Interview

BMW-Russlandchef: „Wir glauben an langfristiges Potential Russlands“

22.12.2020

Im Jahr 2020 konnte BMW seine Position in Russland trotz Corona-Krise ausbauen. Welche Rolle die Digitalisierung für den Erfolg spielt, warum der Premium-Autobauer auf eine eigene Produktion in Russland verzichtet und welches Zukunftspotential vollelektronische und autonome Fahrzeuge bieten, verrät BMW-Russlandchef Stefan Teuchert im AHK-Interview.

Wie läuft Ihr Geschäft zurzeit?

Wir sind glücklich, dass sich Russlands Automarkt trotz Corona vor allem im Premiumsegment sehr schnell erholt hat. BMW konnte sich sogar deutlich besser als der Markt entwickeln. Wir konnten unsere Anteile um bis zu drei Prozent erhöhen. Wir werden zum Jahresende beim Absatz sogar höher liegen als im Vorjahr. Nur in drei bis vier Märkten weltweit wird BMW dies erreichen.

Wie ist es Ihnen gelungen, trotz Krise zu wachsen?

Wir haben neue digitale Tools auf der BMW-Website sowie auf den Websites unserer Händler implementiert. Das hat uns sehr geholfen, als die Autohändler aufgrund von Anti-Corona-Maßnahmen in Russland schließen mussten. Wir haben die Kommunikation mit unseren Kunden und die Verkaufskanäle trotz Lockdown aufrechterhalten. Dadurch haben wir die Zeit optimal für uns genutzt. Bereits seit 2019 sind wir führend im russischen Premiumsegment. 2020 konnten wir unsere Position sogar deutlich ausbauen.

Hat sich die Rubelabwertung negativ auf die Kaufkraft Ihrer Kunden ausgewirkt?

Immer dann, wenn der Rubel schwächer wird, versuchen unsere Kunden, ihr Geld in Immobilien oder hochwertige Fahrzeuge zu investieren. Deswegen hatten wir im März, als die russische Währung in den Keller stürzte, eine starke Nachfrage nach großen Modellen – und das hat sich das ganze Jahr über fortgesetzt. Wir sehen, dass unsere Klientel wesentlich unempfindlicher als die Kunden aus dem Massensegment ist. Geld wird gerne in große Fahrzeuge investiert.

Mit dem iX setzt BMW nun auch auf vollelektronische Fahrzeuge. Welche Chancen erhoffen Sie sich auf dem russischen Markt?

Russland ist sicherlich nicht der Markt Nr. 1 für Elektromobilität. Aber: Der iX verkörpert alles, was die neuen Fahrzeuggenerationen der Zukunft haben werden. Er ist der erste seiner Art – mit neuester Technologie, neuestem Design, neuen Materialien und neuer Funktionalität, auch im Innenraumkonzept. Hinzu kommt die vollwertige Fahrzeuggröße eines X5 und eine Reichweite bis zu 600 Kilometern. Das Auto wird auch für viele Kunden in Russland interessant sein, die Wert auf Innovationen legen.

Welche Rolle spielt autonomes Fahren für Sie?

Das autonome Fahren wird kommen, mehr und mehr. Hier in Russland ist das Unternehmen Yandex sehr weit in der Entwicklung. Aber auch BMW und andere Fahrzeughersteller haben schon heute teilautonome Fahrzeugassistenzsysteme in ihren Fahrzeugen eingebaut. Auf deutschen Autobahnen könnte man theoretisch sehr entspannt von München bis Hamburg fahren, weil das Auto viel Arbeit abnimmt. Letztlich sind aber Versicherungs- und Haftungsfragen sowie gesetzlichen Regelungen entscheidend. Diese sind in Russland und weltweit noch lange nicht auf dem erforderlichen Niveau. Ein wirklich vollautonomes System wäre heute auch so teuer, dass der Kunde im Moment nicht bereit wäre, dafür zu bezahlen. Es wird sicherlich noch einige Jahre dauern, bis wir ein vollautonomes Fahrzeug auf deutschen und auch auf russischen Straßen sehen werden.

Welche digitalen Innovationen haben Sie in diesem Jahr vorangetrieben?

Dieses Jahr war ein regelrechter Digitalbooster. Unsere gesamte Belegschaft hat drei Monate komplett im Homeoffice gearbeitet. Wir haben Monatsabschlüsse von zuhause gemacht, Bezahlungen online abgewickelt und die Beziehungen zu unseren Händlern, Kunden und Lieferanten aufrechterhalten. Wirklich jeder Mitarbeiter arbeitete mit maximalem Einsatz, und sogar deutlich effizienter. Aber auch in der externen Entwicklung gab es viel Neues: Wir haben ein Online-Sales-Tool eingeführt. Dadurch muss der Kunde überhaupt nicht mehr zum Händler, sondern kann online sein Wunschfahrzeug konfigurieren, den Finanzierungsvertrag abschließen und sich das Auto direkt nach Hause liefern lassen – inklusive Inzahlungnahme des Gebrauchtwagens. Außerdem haben wir einen Stock-Locator eingeführt, mit dem der Kunde nicht nur überprüfen kann, welche Fahrzeuge sich bei den Händlern im Lagerbestand befinden, sondern auch, welche in der Produktion oder auf dem Weg nach Russland sind. Dies erhöht die Transparenz und gibt Planungssicherheit.

Der US-Elektroautohersteller Tesla ist Trendsetter, was die Einführung von neuen Funktionen per Software-Update betrifft. Geht auch BMW diesen Weg?

Ja, auch in Russland haben wir inzwischen Software-Updates „over the air“ eingeführt. Kunden können sie selbstständig herunterladen und somit ihr Fahrzeug upgraden, ohne zum Händler zu fahren. In Zukunft gehen wir noch einen Schritt weiter. Bald wird es möglich sein, dass die Kunden neue Sonderausstattung testen können, bevor sie die Extras zu ihrem Fahrzeug hinzubuchen. Dadurch kann der Kunde sein Fahrzeug permanent auf dem neuesten Stand halten.

Zum Jahresanfang ist bekannt geworden, dass Sie kein Werk in Russland bauen werden. Stattdessen haben Sie entschieden, die gemeinsame Produktion mit Ihrem Partner Avtotor in Kaliningrad deutlich zu erweitern. Was waren Ihre Beweggründe dafür?

Die Regularien für Premium-Hersteller in Russland sind nicht optimal. Es ist sehr schwierig, die hohen Lokalisierungsanforderungen zu erfüllen. Eine tief lokalisierte Produktion wird erst ab 50.000 Einheiten pro Jahr und Modellreihe interessant. Wir produzieren 500 bis 5000 Einheiten pro Modell – insgesamt 40.000 Einheiten. Gemeinsam mit unseren Partnern und Zulieferern suchen wir nach verschiedenen Lösungsansätzen, um eine tiefere Lokalisierung zu ermöglichen. Allerdings ist es ein Entscheidungsprozess, der viele Jahre dauert und hohe Investitionen bedingt. Daher müssen wir eine Lösung finden, die machbar und langfristig nachhaltig ist.

Ist das eigene Werk jetzt komplett vom Tisch?

Ja, aktuell hat es überhaupt keinen Sinn, weil die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht geeignet sind. Wir setzen auf Partnerschaften mit anderen Fahrzeugherstellern, die eine breitere Produktionsbasis haben. Das haben wir in den letzten 20 Jahren sehr erfolgreich gemacht und werden das auch weiterhin tun.

Welche Herausforderungen erwarten Sie im nächsten Jahr?

Wir glauben, dass sich der russische Markt wie immer relativ schnell erholt. Wir gehen davon aus, dass der gesamte Markt stabil sein wird, vielleicht mit einem leichten Minus. Aber das Premium-Segment hat durchaus eine Chance, sich besser zu entwickeln. BMW hat immer den Anspruch, besser zu sein als der Markt und der Wettbewerb. Das ist uns bis jetzt gut gelungen. Wir werden das fortführen, auch mit neuen Modellen wie zum Beispiel dem neuem M3 und dem neuen M4. Mit elektrischen Modellen wie dem iX setzen wir Impulse und bieten unseren Kunden ein sehr attraktives und junges Produktportfolio.

Anders gefragt: Welche kurz- und langfristigen Chancen sehen Sie?

Russland ist ein interessanter Wachstumsmarkt, den man langfristig sehen muss. Ich erinnere an 2012 und 2013, als es knapp drei Millionen Fahrzeugzulassungen im Jahr gab. Diese Zahlen können wieder erreicht werden, nicht so schnell, aber es ist möglich. In diesem Fall würden wir natürlich ein großes Volumenpotential bei uns sehen. Wenn sich die Wirtschaft, die Kaufkraft und letztlich auch der Mittelstand in Russland weiter positiv entwickeln, dann wird sich auch unser Segment entwickeln und die Nachfrage deutlich steigen. Deswegen glauben wir an das langfristige Potential Russlands.

Was muss passieren, damit die Drei-Millionen-Marke wieder erreicht wird?

Es braucht stabile Verhältnisse, was Ölpreis und Wechselkurs angeht, weil das die beiden größten Einflussfaktoren sind. Wichtig ist aber auch eine deutliche Stärkung der russischen Wirtschaft. Der Mittelstand in Russland ist nach wie vor sehr schwach ausgeprägt. In Deutschland ist der Mittelstand der eigentliche Treiber der Wirtschaft, die großen Unternehmen bilden die Eckpfeiler. Doch wir sehen positive Tendenzen in Russland, weil immer mehr Unternehmen, Start-ups und neue Ideen aufkommen. Russen sind sehr stark im IT-Bereich. Ich sehe deutlich mehr Chancen in Zukunft.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Teuchert.

Die Fragen stellte Thorsten Gutmann, Leiter Kommunikation der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK).

Ansprechpartner

Thorsten Gutmann

Leiter der Abteilung Kommunikation & Marketing