„Billig und hohe Qualität funktioniert in unserem hoch komplexen Geschäft nicht“

Interview mit Joachim Bisch, ehemaliger geschäftsführender Gesellschafter und heutiges Mitglied des Beirats der Züst & Bachmeier Project GmbH sowie der Universal Transport Gruppe (erschienen in „100 Fragen und Antworten zum Russlandgeschäft“, Ausgabe 2018).

Die Geschichte von Züst und Bachmeier beginnt vor mehr als 100 Jahren. Und schon damals war Russland im Spiel?

In der Belle Epoque, jener Jahre des freien Unternehmertums, Zeit des Friedens und wirtschaftlichen Aufschwungs, hatte Züst & Bachmeier 1911 einen guten Start. Auch in Richtung Russland wurden damals, so die Überlieferung, bereits Textilmaschinen transportiert. Nach den Weltkriegen und der Rezession begann für unser Unternehmen eine neue Entwicklungsphase. Transeuropäische Transporte, Verschiffungen in Überseeländer und die Gründung zahlreicher Niederlassungen im In- und Ausland. Neben dem zwischenzeitlich sehr breit gefächerten Speditionsgeschäft entwickelte sich der Transport von Maschinen und kompletten Industrieanlagen und aller damit verbundenen Herausforderungen zu einer Kernkompetenz. Heute sind wir ein mittelständisch geprägtes international tätiges Projekt- und Logistikunternehmen und vornehmlich für Industrieunternehmen im internationalen Anlagen- und Maschinenbau tätig.

Wie ist die aktuelle Aufstellung – in Zahlen präsentiert?

Die Züst & Bachmeier Project GmbH ist ein Tochterunternehmen der Universal Transport Gruppe mit annähernd 30 Niederlassungen im In- und Ausland, 700 Mitarbeitern und einem Umsatz von ca. 230 Millionen Euro. Wir arbeiten für international tätige Firmen u. a. aus dem Öl- und Gasbereich, dem Energiesektor, der Baustoff- und Nahrungsmittelindustrie, der Bergbau- und Stahlindustrie. Als Überbegriff würde ich den Anlagen- und Maschinenbau nennen. In Russland sind wir bereits seit 1989 mit einem Büro in Moskau tätig. Heute unterhalten wir zwei Niederlassungen in Moskau und St. Petersburg. Wir sind übrigens seit Juni 2000 Mitglied der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer und haben in all den Jahren die Unterstützung der AHK schätzen gelernt.

Wie unterscheidet sich Ihr Leistungsspektrum in Deutschland von dem in Russland?

In Deutschland decken wir für eine Anzahl von Kunden neben der eigentlichen Transportdurchführung ebenfalls die gesamte versandorganisatorische Dienstleistung ab. Wir planen, koordinieren, überwachen und organisieren sämtliche Lieferungen von Anlagen, Maschinen, Komponenten und Ersatzteilen. Dazu gehört die Terminsicherung sämtlicher Unterlieferanten unserer Kunden sowie die Erstellung der Exportdokumentation. In Russland ist das alles im Allgemeinen noch kein Thema, so dass wir hier in der Regel mit der reinen Transportdurchführung betraut werden.

Wie stark hat sich die Wirtschaftskrise samt Sanktionen in Ihr Geschäft eingemischt? Und wie reagieren Sie darauf?

Die bestehenden Sanktionen beeinträchtigen natürlich auch unser Geschäft. Wenn Kunden ihre Verträge nicht realisieren können, sind auch wir davon betroffen. Russischen Firmen wollen wir künftig, ähnlich wie in Deutschland, weitere Dienstleistungen anbieten, und wir würden uns freuen, wenn dieser Service angenommen wird. Nachdem wir Maschinen- und Anlagentransporte bis in die entlegensten Regionen in Russland organisieren, sind wir neben der Zusammenarbeit mit unseren langjährigen Partnern stets offen für neue Verbindungen.

Wie vertragen Sie sich mit zahlreichen Mitbewerbern auf dem russischen Logistikmarkt?

Als ich 1989 zum ersten Mal nach Russland kam und wir mit einem eigenen Büro in Moskau begonnen hatten, waren wir hier noch eines von sehr wenigen deutschen Logistikunternehmen. Heute sind natürlich sehr viele Spediteure hier aktiv und der Konkurrenzdruck ist erheblich gestiegen. Auch wenn wir in einer ganz speziellen Nische tätig sind, werden bei russischen Industrieunternehmen primär nur Zahlen verglichen. Das Augenmerk auf Qualität, Zuverlässigkeit und Terminsicherheit wird dabei meines Erachtens aber leider vernachlässigt. Billig und hohe Qualität funktioniert in unserem hoch komplexen Geschäft aber nicht. Zuverlässige Partner, präzise Dokumentation, Terminsicherheit bei der Abholung der Anlagenteile und Maschinen bei meist weltweiten Unterlieferanten sowie bei der Anlieferung auf der Baustelle in ständiger Abstimmung mit allen Beteiligten, sind die Voraussetzung für eine erfolgreiche Projektabwicklung. Trotz aller politischen Unsicherheiten und Sanktionen sehen wir auch in den nächsten Jahren gute Möglichkeiten für eine weitere positive Entwicklung.

Warum soll ich mich als Kunde für Sie entscheiden? Was sind Ihre unschlagbaren Verkaufsargumente?

Wir sind einer der sehr wenigen Projektspediteure für den internationalen Anlagen- und Maschinenbau, der seit nunmehr fast 30 Jahren bis in die entlegensten Regionen in Russland tätig ist und stets erfolgreich große und komplexe Industrieanlagen, meist in Kombination, auf der Straße, mit dem Schiff, auf Pontons sowie per Bahn transportiert hat. Neben den Herausforderungen des eigentlichen Transports spielt die Erfahrung der Mitarbeiter im Umgang mit den komplexen Zollvorschriften und damit verbundener präziser Dokumentation eine entscheidende Rolle. Darüber hinaus kenne ich keine andere Projektspedition in Deutschland, die – so wie wir innerhalb der eigenen Gruppe – über einen eigenen Fuhrpark von 350 Schwer- und Spezialfahrzeuge verfügt und somit, falls notwendig, schnell und weitgehend unabhängig agieren kann. Wir sind ein mittelständisches, werteorientiertes Unternehmen mit kurzen Entscheidungswegen und einem sehr hohen Erfahrungspotential in Russland.

Was war bisher Ihr ungewöhnlichster Auftrag?

Von ungewöhnlich kann man eigentlich nicht sprechen. Es geht meist um die Herausforderung, ein Projekt in enger und partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Kunden und allen Beteiligten termingerecht abzuwickeln. Ob es sich um den Transport einer petrochemischen Anlage nach Sibirien, einer Gasbohrinsel ins Kaspische Meer, Anlagen für die Baustoff- oder Nahrungsmittelindustrie handelt, für uns sind immer die gleich hohen Anforderungen wichtig. Stets sind neben vielen normalen Transporten auch schwere Anlagenteile mit mehreren hundert Tonnen Stückgewicht und großen Abmessungen zu transportieren, für die zunächst eine geeignete Transportroute gefunden werden muss, ob über das russische nördliche Eismeer und anschließend z.B. über sibirische Flüsse wie Ob und Lena oder auch von Malaysia bis ins Schwarze Meer und anschließend durch den Wolga-Don Kanal ins Kaspische Meer mit anschließendem Anschlusstransport auf dem Landweg zur Baustelle. Neben „normalen“ Maschinen- und Anlagentransporten sind dies Herausforderungen, mit denen wir uns immer wieder zu beschäftigen haben.

Welche Herausforderungen stehen außerdem noch an?

Nachdem wir in erster Linie für deutsche Kunden arbeiten, wird einer unserer künftigen Schwerpunkte auf der Gewinnung von weiteren russischen Kunden liegen. Dabei ist es sicherlich notwendig, diese Firmen von unserem hohen Qualitätsanspruch zu überzeugen sowie Dienstleistungen anzubieten, die über die Organisation vom reinen Transport hinausgeht. Ein anderes Thema ist die Windkraft. Unsere Muttergesellschaft ist in Deutschland z.B. führend im Transport von Windkraftanlagen. Wir unterhalten gerade in diesem Segment eine große Anzahl von Spezialfahrzeugen, die für den Transport dieser Anlagen notwendig sind. Auch in Russland wird die Entwicklung von Windparks zunehmen, so dass wir uns vorstellen könnten, einen Teil unseres hierfür notwendigen Fuhrparks auch in Russland einzusetzen.

Die Digitalisierung ist das Schlagwort der heutigen Zeit. Wie digital ist Ihr Unternehmen?

Wir unterhalten eine leistungsstarke und innovative IT-Abteilung, die sich neben einer laufenden Weiterentwicklung unseres Systems natürlich auch – in Zusammenarbeit mit den operativen Abteilungen – mit den spezifischen Kundenanforderungen auseinander zu setzen hat. Neben einer IT-gestützten Disposition und Sendungsverfolgung, haben wir eine App entwickelt, über die sich unsere Kunden weltweit einloggen können, um z.B. ihre Sendungsdaten abzufragen. Unser System kann auch auf Wunsch an das System des Kunden angekoppelt werden.

Wie geht es für Züst & Bachmeier Project GmbH in Russland weiter?

Das künftige Entwicklungspotential in Russland ist nach wie vor sehr groß. Wir werden unsere Geschäftsaktivitäten in Zusammenarbeit mit unserer Muttergesellschaft weiter ausbauen und sicherlich auch in Zukunft ein zuverlässiger Partner für deutsche sowie auch russische Industrieunternehmen im Maschinen- und Anlagenbau sein.

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