Russlands Pharmabranche mit Höhen und Tiefen

Ausländische Pharmaanbieter sollen durch die Bevorzugung inländischer Medikamente bei öffentlichen Beschaffungen dazu bewegt werden, von Importen Abstand zu nehmen und in Produktionskapazitäten vor Ort zu investieren. Nur so hätten sie langfristig eine gesicherte Absatzchance auf dem lukrativen russischen Markt. / Von Ullrich Umann, GTAI

Dass Russland in der Tat einen ergiebigen Markt darstellt, zeigt allein schon die Entwicklung der Bezüge von pharmazeutischen Produkten aus der EU: So sind nach Angaben von Eurostat die europäischen Lieferungen auf den russischen Markt im Zeitraum 2003 bis 2013 von jährlich 1,38 Milliarden Euro auf 8,43 Milliaren Euro gestiegen.

Angesichts der aktuellen wirtschaftspolitischen Lage führte die Niederlassung von Ernst & Young (EY) Mitte Oktober 2014 eine Befragung unter Herstellern und Großhändlern von Pharmaprodukten durch. Die Fragen zielten insbesondere darauf ab, inwieweit sich die insgesamt eingetrübte Konjunktur auf die Investitions- und Entwicklungspläne ausgewirkt hat.

Finanzierungen und stagnierende Nachfrage bleiben problematisch
Zwar sind pharmazeutische Produkte von keinerlei Sanktionen betroffen. Russlands Bankenwirtschaft, die in die Finanzierung von Distribution und Produktion involviert ist, jedoch schon. Kreditklemmen, galoppierende Inflation, Importverteuerungen durch Wechselkursverschiebungen, aber auch die 2014 stagnierenden bzw. sinkenden Reallöhne wirken sich auf das Geschäft der Pharmabranche direkt oder indirekt aus. Hinzu kommen gedeckelte Preise für sogenannte lebenserhaltende Medikamente aus dem Ausland.

Unter den von EY befragten Unternehmen verfügten mengenmäßig 26 Prozent ausschließlich nur über russische und 74 Prozent über teilweise oder vollständig ausländische Kapitalanteile. Darunter befanden sich sowohl Generalimporteure und reine Vertriebsgesellschaften als auch inländische Hersteller. Die übergroße Mehrheit der befragten Unternehmen gab an, ihre Geschäftstätigkeit ausbauen zu wollen. An einen Abbau oder gar an Rückzug aus Russland denkt derzeit kein einziger Firmenchef in der Pharmabranche.

Von allen befragten Unternehmen gaben allerdings 17 Prozent an, Investitionen vorerst zurückfahren zu wollen. Weitere 13 Prozent sahen sogar Vorteile in der gegenwärtigen Situation und wiesen auf neue und erweiterte Entwicklungschancen hin, die sich für sie, unter anderem aus den nationalen Lieferklauseln bei öffentlichen Beschaffungen, ergeben. Die übergroße Mehrheit von 70 Prozent verspürt weder Vor- noch Nachteile.

Auf die Frage nach einer Einrichtung oder Ausweitung lokaler Produktionen antworteten 53 Prozent der Firmen, dass sie dies generell vorhaben. Weitere 26 Prozent sind bereit, sich nach einer Übernahme eines örtlichen Herstellers oder nach einer Möglichkeit zur Gründung von Gemeinschaftsunternehmen umzusehen. Modernisierungen bestehender Produktionen und Logistikketten planen 21 Prozent.

Investiert wird im Zeitraum von fünf Jahren oder später
Gefragt nach dem Zeitraum für Investitionen in die Produktion gaben 22 Prozent der Firmen an, dies im Laufe der kommenden fünf Jahre tun zu wollen. Eine über diesen Zeitraum hinausgehende langfristige Perspektive zur Einrichtung einer eigenen Produktion wählten 44 Prozent als Antwort. Eine Verlagerung von Niederlassungen aus Russland heraus nach Weißrussland oder Kasachstan als wirtschaftliche Reaktion auf die zum 1. Januar 2015 anstehende Gründung der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) schlossen 87 Prozent der Befragten aus. Wichtiger als eventuelle Steuervorteile ist den Firmen die Marktnähe. Zudem ist eine Liberalisierung des Pharmamarktes innerhalb der EAWU frühestens für 2016 zu erwarten.

Und dennoch scheint nicht nur eitel Sonnenschein in der Pharmaindustrie, insbesondere wenn die Rede auf die Liste der 500 Präparate kommt, die als lebenserhaltend eingestuft wurden und für die der Staat 2010 eine Preisobergrenze auf Rubelbasis festgesetzt hat. Seither konnten Importeure dieser Präparate keine einzige Preiskorrektur durchsetzen, trotz Inflation und Wechselkursverschiebungen. Die betroffenen Importeure melden inzwischen, dass der Vertrieb ihrer Präparate kaum noch oder in einigen Fällen überhaupt keinen Ertrag mehr abwirft. Dennoch will keine Firma Marktquoten abgeben.

Korrektur von Preisbindungen lässt auf sich warten
Das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung, das an Investitionen in die Pharmaindustrie interessiert ist, hat zwar jüngst der Regierung eine Preiskorrektur empfohlen, aber einen Beschluss dazu gibt es noch nicht. Dementsprechend blieben das zuständige Gesundheitsministerium und der Föderale Dienst für Tarife in dieser Frage passiv. Die 500 lebensnotwendigen Präparate halten zusammen eine Marktquote von ca. 30 Prozent im Wert von 12 Milliarden Euro (Stand 2013), wie die DSM Group herausgefunden hat. Davon stammten 77,5 Prozent aus Importen.

Im Unterschied zu den preisgebundenen Importen lebenserhaltender Präparate können lokale Hersteller ihre Abgabepreise einmal pro Kalenderjahr korrigieren. Dazu müssen sie gegenüber dem Regulierer ihre Produktionskosten offenlegen und dürfen die Jahresinflation berücksichtigen. Im Ergebnis befinden sich in- und ausländische Hersteller in einer preislich ungleichen Wettbewerbsposition.

Gesetzesnovelle kann für Überraschungen sorgen
Derzeit befindet sich eine Novelle des Gesetzes „Über den Vertrieb von Arzneimitteln“ in der zweiten Lesung in der Staatsduma. Ein Vorschlag aus dem Parlament zielt auf die Ausweitung staatlicher Preiskontrollen auf ausnahmslos alle Medikamente ab. Allerdings hält hier die Regierung dagegen: Die Abgeordneten wollen die Preisfestsetzung aus sozialen Gründen und zur Deckelung des Gesundheitsbudgets ausweiten. Der Wirtschaftsblock im Kabinett hat dagegen die Interessen der Pharmahersteller im Auge und will Investitionen nicht noch zusätzlich ausbremsen. Offen bleibt, wie dieser Disput letztendlich ausgeht.