AG-Sitzung: Neue Marketingansätze im Onlinehandel

Dass Marketing kundenorientiert sein muss, gilt als Axiom. Doch der Mensch verbringt nur fünf bis zehn Prozent seiner Zeit im „Kundenmodus“, in dem er bereit ist, sich für ein Produkt zu interessieren oder es zu kaufen. Deshalb sind diejenigen Marken im Vorteil, die im Leben des Menschen überall präsent sind, und zwar nicht nur im Moment, in dem er sich für sie entscheidet. Über alte und bewährte sowie über neue und vielversprechende Marketingansätze wurde in der Sitzung der AG e-Commerce und e-Marketing der AHK am 12. Februar in den Räumlichkeiten von Accenture diskutiert und auch gestritten.

Russland zählt zu den Spitzenreitern im e-Commerce. Nach Angaben der Marktforschungsfirma eMarketer beträgt der Umsatz im Onlinehandel in Russland mehr als 26 Milliarden US-Dollar – im ersten Halbjahr 2019 wurden nach Erkenntnissen der Zentralbank in Moskau 68 Prozent der Zahlungen bargeldlos abgewickelt. Dabei hat sich nicht nur das Verhältnis zu Geld verändert: Die Menschen betrachten es nicht mehr als das Maß aller Dinge, auch nicht als Maß für den Erfolg eines Unternehmens. Das sind zwei der insgesamt sieben „Fjord Trends 2020“ aus einer Studie der Firma Accenture, die Pavel Rodygin, Abteilungsleiter User Experience von Accenture, vorgestellt hat.

Die Studie „Fjord Trends 2020“, bei der 1200 Experten in 33 Ländern befragt wurden, beschreibt die neuen Trends im Bereich Nutzererfahrungen für Business, Technologie und Design.

Kunden sind smarte Werbung im digitalen Bereich längst gewohnt und inzwischen müde davon geworden. Zukünftig soll es mithilfe der Digitalisierung möglich sein, den Weg eines Kunden auch im analogen Umfeld bis ins Detail zu verfolgen. Wichtig ist dabei laut Rodygin, die Beziehung zwischen Kunden und Unternehmen als Tauschgeschäft zu betrachten: Der Kunde stellt seine persönlichen Daten zur Verfügung, im Gegenzug bietet das Unternehmen statt einer Werbeflut nur relevante Angebote.

Während Marketingabteilungen weltweit versuchen, mehr über Verbraucherpräferenzen zu verstehen, würden viele Verbraucher selbst nicht wissen, was sie wollen, sagt Rodygin. Für die Entscheidung des Verbrauchers sei nicht mehr nur das Preis-Leistungsverhältnis ausschlaggebend, sondern ihm sei auch wichtig, wie sich die Ware etwa auf die Umwelt auswirke. Dieses Kaufverhalten zeigen Rodygin zufolge nicht nur Jugendliche, sondern auch andere Bevölkerungsgruppen.

Es sei wahrscheinlich, dass der als „Post-Consumerism“ bekannte bewusste Konsum nicht nur eine Modeerscheinung sei, sondern ein anhaltender Trend, dem die Wirtschaft Beachtung schenken sollte. Der verantwortliche Verbraucher sei heutzutage über Herstellung, Verwendung und Entsorgung von Produkten gut informiert. Wenn sich ein Hersteller in einer Phase des Produktlebenszyklus unverantwortlich verhalte und zum Beispiel Kinderarbeit bei der Kleidungsproduktion zulasse oder Verpackungen aus nicht recycelbarem Kunststoff fertige, könne er nicht mit loyalen Kunden rechnen. Das sei umso kritischer, weil sich der Mensch nur fünf bis zehn Prozent seines Lebens im „Kundenmodus“ befinde. Studien zeigen, dass diejenigen Unternehmen mehr Erfolg haben, die ihre Kunden durch das Leben begleiten, wie zum Beispiel IKEA mit seinen Möbeln oder Nike mit Turnschuhen.

Einer der erstaunlichsten Trends, die in der Fjord-Studie beschrieben werden, sind die sogenannten Digital Twins. Dabei handelt es sich um digitale Abbilder von physischen Objekten und Prozessen. Digital Twins eröffnen für Unternehmen neue Möglichkeiten, um Dienstleistungen zu testen und die Vermarktung voranzutreiben.

Die Kernbotschaft der neuen Trends lautet: Der Mensch im Mittelpunkt von Business, Marketing und Design. Die Präsentation von Nataliya Deyanova, Vice President für Marketing-Kommunikation und digitale Nutzererfahrungen von Schneider Electric, beschreibt den Ansatz „Denke wie dein Kunde, handle wie dein Kunde, sei der Kunde.“

Welcher Ansatz sich durchsetzt, wird sich zeigen. Maxim Goncharov, Direktor der Adidas Academy, sagte dazu: „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“

Ein Bericht von Margarita Afanasyeva

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Ansprechpartner

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Leiter der Abteilung Kommunikation