AHK-Investitionsforum: Hohe Margen trotz Importsubstitution

Ein Höchststand an deutschen Investitionen und selbst nach fünf Jahren kein ein Ende der Sanktionen in Sicht – in diesem Spannungsfeld bewegen sich gegenwärtig die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen. Wie es um die Chancen und Risiken für ausländische Investoren in Russland gerade in den Bereichen Maschinenbau und Autowirtschaft steht, war Thema des diesjährigen Investitionsforums der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) in München am 28. März.

Mit gut 150 Unternehmern aus beiden Ländern war die Teilnehmerzahl doppelt so hoch wie im Vorjahr. Aus Russland war unter anderen der Gouverneur der Wachstumsregion Uljanowsk Sergej Morosow gekommen. Über die Trends im Russlandgeschäft berichteten aus erster Hand etwa der langjährige Präsident von Siemens in Russland Dietrich Möller sowie Maxim Schachow, CEO von Schaeffler Russland, aber auch digitale Dienstleister einer neuen Ära wie der Gebäude-Modellierer Spectrum Group.

Zur Begrüßung der Teilnehmer erinnerte der russische Generalkonsul in München Sergey Ganzha an die traditionell guten Handelsbeziehungen zwischen Russland und Deutschland und insbesondere Bayern. Beide Seiten seien entschlossen, sie auch in schwierigen Zeiten auszubauen. „Das sind keine leeren Worte, dahinter steckt harte Arbeit von vielen deutschen Unternehmen“, so Ganzha. Die russische Regierung habe ihrerseits das Geschäftsklima in Russland „stabil und radikal“ verbessert und sei fest entschlossen, dies fortzusetzen.

130 bayrische Unternehmen in Russland

Wie wichtig Russland speziell für die bayerische Wirtschaft ist, führte Wolfgang Hastenpflug aus, der stellvertretende Vorsitzende des Außenwirtschaftsausschusses der Industrie und Handelskammer für München und Oberbayern (IHK). Die IHK schätzt, dass etwa 130 bayerische Unternehmen in Russland präsent sind und dort fast drei Milliarden Euro investiert haben. Sie beschäftigen 43 000 russische Arbeitnehmer und setzen jedes Jahr elf Milliarden Euro um. Russland liege auch der bayerischen Politik besonders am Herzen, so Hastenpflug. So unterhalte die Staatsregierung eine Vertretung in Moskau, was nur in ausgewählten Ländern der Fall sei. Russland nehme Platz 14 unter den wichtigsten Handelspartnern des Freistaats ein, das Volumen der Ein- und Ausführen habe acht Milliarden Euro betragen.

Für ein Gespräch auf Augenhöhe mit seinem Land dankte den Teilnehmern Andrey Sobolew, Handelsvertreter Russlands in Deutschland. Er ergänzte: „Danke auch für unabhängiges Denken, kaufmännische Erfahrung und echte Freiheit.“ Die wirtschaftliche Kooperation sei eine Win-win-Situation für beide Seiten. Insbesondere die Partnerschaft auf regionaler Ebene bilde ein Gegengewicht zu den Sanktionen, die ein großes Hindernis für die Zusammenarbeit beider Länder darstellten.

Deutsche Direktinvestitionen wachsen

Für einen ausgewogenen Blick auf Russland plädierte Matthias Schepp, der Vorstandvorsitzende der AHK. Wichtig sei es, die Entwicklung in längeren Zeiträumen zu sehen. Als Beispiel nannte Schepp den Umzug der AHK zu Jahreswechsel in den Moskauer Büro- und Wohnkomplex „Filigrad“. Die Kammer habe ihn komplett einem russischen Generalunternehmer anvertraut. „Vor einigen Jahren wäre das nicht denkbar gewesen“, so Schepp. Auch habe sich Moskau in den vergangenen Jahren zur einer der dynamischsten Städte Europas entwickelt. In einigen Bereichen wie der Digitalisierung von Dienstleistungen könnten deutsche Städte viel von der russischen Hauptstadt lernen.

Schepp stellte fest, dass sich die deutsche Wirtschaft nicht von der politischen Großwetterlage verunsichern lasse und wieder kräftig in Russland investiere. 2018 erreichten ihre Direktinvestitionen mit zwei Milliarden Euro den höchsten Stand seit 2008. Insbesondere der Mittelstand zeige gute Nerven, wovon die hohe Zahl an Investitionen im Bereich von 2 bis 3 Millionen Euro zeuge.

Es gebe allerdings auch Anlass zu Sorge, so Schepp. Es sei zwar nachvollziehbar, dass eine Industrienation wie Russland mehr im eigenen Land produzieren wolle. Allerdings dürfe diese Politik der Importsubstitution nicht zu einem Rückfall in eine überwunden geglaubte staatliche Planwirtschaft führen. „Russland ist mit seinen hervorragend ausgebildeten Ingenieuren und IT-Spezialisten stark genug, sich auf dem freien Weltmarkt zu behaupten“, so Schepp. Mit Sorgen verfolge die internationale Wirtschaft auch die Verhaftung des US-Investors Michael Calvey. Sie habe bereits zahlreiche ausländische Investoren abgeschreckt. Persönlich sieht Schepp in dem Vorfall ein besorgniserregendes Zeichen, weil nicht die russische Justiz, sondern der Inlandsgeheimdienst FSB federführend gewesen sei.

Insgesamt jedoch habe „die harte politische Situation den wirtschaftspolitischen Reformzug in Russland nicht zum Entgleisen gebracht“, resümierte Schepp. In einigen Bereichen gebe es ein besseres Investitionsklima und die Mehrheit der Gouverneure lege einen Fokus auf die Wirtschaft. Dafür sorge auch eine neue Generation von Verantwortlichen wie der erst 32-jährige Gouverneur des Gebiets Kaliningrad Anton Alichanow, der bereits erfolgreich ausländische Investoren anlocke.

Deutsche Wirtschaft in der Region Uljanowsk

Am anderen Ende des Spektrums in der russischen Regionalpolitik steht Sergey Morosow, der seit 2005 die Geschicke des Gebiets Uljanowsk bestimmt. Damit zählt er zu den drei dienstältesten Gouverneuren in Russland. In dieser Zeit habe sich die Region an der Wolga zu einem der bestentwickelten Industriestandorte des Landes entwickelt, wie Morosow in seinem Vortrag ausführte. In den vergangenen sechs Jahren seien zehn große deutsche Investitionsprojekte umgesetzt worden, deren Volumen eine halbe Milliarde Euro betragen habe. Ungeachtet der Sanktionen sei kein einziges Projekt mit deutschen oder anderen westlichen Partnern gestoppt worden. Der Außenhandel mit der EU sei in den vergangenen zwei Jahren um ein Drittel gewachsen, der Export dorthin sogar um 50 Prozent. Insbesondere die deutsche Wirtschaft wirke als „stabilisierender Faktor“ in den Beziehungen beider Länder, so der Gouverneur. Deutschland sei der wichtigste europäische Handelspartner seines Gebiets, das im Oktober von einer Delegation um Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger besucht wird.

Wirtschaftswachstum nur zufriedenstellend

Immer wieder fiel bei der Konferenz der Begriff „Stabilität“, wenn es um die Rahmenbedingungen für ausländische Investitionen in Russland ging. So auch beim Bericht über die finanzielle Lage des Landes, den Evgeny Nowak von der UniCredit Bank in Russland vorstellte. Das Wachstum der russischen Wirtschaft sei zuletzt mit über zwei Prozent zufriedenstellend gewesen, so Nowak. Zwar werde es dieses Jahr und 2020 nur noch bei knapp über einem Prozent liegen, dafür sei die Lage insgesamt sehr stabil. Insbesondere stünden die russischen Staatsfinanzen mit einer der weltweit größten Devisenreserve und einer der niedrigsten Schuldenquote gut da. Der Rubel habe sich weitgehend unabhängig gemacht von den Erdölpreisen, weswegen größere Kursschwankungen nicht zu erwarten seien. Auf eine weitere positive Tendenz wies Maxim Pasdnikow, Co-Chairman des Verbands der Industrieparks in Russland hin. Mittlerweile überträfen die russischen Exporte nach Deutschland die Importe. Möglich mache das nicht zuletzt der günstige Rubelkurs, der die Produktion im Land profitabel mache.

Zunehmend Sorge bereitet ausländischen Investoren, dass die russische Politik im Rahmen der Importsubstitution auf sie Druck zur Lokalisierung ihrer Produktion ausübt. Bilgeis Mamedova, Partnerin bei der Wirtschaftskanzlei Beiten Burkhardt in Moskau, berichtete über die aktuell diskutierte Verschärfung der Gesetzeslage. So könnte künftig das Industrieministerium den Unternehmen im Detail vorschreiben, welche Prozesse wann nach Russland verlagert werden sollen, damit ihr Produkt als „Made in Russia“ gilt. Doch dagegen rege sich Widerstand. Wichtig sei auf jeden Fall, dass die Auflagen nur dann gelten, wenn staatliche Abnehmer involviert sind. Dieser Zwang mache die Lokalisierung zwar unangenehm, die gesetzlichen Grundlagen ließen dagegen keine Fragen offen, ergänzte Thomas Mundry, Partner bei der Kanzlei Noerr. So sei es in jedem Einzelfall leicht festzustellen, welche Anforderungen der Staat an ausländische Investoren stellt, wenn sie sich an seinen Ausschreibungen beteiligen.

Chancen für Industrie in Digitalisierung

Kritik an der forcierten Importsubstitution äußerte Dietrich Möller, langjähriger Präsident von Siemens in Russland. Oft gewinne nicht die Firma die Ausschreibung, die das beste Produkt hat, sondern das „lokalste“. Stattdessen wünscht sich Möller Reformen, die Innovationen fördern und auf internationale Wettbewerbsfähigkeit ausgerichtet sind. Dann bestünde die Chance, dass mehr russische Marken als nur Kalaschnikow und Wodka weltweit bekannt würden.

Eine gute Perspektive für die deutsche Industrie sieht Möller vor allem bei der Digitalisierung der Industrie. Russische Fabriken hätten großen Nachholbedarf bei digitalen Lösungen. Siemens rechne sich zudem gute Chancen bei großen Infrastrukturprojekten wie dem Ausbau der Hochgeschwindigkeitsbahn bis nach Kasan aus. „Ich bin guter Dinge, dass wir die Chinesen aus dem Feld schlagen kann“, sagte Möller und wies darauf hin, dass ein Projekt dieses Maßstabs auch zahlreiche kleinere Firmen aus Deutschland nach Russland bringen würde. Möller zeigte sich zuversichtlich, dass die Russen den Wert eines zuverlässigen Technologiepartners wie Deutschland verstanden hätten. Insgesamt schätzt er die Situation in Russland als stabil ein und seine Wirtschaftspolitik als berechenbar. Das Geschäft in Russland bleibe hochprofitabel, auch wenn die Sanktionen wohl noch auf lange Zeit bestehen bleiben dürften. „Man muss die Sanktionsregeln beachten, es bleibt aber genug Raum für Geschäfte“, so Möller.

Hohe Margen in Russland

Die hohen Gewinnmargen, die man in Russland einfahren kann, kommen nicht von ungefähr, gibt Maxim Schachow, CEO der russischen Tochter des Automobilzulieferers Schaeffler, zu bedenken. Die Unternehmen preisten dabei das Risiko ein, das in Russland immer noch höher sei als in vielen anderen Ländern. Schaeffler habe sein erstes russisches Werk mitten in der Rubelkrise 2014 eröffnet. Der Kraftakt sei mit beständigem Wachstum am Markt belohnt worden. Das größte Problem sei heute die Suche nach lokalen Zulieferern. In der Autoindustrie lohne sich nur die Produktion im globalen Maßstab. Firmen, die nur für den relativ kleinen russischen Markt arbeiteten, hätten Schwierigkeiten, diesen Bedarf zu bedienen. Es bestehe großer Bedarf an Investitionen in die Produktion, doch seien dafür die Kredite in Russland noch zu teuer, so Schachow.

Während Schaeffler zurzeit keine Pläne zur weiteren Lokalisierung verfolgt, setzten deutsche Autobauer wieder verstärkt auf Russland. Im April eröffnet Daimler unweit von Moskau sein erstes russisches Werk, und auch BMW plant, seine Kapazitäten in Kaliningrad zu erweitern. Traditionell stark in Russland vertreten ist Volkswagen, bei dem mittlerweile jedes vierte in Land produzierte Fahrzeug in den Export geht. 

Automobilbranche: E-Auto wird nicht zum Marktboom führen
In Russland produzieren, in die Welt liefern, das könnte der Normalfall in der russischen Autoindustrie werden. Denn das Wachstumspotenzial des heimischen Markts ist begrenzt, erläuterte Tatjana Lukovezkaja, die beim führenden russischen Automobil-Analysten Avtostat die strategische Entwicklung leitet. Zwar sei der Kfz-Markt zuletzt wieder gewachsen, die glänzenden Zahlen von 2012 werde er aber nicht mehr erreichen, so Lukovezkaya. Damals wurden in Russland 2,8 Millionen Neuwagen verkauft und das Land war drauf und dran, der größte Automarkt in Europa zu werden. Heute habe sich der Absatz auf 1,8 Millionen Fahrzeuge eingependelt. Obwohl die Automobilisierung mit 301 Autos je 1000 Einwohnern in Russland noch weit unter dem westeuropäischen Niveau liege, dürfte der Absatz auch in den kommenden Jahren nicht mehr stark wachsen. Lukovezkaya macht zwei neue Trends für Entwicklung verantwortlich: Aufgrund der Geburtendelle in den Neunzigern schwinde die Gruppe der jungen Russen, die gewöhnlich die eifrigsten Käufer von Neuwagen seien. Zudem setzten diese potenziellen Käufer immer mehr auf neue Formen der Mobilität wie etwa das Car-Sharing.

Selbst ein etwaiger globaler Siegeszug der E-Autos werde in Russland nicht zu einem Auto-Boom führen. Zum einen sei der Benzin dort äußerst günstig. Außerdem zögerten die Russen noch beim Kauf solcher Fahrzeuge, weil ihr Wiederverkaufswert wegen der rasanten technologischen Entwicklung schnell falle. „Wer möchte heute noch ein iPhone 4 kaufen“, verdeutlicht Lukavezkaya das Dilemma.

Von Bojan Krstulovic

Wir danken den Sponsoren des Investitionsforums: Beiten Burkhardt, Spectrum Group, Noerr, RAEX-Europe, HypoVereinsbank (UniCredit DE). Unmittelbar nach dem Investitionsforum fand in den Räumlichkeiten der Firma Noerr der AHK-Treff statt, gesponsert von S7 Airlines. Für die Gastfreundschaft und die großzügige Unterstützung unserer Networking-Veranstaltung bedanken wir uns herzlich im Namen aller AHK-Mitglieder.

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