende Technologie. Eine Vielzahl von Ländern prüft Möglichkeiten, Unconventional Gas in signifikantem Umfang zu erschließen.

In den nächsten Monaten wird anhand von weiteren Forschungsergebnissen mehr Gewissheit darüber herrschen, ob die Schiefergasförderung nach dem amerikanischen Muster auch in anderen Ländern möglich ist. Danach wird man die Mengen des Unconventional Gas zu den heute weltweit bekannten Gasvorkommen hinzuzählen können und womöglich eine Verdopplung oder gar Verdreifachung des Potentials feststellen. Unconventional Gas wird dann Realität und bleibt Realität.  

Zentrale Aussagen der Roland Berger Studie
Die Studie unterscheidet zwei Szenarien – beide ausgerichtet auf das Jahr 2025.
Das "Strong impact" Szenario geht von einer signifikant ansteigenden Gasproduktion weltweit aus. Geologische Bedingungen, technischer Fortschritt, Gesetzgebung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen führen zu einer weltweiten Verbreitung der Unconventional Gas-Förderung. Unconventional Gas wird in diesem Szenario außerhalb Nordamerikas auch in China, Argentinien, Indien, Indonesien, Australien und ausgewählten europäischen Ländern in Mittelosteuropa gefördert. Auch die USA weiten Ihre Förderung noch weiter aus. Parallel dazu steigt die konventionelle Gasförderung deutlich an, getrieben insbesondere von Russland, zentralasiatischen Ländern und dem Mittleren Osten. Dagegen steigt die Gasnachfrage nur moderat, in erster Linie in Folge schwachen Weltwirtschaftswachstums und effizienterer Energienutzung. Die hohe Verfügbarkeit von Gas wirkt dämpfend auf die Preise an den Handelsmärkten in Europa und Asien (leichter, langsamer Anstieg). Der Margendruck auf die russischen Exportmengen ist hoch (entweder Preisnachlässe oder Exportverluste).

Das "Moderate Impact" Szenario geht demgegenüber von einer nur mäßigen Steigerung der weltweiten Gasförderung aus. Unconventional Gas entwickelt sich, neben den USA, in nur einigen wenigen Ländern Europas, Lateinamerikas und China. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Erdgas infolge einer sich dynamischer entwickelnden Weltwirtschaft sowie breiterer Verwendung von Gas im Stromerzeugungs- und Transportsektor merklich an. Der globale Gasmarkt wird mehr oder weniger ausgeglichen sein. Es besteht die Aussicht, dass eine Ölindexierung von Gasverträgen in der einen oder anderen Form weiterhin existieren wird, dies allerdings auf deutlich niedrigerem Niveau als in der "Vor-Unconventionals"-Zeit.

Die „Wahrheit“ wird vermutlich zwischen beiden Szenarien liegen, in jedem Falle dürfte sich für Russland eine Reihe von Implikationen ergeben.

Folgen für Russland
Egal ob man bis 2025 von einem hohen Anteil von Schiefergas oder einem geringeren Anteil von Schiefergas in der weltweiten Gasförderung ausgeht, in jedem Fall wird eine energieabhängige Wirtschaft wie die russische starkem Wettbewerbsdruck ausgesetzt und wird mit Exportrückgängen bzw. Gewinneinbußen zu kämpfen haben. Zwar wird Russland weiter der Welt zweitgrößter Gasproduzent bleiben, aber andere Exporteure werden aufschließen und die Weltmärkte werden alternative Versorgungsquellen hinzuziehen.

Sicher wird das Land in den kommenden Jahren seine Präsenz auf den internationalen Gasmärkten weiter ausbauen und für eine Steigerung seiner Wettbewerbsfähigkeit sorgen müssen. Lösungen für die zukünftigen Probleme liegen in der Realisierung von Aufgaben wie die Steigerung der Wertschöpfung im eigenen Land, Diversifizierung der Wirtschaft, Stärkung des Wettbewerbs, Verbesserung der Infrastruktur und Stärkung der Investorenrechte. Hieran arbeiten bereits sowohl die russische Regierung als auch führende russische Unternehmen, dies muss aber noch intensiver vorangetrieben werden. Dabei kann die internationale Kooperation Russlands, insbesondere mit Deutschland sehr wichtige Impulse setzen.