„Die Eurasische Wirtschaftsunion eröffnet neue Chancen“

Interview mit dem Präsidenten der OOO Siemens Rus, Dr. Dietrich Möller

Herr Dr. Möller, die Siemens AG ist seit vielen Jahrzehnten in Russland, Belarus und Kasachstan erfolgreich unterwegs und gehört zu den größten ausländischen Investoren. Mit der Umwandlung der Zollunion in die Eurasische Wirtschaftsunion rücken deren Mitgliedsstaaten ab 2015 wirtschaftlich ein weiteres Stück zusammen. Hat dieser Schritt unmittelbare Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit Ihres Konzerns auf dem eurasischen Binnenmarkt, erhöht sich dadurch die Attraktivität der drei Länder?

Eine wirtschaftliche Integration ist generell zu begrüßen, das gilt überall auf der Welt, natürlich auch für den konkreten Fall Zollunion. Der freie Verkehr von Waren und Kapital zwischen Russland, Belarus und Kasachstan ist für die Wirtschaft der genannten Länder unbestritten von Vorteil. Und Siemens kann daran gut partizipieren. Als ein global tätiges Unternehmen nehmen wir globale Geschäftsmöglichkeiten selbstverständlich wahr.

Was die Zollunion und spätere Eurasische Wirtschaftsunion aber spezifisch angeht, ist die unterschiedliche Marktgröße der einzelnen Mitgliedsstaaten zu beachten. So sehen wir gravierende Ungleichgewichte bei der Höhe des Bruttoinlandsprodukts, teilweise auch bei der durchschnittlichen Kaufkraft.

Ich will Ihnen das einmal verdeutlichen: Siemens erzielt auf dem Gebiet der Zollunion einen Jahresumsatz von ca. zwei Milliarden Euro, davon entfallen ungefähr 200 Millionen auf Kasachstan und 50 Millionen auf Belarus. Durch die Integration der drei Länder, und es werden mit Kirgistan und Armenien weitere hinzukommen, wird sich unser Gesamtumsatz in der Region sicherlich um ein paar Prozentpunkte verbessern, aber längst nicht verdoppeln. Zu groß sollten die Erwartungen dann doch nicht ausfallen.


Mit der künftigen Vereinheitlichung und gegenseitigen Anerkennung von Genehmigungen, Zulassungen und Zertifikaten, aber auch durch die schrittweise Harmonisierung technischer Normen und Standards fällt für deutsche Mittelständer ein gutes Stück Verwaltungsaufwand auf dem eurasischen Binnenmarkt weg, was zu Einsparungen führen kann. Können Sie gleiches für die Siemens AG sagen und könnte das zu Veränderungen in Ihrer Vertriebsstruktur führen, etwa durch Zusammenlegungen von Vertriebszentralen oder im Gegenteil, zur Eröffnung völlig neuer Standorte?
Was die Vereinheitlichung von technischen Normen und Standards unter den Mitgliedsländern angeht, kann man von einer zügigen Vollendung ausgehen. Schließlich gehörten die Staaten vor etwas mehr als 20 Jahren noch zu einem einzigen Land. Und in der Tat erleichtert es Siemens das Arbeiten, wenn überall die gleichen Normenkataloge und Standards anzuwenden sind. Unter anderem vereinfacht sich für uns die Identifizierung geeigneter Zulieferbetriebe. Gleiches gilt übrigens für mittelständische Unternehmen aus Deutschland, die sich in der Zollunion mit eigenen Produktionsstätten niederlassen wollen. Unser Niederlassungs- und Vertriebsnetz müssen wir deshalb aber nicht neu strukturieren. Siemens ist in allen drei Ländern in den wichtigsten Industriezonen, d.h. an bis zu 40 verschiedenen Standorten vertreten, um in jeder Beziehung nah am Kunden sein. Das wird so bleiben, eine Veränderung des Niederlassungsnetzes ist daher nicht geboten.


Die Anzahl grenzüberschreitender Projekte dürfte steigen, so beim Ausbau von Transportwegen per Schiene und Straße, perspektivisch aber auch – nach Wegfall der letzten Hürden in wenigen Jahren – bei den grenzüberschreitenden Erweiterungen von Stromtrassen und Rohrleitungen. Führt diese absehbare Entwicklung im Fall Ihres Unternehmens zu Investitionen in neue Produktionskapazitäten vor Ort? In welchen der drei EAWU-Mitgliedsländer identifizieren Sie aus heutiger Sicht die besten Ansiedlungsbedingungen?
Die besten Ansiedlungsbedingungen ergeben sich für uns aus den Marktumfängen in der entsprechenden Region, aber nicht ausschließlich. So galt Belarus schon zu Zeiten der ehemaligen Sowjetunion als die Werkstatt des Landes, weshalb zum Beispiel hier recht interessante Zulieferstrukturen zu finden sind. Dennoch sind wir in Belarus bislang nur mit Vertriebs- und Servicestrukturen vertreten.

In Kasachstan haben wir ein eigenständiges Unternehmen und ein Joint Venture gegründet, die Temir Zhol Electrification. Unser Partner ist dort die kasachische Eisenbahntochter Remlokomotiv. Zusammen wollen wir die Energieversorgung der kasachischen Eisenbahn modernisieren.

In Russland – um einmal die unterschiedlichen Dimensionen zu veranschaulichen – verfügen wir über zehn Produktionen. Zum Beispiel stellen wir in Jekaterinburg E-Loks sowie den Passagierzug Lastotschka her, in Woronesch bauen wir Transformatoren, im Gebiet Leningrad fertigen und warten wir Hochleistungsgasturbinen und in Sankt Petersburg entstehen Elektroantriebe. Investiert haben wir in Russland zusätzlich in Forschung und Entwicklung.

Allerdings sind wir ständig auf der Suche nach zusätzlichen Produktionsmöglichkeiten. Ein entsprechendes Investitionsprogramm haben wir 2012 verkündet. Mit dem weiteren Ausbau des eurasischen Binnenmarktes gilt das umso mehr.

Doch müssen wir stets prüfen, was wirtschaftlich Sinn macht. Bekannterweise sind wir ein wichtiger Produzent medizintechnischer Produkte. Die Fertigung von Computertomografen haben wir weltweit an nur zwei Standorten konzentriert. Und obwohl die russische Seite es gerne sehen würde, dass wir hier einen dritten Standort eröffnen, werden wir das aller Voraussicht nach unterlassen. Anders sieht es zum Beispiel bei den Themen Eisenbahn- und Elektrotechnik aus. Hier stehen alle drei Länder der Zollunion vor enormen Herausforderungen in punkto Ausbau und Modernisierung. 


Die EAWU sieht sich nicht nur als eine regionale Wirtschaftsgemeinschaft, sondern auch als eine Art Brücke zwischen Europa und Asien. Mit der gegenwärtigen wirtschaftlichen Annäherung Russlands und Chinas wird diese Vorstellung sogar ein Stück weit realistischer und es ergeben sich daraus völlig neue Geschäftsmöglichkeiten, allein wenn man an den bereits besiegelten Ausbau von Transportwegen für Erdöl und Erdgas denkt. Wird sich Ihr Konzern an diesen Megaprojekten beteiligen und eröffnet die russisch-chinesische Annäherung neue Lieferwege innerhalb Ihres Konzerns, etwa durch den Bezug von Maschinen und Ausrüstungen, die Siemens in China herstellt, aber in Russland oder Kasachstan benötigt bzw. umgekehrt?
Mit der Herausbildung und künftigen Stärkung der EAWU entsteht ein Wirtschaftsraum, der mit der Zeit auch in Europa stärker wahrgenommen wird. Wir bekommen eine Art transasiatischen Korridor in den asiatisch-pazifischen Raum hinein, der neue Chancen eröffnet. Und vergessen wir neben China bitte die wirtschaftliche Bedeutung Indiens nicht, zumal Russland mit beiden Ländern im Rahmen der BRICS-Gruppe immer stärker kooperiert.

Was den Einbau von Technologiegütern aus unseren Produktionsstätten in Drittländern für Projekte auf dem Gebiet der Zollunion angeht, nutzen wir in der Tat unsere globalen Möglichkeiten: Erst unlängst hat China in Belarus ein Kraftwerksbau finanziert und durchgeführt. Die dort eingesetzte Turbinentechnik stammte aus einem Siemens-Werk in Shanghai.

Das Gespräch führte Ulrich Umann, GTAI

Zum Thema „Eurasische Wirtschaftsunion“ gibt Germany Trade & Invest im Herbst 2014 eine geschäftspraktische Broschüre heraus, die speziell auf den Informationsbedarf deutscher Unternehmen zugeschnitten sein wird. Das vorliegende Interview mit Dr. Möller, Präsident der OOO Siemens Rus, stellt einen Auszug dar. Die Broschüre kann nach Fertigstellung auf der Internetseite www.gtai.de aus der Rubrik Russland kostenlos heruntergeladen werden.