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Abfallwirtschaft: Wie Intertechelectro in Tjumen aus Müll Gold macht

09.07.2021

Das AHK-Mitglied Intertechelectro hat im sibirischen Tjumen mit deutschen Hightech-Maschinen eine moderne Abfallsortieranlage gebaut. Vor Ort zeigen sich Chancen und Probleme der von Präsident Putin verordneten Abfallreform.

Thorsten Gutmann, AHK Russland


„Stellen Sie sich vor, es ist kaum ein paar Monate her, da grasten hier noch Schafe“, sagt der Taxifahrer und blickt nach rechts auf das riesige Neubaugebiet mit Hochhäusern, Geschäften und Kindergärten. „Und das Verrückte ist, dass die ganze Stadt so aussieht. Baustellen so weit das Auge reicht.“ Das westsibirische Tjumen ist auf dem besten Weg, bald eine Millionenstadt zu werden. Heute schon leben dort mehr als 800.000 Einwohner, vor elf Jahren waren es weniger als 600.000. Tjumen ist aber nicht nur eine der am schnellsten wachsenden Städte Russlands, sondern laut diverser Rankings auch eine der lebenswertesten. Auch bei der Attraktivität für Investoren liegt Tjumen meistens weit vorne.

„Wir haben hier nur acht Sonnentage weniger als Sotschi“, erzählt der Taxifahrer. Aus dem Fenster ist die gepflegte Promenade am Ufer der Tura zu sehen, ein Nebenfluss des bis nach Kasachstan reichenden Tobol. Familien schießen Fotos vor der Brücke der Verliebten, ein beliebtes Motiv. Wenn man die Bewohner fragt, warum die Stadt so blüht, fällt die Antwort fast immer gleich aus: Sergej Sobjanin.

Der Mann, der als Bürgermeister Moskau binnen weniger Jahren in eine der modernsten und digitalsten Städte der Welt verwandelte, stammt ursprünglich aus dem Ural und war in Tjumen von 2001 bis 2005 Bürgermeister. Sobjanin habe den Grundstein für den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg Tjumens gelegt, finden viele Stadtbewohner. Geholfen hat aber auch sicher etwas anderes: Öl und Gas. Tjumen ist Russlands Zentrum der Öl- und Gasverarbeitung. Die Firmenlogos aller namhaften Player wie Gazprom, Rosneft und Lukoil blitzen auf modernen Bürogebäuden im Tjumener Stadtbild auf.

Nicht alles ist Öl und Gas, was glänzt

Seit 2016 ist Tjumen abermals Flaggschiff und Vorzeigebeispiel für andere Regionen des Landes. Diesmal aber nicht wegen Öl und Gas – sondern wegen seiner Abfallwirtschaft. „TEO“ steht auf der Müllsortieranlage, die wir nach 20 Minuten Fahrtzeit nördlich vom Stadtzentrum erreichen. Die drei Buchstaben stehen für „Tjumener Umweltvereinigung“, offizieller Betreiber der Fabrik und zuständig für die gesamte Entsorgungskette privater Haushaltsabfälle im Gebiet Tjumen: von Sammlung bis Deponierung. „Müll ist für mich das neue Gold – oder das neue grüne Öl, wenn Sie so wollen“, sagt Tatjana Mazidowski. Mazidowski ist eine Powerfrau. Ihre Karriere begann als Wirtschaftsprüferin und Beraterin bei KPMG, in den nächsten 20 Jahren folgten Stationen bei allen Öl- und Gasriesen Russlands, bevor Mazidowski in die Abfallwirtschaft wechselte. Heute beteiligt sie sich mit Intertechelectro aktiv an der russischen Müllreform. Außerdem ist sie Mitbegründerin des deutsch-russischen Technologiekonsortiums, dem namhafte Player aus der Branche wie Siemens, Sutco, Vecoplan und Huber sowie weitere Weltmarktführer angehören. Mazidowski ist auch stellvertretende Vorsitzende des AHK-Komitees Umwelt und Abfallwirtschaft und trägt zusammen mit der AHK zur Entwicklung der russischen Abfallbranche bei.

Das AHK-Mitglied Intertechelectro ist spezialisiert auf Industrie- und Energie-Engineering und beschäftigt 1500 Mitarbeiter. Das Unternehmen hat die Müllsortieranlage in Tjumen sowie die Anlagen in Tobolsk und Ischim projektiert und gebaut. Aktuell projektieren Intertechelectro-Spezialisten weitere Anlagen in Nischni Tagil, Krasnoturjinsk und anderen Städten am Ural und in Sibirien. „Wir sind zunächst im Energiesektor gestartet und haben zahlreiche Projekte im Bereich konventioneller Energien umgesetzt. Jetzt befassen wir uns mit erneuerbaren Energien. Wir sind stolz, zu den ersten Unternehmen zu zählen, die in Russland an Projektierung und Bau von modernen Müllsortieranlagen beteiligt sind“, sagt Kyrill Andrjuschin, der bei Intertechelectro für den Bau von Abfallbehandlungsanlagen zuständige Abteilungsleiter. „In Russland ist die Abfallwirtschaft noch sehr jung, aber es besteht hier enormes Potenzial. In unserer Arbeit nehmen wir uns ein Beispiel an Deutschland und seinen Anlagen. Wir arbeiten sehr eng mit deutschen Unternehmen zusammen und haben mit ihnen ein Konsortium gegründet, das Komplettlösungen für den Umgang mit verschiedenen Abfallarten anbietet. Wir denken, wir könnten als Vorzeigebeispiel für internationale Zusammenarbeit dienen.“

Die technische Inbetriebnahme der Tjumener Fabrik fand 2018 statt, noch vor Beginn der groß angelegten Müllreform in Russland. Die von Präsident Wladimir Putin verordnete Reform lief offiziell im Januar 2019 an. Allein bis 2024 sollen 300 Milliarden Rubel in die Umsetzung fließen – umgerechnet mehr als drei Milliarden Euro. Ziel ist die Einführung einer ganzheitlichen Abfallwirtschaft mit Sammlung, Transport und Sortierung von Siedlungsabfällen im gesamten Land. „So gesehen hat Tjumen echte Pionierarbeit geleistet“, sagt TEO-Cheftechnologe Witalij Issakow. Zum Zeitpunkt der Eröffnung habe Tjumen eine der größten Sortieranlagen Russlands gestellt. Aber auch heute gebe es nur wenige Regionen, in denen Müllabfuhr und Sortierung so gut und effektiv funktionieren. Bis auf wenige Ausnahmen komme die Reform langsamer als gewünscht voran, so Issakow. Im Ergebnis soll die Recyclingquote von 7 auf 36 Prozent erhöht werden.

Deutsches Hightech für Sibiriens Hausmüll

Bei einer Führung erklärt Issakow, wie die Fabrik aufgebaut ist. „Zunächst werden die Mülltüten draußen mit einem Sackaufreißer der Firma BRT Hartner geöffnet, danach beginnt der Sortierprozess.“ BRT Hartner gehört zum nordrhein-westfälischen Eggersmann-Konzern. Der Abfall durchlaufe eine ganze Verarbeitungskette, sagt der Cheftechnologe. „Zum Einsatz kommen Siebtrommeln, Ballistikseparatoren und Förderer von Stadler.“ In einer Röhre, die an eine überdimensionierte Waschmaschinentrommel erinnert, trennt die Siebtrommel den groben Müll von Feinstaub. Durch eine Luke lässt sich beobachten, wie Plastiktüten, Coladosen, Papier und Plastikflaschen in einem geheimnisvollen hypnotischen Tanz durcheinanderwirbeln.

„Eine echte Hightech-Maschine ist der optische Sortierer“, erzählt der Cheftechnologe Issakow. Der Sortierer identifiziert binnen Millisekunden je nach Form, Struktur und Farbe, um welche Art von insgesamt 42 Materialien es sich handelt – und befördert den Müll unmittelbar auf eines der zahlreichen Förderbänder. Deren komplexe quer durch die Anlage reichende Struktur erinnert an die verzauberten Wendeltreppen des Hogwarts-Schlosses aus Harry Potter. In Tjumen ist ein Separator der norwegischen Firma Tomra im Einsatz, doch die Technik stammt ursprünglich aus Deutschland. „Und ganz am Ende wird der sortenreine Müll von einer Presse zusammengepresst und für Verkauf oder Wiederverwertung vorbereitet. Für Sortierreste verwenden wir eine Presse der deutschen Firma Hussmann“, sagt Issakow.

Privates Multimillionenprojekt

„Besonders spannend ist die Tatsache, dass die Müllsortieranlage ein Projekt ist, das zu 100 Prozent von der Privatwirtschaft getragen wird“, erklärt Swetlana Petrenko, erste stellvertretende Generaldirektorin der Tjumener Umweltvereinigung. „Wir haben mit der Regionalregierung einen Konzessionsvertrag auf 29 Jahre geschlossen. Entsprechend diesem Vertrag wurden in der Region drei Müllsortieranlagen und eine Umladestation gebaut. Auch der Status als regionaler Abfalldienstleister trägt zur effektiven Arbeit des Unternehmens bei.“ Im Gebiet Tjumen gehen 100 Prozent aller Siedlungsabfälle in die Sortierung. 80 Prozent davon landen in der Tjumener Anlage. Aktuell liegt die Kapazität bei 350.000 Tonnen Abfall pro Jahr im Einschichtbetrieb.

2020 eröffnete Intertechelectro eine weitere Anlage in der 200 Kilometer Luftlinie entfernten Kleinstadt Tobolsk, 2021 noch eine in der Stadt Ischim. Dort landen die restlichen Hausabfälle der Region. Obwohl diese Fabriken technologisch einfacher als das Vorzeigewerk in Tjumen sind, kommt auch dort deutsche Technik zum Einsatz – zum Beispiel Sackaufreißer des Unternehmens Matthiessen. „Außerdem gibt es eine Müllumladestation in Jalutorowsk, um selbst die entlegensten Dörfer zu erreichen. Auf diese Weise ist es uns gelungen, die Anzahl illegaler Hausmülldeponien im Gebiet Tjumen fast auf null zu reduzieren.“ Es gebe inzwischen so viele Müllcontainer, dass es für Bewohner entlegener Siedlungen bequemer sei, sie dort hineinzuwerfen, anstatt den Müll im Wald abzusondern. „Das ist ein Riesenerfolg für die gesamte Region und unsere Umwelt.“ Die Investitionssumme für alle vier Objekte wird mit 2,5 Milliarden Rubel beziffert – umgerechnet 28 Millionen Euro.

Problemkind Recyclingwirtschaft

Auf der Rückseite der Tjumener Anlage lässt sich das Ergebnis der Sortierung betrachten. Dort warten große Müllblöcke aus unterschiedlichen Materialien und Farben auf ihr weiteres Schicksal. Und genau hier zeigt sich, vor welchen Problemen Russlands Abfallreform noch immer steht. „Viele Materialien werden im Internet auf einer B2B-Plattform verkauft. Zum Beispiel produziert eine lokale Glasfabrik Getränkeflaschen aus Altglas“, erklärt TEO-Vizechefin Petrenko. „Aber leider gibt es in Russland immer noch zu wenige auf Recycling und Weiterverarbeitung spezialisierte Firmen, sodass viele Abfälle nach wie vor auf einem von drei Müllhalden landen, die ebenfalls von uns betrieben werden.“

Das Problem beginnt aber nicht erst bei der Abfallsortierung, sondern viel früher. „Es hat auch etwas mit der Mentalität zu tun“, sagt Petrenko. „Die Russen sind es nicht gewohnt, Abfall zu trennen. In der Sowjetunion gab es nur wenig Hausmüll, kaum Plastik und man hat alles ewig zweitverwertet.“ Aber Mülltrennung sei unbedingt notwendig, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. „Papierkartons, die in Kontakt mit Nahrungsmitteln kamen, sind so gut wie unbrauchbar für die Weiterverarbeitung.“ Hier brauche es Zuckerbrot und Peitsche, denkt Petrenko. Aber Strafen allein helfen nicht weiter. Man müsse den Menschen echte Alternativen bieten, vor allem in Dörfern.

Für den Anfang würden zwei getrennte Eimer reichen, und zwar für Biomüll und für Verpackungsabfälle. „Aber dafür brauchen wir Gesetze auf föderaler Ebene. In der Praxis bedeutet dies komplexere Logistik, mehr Aufwand und höhere Kosten“, so Petrenko. Es sei unrealistisch, solche großen Veränderungen auf regionaler Ebene umzusetzen. Ebenfalls ungeklärt ist die Frage, was mit Industrieabfällen passiert. Bisher kümmern sich darum hochspezialisierte Anbieter, eine systematische Lösung existiert nicht.

Chancen für deutsche Unternehmen

Noch steht Russlands Abfallreform ganz am Anfang, vieles funktioniert noch nicht. „Aber trotzdem ist es gut, dass die Reform angestoßen wurde“, sagt Petrenko. „Früher gab es in Russland nicht einmal Daten, welche Art von Müll und wieviel weggeworfen wird. In unserem Werk können wir jetzt das Volumen der Rohstoffe analysieren. Das ist ein großer Fortschritt, der bald auch in anderen Regionen des Landes möglich wird.“

Verantwortlich für die Umweltreform ist der Russische Umweltoperator, kurz: REO. Obwohl TEO und REO ähnlich klingen, haben die beiden Organisationen wenig miteinander zu tun. TEO ist ein Privatunternehmen, das für die Müllentsorgung in Tjumen zuständig ist – die staatliche Behörde REO koordiniert die Umsetzung der Müllreform. An ihrer Spitze steht Denis Buzajew, zuvor stellvertretender Regierungschef des Moskauer Gebiets. Zusammen mit Dr. Martin Wansleben, dem Hauptgeschäftsführer der AHK-Mutterorganisation Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK), hatte Buzajew im Herbst 2019 feierlich die von der AHK im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) entwickelte Digitalplattform germantech eröffnet. Germantech präsentiert russischen Kunden deutsche Firmen aus dem Bereich Abfallwirtschaft.

Klar ist: Gerade weil noch so viel unklar ist und Russland die nötigen Technologien und Know-how fehlen, gibt es große Chancen für deutsche Unternehmen. Das bestätigt auch Tatjana Mazidowski. „Zwar wächst die Konkurrenz aus China und EU-Ländern wie Italien, den Niederlanden oder Österreich“, erklärt die Intertechelectro-Topmanagerin. „Aber vor allem chinesische Produkte sind nicht mehr so günstig wie früher. Das größte Problem für deutsche Produkte ist nicht China, sondern der schwache Rubel, der Import teuer macht. Deshalb wäre es für viele deutsche Hersteller auch interessant, in Russland eine Produktion aufzubauen.“ So habe das deutsche Unternehmen Huber, ein Weltmarktführer bei der Entsorgung flüssiger Abfälle, mit der Lokalisierung in der Region Kurgan begonnen. Dort entstehe mit Unterstützung der Regionalregierung Russlands erstes Umwelttechnik-Cluster, so Mazidowski.

Blinder Fleck Kläranlagen

Die Entsorgung von Flüssigabfällen wird in der Abfallreform nicht berücksichtigt. Dabei bietet gerade dieser Bereich große Chancen, sind sich Experten einig. „Viele Kläranlagen in russischen Kleinstädten stammen noch aus Zeiten der Sowjetunion und sind völlig veraltet“, sagt Wladimir Schaljapin von Suenko, dem Tjumener Stromnetz- und Kläranlagenbetreiber. Dennoch seien Kläranlagen bei der Müllreform größtenteils ausgeblendet worden. Das sei brandgefährlich für die Umwelt. Denn im ganzen Land würden sich immer mehr Schlammfelder bilden. „Man kann sich das vorstellen wie ein Äquivalent zur Müllhalde. Große Seen, die aus Fäkalien bestehen.“

Schaljapin hofft deshalb, dass die russische Regierung bald eine weitere Reform anstößt, die sich auf Flüssigabfälle konzentriert. Chancen für deutsche Firmen gibt es auch hier, egal ob Großkonzern oder Mittelständler. Eine Reihe deutscher Firmen wie Huber und EnviroChemie setzen in Russland bereits erfolgreich Projekte im Bereich der Abwasserreinigung um und Firmen wie Alebro aus Baden-Württemberg helfen bei der Entwässerung von Schlammlöchern.

Trotz Startschwierigkeiten gibt sich Mazidowski optimistisch, was die russische Abfallreform betrifft. „Russland steht vor der ehrgeizigen Aufgabe, in wenigen Jahren den Weg zu gehen, für den Europa 30 Jahre gebraucht hat. Es ist schwierig, aber nicht unmöglich.” Sinnvoll sei es, Erfahrungen deutscher Umweltfirmen zu nutzen, zu ergänzen und weiterzuentwickeln.

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