„Deutsch-russische Zusammenarbeit im Verkehrswesen kann man als erfolgreich bezeichnen“

Interview mit Sergej Aristow, Staatssekretär und stellvertretender Verkehrsminister der Russischen Föderation.

Herr Aristow, aktuell gehört der Aufbau eines Hochgeschwindigkeitsbahnnetzes in Russland zu den wichtigsten Prioritäten. Dieses Projekt soll nicht nur den Bau neuer Strecken, sondern auch die Modernisierung alter Bahnlinien einschließen. Könnten Sie dieses Vorhaben etwas genauer beschreiben?

Die Umsetzung großer Infrastrukturprojekte, darunter auch der Aufbau des Hochgeschwindigkeitsverkehrs, ist ein wichtiges Arbeitsfeld zur Gewährleistung des wirtschaftlichen Wachstums in Russland. Die Notwendigkeit, Hochgeschwindigkeitsverkehr (HGV) in Russland aufzubauen, wurde bereits vor über 25 Jahren erkannt. Die Vernetzung russischer Großstädte durch Schnellbahnstrecken wird die Mobilität der Bevölkerung und die Zugänglichkeit von Verkehrsdienstleitungen wesentlich erhöhen, was eines der Hauptziele der Verkehrsstrategie der Russischen Föderation ist.

Der Bau der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke Moskau–Kasan, welche 770 Kilometer lang werden und eine Höchstgeschwindigkeit von bis 400 km/h ermöglichen soll, ist eine der Etappen beim Aufbau des HGV-Netzes in Russland. Im September 2013 hat die Regierung einen Netzterminplan der Maßnahmen zur Realisierung des Projektes Moskau–Kasan bewilligt, welcher vom Verkehrsministerium in Zusammenarbeit mit beteiligten föderalen Organen entwickelt wurde. Im Rahmen der Realisierung dieses Terminplans wurde ein Finanz- sowie ein Organisations- und Rechtsmodell des Projekts erarbeitet, welches die Nutzung einer Konzession als eines der wirksamsten Mechanismen öffentlich-privater Partnerschaft bei Infrastrukturprojekten vorsieht. Die Rollen und Funktionen einzelner Beteiligter ‒ der Konzessionäre, des Spediteurs, der Finanzierungsorganisationen sowie der Bauunternehmen und der Subauftragnehmer sind festgelegt. Es wird ein körperschaftliches Konzessionsmodell vorgeschlagen, nach dem eine geografische Teilung in vier Abschnitte vorgenommen werden soll: Moskau–Wladimir, Wladimir–Nischnij Nowgorod, Nischnij Nowgorod–Tscheboksary, Tscheboksary–Kasan.

Am 4. März wurden im Rahmen einer Präsentation der russischen Bahngesellschaft RSchD das Organisations- und Rechtsmodell sowie das Finanzmodell vorgestellt. An der Präsentation nahmen über 400 Vertreter der 172 in- und ausländischen Unternehmen teil, darunter aus Deutschland, Frankreich, Japan, Italien, aus der Schweiz und aus den USA. Es haben sich bereits einige Konsortien gebildet, welche an weiteren Verhandlungen über die gemeinsame Umsetzung des HGV-Vorhabens in Russland interessiert sind.

Deutsche Unternehmen äußerten ihre Bereitschaft, dieses Projekt aktiv zu unterstützen und ihr Wissen und Können einzubringen. So arbeiten der Konzern Siemens und die RSchD bereits erfolgreich zusammen. Unter der Schirmherrschaft der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer wurde eine HGV-Initiative ins Leben gerufen. Wie sehen sie die deutsch-russische Zusammenarbeit in diesem Bereich?

Die deutsch-russische Zusammenarbeit im Verkehrswesen nimmt eine der Schlüsselstellungen in den Bereichen Erfahrungsaustausch, technologische Optimierung und Verbesserung der Zusammenwirkung beider Länder ein. Die gemeinsam mit deutschen Partnern umzusetzenden Vorhaben richten sich in erster Linie auf die Festigung der Zusammenwirkung zwischen Deutschland und Russland, darunter auch in Bezug auf technologische Optimierung im Verkehrswesen beider Länder. Momentan kann man die deutsch-russische Zusammenarbeit im Verkehrswesen als erfolgreich und vielversprechend bezeichnen. Die gemeinsame Arbeit an zukünftigen Projekten wird die freundschaftlichen Beziehungen zwischen unseren Ländern fördern und einen wichtigen Beitrag zum Ausbau der Verkehrsbranche in beiden Ländern leisten.

Dazu könnte man auch die Konsultationen der Luftfahrtbehörden Deutschlands und Russlands Anfang dieses Jahres zählen. Wurden dabei konkrete Schritte vereinbart?

Die Konsultationen der deutschen und russischen Luftfahrtbehörden fanden vom 21. bis 23. Januar 2014 in Moskau statt. Auf der Tagesordnung stand die Frage nach dem Ausbau der geografischen Reichweite deutscher und russischer Frachtfluggesellschaften. Unter Berücksichtigung der erzielten Vereinbarungen und auch als Verwirklichung von den der russischen Partei zugesagten Rechten, eröffnete im Rahmen der Verhandlungen die russische Frachtfluggesellschaft AirBridgeCargo ab der IATA-Sommersaison die Flugstrecken Moskau – Leipzig und Moskau – Frankfurt – Chicago (mit dem 5. Freiheitsrecht auf der Strecke Frankfurt – Chicago). Darüber hinaus begann die Gesellschaft, ab Mai 2014 Flüge auf der Strecke Moskau – München abzuwickeln.

Welche Kooperationsformen zwischen dem russischen Verkehrsministerium und Deutschland gibt es noch?

Die Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland wird aktiv in allen Verkehrsbereichen betrieben, in erster Linie aber im Eisenbahnverkehr. Die Schlüsselprojekte werden von RSchD gemeinsam mit den größten deutschen Konzernen ausgearbeitet. Zu den wichtigsten gemeinsamen Projekten gehört die Lieferung der HG-Züge Sapsan (Typ ICE 3) und der Nahverkehrsschnellzüge Lastotschka (zu Deutsch: Schwalbe, Siemens-Serie Desiro RUS), die Entwicklung einer Lokomotive neuer Generation – des elektrischen Gütertriebwagens der Baureihe 2ES10 (russ.: 2ЭС10), der für Gleichstromnetze ausgelegt ist und über einen Asynchronfahrmotor verfügt, sowie Herstellung und Lieferung neuer Schlafwagen vom Typ RIC. Außerdem realisiert die RSchD gemeinsam mit Siemens Projekte zur Anpassung des umfassenden Blitz- und Überspannungsschutzes der gesamten Bahnanlagen und Automatisierung von Rangierablaufanlagen mit dem Ablaufsteuersystem MSR32.

Das Hauptprojekt im Bereich Wasserverkehr ist der Ausbau der Fährtransporte zwischen Ust-Luga, Baltijsk und Sassnitz. Das Ziel bei der Einrichtung dieses Fährdienstes ist der ganzjährige Seeverkehr nach Kaliningrad und Ausbau von Logistikstrecken, die eine Vergrößerung des Güterflussvolumens zwischen Deutschland und Russland ermöglichen.

Fragen zu anderen Verkehrsarten werden jedes Jahr im Rahmen der Deutsch-Russischen gemischten Kommission für den internationalen Automobilverkehr wie auch der Deutsch-Russischen gemischten Kommission für die Seeschifffahrt behandelt.

Im Bildungsbereich kooperiert die Staatliche Universität für Verkehrswesen Moskau mit zahlreichen Hochschulen in Deutschland.

Welche Erfahrungen aus Deutschland wären noch nützlich für Russland?

Eine sehr nützliche Erfahrung wäre beispielsweise das von der deutschen Firma Toll Collect entwickelte und im Rahmen einer öffentlich-privaten Partnerschaft erfolgreich in Deutschland eingerichtete und bereits gut etablierte Mautsystem für Lkw mit einem Gewicht ab 12 Tonnen. Als erstes in der Welt verbindet dieses System die Technik der Satellitenortung mit moderner Mobilfunktechnologie. Unter Berücksichtigung der fundierten Erfahrungen Deutschlands in diesem Bereich könnte es auch für unser Land sehr nützlich sein, diese erfolgreichen Erfahrungen bei der Einrichtung gebührenpflichtiger Autobahnstrecken genauer zu studieren.

Die Fragen stellten Lena Steinmetz und Ludmila Guskowa, AHK Russland