„Wir würden uns über das Interesse deutscher Unternehmen sehr freuen“

Ein Interview mit Nikolai Gratschjow, Vizepräsident und Leiter des Clusters Energieeffiziente Technologien der Skolkowo-Stiftung

Es gibt kaum jemand, der nicht bereits von Skolkowo gehört hat. Was ist die Mission dieses Innovationszentrums, nur 20 Kilometer vom Moskauer Kreml entfernt? Was sind seine Hauptaufgaben?
Unsere Mission ist die Förderung der Innovationswirtschaft in Russland. Das Ziel von Skolkowo ist es, ein günstiges Umfeld, ein „Ökosystem“, zu schaffen, um die Forschung voranzutreiben sowie ihre Ergebnisse kommerzialisieren zu können. Wenn wir Skolkowo als Projekt betrachten, so kann man hier einige Elemente hervorheben, aus denen dieses Innovations-Ökosystem besteht. Erstens sind das kleine und mittlere Firmen ‒ Startups mit aussichtsreichen Ideen und Technologien, die vergleichbare ausländische Beispiele technisch überragen und dabei kostengünstiger sind. Wir suchen solche Unternehmen und laden sie ein – sie kommen als Residenten, bekommen Steuervergünstigungen und die Möglichkeit, eine unentgeltliche Finanzierung ihrer Projekte zu erhalten.

Das zweite Schlüsselelement sind die R&D-Zentren für Mittel- und Großunternehmen. Diese sollen Nachfragen für Innovationen unserer Startups schaffen. Diese Unternehmen sind natürliche Abnehmer von Innovationen, und gleichzeitig vergrößern sie die Forschungsgemeinschaft des Innovationszentrums, indem sie ihre R&D-Zentren in Skolkowo unterbringen.

Nun zum dritten Element des Ökosystems Skolkowo. Kein Cluster, das bestätigt die gesamte internationale Praxis, kann sich ohne einen starken Forschungskern entfalten. In unserem Fall bildet diesen Kern das Institut für Wissenschaft und Technologien Skolkowo (SkolTech), ein Forschungsinstitut, welches 2011 unter Mitwirkung des Massachusetts Institute of Technology (MIT) gegründet wurde. Hier gibt es fünf Lehrprogramme, entsprechend den fünf Prioritätsfeldern Information, Energie, Biomedizin, Kernkraft, Raumfahrt und IT. Die ersten Zentren für Wissenschaft, Bildung und Innovationen (ZWBI) wurden bereits eingerichtet.

Da die Entwicklung von Innovationen ohne Risikofinanzierung nur schwer realisierbar wäre, bemühen wir uns auch darum, Business-Engel für unsere Startups zu gewinnen und Venture-Gemeinschaften um sie zu bilden. Das ist das vierte Glied.

Und natürlich wird es hier eine echte Stadt geben, mit einer Infrastruktur, die gerade gebaut wird und stufenweise in 2015–2016 in Betrieb genommen werden soll. Die Mitarbeiter der Skolkowo-Stiftung sowie die ersten Startups werden bereits im September einziehen. Die Infrastruktur, das fünfte Element, bietet gute Lebens- und Arbeitsbedingungen für russische und ausländische Fachleute.


Was ist Skolkowo heute?
Im Moment hat Skolkowo über tausend Teilnehmer, die gemeinsam bereits Gewinne von rund drei Milliarden erbringen. Etwa ein Drittel aller Unternehmen macht Gewinne und kommt mit ihren Dienstleistungen auf den Markt. In unserem Energie-Cluster sind etwa 280 Unternehmen vertreten. Im letzten Jahr machten unsere Startups 1,8 Milliarden Rubel Gewinn, private Investitionen in diese Stаrtups betrugen ca. 700 Millionen Rubel. Was die Struktur der Startups betrifft, so befinden sich viele von ihnen noch im Stadium der Versuchsmusterentwicklung, manche sind derzeit bei der Laborarbeit, andere stellen bereits Pilotprodukte her und beginnen, diese zu verkaufen.


Wie werden die Fördermittel in Skolkowo erteilt?
Unsere Fördermittel sind immer zweckgebunden. Zuerst formuliert der Bewerber die Aufgaben, die mithilfe der Finanzierung gelöst werden sollen. Das kann die Herstellung des Versuchsmusters, Beschaffung von Versuchstechnik oder Erschaffung von Bedingungen für Feldforschungen sein. Bei der Bewerbung muss jedes Unternehmen eine Absichtserklärung verfassen, in welcher es begründen muss, für welche Zwecke Fördermittel benötigt werden, wie der Forschungs- bzw. Arbeitsplan aussieht sowie mit welchen Ergebnissen es nach Abschluss der Finanzierung rechnet. Jede Bewerbung wird von unabhängigen Gutachtern geprüft, danach gibt es eine Entscheidung – Zu- oder Absage.


Von welchen Beträgen ist hier die Rede?
In unserem Cluster betragen die Zuschüsse durchschnittlich etwa 30–40 Millionen Rubel; dabei beträgt die private Kofinanzierung mindestens 50 Prozent. Das heißt, Skolkowo gibt beispielsweise 40 Millionen Rubel, weitere 40 Millionen beschafft das Startup-Unternehmen von privaten Investoren. Wir bieten Unterstützung bei der Projektbeschleunigung an – speziell dafür wurde ein Investitionsdienst eingerichtet, der den Unternehmen bei der Investitionssuche hilft. Außerdem organisieren wir regelmäßig Treffen mit Business-Engeln, wo die Startups sich und ihre Projekte vorstellen und mit potentiellen Investoren in Kontakt kommen können.


Wie viele der bezuschussten Projekte sind bereits abgeschlossen?
In diesem Jahr hat unser Cluster für energieeffiziente Technologien zehn Zuschüsse erteilt. Bis zum Ende des Jahres sollen noch 10 bis 15 Projekte eine Finanzierung erhalten. In den letzten Jahren wurden in unserem Cluster insgesamt über 20 Projekte finanziert und erfolgreich abgeschlossen. Das heißt, diese Firmen haben die Gelder nicht bloß irgendwie verwendet, sondern sie haben ihre konkreten Arbeitspläne erfüllt und vorgegebene technische Parameter erreicht. Und das bedeutet, dass wir diesen Unternehmen wesentlich dabei helfen konnten, ihre Produkte oder Dienstleistungen schneller auf den Markt zu bringen. Es ist wichtig anzumerken, dass jedes Unternehmen nach Abschluss des Finanzierungszeitraums einen Bericht ablegen muss. Unabhängige Gutachter beurteilen, ob die erklärten Ziele erreicht worden sind oder nicht. Danach wird der Bericht dem Zuschuss-Komitee vorgelegt.


Welches Projekt aus Ihrem Cluster würden Sie als das erfolgreichste bezeichnen?
Ein hervorragendes Beispiel ist das Unternehmen „Novas SK“, das eine einzigartige Technologie zur Behandlung von Erdölbohrlöchern entwickelte. Bei dieser Behandlung wird in das Bohrloch eine Sprengladung eingeführt, welche Plasmaentladungen erzeugt und damit das Bohrloch und den borhlochnahen Raum reinigt und die Erdölabgabe erhöht. Das Unternehmen erhielt von Skokowo eine Finanzierung zur Endbearbeitung der Technologie und nahm danach an unserem Beschleunigungsprogramm in Zusammenarbeit mit dem Technologiezentrum Houston teil, und konnte einen Investor aus Kanada für sich gewinnen. Heute arbeitet das Unternehmen in Russland und den USA, hat einige Projekte am Laufen: zu vertikalen Bohrungen (fortgeschrittenes Stadium) und zu horizontalen Bohrungen (Piloteinführung der Technologie). Das Unternehmen macht bereits Gewinn und bereitet gerade einen Vertrag mit einem privaten russischen Großinvestor vor. Das ist ein Erfolgsbeispiel und wir tun alles, um noch mehr solcher erfolgreichen Projekte zu haben.


Was sind die wichtigsten Richtungen des Clusters Energieeffizienz?
Wir haben vier Bereiche: Erdöl- und Gasindustrie, Elektroenergiewirtschaft, erneuerbare Energien und verschiedene Endverbrauchersegmente (Wohnungs- und Kommunalwirtschaft und solche Branchensegmente wie Metallverarbeitung u.a.). In jedem Segment gibt es ca. 65–75 Teilnehmer. Wir betrachten diese Segmente aus verschiedenen Perspektiven, in einem sehen wir mehr Nachfrage auf dem Markt, in einem anderen – größere Innovationsreserven in der russischen Wissenschaft. Beispielsweise gibt es in Russland im Bereich der Energiespeicher und Brennstoffelemente sehr fortschrittliche Entwicklungen, jedoch fehlt da noch die große Nachfrage. So setzen wir in diesem Segment eher auf die internationale Kommerzialisierung unserer Projekte. Dagegen sehen wir in der Wohnungs- und Kommunalwirtschaft große Probleme im Bereich Energieeffizienz und auch großen Nachholbedarf. Einige unserer Startups arbeiten auf diesem Gebiet, aber bislang erfolgt ihre Kommerzialisierung langsamer als gewünscht. Unter anderem auch wegen der gegenwärtigen Tarifregelungen. Gemeinsam mit anderen Teilnehmern suchen wir nach Lösungen.


Wie intensiv arbeiten Sie mit dem russischen Energieministerium zusammen?
Äußerst intensiv, und zwar in verschiedenen Bereichen. Wir nehmen als Experten an den Diskussionen und bei der Gestaltung der Politik im Bereich der technologischen Entwicklung des Landes teil. In der Erdöl- und Gasbranche bieten wir nicht nur Sartups an, die vom Energieministerium begutachtet und anderen Teilnehmern des Markts aktiv vorgeschlagen werden, sondern wir bringen auch unsere eigenen Vorschläge für eine schnellere Einführung neuer Branchenentwicklungen. Das Ministerium seinerseits hilft bei der Kommerzialisierung unserer Teilnehmer, indem es bei Branchenkonzernen für ihre Technologien wirbt und die Ausschreibungen von Skolkowo für neue Startups unterstützt.


Konnten Sie auch deutsche Unternehmen gewinnen?
Insgesamt haben wir etwa 30 Partnerunternehmen. Nur wenige von ihnen kommen aus Deutschland. Zu den größten deutschen Partnern zählen Siemens und SAP. Darüber hinaus arbeiten wir intensiv mit vielen deutschen Unternehmen, die noch nicht bei uns eingestiegen sind, und stehen im Dialog mit der Deutschen Energieagentur (dena). Selbstverständlich sind wir an weiteren deutschen Teilnehmern – sowohl großen wie auch mittleren und kleinen Unternehmen – interessiert.


In welchem Bereich sehen Sie die besten Perspektiven für die Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen?
Das sind eindeutig Elektroenergie und energieeffiziente Technologien: Stromerzeugung, Energienetze, Energiespeicher und erneuerbare Energien. Deutsche Unternehmen haben hier einen großen technologischen Vorsprung, welcher auch für den russischen Markt interessant sein könnte. Vielleicht wollen sie aber auch russische Startups und ihre Entwicklungen kennenlernen. Wir würden uns über das Interesse der deutschen Unternehmen sehr freuen. Skolkowo könnte ihnen eine neue Plattform für ihre Technologien, deren Anpassung an die russischen Gegebenheiten und die Suche neuer Partner bieten.

Das Gespräch führte Lena Steinmetz, AHK Russland