Chancen und Herausforderungen: Deutsch-russische Zusammenarbeit im Bereich der Digitalisierung

Während die traditionelle Wirtschaft aufgrund der COVID-19-Pandemie im Lockdown verharrt, gewinnt ihr digitaler Sektor wie auch die gesamte digitale Technologie zusehends an Bedeutung. Technologieunternehmen in Russland, Deutschland wie auch weltweit bieten wirksame Lösungen an, unter anderem um die Ausbreitung des Virus zur überwachen. Doch die Digitalisierung bringt nicht nur Chancen, sondern auch Herausforderungen mit sich. Darum sowie um Perspektiven der deutsch-russischen Zusammenarbeit im IT-Bereich ging es bei einem Webinar am 9. Juli, das vom Büro Moskau der Hanns-Seidel-Stiftung in Kooperation mit der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) und dem Europa-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften organisiert wurde.

Jahrhundertelang hatten sich Technologien und die Fähigkeit des Menschen, sie zu verstehen und anzuwenden, linear entwickelt, doch im letzten Jahrzehnt wich die lineare Entwicklung einer exponentiellen Entwicklung. Doch der Mensch passt sich an die neuen technologischen Möglichkeiten nicht so schnell an wie diese entstehen. Diese Beobachtung machte der britisch-amerikanische IT-Unternehmer und Forscher Astro Teller, wie Hansjörg Durz, Stellvertretender Vorsitzender im Ausschuss Digitale Agenda des Deutschen Bundestages, in seinem Vortrag sagte. Eine der größten Herausforderungen der Digitalisierung bestehe darin, wie sie von Menschen wahrgenommen werde, sagte Durz. Während die einen, die Neophilen, sich für eine innovative Welt und neue Technologien einsetzten, würden die anderen, die Neophoben, dem Neuen mit Angst begegnen und es für unnötig halten.

Für viele Menschen ist auch die Sicherheit ihrer personenbezogenen Daten im Kontext der Digitalisierung ein wichtiges Thema. In der COVID-19-Pandemie wurden in einigen Ländern Apps entwickelt, deren Funktionsprinzip sehr ähnlich ist. Sie warnen Nutzer, wenn sie mit einem Menschen Kontakt haben, bei dem eine Coronavirus-Infektion festgestellt wurde. In Deutschland ist die Nutzung solcher Apps laut Durz freiwillig, in China hingegen Pflicht, um ein für ein normales Leben führen zu können. Laut Statistiken gehören chinesische Städte zu den am stärksten überwachten Städten der Welt. Für das entsprechende Ranking wurde die Anzahl der Überwachungskameras pro 1.000 Einwohner ermittelt. Im südwestchinesischen Chongqing etwa gibt es 168 Kameras je 1.000 Einwohner.

Noch vor der Corona-Krise sei vielen Regierungen klar gewesen, dass digitale Technologien entwickelt werden müssen. Aber nur die beiden IT-Giganten, die USA im Westen und China im Osten, seien im Bereich der Digitalisierung weltweit führend. Die ganze Welt, darunter auch Europa, sei von Technologieunternehmen dieser beiden Länder abhängig, von denen die größten häufig zu Monopolisten würden, sagte Durz. Nach seinen Worten versucht die Europäische Union bei der Digitalisierung der Gesellschaft einen eigenen, den europäischen Weg zu gehen. Ein erfolgreiches Beispiel sei das GAIA-X-Projekt, das von Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Forschung aus Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern umgesetzt werde. Ziel sei es, einheitliche Anforderungen an die europäische digitale Infrastruktur festzulegen.

Der Leiter des Büros Moskau der Hanns-Seidel-Stiftung e.V., Jan Dresel, der die Diskussion moderierte, stellte fest, dass sich Deutschland technologisch nicht auf dem gleichen Niveau wie die beiden IT-Spitzenreiter USA und China befinde. Die Frage sei, was der ausschlaggebende Faktor für eine erfolgreiche deutsch-russische Zusammenarbeit im Bereich der Digitalisierung sei.

Dmitrij Kononenko, AHK-Projektleiter Digitalisierung der Wirtschaft, hatte auf diese Frage eine Antwort parat: Vertrauen. Und gerade zwischen Russland und Deutschland sei das Vertrauen in vielen Bereichen einschließlich IT in den letzten Jahren gesunken. Im IT-Bereich hätten dazu auch jene deutschen Medien beigetragen, deren Berichterstattung vom Thema Hackerangriffe auf den Bundestag dominiert werde, hinter denen Russland vermutet werde. Aber Cyberkriminelle seien kein russisches Phänomen, die gebe es in jedem Land, betonte Kononenko. Die überwiegende Mehrheit der IT-Unternehmen aus Russland, Deutschland und anderen Ländern befasse sich nicht mit Cyberkriminalität, sondern bemühe sich darum, dem Markt innovative Technologien anzubieten und damit gutes Geld zu verdienen, sagte Kononenko. Für ihn steht außer Zweifel, dass technologische Möglichkeiten für einen Ausbau der deutsch-russischen Zusammenarbeit im IT-Bereich vorhanden und groß genug sind. Vertrauen sei die Quintessenz einer erfolgreichen Zusammenarbeit Deutschlands und Russlands im Bereich der Digitalisierung, urteilte Kononenko und erwähnte in diesem Zusammenhang die Deutsch-Russische Initiative zur Digitalisierung der Wirtschaft (GRID). Von deutscher Seite gehörten Unternehmen wie Siemens, SAP, Bosch und Volkswagen GRID an. Die russische Seite sei durch Rostelecom, die Skolkovo Foundation, Zyfra, TMK, Sinara Group, Rostec und Kaspersky vertreten. Außerdem seien die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) und der Russische Industriellen- und Unternehmerverband (RSPP) als große Wirtschaftsverbände Mitglied der Initiative.

Der Softwarehersteller Kaspersky ist seit einem Jahr bei GRID und schon seit mehr als 15 Jahren auf dem deutschen Markt präsent. Laut Wasilij Geist, Leiter der Berliner Repräsentanz von Kaspersky, genießt das Unternehmen einen guten Ruf und positives Image auf dem deutschen Markt. Mehr noch: Auf die deutschsprachigen Länder Deutschland, die Schweiz und Österreich (kurz: DACH) entfallen etwa 15 Prozent des Umsatzes von Kaspersky. In Deutschland zählt das Unternehmen rund 20 Millionen Privatkunden und 125.000 B2B-Kunden. Als der größte Exporteur russischer Software ins Ausland sei das Unternehmen ein wichtiges Bindeglied im russisch-deutschen Dialog im Bereich der Digitalisierung, sagte Geist.

Vladislav Belov, stellvertretender Wissenschaftlicher Direktor des Europa-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, sprach über die Notwendigkeit, kleine und mittlere Unternehmen (KMU) für die GRID-Initiative zu gewinnen. Belov berichtete auch über die Eindrücke, die er beim jüngsten internationalen Industrieforum INNOPROM gewonnen hatte. Kaspersky-Chef Eugene Kaspersky hatte auf dem Forum geäußert, dass der Begriff Cyber-Sicherheit sich bald überleben und vom Konzept Cyber-Immunität abgelöst sein werde. Eine Immunität könne, so Kaspersky, eine Infektion stoppen, noch bevor sie den Organismus befallen hat. Außerdem sei ein Immunsystem imstande, Attacken gegen sich selbst abzuwehren. Laut Belov könnten russische und deutsche IT-Unternehmen im Bereich der Cyber-Immunität als einem wichtigen und vielversprechenden Teilbereich der Digitalisierung zusammenarbeiten.

Ein Bericht von Margarita Afanasyeva

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