Interview

BEITEN BURKHARDT: „Russland ist so viel mehr als das, was wir sehen und kennen“

26.02.2021

Mit dem 1992 gegründeten Büro war BEITEN BURKHARDT eine der ersten deutschen Kanzleien in der russischen Metropole. Falk Tischendorf, Rechtsanwalt und seit elf Jahren Managing Partner des Moskauer Büros, über die Herausforderung Corona, die zunehmende Bedeutung der Lokalisierung und sein Projekt „Swimming Across Russia“.


Dieses Interview stammt aus unserer jährlichen Publikation „100 Fragen und Antworten zum Russlandgeschäft“. (2020). In Interviewform schildern die in Russland tätigen Unternehmen ihre je persönliche Sicht auf ihre Branche und den russischen Markt.


Sie sind schon ziemlich lange in Russland. Was reizt Sie privat und geschäftlich besonders am Land?

Mir gefällt, dass Russland – entgegen vieler Klischees – unglaubliche Freiheiten bietet, und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich an vielen spannenden Projekten teilnehmen, diese aktiv initiieren und gestalten und dabei sehr interessante Menschen kennenlernen darf.

Wie hat sich die Corona-Krise auf Ihre Branche allgemein und auf BEITEN BURKHARDT im Besonderen ausgewirkt?

Wir sind ein Beratungsunternehmen und helfen Unternehmen gerade im Umgang mit solchen Herausforderungen. Uns hat die Situation auch betroffen. Wir haben uns schnell daran angepasst und sind unmittelbar in das Remote-Verfahren gewechselt, noch bevor der Lockdown in Moskau kam. Es erforderte Flexibilität, aber auch eine gute Kenntnis der eigenen Mitarbeiter, um zu verstehen, wer in einer solchen Situation wozu in der Lage ist.

Die meisten Unternehmen mussten sich in der Krise stark umstellen und neu orientieren. Unsere Aufgabe war es, sie dabei zu unterstützen. In den letzten vier Monaten hatten wir daher sehr viel zu tun, und wir haben für alle unsere Mandanten gute Lösungen gefunden.

Hat sich beim Umgang mit den Mandanten etwas verändert?

Wer seit vielen Jahren Unternehmen auf dem russischen Markt betreut, ist immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Jetzt ist es die Covid-19-Situation, die dazu geführt hat, dass Unternehmen nicht nur in Russland vor ganz neue Fragen gestellt wurden: Darf ich morgen noch in den Betrieb, darf ich weiter produzieren, wie komme ich auf die Liste der systemrelevanten Unternehmen, ist eine konkrete Situation ein Fall einer Force Majeure, darf ich noch reisen und wenn ja, wohin und komme ich auch wieder zurück? Teilweise ganz simple Fragen, die auf einmal eine völlig neue Bedeutung bekamen. In manchen Fällen sind ganze Lieferketten zusammengebrochen, so dass auf einmal erhebliche Schadenersatzforderungen im Raum standen. Unser Job war es, dafür rasch Lösungen zu finden.

Mussten Sie dabei auch mit der Regierung zusammenarbeiten?

Ja, wir haben auch Gespräche mit den regionalen Behörden und Ministerien geführt, insbesondere zur Liste systemrelevanter Unternehmen. Das hat gut funktioniert; unsere Ansprechpartner waren alle erreichbar oder riefen rasch zurück. So konnten wir die Situationen lösen. Es war ein wichtiges Zeichen für die Unternehmen, dass es bei ihnen in irgendeiner Form weiter geht, selbst wenn die Welt um sie herum sich im Lockdown befindet.

Warum ist die Lokalisierung so wichtig? Hat sich ihre Bedeutung während der Pandemie verändert?

Die Covid-19-Pandemie hat dazu geführt, dass viele Unternehmen ernsthaft überlegen, ihre Produktionsabläufe anzupassen. Sie werden die neuen Gegebenheiten in ihren Kalkulationen berücksichtigen und sich überlegen, ob eine weit entfernte Produktion noch sinnvoll ist, wenn man hierdurch ein paar Cent beim Endprodukt einspart. Die Alternative ist, bestimmte Produktionsschritte wieder in die eigene Region, also nach Europa zurückzuholen. Diese Regionalisierung bietet auch für Russland enorme Möglichkeiten. Denn es gibt freie Produktionskapazitäten. Deshalb überlegen sich Unternehmen, weitere Produktionen in diese Werke zu verlagern. Allerdings werden Unternehmen in Russland nur dann lokalisieren, wenn sie eine auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähige Produktion aufbauen können, denn im Gegensatz zu früher geht es heute nicht mehr um reine „local for local“-Produktionen.

Und was kann Russland tun?

Ein wichtiger Punkt ist es, für Unternehmen nachvollziehbare und beständige Lokalisierungsanforderungen zu schaffen. Die Herausforderung fängt bereits bei der Definition an, was ein russisches Produkt ist. Hierzu führen wir immer wieder Diskussionen mit Unternehmen aller Branchen. Viele Unternehmen sind zwar bereit ein russisches Produkt herzustellen, beklagen aber, dass sie die entsprechenden Zulieferer in Russland nicht finden oder die Zulieferer nicht in der notwendigen Qualität produzieren oder nicht in der Lage sind, diese Qualität 24-Stunden sieben Tage in der Woche sicherzustellen. Natürlich kann man nicht von heute auf morgen ganze Lieferketten neu aufbauen. Das ist ein aufwendiger Prozess, der bei den Lokalisierungsanforderungen zu berücksichtigen ist. Die Aufgabe besteht darin, Unternehmen mit machbaren Vorgaben zu motivieren, wobei die Vorgaben in keinem Fall zu Abstrichen bei der Qualität führen dürfen.

Was ist neu an SPIK 2.0, wie sehen die Perspektiven für Investoren aus?

Rechtlich gesehen geht es nicht mehr um die Lokalisierung einer Produktion, sondern um die Lokalisierung von Hochtechnologieprozessen. Dabei wird sehr genau geprüft, ob es sich um eine Technologie handelt, die für den Aufbau und die Lokalisierung in einem konkreten Sektor benötigt wird und die als Grundlage für Massenproduktionen dienen kann. Zweitens geht es nicht mehr um Mindestinvestitionsvolumen. Drittens gibt es nun ein Ausschreibungsverfahren, d.h. mehrere Unternehmen können sich für den Abschluss eines Sonderinvestitionsvertrags bewerben.

Sie sind Vorsitzender des AHK-Komitees Compliance. Warum ist dieses Komitee wichtig? Was umfasst Ihre Tätigkeit im Rahmen des Komitees?

Grundsätzlich ist Compliance nichts anderes als die Selbstverpflichtung eines Unternehmens, sich bei seiner Tätigkeit an das geltende Recht und die internen Regularien zu halten. Bei den Sitzungen des Komitees geraten wir oft in heftige Diskussionen, was zeigt, dass diese scheinbar einfache Verpflichtung in der Praxis in allen wirtschaftsrelevanten Bereichen zu zahlreichen Fragen führt. Interessant ist, dass auch schon intensiv besprochene Fragen nie an Aktualität verlieren. Compliance ist alles, nur nicht banal. Es ist wichtig, ein Verständnis für dieses Thema zu schaffen, damit Unternehmen tatsächlich sicherstellen, dass sie in Übereinstimmung mit dem Gesetz handeln. Dazu gehört auch, sich einschlägige Regeln erst genau anzusehen und diese zu verstehen, bevor über das wirtschaftliche Vorgehen entschieden wird.

Welche Rolle spielen CSR-Projekte im Geschäft und in der Kommunikation mit Mandanten? Wie kann man diese Projekte in der Krise weiterhin unterstützen?

Wenn wir über CSR sprechen, geht es im Grunde darum, dass Unternehmen verstehen, dass sie auch Teil der sie umgebenden Gesellschaft sind und eine soziale Verantwortung tragen. Es geht also um die Verantwortung eines Unternehmens für nachhaltiges Management in ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht. Dabei geht es auch um die Verantwortung gegenüber den eigenen Mitarbeitern und der Umwelt. Es gibt daher bei sehr vielen Unternehmen Projekte, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind, weil sich sonst irgendwann der Sinn des Unternehmens überlebt. Das gilt umso mehr in Krisenzeiten, denn Unternehmen, die diese Verantwortung auch in schwierigen Zeiten bewusst übernehmen, investieren damit auch in ihre eigene Zukunft.

Erzählen Sie uns von Ihrem Projekt „Swimming Across Russia“. Wann, warum und wie wurde es ins Leben gerufen?

Der Anfang wurde 2014 am Ufer der Wolga gelegt, als ich scherzhaft einem Freund aus Samara vorschlug, den Fluss zu durchschwimmen. Er stimmte zu und wir sind tatsächlich gemeinsam über die Wolga geschwommen. „Swimming Across Russia“ («Переплывая Россию») hat sich seitdem zu einem Projekt entwickelt, hinter dem inzwischen ein ganzes Team deutscher und russischer Freunde steht. Wir gehen in die Regionen, wo wir Seen, Meere und Flüsse auf verhältnismäßig langen Distanzen durchschwimmen und zugleich Kindereinrichtungen, Dorfschulen, Dorfbibliotheken und Kindergärten vor allem mit Sportgeräten, Inventar und Büchern unterstützen. Es ist ein besonders schönes Gefühl, mehrere Tage so unmittelbar in weit entfernten Ecken Russlands verbringen und die Menschen vor Ort kennenlernen zu dürfen. In den Gesprächen verstehen wir alle sehr schnell, wie viel uns verbindet. Aus diesem Grund möchte ich im nächsten Jahr zwei Schulpartnerschaften mit Mecklenburg-Vorpommern auf den Weg bringen. Die Idee besteht darin, Kinder aus russischen und deutschen Schulen wieder öfter zusammenzubringen, damit sie verstehen, dass sie die gleichen Träume, die gleichen Sorgen und Ängste, aber auch die gleichen Hoffnungen haben. Wenn daraus auch nur eine neue Freundschaft entsteht, haben wir schon viel erreicht. Das Projekt wird inzwischen auch durch zahlreiche AHK-Mitglieder, wie BauTex, Fischer Sports, GEA, Siemens Healthineers, Rehau, Wilo, aber auch durch den russischen Fond für die Unterstützung staatlich wichtiger sozialer Projekte, sowie die Rotary Clubs Metropol Moskau und Humboldt Moskau und durch zahlreiche Einzelpersonen unterstützt. Hierfür sind wir sehr dankbar.

Hat dieses Projekt Ihre Sicht auf das Land im Allgemeinen verändert? Inwiefern?

Natürlich hat sich mein Bild von Russland erweitert, nicht nur in Bezug auf die Natur, sondern auch in Bezug auf die Menschen. Denn an allen Orten sind Freundschaften entstanden, die bis heute halten. Ich bekomme Briefe von den Kindern. Die Menschen vor Ort sind immer sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Wir genießen das Zusammensein vor und nach dem Schwimmen. Es gab Momente, wo ich auf einmal wirklich verstanden habe, wie unglaublich schön dieses Land ist. Deswegen möchte ich unbedingt eine Fotoausstellung über unser Projekt organisieren.

Erzählen Sie doch mehr von dieser Ausstellung.

Im Laufe des Projekts „Swimming Across Russia“ haben wir inzwischen neun Regionen Russlands besucht. Wir sind nördlich des Polarkreises über das Weiße Meer auf die Kola-Halbinsel und in Sibirien über den Baikal geschwommen. Wir waren an Orten, wo man zu Fuß ohne Weiteres gar nicht hinkommen würde und haben Bilder gesehen, die wir alle nie vergessen werden. Selbst meine russischen Freunde hat diese Schönheit ihrer Heimat nicht selten überrascht. Deshalb möchten wir in Deutschland im April eine Fotoausstellung mit Fotografien aus diesen Regionen organisieren. Wir möchten einfach zeigen, wie schön dieses Land ist. Russland ist so viel mehr als das, was wir sehen und kennen.

Wo soll die Ausstellung gezeigt werden?

Die Ausstellung soll im April in Rostock und Schwerin starten und anschließend auch in anderen Bundesländern zu sehen sein. Es freut mich sehr, dass das Interesse an einer solchen Ausstellung offensichtlich auch in Deutschland sehr groß ist.

Was sind Ihre Zukunftspläne für die nächsten fünf Jahre?

Ich mache keine Fünf- oder Zehnjahrespläne. Ich bin einfach froh, wenn ich all die Projekte und Ideen, die ich heute habe, realisieren kann und hoffentlich zahlreiche neue dazukommen.

Die Fragen stellte Elena Grigoreva.

Verwandte Nachrichten

16.08.2021
Interview

Stern Peterhof: „Ich glaube an das Modell, dem ich selbst folge: Nach meiner Lesart ist es eine Diktatur mit menschlichem Antlitz“

29.06.2021
Interview

LeasePlan Rus: „Wir bieten nicht einfach ein Automobil, wir bieten Mobilität“

26.06.2021
Interview

Gabec: „Nur Mut, der russische Markt ist noch lange nicht erschlossen“

25.06.2021
Interview

ATG-CNT Consult: Führungsqualität als Erfolgsfaktor für das Russland-Geschäft aus dem Dornröschenschlaf wecken

23.06.2021
Interview

Burnus Rus: „Made in Germany ist unser Wettbewerbsvorteil“

14.06.2021
Interview

Spectrum Travel: „Das Geheimnis erfolgreichen Krisenmanagements ist unser Personal“

16.03.2021
Interview

Sterngoff Audit: „Der Wirtschaftsprüfer von heute ist so etwas wie der Revisor von damals“

10.02.2021
Interview

Hermith GmbH: „Deutschland und Russland sind zur Zusammenarbeit verdammt“

25.01.2021
Interview

Varian: „Unser Erfolg fußt auf unseren Mitarbeitern, die sich dem Ziel einer Welt ohne Angst vor Krebs verschrieben haben“

16.11.2020
Interview

Stada: „Russland ist nach Deutschland der zweitwichtigste Markt für Stada“

Ansprechpartner

Thorsten Gutmann

Leiter der Abteilung Kommunikation & Marketing