„Es gibt in der Tat russische Käsereien, denen es gelungen ist, einen Maasdamer herzustellen“

Interview mit Ulrich Marschner, Generaldirektor Hochland Russland OOO, über die Möglichkeiten der russischen Lebensmittelindustrie.

Ulrich Marschner, Generaldirektor Hochland Russland OOO

Hochland importiert seit 1994 nach Russland. Seit 2000 produziert das Unternehmen hier, seit 2003 in einer eigenen Fabrik. Wie lässt sich die Unternehmensgeschichte in Russland fortsetzen?

Ende Oktober 2003 haben wir angefangen, in unserem eigenen Werk zu produzieren. 2007 haben wir das Werk noch einmal erweitert: Dort produzieren wir hauptsächlich Schmelzkäse und unser Weißkäse-Produkt „Fetaxa“. Ende 2010 haben wir einen zweiten Betrieb gekauft, der vormals Dr. Oetker gehörte, in Südrussland. Von Mitte 2011 bis Mitte 2012 haben wir ihn umgebaut, die Räume rekonstruiert und unser Equipment reingestellt. Seit Mitte 2012 produzieren wir in dem zweiten Betrieb, den wir gerade auch erweitert haben.

Also hat sich Russland gelohnt?

Als 1997 die ersten Ideen kamen, in Russland zu produzieren, hatte Hochland natürlich Bedenken. Wenn Sie nie in Russland waren, dann ist es schon verständlich, dass Ihre Bedenken vielleicht größer sind, als bei jemanden, der die Erfahrungen aus dem Land hat. Zudem ist es verständlich, dass Hochland als familiengeführtes Unternehmen ganz genau schauen muss, wie hoch die Risiken sind. Die Investitionen in unser erstes eigenes Werk in Russland, das 2003 eröffnet wurde, lagen bei 35 Millionen Euro. Und dass man da sich alles genau überlegt, ist schon nachvollziehbar.

Russland hat sich gelohnt, ganz klar. Wir haben über die Zeit eine sehr dynamische Entwicklung gehabt und natürlich hier auch Geld verdient. Dass es in der dynamischen Entwicklung immer mal wieder Brüche gibt, durch solche Krisen wie 1998, 2008/2009 oder jetzt wieder, das ist halt so. Wenn Sie das nicht haben wollen, dann bleiben Sie in Deutschland. Aber dann verpassen Sie auch die Möglichkeit einer solchen dynamischen Entwicklung.

Wie geht es Hochland Russland heute? Gibt es womöglich weitere Wachstumspläne?

Im letzten Jahr sind wir in der Produktionsmenge – ich möchte betonen, bereits vor dem Embargo – um über 20 Prozent gewachsen. Wir sind Marktführer bei Schmelzkäse und Frischkäse, wir sind sehr gut aufgestellt im Weißkäse-Bereich. Und wir haben nicht die Absicht, dort stehen zu bleiben, wo wir jetzt sind. Wir überlegen ständig, was wir noch machen können. Zudem ist Russland von der landwirtschaftlichen Basis her nun nicht unbedingt das Land, wo Milch und Honig fließen. Vor allem Milch. Deswegen müssen wir uns immer wieder, und das machen wir schon seit 1990, einen Überblick über die milchverarbeitende Industrie bzw. Käseindustrie verschaffen.

Bekommen Sie eigentlich von Ihren russischen Lieferanten das, was Ihren Qualitätsansprüchen entspricht?

Die Lieferantensuche in Russland ist ein großes Thema. Für beide Seiten ist es ein Lernprozess, der auch nicht sehr schnell geht. Wir als Unternehmen sind da konsequent vorsichtig. Zunächst einmal schauen wir uns an, was angeboten wird. Dann wird die angebotene Ware bei uns untersucht. Es werden Testlieferungen gemacht, die Ware wird wieder in Labors untersucht. Unsere Technologen prüfen ganz genau, ob die Rohware unseren Anforderungen entspricht. Dann auditieren wir den Betrieb, und nicht nur einmal. Es werden Punkte vergeben – unter einer bestimmten Punktezahl wird gar nichts. Dann erst hat man ein mehr oder weniger klares Bild des Lieferanten.

Da wir inzwischen auch nicht mehr so klein sind, ist es auch für die Lieferanten interessant, für uns zu arbeiten. Nehmen wir zum Beispiel Cheddar, eine unserer Basis-Rohwaren für Schmelzkäse. Als wir hier mit unserer Produktion angefangen haben, gab es in Russland nur einen Betrieb, der Cheddar herstellte. Und auch der war nicht in bester Verfassung. So haben wir mit dem Betrieb gearbeitet und sind genau durch diese Stufenleiter gegangen. Dann haben wir mit einem weiteren Lieferanten ein kleines Projekt in der Region Krasnodar gemacht. Somit hatten wir bald zwei Betriebe, die extra für uns Cheddar produzierten.

„Durch das Embargo, auf das Jahr gerechnet, hatte Russland plötzlich 300.000 Tonnen Käse weniger.“ – © FotoHiero/pixelio.de

Haben Sie Stammlieferanten oder suchen Sie immer wieder neue?

Bei den wichtigsten Rohwaren versuchen wir, stabile Lieferantenbeziehungen zu haben, damit wir nicht immer wieder diesen langen oben beschriebenen Weg gehen müssen. Wir arbeiten auch mit Händlern zusammen, gerade im Bereich Butter oder Magermilchpulver. Auch dort wechseln wir nicht ständig durch, weil auch der Händler eine gewisse Zeit braucht, um zu verstehen, wie unsere Anforderungen sind. Und wenn er das erst einmal begriffen hat, dann ist es für beide Seiten von Vorteil, eine stabile Beziehung zu pflegen. Wir haben inzwischen auch im Verpackungsbereich vieles lokalisiert, was wir früher aus Westeuropa importiert haben.

Dann haben Sie ja mit Sicherheit entspannt auf das Lebensmittelembargo reagiert? Oder was war Ihre erste Reaktion?

Zu diesem Zeitpunkt war ich im Urlaub in Dänemark. Ich muss wohl der Erste aus unserem Büro gewesen sein, der von diesem Putin-Erlass am 6. August 2014 abends erfahren hat. Natürlich hat man die Chancen gesehen, die man hat, wenn man im Land produziert. Aber richtig glücklich war ich nicht.

Warum denn?

Zum einen, weil es klar war, und das kann man heute deutlich sehen, dass Russland sich damit vom Rest der Welt entkoppelt. Da besteht die Gefahr, dass sich die beiden Weltteile diametral entwickeln. Wenn die Sanktionen eines Tages aufgehoben werden, dann treffen zwei Bereiche aufeinander, die sich auseinander entwickelt haben, auch im Preislevel. Und wenn die Westeuropäer mit dem niedrigen Preislevel wieder nach Russland kommen, dann wird es schon eine Weile dauern, bis sich das wieder justiert hat. Für alle, die in Russland produzieren, auch für uns, wird diese Nachsanktionsperiode sicher nicht ganz einfach.

Zum anderen, weil wir natürlich auch von diesem Embargo betroffen waren. Bestimmte Zutaten oder auch Rohwaren waren plötzlich nicht mehr da, insgesamt ca. 15. Das ging von Gewürzmischungen bis hin zu Käse wie Emmentaler, den wir vorher aus Frankreich bezogen hatten. Versuchen Sie mal, Emmentaler in Südamerika zu finden – da gibt es keinen. So haben wir uns in einer Nacht-und-Nebel-Aktion sofort umgetan, Richtung Schweiz. Dort haben wir Emmentaler gefunden, allerdings war der fast doppelt so teuer. Aber auch Südamerika hat nicht auf die Russen gewartet. Das ist ja nicht so, wenn einer kommt und Käse kaufen möchte, dass man den Milchhahn etwas weiter aufdrehen und mehr Käse machen kann.

Und das schlägt sich im Preis nieder...

Ja, sicher. Das muss man sich vorstellen: Durch das Embargo, auf das Jahr gerechnet, hatte Russland plötzlich 300.000 Tonnen Käse weniger. Um dasselbe Volumen an Käse an die Verbraucher zu liefern, braucht man dann drei Millionen Tonnen Milch mehr. Das ist schon eine richtige Menge. Allerdings darf man nicht vergessen: Käse ist in Russland kein Grundnahrungsmittel. Der Pro-Kopf-Verbrauch für Käse liegt hier bei sechs Kilogramm. In Deutschland – bei 22 Kilogramm. Wenn es keinen Käse gibt, dann wird kein Käse gegessen: Das ist für den Russen kein primäres Merkmal einer existenziellen Krise.

Hochland Russland produziert aber weiter.

Ja. Es war keine einfache Phase für uns, aber es ist uns gelungen, diese Defizite relativ schnell zu kompensieren. Zum Teil durch forcierte Entwicklung von bestimmten Lieferanten in Russland. Es gibt in der Tat einzelne russische Käsereien, denen es durchaus glaubhaft gelungen ist, einen Maasdamer herzustellen. Aber sie muss man natürlich kennen oder finden.

Dann kann es ja doch was werden mit Importsubstitution?

Das Bestreben ist schon da. Das einzige Problem, was dabei stört, besteht allerdings darin, dass niemand sagen kann, wie lange das Embargo noch gelten wird. Nehmen wir mal an, Sie haben am 6. August 2014 beschlossen, in die russische Lebensmittelindustrie zu investieren. Sie wissen, dass das Embargo zunächst einmal bis zum 6. August 2015 gelten wird. Mindestens drei bis vier Monate brauchen Sie, bis Sie Ihr Investmentprojekt einigermaßen zusammengezimmert und begründet haben, bis Sie Lieferanten gefunden und die Verträge verhandelt haben. Dann kommen noch drei bis sechs Monate Lieferzeit dazu, und schon ist das Jahr fast herum. Wenn dann aber plötzlich das Embargo aufgehoben wird und der Milchpreis in Deutschland bei 28 Cent liegt (und in Russland umgerechnet bei ca. 42-47 Cent), dann könnte es sein, dass Ihr Investmentprojekt gar nicht mehr so gefragt ist.

Die russischen Sanktionen haben natürlich einen gewissen Nebeneffekt, wirtschaftlich bestimmte Freiräume zu schaffen. Aber nur, wenn es darum geht, vorhandene Kapazitäten besser auszulasten. Wenn es um neue Investitionen geht, dann ist das problematisch.

Zudem mal ehrlich: Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Portfolioinvestor und müssten überlegen, in welchen Bereich in Russland Sie investieren. Rohstoffbereich, in dem Sie relativ bald zwei- oder dreistellige Renditen bekommen? Oder Landwirtschaft, wo Sie zunächst acht Jahre – wenn wir mal die Rohmilcherzeugung nehmen – warten müssen, bis Sie eine Rendite von acht bis zwölf Prozent bekommen? Die Entscheidung ist relativ logisch, oder?

Kommen wir auf das Thema Krise zurück. Wenn Sie die Krise von 1998 mit der heutigen vergleichen, was fällt da auf?

1998 war die Krise deutlich schmerzhafter. Das Kaufkraftniveau war damals auch ein ganz anderes, so dass es schon teilweise existenziell war. Das sehe ich heute nicht. Heute leiden wir, zynisch gesagt, auf deutlich höherem Niveau. Allerdings gab es 1998 nicht dieses Abschneiden Russlands von externer Finanzierung, was wir jetzt haben. Zudem war die damalige Krise eigentlich mehr eine russische Krise, sie war nicht eingebettet in eine zumindest latente globale Krise.

Mal schauen, wie lange es diesmal noch dauert. Es scheint eine gewisse Stabilisierung einzusetzen, aber bis sich die Situation normalisiert, könnten sicher noch mindestens zwei Jahre vergehen.

Das Gespräch führte Lena Steinmetz, AHK Russland