„Bayer und Russland – das passt perfekt“

Interview mit Niels Hessmann, CEO Bayer Russland (erschienen in „100 Fragen und Antworten zum Russlandgeschäft“, Ausgabe 2018)

Bayer ist schon seit über 140 Jahren in Russland. Mit welchen Unternehmensbereichen sind Sie hier vertreten?

Ja, wir sind schon seit langem in Russland und wollen mindestens noch einmal so lange hier bleiben. Global hat Bayer vier Divisionen: Pharmazie, Consumer Health (nicht verschreibungspflichtige Medikamente), Tiergesundheit und Landwirtschaft. Mit all diesen Bereichen sind wir auch hier in Russland vertreten. Einen Unterschied gibt es im Bereich der nicht verschreibungspflichtigen Medikamente, der hier in Russland stärker aufgestellt ist. Das hängt damit zusammen, dass wir vor zehn Jahren eine lokale Firma gekauft haben. Daher ist Consumer Health proportional grösser, als das global der Fall ist.

Welche dieser Divisionen ist in Russland die größte und erfolgreichste?

Ich würde die größte und die erfolgreichste unterscheiden. 2017 hatten wir insgesamt einen Umsatz in Russland von 809 Millionen Euro. Mit 314 Millionen hatte unser Pharmabereich daran den größten Anteil. An zweiter Stelle folgte Consumer Health mit 262 Millionen, dann Landwirtschaft mit 216 Millionen und Animal Health mit 15 Millionen. Das zeigt die Proportionen. Der Erfolg lässt sich schwer beurteilen, da alle Divisionen im Life Science-Sektor tätig sind und sich alle über die Jahre hinweg gut entwickelt haben. Mal wächst die eine schneller, mal die andere. Insgesamt sind die Wachstumszahlen positiv für alle Divisionen. Die höchste Wachstumsrate hat aktuell der Pharmabereich. Getrieben auch von Neueinführungen, die sich auch im Markt beweisen, weil es eine hohe Nachfrage gibt und sie innovationsbasiert sind. „Bayer – Science for a better life“ ist unser Slogan und danach handeln wir.

Was sind für Sie die Besonderheiten des russischen Markts?

Zum Länderprofil Russland passt bei der Beschreibung zum Teil das VUCA-Konzept – das steht für Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity. Ich stimme dabei für Russland vor allem dem V und U zu, d.h. der Markt ist in Teilen von Volatilität und Unsicherheit geprägt. Darauf muss man sich einstellen, wenn man hier aktiv ist. Ein weiterer wichtiger Faktor ist gerade in den letzten Jahren die Bewegung in Richtung mehr Lokalisierung. Das gibt es auch in anderen Ländern, aber in Russland ist das ein recht neuer Trend, der deutlich vorangetrieben wird. Worin sich das Land ebenfalls unterscheidet, ist, dass der Fokus in Russland sehr stark auch vom Präsidenten und von der Regierung mitbestimmt wird – und der liegt momentan auf Life Science. Zum einen wird auf das Thema Gesundheit gesetzt – so soll etwa die Lebenserwartung erhöht werden, zum anderen im Bereich Landwirtschaft. Russland will den Export von landwirtschaftlichen Produkten erhöhen. Und das sind nun genau die beiden Bereiche, in denen Bayer tätig ist. Bayer und Russland – das passt also perfekt.

Die sogenannten Mai-Dekrete des Präsidenten spielen Ihnen also in die Karten?

Ja, jetzt muss man noch schauen, wie das umgesetzt wird. Ich kann aber gut verstehen, dass das die Prioritäten der Regierung sind. Jetzt liegt die Lebenserwartung bei 72 Jahren. Der Anstieg in den letzten Jahren war sehr groß. Die Erwartung ist nun, den Anstieg der Lebenserwartung auf 78 Jahre zu erhöhen – innerhalb von sieben Jahren. Da muss schnell sehr viel geschehen im Gesundheitsbereich, denn global erhöht sich die Lebenserwartung im Schnitt, so die Faustregel, um etwa drei bis vier Monate im Jahr, und die Steigerung in Russland muss also weiterhin deutlich überproportional sein, um das Ziel zu erreichen. Neue Pharmazeutika haben einen Anteil an der Steigerung der Lebenserwartung von etwa 40 Prozent, also etwa ein bis zwei Monate im Jahr. Wir leisten also einen großen Anteil an der Erhöhung der Lebenserwartung.

Viel hat man sich auch für das Ziel vorgenommen, dass die russische Landwirtschaft mehr exportieren soll. Die Exporte liegen jetzt bei etwas mehr als 20 Milliarden US-Dollar. Diese Zahl soll bis 2024 mehr als verdoppelt werden. Man kann das durch eine Erweiterung der landwirtschaftlichen Nutzflächen erreichen – etwa ein Drittel ist noch unbenutzt. Aber auch durch eine Produktivitätssteigerung. Denn die ist in Russland je nach Bereich nur einen Bruchteil so hoch wie etwa in Westeuropa. Das Gewinnpotenzial ist also enorm. Ich persönlich halte das Potenzial der Landwirtschaft sogar für noch etwas größer als im Gesundheitssektor.

Wir haben bereits festgestellt, dass Russland ein volatiler Markt ist. Wie hat sich die Krise der vergangenen Jahre bei Ihnen bemerkbar gemacht?

Wir haben das im Life Science-Bereich weniger gemerkt, als andere Industriezweige. Die Menschen brauchen Medikamente und die Landwirte brauchen unsere Produkte. Wir sind daher recht gut durch die Krise gekommen und hatten weiter Umsatzsteigerungen. Was wir gemerkt haben ist, dass die Preissensibilität gestiegen ist. Außerdem hat sich durch die russischen Gegensanktionen die lokale Landwirtschaft stärker entwickelt. Das ist ein für uns zum Teil positiver Effekt, den wir als internationaler Konzern allerdings in anderen Ländern verlieren, die sonst nach Russland exportiert hatten.

Ihnen hat auch geholfen, dass Sie lokal so präsent sind. Bayer hat in Russland in 35 Städten Standorte. Wie wichtig ist für Sie das Thema Lokalisierung?

Lokalisierung steht hoch oben auf unserer Agenda. Insgesamt ist unser Ziel bei Bayer, einen Lokalisierungsgrad von mehr als 30 Prozent bis in fünf Jahren zu erreichen. Wir haben erstmals 1995 im Bereich Animal Health in Russland lokalisiert. Wir haben das in der Folge hauptsächlich mit Hilfe lokaler Partner ausgebaut. Als Bayer noch die Division Material Science hatte, besaßen wir auch ein eigenes Werk, das uns durch die Abspaltung dieser Division in ein eigenständiges Unternehmen jedoch nicht mehr gehört. Recht stark haben wir momentan im Bereich Landwirtschaft lokalisiert – gut 25 Prozent. Im Pharmasektor sind wir ebenfalls dabei, zu lokalisieren. Die Prozesse stehen schon sowie die Installation vor Ort und die Produktionslinie. Das erste Produkt, ein Kontrastmittel für computertomographische Untersuchungen, ist gerade im November dieses Jahres lokal produziert worden. Unser Blutgerinnungshemmer Xarelto, das größte Produkt in Russland in der Kardiologie, wird Ende 2020 lokalisiert sein. In der Landwirtschaft wollen wir innerhalb von drei bis vier Jahren einen Lokalisierungsgrad von 40-50 Prozent erreichen. Im Consumer Health-Sektor läuft bereits ebenfalls ein Projekt, mit der Absicht, zusätzliche Produkte in Russland zu lokalisieren.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den russischen Partnern?

Sehr gut. Man muss natürlich schauen, dass man die richtigen Partner findet. Der Selektionsprozess ist sehr lang und dauert etwa eineinhalb bis zwei Jahre. Damit stellen wir sicher, dass auch die Qualitätsstandards stimmen. Wenn man die richtigen Partner dann gefunden hat, geht es jedoch recht schnell. Natürlich ist auch ein Training des Personals wichtig. Unsere Spezialisten sind ständig bei unseren Partnern und geben Expertise weiter.

Sie haben kürzlich die Monsanto-Fusion erfolgreich abgeschlossen. Wie lief hier die Einigung mit der russischen Antimonopolbehörde FAS und was bedeutet die Fusion für Ihr zukünftiges Russlandgeschäft?

Dieser Prozess hat in sehr vielen Ländern stattgefunden, es ist also normal, dass wir auch in Russland die Genehmigung der Antimonopolbehörde brauchen. Er hat etwas länger gedauert, als wir dachten, aber im Endeffekt sind wir allerdings zu einer guten Einigung gekommen. Wir haben uns mit dem FAS darauf geeinigt, dass wir bestimmtes Know-how und Expertise an landwirtschaftliche Spezialisten in Russland weitergeben werden. Das Instrument dafür ist ein Technology Transfer Center, das zusammen mit der Higher School of Economics in Moskau aufgebaut wird. Wir werden bestimmte Technologien an Russland weitergeben – etwa im Bereich Molecular Breeding. Man kann in Pflanzen bestimmte genetische Materialien identifizieren und dann herausfinden, welche Gene für welchen Charakterzug einer Pflanze zuständig sind. Das hat nichts mit GMO zu tun, sondern ist der natürliche Prozess, Pflanzen zu kreuzen. Für bestimmte Gewächse werden wir solche Charakterzüge zur Verfügung stellen. Damit könnte man dann beispielsweise Pflanzen entwickeln, die auf die klimatischen Verhältnisse hier abgestimmt sind. Dann werden wir auch Saatgut an Russland liefern. Das sind keine enormen Mengen, aber sie erlauben Russland, dieses zu testen und es möglicherweise selbst weiterzuentwickeln. Die Gewächse, um die es geht, sind etwa Mais oder Getreide wie Weizen. Weiter werden wir mithelfen, eine Digitalplattform und entsprechende Anwendungen aufzubauen. Wir denken, mit all diesen Maßnahmen kann die russische Landwirtschaft viel anfangen und ihre Produktivität steigern.

Gemeinsam mit dem Fonds zur Entwicklung von Internetinitiativen (FRII) haben Sie einen Accelerator für Start-ups, Grants4Apps, ins Leben gerufen. Was hat es damit auf sich?

Wenn man von Lokalisierung redet, denken viele in Russland oft an eine Lokalisierung der Produktion. Im Sinne eines Technologietransfers ist das für Russland auch sinnvoll. Mehr hat das Land – und auch Firmen – aber sicher vom Transfer im Forschungs- und Entwicklungsbereich. Wir arbeiten daher in Russland mehr und mehr daran, genau solche Projekte vor Ort zu haben. In Teilbereichen wurde das schon umgesetzt. Ein Weg dorthin ist Grant4Apps mit FRII. Ziel dabei ist, Start-ups zu helfen, indem wir ihnen Expertise bereitstellen. Die Start-ups stehen dazu im Austausch mit unserem Hauptquartier. Sie sind extrem kreativ und sehr schnell, aber was ihnen oft fehlt, ist die Kenntnis, ein fertiges Produkt auf den Markt zu bringen. Dazu wollen wir einen Beitrag liefern. Außerdem stellen wir Räume zur Verfügung, etwa in unserem Innovation Room in Moskau. Dort können die Start-ups dann für drei Monate sitzen.

Würden Sie ein paar Beispiele für solche Start-ups nennen?

Ein Beispiel ist Semantic Hub, das hilft, aus den enormen Datenmengen im Bereich klinische Studien die richtigen Schlussfolgerungen herauszufiltern. Dafür gibt es einen extrem hohen Bedarf in allen Pharmaunternehmen. Ein weiteres Beispiel ist das lokale Unternehmen Capsula, das an einem besseren Monitoring von Patienten arbeitet. Das ist gerade in einem riesigen Land wie Russland wichtig, wo viele Patienten weit entfernt von einem Arzt leben. Über Internet soll so eine bessere Beratung zwischen Arzt und Patienten gewährleistet werden – bis hin zur Telekonsultation per Bildschirm.

Wo kooperieren Sie noch mit Start-ups?

Ein weiteres Projekt von uns ist „CoLaborator“, das stärker wissenschaftlich geprägt ist. Da geht es vor allem um den Austausch von wissenschaftlichem Know-how. In diesem Rahmen gibt es wiederum drei Projekte mit einem kardiologischen Zentrum in St. Petersburg, ein Onkologieprojekt in Nowosibirsk und in Moskau mit einem Start-up in Skolkowo. Bayers Anteil dabei ist zum einen eine finanzielle Unterstützung – mit einer Förderung von bis zu 25.000 Euro pro Projekt. Zum anderen helfen wir mit Expertise. Das Potenzial für Forschung ist hier sehr hoch. Die Menschen sind sehr gut ausgebildet; es wäre schade, das nicht zu nutzen – für das Land, aber auch für Bayer. Es ist also eine Win-Win-Situation.

Herr Hessmann, Sie selbst sind bereits seit über 3 Jahren in Russland und seit 26 Jahren bei Bayer. Im März 2018 sind Sie in den Vorstand der AHK gewählt worden und zuständig für Bereich Pharma. Wie wollen Sie sich hier einbringen?

Ich setze mich für den gesamten Bereich Life Science ein, also Gesundheit und Landwirtschaft. Das Umfeld dafür ist in Russland grundsätzlich positiv, wird aber schwieriger. Im Gesundheitssektor gibt es etwa offensichtliche Fälle von Patentverletzungen. Das ist für alle Industrien, besonders aber für unsere innovationsgetriebene Industrie, inakzeptabel. Ich sehe meine Rolle darin, durch Lobbying und Information von Behörden und anderen Stakeholdern dazu beizutragen, dass Patente geschützt werden. Im Landwirtschaftsbereich gibt es z.B. eine Diskussion über Dumpingzölle und Importquoten, obwohl ganz offensichtlich internationale Konzerne kein Dumping betrieben haben. Wir haben es also mit einer Art von Handelsbarrieren und unfairem Wettbewerb zu tun. Wenn sich Firmen entscheiden, in ein Land zu investieren, dann hängt das nicht nur von der Größe eines Geschäfts, sondern auch vom Vertrauen zum Land ab. Und solche Maßnahmen zerstören Vertrauen. Wer investiert in einem Land in eine Produktionslinie, wenn man damit rechnen muss, dass es danach kein Geschäft mehr gibt? Hier sehe ich meine Rolle darin, Behörden darüber informieren, dass dies der falsche Ansatz ist und es Rechtsschutz geben muss.

Welche Entwicklung der russischen Wirtschaft erwarten Sie?

In der Vergangenheit war es immer so, dass es Perioden gab, in denen es mit der russischen Wirtschaft stark aufwärtsging, und es dann nach einigen Jahren einen tiefen Einschnitt gab. Meiner Einschätzung nach nehmen diese Schwankungen ab. Die Wachstumsraten werden nicht mehr so hoch, aber die Tiefen nicht mehr so deutlich ausfallen – wenn nicht etwas Extremes geschieht. Und das zeigt auch, dass sich der russische Markt entwickelt hat. Nach wie vor denken wir, dass sowohl der Gesundheits- als auch der Landwirtschaftssektor überproportional wachsen wird.

Wie ist Russland für Sie persönlich?

Ich habe mich hier gut eingelebt, bin aber auch voreingenommen, weil ich Russisch kann und meine Frau Russin ist. Der Ruf des Landes ist im Ausland oft schlecht, wobei Russland in Wirklichkeit doch sehr viel zu bieten hat. Es wäre angebracht, etwas mehr Marketing in eigener Sache zu betreiben. Da hat die WM in diesem Jahr zum Glück vielen die Augen öffnen können, was Russland für ein tolles Land ist.

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