Interview

Braucht Europa Russland?

14.07.2021

Klußmann rezensiert neues Buch von Hubert Seipel

Der Journalist Hubert Seipel hat in seinem neuen Buch die Bedingungen untersucht, unter denen Russlands Präsident Politik macht. Eine Buchrezension für Impuls von Uwe Klußmann (Jahrgang 1961, Historiker, 1999 bis 2009 Spiegel-Korrespondent in Moskau).


Kein anderer westlicher Journalist hat in den letzten Jahren so oft und so ausführlich mit Russlands Präsident Wladimir Putin gesprochen wie Hubert Seipel. Eine Antwort darauf, warum er diese Gelegenheit erhielt, findet sich schon in seinem 2015 erschienenen Buch „Putin: Innenansichten der Macht“ und in seiner 2012 von der ARD ausgestrahlten Dokumentation „Ich, Putin – ein Porträt“. In diesen Arbeiten zeigte Seipel bereits, dass er es versteht, sich mit dem russischen Präsidenten vorurteilsfrei und zugleich kritisch zu beschäftigen.

So unterscheidet sich Seipels neues Buch „Putins Macht“ von vielen anderen Medientexten über den russischen Staatschef dadurch, dass es von der Tonlage einer Anklageschrift frei ist. Seipel gibt seinem Gegenüber die Chance, sich zu erklären. Seipel schildert vor allem die äußeren Rahmenbedingungen, unter denen Putin Politik macht. Er beschreibt den Handlungsrahmen eines Politikers, der sich bemüht, russische Interessen, wie er sie versteht, gegenüber geopolitischen Konkurrenten zu verteidigen.

Seipel erinnert an die Rede Putins auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007. Dort hatte der russische Präsident moniert, die USA strebten zu einer monopolaren Weltherrschaft. Sie hätten „ihre Grenzen in fast allen Bereichen überschritten“. Das war einige Jahre vor dem NSA-Skandal, bei dem es auch um das von amerikanischen Geheimdiensten abgehörte Handy der Kanzlerin ging. Über deren Russlandpolitik fällt Seipel ein sehr kritisches Urteil.

Seipel bezeichnet die scheidende Bundeskanzlerin als „politische Dienstleisterin für eine Weltmacht“, für die USA. Er meint dabei auch, aber nicht nur den Krieg in Afghanistan, den Deutschland nun an der Seite der Vereinigten Staaten verloren hat. Die Kanzlerin, so Seipels Kritik, habe „ausschließlich auf den großen Bruder jenseits des Atlantiks gesetzt und über Jahre die Beziehungen nach Moskau vernachlässigt“. Lange Zeit, so der Autor, habe Merkel sich auf den „russophoben Transatlantiker Christoph Heusgen“ gestützt, ihren sicherheitspolitischen Berater von 2005 bis 2017. Erst sehr spät, so Seipels Einschätzung, habe sich die Kanzlerin, enttäuscht von Donald Trump einer „neuen Realpolitik“ gegenüber Russland zugewandt. Das sei eine Politik, die „weniger von persönlicher Zuneigung, sondern von politischer Notwendigkeit diktiert“ werde.

Doch am Fall der Affäre um die Vergiftung des oppositionellen Aktivisten Alexej Nawalny zeigt Seipel, dass auch der späte Pragmatismus der Kanzlerin gegenüber Russland brüchig war. Der Umstand, dass Merkel die Vorwürfe an die russische Adresse in der Causa Nawalny selbst öffentlich artikulierte und nicht ihrem Pressesprecher überließ, habe Folgen für die Beziehungen gehabt. Denn Putin habe dieses demonstrative Auftreten der Kanzlerin als „gezielte Attacke“ empfunden und ihren „privaten“ Besuch am Krankenbett Nawalnys als „unfreundlichen Akt“ gewertet.

Dabei hält Seipel es für „gut möglich“, dass „russische Täter hinter dem Anschlag stecken“. Aber er betont, dass niemand wisse, in wessen Auftrag sie gehandelt hätten. Im Kontext des Nawalny-Dramas weist Seipel auf eine Umfrage des regierungskritischen Lewada-Zentrums in Moskau hin. Er zitiert dessen Leiter, den renommierten Soziologen Lew Gudkow, der nüchtern konstatiert: „Der größte Teil der Bevölkerung interessiert sich nicht für Nawalny und seine Aktionen.“

Putins Führungsstil beschreibt Seipel als ein beharrliches Streben nach Stabilität in der nach dem Zerfall der Sowjetunion immer noch latent kriselnden russischen Gesellschaft. Dabei deutet Seipel an, dass dieser Kurs des russischen Präsidenten seinen Preis hat: Die „Aufarbeitung der schwierigen Vergangenheit“ Russlands und der Sowjetunion komme nur sehr langsam voran. Als „hausgemachte Probleme“ des gegenwärtigen Russlands sieht er „Korruption, mangelnde Effizienz in der Wirtschaft und ein mäßig ausgeprägtes Rechtssystem“. Auch lasse die Umsetzung staatlicher Infrastrukturprogramme immer wieder „zu wünschen übrig“.

Erschwerend komme hinzu, dass Putin oft „an alten Weggefährten fest“ halte, „auch wenn deren Verfallsdatum längst überschritten ist“. Als Beispiel dafür nennt er die späte Absetzung des Premierministers Dmitri Medwedew im Januar 2020, dessen Ineffektivität in der russischen Führung lange bekannt war.

Eine relative Stärke Putins sieht Seipel in der Außenpolitik. Dort sei „Russlands Einfluss gewachsen“, durch das Eingreifen in Syrien, die Vermittlung im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan und das Bemühen um eine Verständigung mit der Türkei. Dabei beschreibt Seipel den Kompetenzmangel der deutschen Außenpolitik gegenüber Russland. Deutschland sei vertreten durch einen Außenminister, der ins Amt kam, nachdem er dreimal daran gescheitert war, Ministerpräsident des Saarlandes zu werden. Unter Heiko Maas, so Seipel sei das Auswärtige Amt nur noch ein „Beiboot“ des Kanzleramtes.

Deutschland, so Seipels Grundthese könne und müsse mehr tun für eine Politik der Verständigung mit Russland, auch angesichts dessen, dass „die Großmacht USA ausschließlich eigene Interessen“ habe. Die Frage, ob ein Kanzler Armin Laschet in der Russlandpolitik neue, konstruktive Akzente setzen könnte, lässt Seipel offen. In seiner dezent andeutenden Art heißt es dazu in seinem Buch, Laschet pflege „ein differenziertes Verhältnis zu Russland“. Gemeint ist offenkundig ein differenzierteres als das der gegenwärtigen Kanzlerin.


Die Russland-Debatte

Um Sie in schwierigen Zeiten auf dem Laufenden zu halten, fassen wir für Sie in unserem wöchentlichen Newsletter „Meine AHK-Woche“ wichtige Grundsatzartikel zu Russland zusammen. In der Rubrik „Die Russland-Debatte“ finden Sie exklusive Abstracts von Artikeln der Weltmedien und wissenschaftlichen Stiftungen, die sich jenseits der aktuellen Medienberichte mit langfristigen politischen und wirtschaftspolitischen Themen beschäftigen.

Verwandte Links

Verwandte Nachrichten

28.07.2021
AHK-Medien

Germantech-Teilnehmer stellen sich vor

28.07.2021
AHK-Medien

Continental setzt auf russischen Löwenzahn

27.07.2021
AHK-Medien

Grüner Doppelpunkt: Germantech

14.07.2021
Interview

Digitales Büro mit Matthias Wernicke

14.07.2021
Interview

Sieben Fragen an Vladimir Mosny

09.07.2021
Interview

Klaus Töpfer: „Das Notwendige möglich machen“

09.07.2021
AHK-Medien

Abfallwirtschaft: Wie Intertechelectro in Tjumen aus Müll Gold macht

08.07.2021
Interview

AHK-Gesichter: Viktor Spakow

Ansprechpartner

Thorsten Gutmann

Leiter der Abteilung Kommunikation & Marketing