„Praktisch unschlagbar“ – jetzt auch international

Das System der dualen Berufsausbildung ist ein vieldiskutierter Lösungsansatz im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit und Fachkräftemangel. Diese Erfahrungen sollen nun international weitergegeben werden. / Kurt-Christoph von Knobelsdorff, DIHK Berlin

„Praktisch unschlagbar“ – unter diesem Slogan wird die berufliche Bildung in Deutschland seit einiger Zeit beworben. Vor dem Hintergrund hoher Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern ist der Export des erfolgreichen deutschen Systems der dualen Berufsausbildung ein vieldiskutierter Lösungsansatz. Die Spitzenposition Deutschlands bei der Jugendbeschäftigung, das hohe Kompetenzniveau der Ausgebildeten sowie die guten Quoten beim Übergang von der Ausbildung in den Arbeitsmarkt sind die Gründe für das anhaltend große Interesse aus anderen Ländern. Nicht zuletzt deshalb wurde das Thema beim DIHK – dem Dachverband der Industrie- und Handelskammern und der Auslandshandelskammern – durch Einrichtung zweier Referate dauerhaft etabliert. Auch die Bundesregierung hat strukturell auf das gewachsene Interesse des Auslands am deutschen Modell der Berufsausbildung reagiert und beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) eine Zentralstelle eingerichtet, welche die Aktivitäten der Bundesregierung koordinieren soll.

Nachdem bei vielen Gelegenheiten reichlich über das Thema Berufsbildungsexport diskutiert wurde, macht sich die IHK-Organisation nun an die Umsetzung: In einem vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten und auf zwei Jahre angelegten Projekt soll der Aufbau dualer Strukturen durch erfolgreich realisierte Pilotprojekte wirksam unterstützt werden. Dafür ausgewählt wurden elf Länder, mit denen die Bundesregierung bereits auf politischer Ebene im Bereich der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit kooperiert bzw. in Kontakt steht: neben Russland sind das Brasilien, China, Griechenland, Indien, Italien, Lettland, Portugal, Slowakei, Spanien und Thailand.

Die sechs europäischen Länder waren allesamt Teilnehmer einer internationalen Ministerkonferenz des BMBF im Dezember 2012 in Berlin. Bei diesem Anlass wurde ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, das u.a. mindestens 30 Leuchtturm-Projekte verabredet, für welche die Bundesregierung finanzielle Unterstützung von bis zu zehn Millionen Euro zur Verfügung stellt. Alle sechs Länder stehen vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise unter hohem Reformdruck. Insbesondere junge Menschen finden keinen Zugang zum Arbeitsmarkt und bleiben ohne Zukunftsperspektive, was den sozialen Frieden vor Ort gefährdet. Gleichzeitig beklagen die Arbeitgeber den Mangel an praktisch qualifiziertem Personal und kritisieren die Bildungssysteme als zu wenig praxisorientiert.

Für Russland und die anderen Schwellenländer im Projekt steht nicht die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit im Vordergrund – obwohl insbesondere Russland auch darunter zu leiden hat –, sondern der Fachkräftemangel ihrer aufstrebenden Wirtschaft. Dieser ist nicht nur Folge des quantitativen Wachstums, sondern auch des Wandels von der Massenproduktion zur stärker innovationsgetriebenen Wirtschaft. Das BMBF hat mit allen fünf Ländern bilaterale Kooperationsabkommen abgeschlossen, die auf die Umsetzung konkreter Maßnahmen ausgerichtet sind.

Das Projekt firmiert unter dem Namen „VETnet – German Chambers worldwide network (AHK) for cooperative, work-based Vocational Education & Training“. Die wesentliche Rolle in diesem Projekt spielen die deutschen Auslandshandelskammern (AHKs) als Vertreter der deutschen Wirtschaft im Ausland. Berufsbildung ist nämlich zuallererst ein Wirtschaftsthema. Deshalb sind die AHKs mit ihrem Kontakt zu den Unternehmen vor Ort die ideale Plattform für alle Aktivitäten in Sachen Berufsbildung und können in ihren jeweiligen Ländern – wo möglich und sinnvoll – ähnliche Aufgaben übernehmen, die in Deutschland die IHKs für die berufliche Bildung ausüben. Über das Kammernetzwerk wird der nötige Know-how-Transfer zu den AHKs ermöglicht. Die IHKs können auf diese Weise die Auslandsaktivitäten ihrer Mitgliedsunternehmen unterstützen, von denen ein wesentlicher Impuls für das Projekt erwartet wird. Denn diese haben oftmals große Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal für ihre Tätigkeiten im Ausland zu finden. Da liegt es nahe, die benötigten Fachkräfte selber auszubilden – und zwar nach der aus Deutschland bekannten und bewährten Methode.

Die deutsche Bundesregierung hat im Juli 2013 ein Strategiepapier zur internationalen Berufsbildungszusammenarbeit verabschiedet. Darin definiert sie fünf Kernprinzipien des deutschen Berufsbildungssystems, an denen sich auch das VETnet-Projekt inhaltlich ausrichtet: 

• Zusammenarbeit zwischen Sozialpartnern, Wirtschaftsorganisationen und Staat, 

• Lernen in Berufsstrukturen und im Prozess der Arbeit (Ausbildungszeit im Betrieb wenigstens 50 Prozent), 

• Vergleichbare nationale Ausbildungsabschlüsse und Zertifikate als Basis für Beschäftigungsfähigkeit, Mobilität und gesellschaftliche Akzeptanz, 

• Fachlich und pädagogisch kompetente Ausbilderinnen und Ausbilder im Betrieb und Lehrerinnen und Lehrer in der Berufsschule,

• Berufsbildungs- und Arbeitsmarktforschung als Grundlage für die Anpassung der Berufsbildung an technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung.

Das Aufgabenspektrum der AHKs im Rahmen des Projektes ist dementsprechend anspruchsvoll. Denn in vielen der beteiligten Länder müssen zunächst einmal die dualen Partner identifiziert und zusammengebracht werden. Es gilt grundlegende Strukturen zu schaffen, um Ausbildung in Betrieb und Berufsschule sinnvoll begleiten zu können: Einrichtung eines Berufsbildungsgremiums, Erstellung von Ausbildungscurricula, Verabschiedung von Prüfungsordnungen, Schulung von Ausbildern und Prüfern – und das sind nur einige Meilensteine. Am Ende der Projektlaufzeit (2015) sollen dann duale Ausbildungsgänge nach deutschem Vorbild laufen, die mit einer von der AHK organisierten und abgenommenen Prüfung abgeschlossen werden. Dieser Berufsabschluss soll nach Möglichkeit in den jeweiligen Ländern Anerkennung finden – auch dies ist ein verabredetes Teilziel des Projektes. Ein anspruchsvolles, ambitioniertes Programm!

Oft müssen Jugendliche in viel stärkerem Maße von den Vorteilen einer betrieblichen Ausbildung überzeugt werden, als in Deutschland, da deren Image in diesen Ländern zum Teil sehr schlecht ist. In diese Überzeugungsarbeit müssen die Eltern einbezogen werden, die für ihren Nachwuchs oft aus Prestigegründen andere Qualifizierungsformen bevorzugen.

Die elf AHKs betreiben mit der Unterstützung ihrer Mitgliedsunternehmen bei der Fachkräftesicherung im Ausland Außenwirtschaftsförderung im besten Sinne. Die Situation vor Ort ist dabei durchaus unterschiedlich: Während Länder wie Lettland noch am Anfang stehen, gibt es zum Beispiel in Portugal schon rund 30 Jahre gute Erfahrung mit dualer Ausbildung. Hier geht es nicht darum, Strukturen aufzubauen, sondern einen weiteren Schritt zu tun, um das duale System zum Standard zu machen. In den Projektländern mit wenig Erfahrung bzw. ohne Anknüpfungspunkte an eine Tradition betrieblicher Ausbildung soll bei erfolgreichem Projektverlauf wie in einem Schaufenster vorgeführt werden, wie duale Ausbildung nach deutschem Vorbild funktionieren kann. Im Idealfall entsteht so ein Nukleus für die Entwicklung dualer Strukturen in dem betreffenden Land. Langfristig profitieren alle: die betreffenden Länder von niedrigerer Jugendarbeitslosigkeit, die Jugendlichen durch gute Jobs und die Unternehmen durch gut ausgebildete Fachkräfte. Eine praktisch unschlagbare Konstellation!