„Mein Arbeitscredo: Kultur, um der Freiheit willen“

Am 1. März 2012 hat Dr. Rüdiger Bolz die Leitung des Goethe-Instituts in Moskau übernommen. Im Interview mit Impuls zieht er nach zwei Jahren Bilanz.


Herr Dr. Bolz, zwei Jahre sind Sie nun Institutsleiter in Moskau. Welche Erfolge gibt es zu verzeichnen?

Von Anfang an stand die Amtsübernahme unter dem Vorzeichen des „Deutschlandjahres in Russland“. Das war die wichtigste Aufgabe neben allen anderen und da können wir wirklich eine positive Bilanz ziehen. Nicht nur weil tausendfache Begegnungen und über 1.000 Veranstaltungen in mehr als 100 Städten stattgefunden haben, sondern auch weil wir immer nur positives Feedback bekommen haben.

Was waren Ihre Highlights vom Deutschlandjahr?

Da gab es natürlich viele, aber das bewegendste Ereignis für mich war das gemeinsame Konzert der Wolgograder Philharmonie mit dem Osnabrücker Symphonieorchester im Februar 2013 in Wolgograd. Anlass war der 70. Jahrestag des Endes der Schlacht von Stalingrad. Dieses Projekt war ein unglaubliches Unternehmen – zwei große Orchester auf einer Bühne. Der Wolgograder Chefdirigent Eduard Serow, ein schon betagter und gesundheitlich angegriffener Herr, und der blutjunge Osnabrücker Chefdirigent Andreas Hotz – fast 50 Jahre Altersunterschied mussten hinsichtlich Temperament und Interpretation harmonisiert werden. Es hat wunderbar geklappt. Vier Monate später gab es einen Gegenbesuch der Wolgograder Musiker in Osnabrück. Stellen Sie sich vor, ein öffentliches Konzert auf dem Domplatz und alle 3600 Plätze waren bereits Monate vorher ausverkauft. Daraus sind sehr wichtige Impulse entstanden: Unter anderem haben wir erst vor einigen Wochen fest vereinbart, dass es 2015, Anfang Mai, wieder gemeinsame Konzerte in Russland und in Deutschland geben wird. Mit einem eigens dafür zusammengestellten Programm und Auftragskompositionen für russische und deutsche Komponisten. Ich bin sehr glücklich darüber, was aus diesem Projekt geworden ist. Es geht ja zurück auf die Idee eines Einzelnen, nämlich eines Geigers der Osnabrücker Philharmonie, der Kontakt mit Kollegen in Russland hatte und feststellte, dass noch niemals ein deutsches Orchester in Wolgograd gewesen ist. So entstand dieses nicht gerade billige Unterfangen, obwohl fast alle Beteiligten auf Honorare verzichtet haben. Und jetzt entwickelt es sich weiter, und zwar selbstständig.

Das Deutschlandjahr war ein gewaltiges Projekt. Jetzt gibt es eine Fortsetzung – das Jahr der deutschen Sprache und Literatur in Russland. Warum eigentlich?

Unsere erklärte Absicht beim Mammutprojekt Deutschlandjahr war von Anfang an, uns nicht nur auf die Metropolen zu konzentrieren, sondern auch möglichst in allen russischen Regionen präsent zu sein. Das ist uns gelungen. Aber damit haben wir gewisse Erwartungen geweckt und die sollte man tunlichst nicht enttäuschen. Auf das kulturell breit angelegte Deutschlandjahr folgt nun eine gewisse thematische Fokussierung und Intensivierung. Sprache, Literatur und Bildung sind dem Goethe-Institut naturgemäß sehr wichtig. Auch insgesamt für die allgemeinen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sind Sprach- und Bildungsförderung von enormer Bedeutung. Parallel wird es 2014/15 auch ein Jahr der russischen Sprache in Deutschland geben. So können wir in beiden Ländern neue Impulse setzen und versuchen, in der Bildungslandschaft neue Interessen für die jeweils andere Sprache zu wecken.

Es ist gerade nicht so einfach zwischen Deutschland und Russland. Gestaltet sich die Zusammenarbeit in der aktuellen Situation schwieriger?

Selbst wenn politisch Kälte ausbrechen würde, selbst wenn die wirtschaftlichen Beziehungen getrübt wären: Auf kulturellem Gebiet die Kontakte einzuschränken wäre so ziemlich das Unglücklichste, was man machen kann. Denn im Grunde ergeben die kulturellen Begegnungen das Fundament von Beziehungen zwischen Gesellschaften, und das muss unbedingt erhalten und gepflegt werden. Also arbeiten wir in schwierigeren Zeiten umso intensiver daran. Wenn man zulässt, kulturelle Beziehungen abkühlen zu lassen, diese gar zu boykottieren oder auch zu instrumentalisieren, dann tut man etwas sehr Falsches, denn Kultur und Freiheit sind korrelierende Begriffe. Der Althistoriker Christian Meier hat seinem berühmten Buch über die Anfänge griechischer und europäischer Geschichte den Titel gegeben „Kultur, um der Freiheit willen“. Das ist seit langem mein persönliches Arbeitscredo.

Wann geht das Jahr der deutschen Sprache und Literatur in Russland an den Start?

Den Auftakt bildet am 13.–14. September ein öffentliches Festival im Eremitage-Garten in Moskau. Wir versuchen dort, möglichst alle Altersgruppen zu erreichen. Für Kinder holen wir die „Sendung mit der Maus“ nach Moskau – ich freue mich sehr, dass das geklappt hat. Für Jugendliche und Erwachsene gibt es die größte Deutschstunde der Welt, Musik von dem deutschen Rap-Star CRO und seiner Band, Breakdance-Battles, Poetry Slam und noch viele weitere spannende Angebote, bis dann die Nacht mit deutsch-russischen DJs ausklingt. Das wird ein festlich-munterer Auftakt, mit dem wir ein öffentliches Zeichen setzen wollen. Dabei wird es nicht nur um die deutsche Sprache und Literatur gehen, sondern um Sprache bzw. Mehrsprachigkeit an sich.

Haben Sie auch speziell für die Deutschlehrer in Russland etwas im Programm?

Ja, am 22.–23. November organisieren wir die zweiten gesamtrussischen Deutschlehrertage (der erste fand 2012 statt, Anm. d. Red.). Wir erwarten wieder rund 1600 Teilnehmer aus ganz Russland. Die Zusage vom russischen Bildungsminister steht, es werden hochkarätige Gäste aus Deutschland kommen. Wir haben auch einen wunderbaren Anlass: Im Rahmen der Deutschlehrertage soll der erste Gesamtrussische Deutschlehrerverband gegründet werden. Das ist ein jahrzehntealtes Petitum. Es gibt seit langem regionale Deutschlehrer-Verbände, derzeit 12 an der Zahl, jetzt aber wird ein Gesamtrussischer Verband gegründet. Für unser bildungspolitisches Anliegen ist das sehr wichtig. Übrigens unterstützen uns bei der Durchführung der Deutschlehrertage namhafte deutsche Wirtschaftsunternehmen, wofür wir sehr dankbar sind!

Dennoch muss man feststellen, dass die Zahlen der Deutschlerner an russischen Schulen und Universitäten etwas zurückgehen.

Ja, die Gesamtzahl der Lerner geht leider zurück, aber die Zahlen muss man immer relativ sehen: Die Bevölkerung schrumpft, und wenn ich die Zahlen in der Relation betrachte, dann ist die Stellung von Deutsch als zweiter Fremdsprache sogar gestärkt. Unsere Bildungsinitiative „Lern Deutsch!“ war erfolgreich.

Wie setzt sich da das Goethe-Institut ein?

Wir müssen an vielen verschiedenen Stellen ansetzen. Ich beginne mal mit der Alterspyramide. Für uns ist es wichtig, möglichst frühzeitig Familien darauf aufmerksam zu machen, dass Fremdsprachenlernen für Kinder heutzutage für den weiteren, erfolgreichen Lebensweg von grundlegender Bedeutung ist. Wir haben z. B. als ersten Schritt Kooperationsvereinbarungen mit 18 pädagogischen Hochschulen in Russland geschlossen, damit die jungen Pädagogen schon in der Ausbildung an Deutsch als eine Option für den Fremdsprachenerwerb denken. Damit sie, wenn sie dann in die Kindergärten gehen, bereits Ausbildungsmodule haben und wissen, was sie dort tun. Denn es ist ein enormer pädagogischer Auftrag, kleinen Kindern eine Fremdsprache spielerisch zu vermitteln. Das ist eine Komponente.

Eine zweite ist der Deutschunterricht an den öffentlichen Schulen. Wir müssen alles nur Mögliche im Kontakt mit den Kultus- und Bildungsministerien dafür tun, dass es weiterhin Deutschangebote an Schulen gibt. Das setzt wiederum hochqualifizierte Deutschlehrer voraus. Die philologischen Fakultäten an russischen Hochschulen sind aber mehr und mehr im Rückzug. Gemeinsam mit dem neuen großen Deutschlehrerverband werden wir neue Wege gehen müssen, um den Beruf des Deutschlehrers attraktiv zu machen.

Eine weitere wichtige Komponente ist die „Studienbrücke“. Wir versuchen, den Schülern, die sich für ein späteres Studium in Deutschland interessieren, eine sprachliche Brücke zu errichten, z. B. durch spezielle Sommercamps mit Firmen oder Praktika. Die Brücke führt von dem Erwerb von Deutsch als Fremdsprache an der Schule zu der aktiven Ausübung, sei es im Studium, sei es in Praktika, sei es auch im Beruf in Deutschland oder bei deutschen Firmen hier in Russland.

Und haben Sie mit Ihren Bemühungen Erfolg?

Ja, das sehen wir ganz deutlich bei den Einschreibungen. Wir haben von Semester zu Semester Rekordeinschreibungen hier in Moskau, aber auch in St. Petersburg und in den 24 Sprachlernzentren in Russland, die vom Goethe-Institut betreut werden. Das Interesse ist da!

Was ist Ihre persönliche Russland-Bilanz nach zwei Jahren? Möchten Sie noch bleiben?

Natürlich bleibe ich! Ich entdecke jeden Tag Neues, mache jeden Tag neue Erfahrungen. Die russische Kultur besitzt einen Reichtum, von dem wir in Deutschland viel zu wenig wissen. Ich wünschte, die Deutschen hätten mehr Gelegenheit, dieser Kultur zu begegnen.

Das Einzige, was mir leider mehr als erwartet und gewünscht Schwierigkeiten bereitet, ist die russische Sprache. Irgendwie kommen wir nicht wirklich zueinander, Das ist schade und liegt dummerweise auch noch an mir selbst.

Das Gespräch führte Lena Steinmetz, AHK Russland