Interview

Alexej Repik: „Man muss nicht alles selbst machen. Aber man muss es können“

04.10.2021

R-Pharm ist eines der erfolgreichsten Pharmaunternehmen Russlands. Der Konzern produziert nicht nur den russischen Impfstoff Sputnik, sondern auch in Lizenz den Impfstoff von AstraZeneca. R-Pharm-Gründer und Vorsitzender des Unternehmerverbands „Delowaja Rossija“, Alexej Repik, erklärt, warum sich die gegenseitige Anerkennung der Impfstoffe hinzieht, wieso „Impf-Cocktails“ der richtige Ansatz sind und wie das deutsch-russische Verhältnis verbessert werden kann.

Tamta Agumawa, AHK Russland


Ist Sputnik V ein Erfolg oder ein Reinfall?

Ein großer Erfolg. Für die Forschung und ganz konkret für das russische Gesundheitswesen. Denn die Impfung mit Sputnik V hat unzähligen Menschen das Leben gerettet. Sie waren einfach besser gegen eine Infektion gewappnet, als sie mit Covid-19 zusammentrafen.

Welche Impfstoffe produziert Ihr Unternehmen R-Pharm?

Sputnik V und Sputnik Light in drei Fabriken. Und zwar im High-Tech-Park Technopolis in Moskau, in Jaroslawl und in Rostow Weliki. Allein im August hat R-Pharm mehr als zwei Millionen Dosen Sputnik V und 19 Millionen Dosen Sputnik Light hergestellt. Sputnik Light ist jetzt wegen der nötigen Auffrischungsimpfungen sehr gefragt. Neben Medikamenten zur Vorbeugung und Behandlung von Covid-19 produzieren wir in Lizenz noch R-Covi, den Impfstoff von AstraZeneca der Oxford University.

Für R-Pharm sind Corona-Impfstoffe eine große Herausforderung. Bei Inspektionen in unserem Stammwerk in Jaroslawl hatten die Kontrolleure der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) nur minimale Beanstandungen. Wir rechnen bald mit einem EU GMP-Zertifikat, das den nötigen Qualitätsstandard bescheinigt.

Aber der Impfstoff AstraZeneca ist in Russland doch gar nicht zugelassen.

Richtig. Den exportieren wir. Die wichtigsten Absatzmärkte sind der Nahe Osten und die Golf-Länder, Nordafrika, also Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Marokko. Insgesamt in rund 40 Länder. Länder, die auch unseren Sputnik Light beziehen. Wir forschen zudem gerade daran, ob eine Kombination aus dem Oxford-Impfstoff, also AstraZeneca, und Sputnik Light für Booster-Impfungen genutzt werden kann.

Die weltweite Nachfrage nach Sputnik ist so hoch, dass Russland sie nicht befriedigen kann. Woran liegt das?

Schauen Sie mal: Wir schaffen es, den Inlandsbedarf auf dem russischen Markt zu decken. Das ist eine prima Leistung. Richtig ist, dass es an Fachkräften, Vorprodukten und Wirkstoffen fehlt. Da gibt es jetzt große Engpässe.

Aber AstraZeneca, BioNTech/Pfizer oder Moderna produzieren deutlich größere Mengen als Russland es mit Sputnik schafft.

In Deutschland und erst recht in den USA sind die Wirkstoffe und Komponenten besser verfügbar. Einfach weil die Pharmaindustrie dort weiter entwickelt ist. Deshalb verfügen die westlichen Konzerne auch über größere Lagerbestände und mehr Personal. Hinzu kommt, dass Sputnik schwerer zu reinigen ist. Bei AstraZeneca etwa erfolgt die Reinigung in zwei Etappen, bei Sputnik in fünf. Dadurch verlängert sich der Prozess und der Verbrauch von Reinigungsmitteln ist höher. Aber letztendlich gewährleisten wir höchste Sicherheit und höchste Reinheit des Impfstoffs. Darauf kommt es an.

Ihre Fabrik im bayerischen Illertissen hat es rund um die Sputnik-Debatte in Europa zu hoher Medienaufmerksamkeit gebracht. Was konkret stellt R-Pharm da her?

Eben weil die Nachfrage nach bestimmten Impfstoffkomponenten so sprunghaft anstieg, arbeiten wir fieberhaft daran, dort eine Biotechnologie-Produktion auf die Beine zu stellen. Die Anlagen dazu haben wir bei Merck gekauft. Merck versorgt uns auch mit Komponenten. Von der Firma Optima kommt die Ausrüstung zur sterilen Abfüllung und von Lindner Group die Reinraumtechnik.

Wann beginnt die Produktion von Sputnik V in Bayern?

Im vierten Quartal dieses Jahres wollen wir loslegen und mit der Herstellung der Impfstoffsubstanz beginnen. Fertige Sputnik-Impfdosen sollen dann ab dem ersten Quartal 2022 vom Band laufen. Die Fabrik hat sich übrigens noch nie mit Impfstoffen beschäftigt, sondern nur mit festen Arzneiformen, also Tabletten. Jetzt haben wir bereits die Montage der Anlagen beendet, sterile Reinräume errichtet und vier 2000-Liter-Reaktoren montiert.

Wollen Sie in Ilertissen für den russischen oder für den Weltmarkt produzieren?

Für den Weltmarkt. Der Standort gehörte zuvor Pfizer Deutschland und davor dem bayerischen Unternehmen Heinrich Mack. Alles steht bereit für den Produktionsstart. Aber die Herstellung von Impfstoffen und biotechnischen Produkten ist auch in Deutschland genehmigungspflichtig. Ein spezielles Gesetz regelt zum Beispiel Emissionen beim Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen und deren Auswirkungen auf die Umwelt. Und jede Zelle ist ein gentechnisch veränderter Organismus. Das ist also kein einfacher Weg.

Wann rechnen Sie mit den Genehmigungen?

Bereits im Oktober oder November. Der Technologietransfer findet bereits statt und ich denke, dass er bis dahin abgeschlossen ist.

Von wo nach wohin wird die Technologie transferiert?

Aus Russland nach Illertissen.

Warum haben Sie sich für Illertissen als Produktionsstandort entschieden?

Illertissen ist unser einziger Produktionsstandort in der Europäischen Union und wir haben nicht vor, weitere zu eröffnen. Wir schätzen die ausgezeichnete Qualifikation des dortigen Personals und die Qualität der technischen Lösungen. In Illertissen gibt es einen großen Kompetenzcluster für Chemie- und Pharmaindustrie. Gleich hinter unserer Mauer haben wir beispielsweise BASF als unseren Nachbarn. Dazu kommt, dass die Fabrik bereits von allen möglichen internationalen Regulierungsbehörden zertifiziert war – von der Europäischen Arzneimittel-Agentur, der brasilianischen Nationalen Behörde für Gesundheitsüberwachung (Anvisa), der Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten (FDA). Dadurch bekamen wir sofort Zugang zum Weltmarkt.

Was bedeutet Ihnen Deutschland?

Deutschland ist der vielversprechendste und attraktivste Markt Europas und ich sah in Deutschland von Anfang an eine gute Chance, unser europäisches Geschäft auszubauen. Aber ich bin dem Land auch emotional verbunden. Meine Mutter hat lange Zeit in Deutschland gelebt und gearbeitet. Sie spricht einwandfreies Deutsch, ich leider nicht.

Wie schwer ist, als russisches Pharmaunternehmen nach Deutschland zu kommen? Schließlich gibt es nicht wenige rechtliche und mentale Unterschiede.

Es war schwierig und einfach zugleich. Durch die Übernahme des Werks von Pfizer im Jahr 2014 haben wir uns Kompetenzen angeeignet, die auch die Qualität in unseren russischen Produktionsstandorten steigern. Natürlich stoßen russische Unternehmen beim Markteintritt in anderen Ländern auf bestimmte Schwierigkeiten. Uns ist es zum Beispiel nicht gelungen, in Deutschland einen Kredit für die Ausstattung unserer Fabrik zu bekommen. Wir mussten dafür auf unsere Eigenmittel zurückgreifen.

Wie viel haben Sie schon in Ihre Fabrik in Bayern investiert?

Deutlich mehr als 100 Millionen Euro.

Geht es bei der Impfstoffzulassung um einen Lern- und Qualitätsprozess oder spielen politische Gründe eine Rolle?

Sowohl als auch. Die klinischen Daten müssen den Anforderungen der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) entsprechen. Das Dossier besteht aus mehreren dicken Bänden. Wir haben da bereits wichtige Kapitel zu Ende geschrieben. Aber es gibt noch Einiges zu ergänzen.

In Russland war Sputnik V bereits im August vergangenen Jahres registriert worden. Mehr als ein Jahr ist vergangen. Warum dauert die Zulassung in Europa so lange?

Den Antrag in der Europäischen Union haben wir erst im März 2021 gestellt. Das muss man berücksichtigen. Selbst für den von meiner Firma R-Pharm hergestellten Oxford-Impfstoff gibt es in Russland immer noch keine Zulassung. Und dafür gibt es eine Erklärung: Fast alle zugelassenen Impfstoffe wurden in einem Schnellverfahren registriert. Die Regulierungsbehörden brauchen einerseits vollständige Daten, um eine Zulassung zu erteilen. Denn sie müssen alle möglichen Risiken einkalkulieren. Was aber sagt ein russisches Unternehmen, wenn es zur russischen Regulierungsbehörde kommt, oder ein deutsches Unternehmen, wenn es zur deutschen Regulierungsbehörde kommt? „Leute, ihr kennt uns schon seit langem und wisst, dass wir hier schon seit vielen Jahren Gutes leisten und bei uns alles in Ordnung ist.“ Wichtig ist auch, zu versprechen, zunächst den Inlandsmarkt zu versorgen. Mit der Erteilung einer Zulassung will die Regulierungsbehörde vor allem erreichen, dass der Impfstoff so schnell wie nur möglich auf den Inlandsmarkt kommt. Das ist auch bei uns in Russland so. Bei allen Bemühungen des Russischen Direktinvestitionsfonds und anderer Akteure, Sputnik V international zu vermarkten, hatte Präsident Wladimir Putin die Versorgung des russischen Marktes unmissverständlich zur Priorität erhoben.

Schon der Name Sputnik deutet auf politischen und öffentlichkeitswirksamen Ehrgeiz. Denn er spielt auf einen spektakulären sowjetischen Erfolg an: den ersten Satelliten im Weltall 1957.

Da möchte ich mich nicht an Spekulationen beteiligen. Politik ist nicht mein Metier. Sicher gab es einen Wettlauf der Impfstoffe. Und als beispielsweise Großbritannien erklärt hat, im eigenen Land produzierte Impfstoffe erst dann nach Europa zu liefern, wenn der Eigenbedarf gedeckt ist, wurde eine Medienkampagne gegen das Land gestartet. Auch Sputnik V hat für Kontroversen gesorgt. Ich bin sicher, dass sich mit der Zeit die Erkenntnis durchsetzen wird, dass internationale Zusammenarbeit der einzige Weg ist, das Virus zu besiegen. Wir können zum Beispiel Impfstoffe bei Auffrischungsimpfungen kombinieren.

Welche Impfstoffe sollten mit welchen anderen Impfstoffen kombiniert werden?

Neue Virusvarianten entstehen, weil das Virus, nachdem es auf unsere Immunantwort gestoßen ist, nach Schlupflöchern sucht und sich verändert. Dementsprechend müssen auch wir neue Impfstoffe entwickeln und verschiedene Impfstoffkombinationen erforschen. Schauen Sie sich an, wie heutzutage HIV oder Hepatitis C behandelt wird. Da nutzen Ärzte inzwischen einen Cocktail aus verschiedenen Präparaten. So sollten wir auch beim Coronavirus verfahren. Je größer der Unterschied, desto besser der Schutz. Ich habe mich deshalb sehr gefreut, als sich AstraZeneca und das Moskauer Gamaleja-Institut, der Erfinder von Sputnik, nach langen Diskussionen für eine gemeinsame Untersuchung von Impfstoffkombinationen entschieden hatten. Das ist der richtige Weg.

Das Virus kennt keine Grenzen und fragt nicht, ob jemand Russe, Deutscher oder Amerikaner ist. Obwohl sich die Wirtschaft globalisiert, haben sich Regierungen beim Anti-Covid-Kampf weltweit ihr Heil in nationalen Lösungen gesucht.

Wir leben in rigiden und oft von Vorurteilen geprägten Gesellschaften. Ich habe viele Freunde in Deutschland und auch 30 Jahre nach der deutschen Vereinigung gibt es immer noch Unterschiede zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen. Veränderungen brauchen eben Zeit.

Uns scheint, dass Ihr Wirtschaftsverband „Delowaja Rossija“ und die AHK sich sehr schnell darauf einigen könnten, dass Deutsche, die mit Biontech oder AstraZeneca geimpft sind und einen negativen PCR-Test vorlegen, nach Russland ohne lange Quarantäne einreisen können, und umgekehrt Russen, die mit Sputnik geimpft sind, nach Deutschland.

Wir sind aber keine Politiker. Und natürlich muss der Schutz der Gesundheit der Bürger die Hauptaufgabe sein. Ich stimme aber zu: Wir brauchen die gegenseitige Anerkennung der Impfstoffe.

Warum ist die Impfquote in Russland niedriger als in Deutschland?

So weit sind wir von Deutschland gar nicht entfernt. In Russland sind inzwischen auch knapp 50 Millionen Menschen mit einer Erstdosis geimpft. Impfgegner gibt es sowohl in Russland als auch in Deutschland oder in Amerika. Generell halten wir Russen und Slawen nicht so viel von Vorbeugung, egal worum es geht. Ein Problem wird so lange geleugnet, bis man selbst damit konfrontiert wird. In Russland gibt es nicht wenige, die leugnen, dass es Covid überhaupt gibt. Bis sich dann ein Verwandter oder jemand im Freundeskreis mit dem Coronavirus ansteckt. Dann wird panisch der Arzt gerufen. Vielleicht hätten wir im Impfungen verbieten sollen, dann würden nicht wenige Leute, die jetzt gegen Impfungen sind, unbedingt geimpft werden wollen. (lacht). Da spielt unser Nonkonformismus hinein. Der Drang, sich der allgemeinen Meinung zu widersetzen.

Weil Russen in der Tiefe ihrer Seele Anarchisten sind?

Weil sie Revolutionäre sind und darauf brennen, es anders zu machen. In Russland begegnen wir oft allem, was von oben kommt mit Skepsis. Das hat auch mit dem Sowjeterbe zu tun. Zu Sowjetzeiten geschah alles „auf Befehl“. Und nun gestaltet sich der Übergang von „auf Befehl“ zu „freiwillig“ eben schwierig. Zudem ist die russische Pharmaindustrie relativ jung. Sie muss noch wachsen und das Vertrauen gewinnen. Daran arbeiten wir.

Wie hat sich die Pharmabranche in Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion entwickelt?

Der Unterschied ist gewaltig. Das sieht man an den Produktionsmengen, an der Zahl neuer innovativer Produkte und auch an der Anzahl der Unternehmen. Aber ohne die lautstarke Aufforderung des Staates hätten wir in der Coronakrise unser Potenzial sicher langsamer ausgeschöpft. Man muss nicht immer alles selbst machen. Aber man muss es können – für den Fall, dass es zu Engpässen kommt, wie dies zu Beginn der Pandemie der Fall war, als viele europäische Länder plötzlich auf Rohstoffe und Vorprodukte aus China angewiesen waren. Diese Kompetenz muss man für die Schaffung neuer Produkte nutzen, die nicht nur hierzulande, sondern überall gefragt sind. So baut man Unternehmen wie BioNTech oder R-Pharm auf.

Welche Ziele setzt sich Ihr Unternehmen?

Wir wollen dieses Jahr beim Umsatz die psychologisch wichtige Marke von drei Milliarden US-Dollar knacken, beschäftigen mehr als 5000 Mitarbeiter und verfügen über 7 Produktionsstandorte in Russland.

Sie sind auch Vorsitzender des Unternehmerverbandes „Delowaja Rossija“. Was muss getan werden, um das Wirtschaftswachstum in Russland anzukurbeln?

Die Nachfrage durch aggressivere Entwicklungs- und Infrastrukturprogramme stärken und auf Zukunftstechnologien ausweiten. Die staatliche Regulierung in allen Bereichen zurückfahren. Auf übermäßige Kontrolle verzichten. Es ist falsch, wenn ein Unternehmen kein Recht auf einen Fehler hat und sich vor Entscheidungen drückt, weil es negative Folgen für sich und seine Aktionäre befürchtet. Das muss geändert werden.

Wie könnten die deutsch-russischen Beziehungen verbessert werden?

Es gibt viele bilaterale Großprojekte, die das Rückgrat unserer wirtschaftlichen Zusammenarbeit bilden. Große Projekte in Deutschland, die für russische Konzerne von Interesse sind. Große Projekte deutscher Firmen in Russland. Wir brauchen aber mehr tägliche Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Wir müssen den guten Dialog zwischen unseren Ländern stärker nutzen, um russische Auftragnehmer in deutsche Produktionsketten zu integrieren und deutsche Auftragnehmer in russische Produktionsketten. Wir müssen eine Kette kleiner gegenseitiger Interessen schaffen. Wenn dann eine Abkühlung der Zusammenarbeit vielen Menschen schadet, würde das die Politik von unüberlegten Schritten abhalten.

Haben Sie einen Traum?

Mein Traum ist, immer einen Traum zu haben.

 

Impuls 3/2021

 

Medizin und Pharma – gesund durch die Krise

 


alle Artikel lesen


PDF DOWNLOAD

Verwandte Nachrichten

04.10.2021
AHK-Medien

Merck und Nanolek – deutsche Qualität aus russischer Fertigung

04.10.2021
Interview

AHK-Gesiсhter: Polina Tveleneva

04.10.2021
AHK-Medien

Grußwort von Gesundheitsminister Michail Muraschko

Ansprechpartner

Thorsten Gutmann

Leiter der Abteilung Kommunikation & Marketing