„Wir haben bereits für einige neue ausländische Grundsteine in Russland gesorgt“

Seit knapp zwei Jahren leitet Calin Anton, Business Development Director Russia & CIS, Astron Lindab, das Komitee für Lokalisierung der AHK Russland. In seinem Interview zieht der Komiteevorsitzende Bilanz.

Calin Anton, Vorsitzender des AHK-Komitees für Lokalisierung, Business Development Director Russia & CIS, Astron Lindab

Die erste Sitzung der AG Lokalisierung fand am 6. Februar 2014 statt. War das Thema Lokalisierung davor (noch) nicht aktuell genug? Was war der Auslöser?
Das Thema war auch davor bereits aktuell, fand aber in den bestehenden Arbeitsgruppen und Komitees der AHK nicht den nötigen Rahmen. Deswegen kam es zur Entscheidung, eigens für das Thema Lokalisierung eine Arbeitsgruppe einzurichten. Mittlerweile sind wir zu einem Komitee gewachsen. Zahlreiche Mitglieder der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), darunter auch Initiatoren der Arbeitsgruppe, haben in diesem Bereich viele Erfahrungen gesammelt. Ich selbst vertrete Astron Buildings, ein Unternehmen, das sich bereits seit sieben Jahren, besonders nach dem Produktionsaufbau in Jaroslawl, mit dem Thema Lokalisierung intensiv beschäftigt: Für unsere Kunden haben wir einige Hundert Produktionsgebäude komplett geliefert.

Unter den Mitgliedsunternehmen der AHK gibt es aber auch viele, die sich erst jetzt an das Thema heran trauen. Sie haben viele Fragen und Austauschbedarf.

Welche Ziele haben Sie sich anfangs gesetzt?
In erster Linie ging es darum, andere AHK-Mitglieder auf dem Weg zur Lokalisierung zu unterstützen und ein richtiges Expertennetzwerk aufzubauen. Außerdem war und ist es uns heute noch wichtig, partnerschaftliche Beziehungen mit den russischen Regionen aufzunehmen und diese konstruktiv auszubauen. Das betrifft auch die Zusammenarbeit mit den Behörden.

Und wie gestaltet sich diese Zusammenarbeit?
Es läuft gut. Besonders in diesem Jahr konnten wir für unsere Veranstaltungen viele gute Experten aus den Ministerien und sonstigen Behörden gewinnen. Wir hatten, um einige zu nennen, Wasilij Osmakow vom Ministerium für Industrie und Handel RF, der bei uns zum Thema Sonderinvestitionsvertrag referierte, Wadim Chromow vom Ministerium für Investitionen und Innovationen des Gebiets Moskau – zum Investitionspotenzial seiner Region und Dmitrij Grischin vom Fonds für Industrieentwicklung – zum Thema Finanzierungsmöglichkeiten. Wir – ich spreche jetzt von Vertretern ausländischer Unternehmen in Russland – brauchen diesen direkten Dialog. Wichtig ist, dass unsere Optimierungsvorschläge – überhaupt unser Feedback – berücksichtigt werden. Selbstverständlich wünschen wir uns, dass dieser Dialog noch weiter intensiviert werden kann. Wir wollen gehört werden, aber auch weiter mitdiskutieren können.

Bei welchen Themen denn besonders?
Manche unserer Themen mussten wir an die neuen wirtschaftlichen Entwicklungen anpassen: Wir gehen inhaltlich mehr in die Tiefe, es kommen neue Unterpunkte dazu. Im Zuge der aktuellen Importsubstitutionspolitik der russischen Regierung ist Lokalisierung heute zu einem sehr wichtigen Thema für viele ausländische Unternehmen geworden. Sie sind gewillt, in den Produktionsaufbau in Russland zu investieren. Allerdings sind die Spielregeln noch nicht ganz klar. Wir wollen bei der Ausarbeitung der notwendigen Lokalisierungsregeln dabei sein und sind auch mitten im Prozess. Dafür sind wir ständig im Gespräch – sowohl mit unseren Unternehmen, die uns ihre Bedürfnisse mitteilen, als auch mit Regierungsvertretern, die dafür zuständig sind, entsprechende gesetzliche Voraussetzungen zu schaffen.

Das hört sich nach einer Herausforderung an.
Ja, wir müssen auf die aktuellen Entwicklungen reagieren und uns den Herausforderungen stellen. Durch die wirtschaftlichen Sanktionen von 2014-2015 und Russlands Hinwendung zu China können deutsche Unternehmen ihre Marktanteile samt langjährigen Kunden hier verlieren. Das wollen wir natürlich nicht. Die Abwertung des Rubels und die russische Importsubstitutionspolitik machen Lokalisierung zu einer strategischen Notwendigkeit für internationale Unternehmen.

„Unsere regulären Sitzungen sind an sich ein großer Erfolg: Sie müssen sich unsere Besucherzahlen anschauen. 40 bis 50 Teilnehmer pro Veranstaltung sind zum Regelfall geworden.“

Aber die Regeln sind nicht klar.
Genau da wollen wir mitreden, und tun es bereits. Welche Lokalisierungskriterien sind für alle ausländischen Unternehmen optimal? Sind denn solche Universalkriterien überhaupt möglich? Wenn nicht, wie geht man weiter vor? Wir haben in einigen Brainstorming-Sitzungen die betroffenen Unternehmen sowie auch Juristen nach ihren Erwartungsvorstellungen gefragt. Daraus entstand eine Liste mit Vorschlägen zu Lokalisierungskriterien, zur Vorgehensweise bei der „Made in Russia“-Zuordnung. Der Vorstandsvorsitzende der AHK, Michael Harms stellte dieses Konzept im Februar 2015 dem Strategischen Rat des Ministeriums für Industrie und Handel vor. Dies stieß auf großes Interesse seitens des Ministers Manturow.

Die Notwendigkeit, klar definierte Lokalisierungsregeln zu haben, wurde auch im Rahmen der ersten Sitzung der neugegründeten Deutsch-Russischen Unternehmensplattform am 22. Oktober 2015 in Moskau wieder betont. Die dort aus Sicht deutscher Investoren geäußerten Aspekte zum Sonderinvestitionsvertrag wurden anschließend zu einem Thesenpapier zusammengetragen. Dieses Thesenpapier wurde auch an das russische Ministerium für Industrie und Handel übermittelt.

Wir werden hoffentlich noch genug Ausdauer und Geduld haben, um unsere Lobbyarbeit fortzusetzen. An dieser Stelle möchte ich mich im Namen des Komitees bei allen Unternehmen bedanken, die unsere Arbeit aktiv unterstützen und mitgestalten: Siemens, John Deer, Claas, Cedima, SAP, Mubea, Volkswagen, Phoenix Contact, Continental Kaluga, Lanxess, GDP QUADRAT, Galitzine Consulting, Noerr und noch bei vielen anderen.

Gibt es unter Ihren Teilnehmern bereits konkrete Erfolgsbeispiele?
Unsere regulären Sitzungen sind an sich ein großer Erfolg: Sie müssen sich unsere Besucherzahlen anschauen. 40 bis 50 Teilnehmer pro Veranstaltung sind zum Regelfall geworden. Genauso wie das aktive Networking danach. Durch den Visitenkarten- bzw. Erfahrungsaustausch haben unsere Teilnehmer die Möglichkeit, Kooperationspartner für ihre Projekte und Ideen zu suchen. Und sie werden fündig: Das bekommen wir immer wieder mit.

Aus nachvollziehbaren Gründen werde ich keine konkreten Unternehmen nennen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir als Komitee mit unserer Arbeit – vor allem durch Informierung und Beratung zu den kürzlich beschlossenen Verordnungen Nr. 719 und Nr. 708 – bereits für einige neue ausländische Grundsteine in Russland gesorgt haben.

Gibt es bestimmte Branchen, die für Ihr Komitee besonders interessant sind?
Wir konzentrieren uns nicht auf Branchen, sondern auf das Thema Lokalisierung. Dabei versuchen wir, möglichst viele Bereiche abzudecken. Wir haben bereits mehrere branchenspezifische Sitzungen abgehalten (z.B. zu Automobilindustrie, Baustoffindustrie, Pharma, Chemie, Lebensmittelindustrie) sowie auch gemeinsame Sitzungen mit anderen Arbeitsgruppen der AHK (Finanzdienstleistungen und Maschinenbau). Das werden wir auch in Zukunft fortsetzen. Wir sind bereit, auf Vorschläge der Teilnehmer zu reagieren. Vor Kurzem haben wir unsere Teilnehmer befragt, welche Themen für sie am wichtigsten sind. Anhand der gelieferten Antworten entstand eine Liste von Themen, die wir bei unseren Sitzungen im Laufe des nächsten Jahres mit integrieren werden.

Fassen wir zusammen: Wann ist Lokalisierung besonders empfehlenswert bzw. sogar notwendig?
Gerade heute ist der richtige Zeitpunkt, zu lokalisieren. Das erlaubt zum einen der billige Rubel: Dadurch wird auch die Produktion hier billiger, dafür der Export von hier profitabler. Dazu zwingen praktisch auch die aktuell bestehenden bilateralen Sanktionen. Und nicht zuletzt: Russland braucht neue Technologien direkt vor Ort. Deutsche Unternehmen sind klug und flexibel genug, diese Chance nicht entgehen zu lassen.

Die Fragen stellten Ludmila Guskowa und Lena Steinmetz, AHK Russland