„Russland ist ein Land mit enormen Möglichkeiten – diese müssen endlich in die Tat umgesetzt werden“

Kann die russische Agrarindustrie auf dem Weltmarkt mithalten? Seine Sicht darauf erklärt im Interview Dr. Heinrich Steins, Generaldirektor John Deere Rus OOO.

Dr. Heinrich Steins, Generaldirektor, John Deere Rus OOO

Wie würden Sie die aktuelle Situation in der russischen Landwirtschaft beschreiben, als jemand, der bereits einige Jahre in Russland lebt, und als Generaldirektor eines der führenden Unternehmen im Bereich Landtechnik?

Laut der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen verfügt Russland über ca. 10 Prozent der global für die Landwirtschaft nutzbaren Fläche – 120 Millionen Hektar. Allerdings trägt Russland nur mit drei Prozent zur weltweiten Produktion von Getreide bei, beim Gemüse ist es nur ein Prozent und bei der Milch vier Prozent. Damit schöpft dieses riesige Land seine Möglichkeiten noch keineswegs aus.

Was sind die Gründe?

Der Agrarsektor ist stark zersplittert und stand in den letzten beiden Jahrzehnten hinter dem Rohstoffsektor immer etwas zurück. Von 1992 bis 1998 schrumpfte die Produktion um 40 Prozent. In der Sowjetunion arbeitete Schätzungen zufolge jeder Fünfte in der Landwirtschaft, heute sind es gerade einmal sieben Prozent. Außerdem sind sinkende Subventionen aufgrund des WTO-Beitritts mit im Spiel.

Das Potential der hiesigen Landwirtschaft ist enorm. Russland könnte in Zukunft nicht nur sich selbst ernähren, sondern auch einen wesentlichen Beitrag zur Ernährung von voraussichtlich neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 leisten. Dies bedingt aber nachhaltige strukturelle Veränderungen.

Ein wesentliches Problem für die russische Agrarindustrie ist die nicht ausreichend ausgebaute Infrastruktur. Mit welchen weiteren Maßnahmen könnte die Politik die Modernisierung in der Landwirtschaft schneller voran bringen?

Die Landwirtschaft ist heute in der Tat ein globales Geschäft. Um wettbewerbsfähig zu sein, sind geringe Logistikkosten absolut notwendig. Nehmen Sie zum Beispiel das Eisenbahnmonopol und die Vertragsbedingungen in Containerhäfen. Beide Bereiche sind im Vergleich zum Weltmarkt nicht wettbewerbsfähig. Auch der Zustand der Straßen in den ländlichen Gebieten ist nicht gerade hilfreich.

Ein weiterer Grund ist die Abwesenheit von effektiven Mechanismen zur Marktpreisbildung. So wäre zum Beispiel die Gründung einer Warenterminbörse ein wichtiger Schritt. Auch strukturelle Herausforderungen wie der hohe Anteil an Kleinbauern, marktbeherrschende Handelsketten und die große Regulierungsunsicherheit sind Themenfelder, die beackert werden müssen. Außerdem fehlt bis heute eine maßvolle, aber nachhaltige Subventionspolitik.

Mit dem Lebensmittelembargo haben sich den russischen Landwirten aber plötzlich einige profitable Möglichkeiten geboten. Oder doch nicht?

Es gibt sicherlich einige Bereiche, die kurzfristig von dem Embargo profitiert haben, zum Beispiel die Milchwirtschaft, insbesondere die Käseherstellung. Allerdings sind uns noch keine Bereiche bekannt, in denen eine nachhaltige Verbesserung eingetreten ist. Strukturelle Veränderungen in der Landwirtschaft benötigen einige Jahre und kommen nicht über Nacht.

Dann sollte es wohl für europäische Lebensmittelexporteure ziemlich einfach sein, nach der Auflösung des Embargos wieder auf den russischen Markt zu kommen?

Dies wird sehr stark von der Länge des Embargos abhängen. Sollte das Embargo am Ende des Jahres aufgehoben werden, sollte eine Rückkehr für europäische Produkte kein Problem sein. Je länger das Embargo allerdings andauert, umso größer wird das Risiko der Substitution. Allerdings muss auch erwähnt werden, dass viele Produkte ja bis heute nicht wirklich verschwunden sind, sondern einfach andere Importkanäle gefunden haben.

„Russland verfügt über ca. 10 Prozent der global für die Landwirtschaft nutzbaren Fläche – 120 Millionen Hektar. Allerdings trägt Russland nur mit drei Prozent zur weltweiten Produktion von Getreide bei. Damit schöpft dieses riesige Land seine Möglichkeiten noch keineswegs aus.“ – © Andreas Hermsdorf/pixelio.de

Aktuell fällt immer wieder das Stichwort Importsubstitution. Inwieweit halten Sie diese Strategie für sinnvoll?

Importsubstitutionen sind kein besonders gutes Mittel im Bereich von Investitionsgütern. Diese Strategie adressiert nicht die Lösung der strukturellen Probleme der Landwirtschaft oder anderer Industriezweige in Russland. Sie verzögert allenfalls die Entwicklung wettbewerbsfähiger Unternehmen und Produkte.

Wie ist Ihr Unternehmen derzeit in Russland aufgestellt?

Wir haben heute in Russland zwei Fabriken, ein Verkaufshaus und ein Ersatzteillager. Für eine unserer Fabriken haben wir erst kürzlich den Status „Made in Russia“ vom russischen Ministerium für Industrie und Handel erhalten. Dies war eine schwierige Reise. Die eigentliche Zertifizierung war relativ unproblematisch. Die Vorbereitung war allerdings aufwendig, besonders das Verstehen und Interpretieren der rechtlichen Anforderungen. Eine der größten Herausforderungen bei der Lokalisierung ist außerdem bis heute die Qualifizierung von russischen Lieferanten. Um tatsächlich zu produzieren, benötigt man aber auch eine gute Lieferantenbasis.

Auf unser Ersatzteillager sind wir besonders stolz. Wir bevorraten momentan ca. 80.000 Teilenummern für alle unsere Produkte. Jeder Kunde von Wladiwostok bis Smolensk sollte ein benötigtes Ersatzteil innerhalb von 24 Stunden erhalten. Zusätzlich haben wir begonnen, auch Länder wie Kasachstan aus Russland zu beliefern.

War bzw. ist Ihr Unternehmen von den Sanktionen betroffen?

Die westlichen Sanktionen haben unseren Ersatzteilbereich zu Beginn getroffen, speziell sogenannte Dual-Use-Güter. Inzwischen sind aber entsprechende Exportlizenzen erteilt worden und die Geschäftsprozesse laufen wieder relativ reibungslos.

Ist Lokalisierung aus Ihrer Sicht ein ratsamer Weg?

Die Abwertung des Rubels macht Lokalisierung zu einer Notwendigkeit. Allerdings sind die Rahmenbedingungen immer noch relativ unbefriedigend. In den letzten Wochen scheinen verschiedene Ministerien sich zu bewegen. Die Diskussionen zum Thema Lokalisierung werden weniger emotional geführt und verlaufen mehr zielgerichtet. Trotzdem haben wir noch einen langen Weg vor uns.

Russland wird nachgesagt, dass es sich wirtschaftlich mehr und mehr in Richtung China wendet. Wie groß sind Ihre Bedenken diesbezüglich?

Die Liebe zu China scheint sich bereits im Abflauen zu befinden. Das war allenfalls ein heftiger Flirt. Aber inzwischen ist man wieder zurück in der Wirklichkeit. Allerdings könnte China durchaus eine längerfristige Rolle spielen, wenn es um die Finanzierung von Großprojekten mit Hilfe von Staatsfonds geht.

Haben Sie ein Erfolgsrezept für die russische Wirtschaft?

Russland ist ein Land mit enormen Möglichkeiten. Allerdings müssen diese Möglichkeiten nun endlich in die Tat umgesetzt werden. Was das Land benötigt, ist ein echter strategischer Plan für Investitionen und nachhaltige strukturelle Veränderungen und Reformen, vor allem für Rechtssicherheit. Es muss zum einen attraktiv sein, in Russland zu investieren. Zum anderen muss es für junge Menschen attraktiv sein, in Russland zu bleiben und zu arbeiten, nicht nur in der Großstadt, sondern auch auf dem Land.

Die Fragen stellten David Hoffmann und Lena Steinmetz, AHK Russland