Durch das Objektiv zurück ins Leben

Mit Fotografieunterricht zeigt Juri Chramow Kindern nach langer Krankheit einen Weg zurück in die Normalität. / Monika Hollacher, AHK Russland

Krebs macht auch vor Kindern nicht halt. Die Chancen auf Heilung sind heutzutage gut, dennoch geht die Krankheit nicht spurlos an den Kindern vorbei. Neben körperlichen Einschränkungen, sind es vor allem psychologisch-soziale Probleme, die das Leben während und nach der Krankheit beeinträchtigen können.  Schwerkranke Kinder nehmen schnell eine Sonderrolle in ihren Familien ein. Sie geben sich selbst die Schuld, wenn die Familie unter den Belastungen der Krankheit leidet. Sie trauen sich selbst nicht mehr so viel zu und überlassen Entscheidungen oft anderen. Bei Heranwachsenden findet keine altersgemäße Sozialisation statt. Im Gegensatz zu ihren Altersgenossen, die sich gerade im Teenageralter zu Cliquen zusammenschließen, bleiben sie oft allein und außen vor.

Die Kinder in ihren Alltag zurückzuführen, sie aus ihrer Außenseiterrolle herauszuholen und ihnen ihr Selbstwertgefühl wiederzugeben, hat sich Juri Chramow mit seinem Fotoprojekt „Wir leben auf dieser Erde“ zum Ziel gesetzt. „Während des langen Krankenhausaufenthaltes entsteht durch die Eintönigkeit des Klinikalltags ein visueller Hunger, der weder durch Computerspiele noch Fernsehen gestillt werden kann. Mit bildender Kunst und klassischer Fotografie arbeiten wir dem entgegen. Durch Kunst und Fotografie finden die Kinder in die Normalität zurück“, erläutert Chramow seinen Ansatz. Schon im Krankenhaus stoßen die Kinder zum Fotoprojekt. Die „Fotobande“ nennen sie sich und studieren Kunst und Fotografie in Büchern, lösen Aufgaben im Internet und beginnen selbst ihre Umwelt durch das Objektiv zu dokumentieren. Nach ihrem Krankenhausaufenthalt erlernen sie den professionellen Umgang mit der Kamera und begeben sich auf Entdeckungsreise. Dies nicht nur in Moskau, sondern auch in mehrwöchigen Fotocamps im In- und Ausland, vor allem in Deutschland. Die Reisen halfen aus den überbehüteten Kindern wieder selbstständige Menschen zu machen, die sich was zutrauen.

So lernen die Kinder nicht nur zu fotografieren, sondern sie lernen auch sich wieder zurechtzufinden, schwierige Aufgaben zu lösen. So bekommen sie ihr Selbstbewusstsein wieder und erfahren, dass sie etwas Besonderes können. In der „Fotobande“ finden sie ihre subkulturelle Identifikationsgruppe, neue Freunde und Kontakte, nicht nur daheim, sondern auch im Ausland.

Ebenso wichtig wie der Prozess des Fotografierens selbst, ist die Präsentation der Arbeiten auf Ausstellungen. Außerdem konnten schon zwei Fotobände mit Arbeiten, die die Kinder auf ihren Deutschlandreisen gemacht haben, herausgegeben werden. Der letzte wurde mit Unterstützung des Goethe-Instituts unter dem Titel „Deutsches Märchen“ im Rahmen des Deutschlandjahrs publiziert. Auch in Zeitschriften wurden schon Fotos der „Fotobande“ veröffentlicht. „Die Anerkennung Außenstehender ist für das Selbstwertgefühl der Kinder enorm wichtig“, sagt Chramow. „Ein krankes Kind denkt, es ist anders als die anderen, weil es krank ist. Wir zeigen ihm, dass es anders ist, weil es etwas Besonderes kann und weiß.“

So ist Fotografieren für alle Therapie und Hobby, für manche wird es zum Beruf. Juri Chramow legt Wert darauf, dass die Kinder nicht nur lernen, ihre Arbeiten auf Ausstellungen zu präsentieren, sondern auch ihr Portfolio zusammen zu stellen. Und tatsächlich haben zwei seiner Sprösslinge den Sprung in die professionelle Fotografie geschafft und arbeiten heute als Pressefotografinnen. Andere immatrikulieren in Studiengänge, bei denen Fotografie eine Rolle spielen kann.

Wie wichtig diese und ähnliche Rehabilitationsmaßnahmen für schwerkranke Kinder sind, zeigt, dass in den meisten Ländern ähnliche Projekte bestehen, die darauf abzielen, die Kinder wieder in ihre normale entwicklungspsychologische Laufbahn zurückzuführen. In Russland ist das bisher noch anders. Projekte wie „Wir leben auf dieser Erde“ leben ausschließlich von Spenden und dem unglaublichen Enthusiasmus seiner Macher. Das Fotoprojekt ist gut vernetzt. Es ist aus der Stiftung „Schenk Leben“ («Подари жизнь») hervorgegangen und arbeitet bis heute eng mit der Stiftung zusammen. Eine intensive Zusammenarbeit besteht auch mit den „Waldpiraten“ der Deutschen Kinderkrebsstiftung. Juri Chramow gibt seine Erfahrungen bereitwillig in Seminaren an andere Gruppen und Vereine weiter.

Wer das Projekt unterstützen möchte oder mitmachen möchte, findet nähere Informationen unter www.kindfoto.com und www.facebook.com/kindfoto