Deutsche Wirtschaft verliert Milliarden wegen US-Sanktionen und fordert von Bundeskanzlerin Merkel mehr Russland-Engagement

Der deutschen Wirtschaft gelingt es, in Russland trotz lahmender Konjunktur und Sanktionen weiter zu wachsen. Dies geht aus der aktuellen Geschäftsklimaumfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) hervor, die AHK-Präsident Rainer Seele und AHK-Vorstandschef Matthias Schepp am Mittwoch, 26. Juni in Moskau vorstellten.

„Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat zudem mit seinem Besuch beim Internationalen Sankt Petersburger Wirtschaftsforum (SPIEF) und der Unterschrift unter eine Absichtserklärung zur Deutsch-Russischen Effizienzpartnerschaft ein wichtiges Signal für Dialog und Wiederannäherung gegeben“, sagte AHK-Präsident Seele. „Die AHK-Mitglieder wünschen sich ganz eindeutig, dass Zusammenarbeit und Gespräche auf allen Ebenen, auch auf höchster weiter verstärkt werden.“

Laut Geschäftsklima-Umfrage sprechen sich 87 Prozent der AHK-Mitglieder dafür aus, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel an großen russischen Wirtschafsforen wie dem Sankt Petersburger Internationalem Wirtschaftsforum (SPIEF) teilnimmt. 92 Prozent der befragten AHK-Unternehmen wünschen sich Deutschland als Partnerland der Innoprom, nachdem bisher nur asiatische Staaten und in diesem Jahr die Türkei Partnerländer waren.

AHK-Chef Matthias Schepp sieht die Chance, dass „die deutsche Politik auch hier und ohne den Rahmen der Sanktionen zu verletzten ein deutliches Zeichen setzt, dass Russland ein wichtiger Wirtschaftspartner bleibt und die Wirtschaft in politisch schwierigen Zeiten als tragfähige Brücke erhalten und hoffentlich sogar ausgebaut werden kann“.

Am Petersburger Wirtschaftsforum (SPIEF) hatten in den vergangenen Jahren mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem damaligen österreichischen Bundeskanzler Christian Kern Staats- und Regierungschefs aus anderen Sanktionsländern teilgenommen. „Deutschland sollte sich von seinen Partnern nicht die Butter vom Brot nehmen lassen, egal ob es sich um Sanktionsländer handelt oder um China oder Japan, deren Staats- und Regierungschef auf russischen Wirtschaftsforen jüngst große Auftritt hatten“, sagte AHK-Vorstandschef Schepp.

Mit Peter Altmaier hat erstmals seit Beginn der EU-Sanktionen 2014 ein hochrangiges deutsches Regierungsmitglied am Petersburger Wirtschaftsforum teilgenommen, das im Juni stattfand, und dort mit seinem russischen Kollegen Maxim Oreschkin eine Absichtserklärung für eine Effizienzpartnerschaft unterschrieben. Sie soll die wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder wieder intensivieren.

US-Sanktionen kosten Milliarden

Laut AHK-Umfrage kosten die US-Sanktionen deutsche Unternehmen mehrere Milliarden Euro. Allein die 141 Unternehmen, die sich an der Umfrage beteiligt haben, geben die Verluste durch entgangene Geschäfte auf 1,1 Milliarden Euro an. „Hochgerechnet auf die gesamte deutsche Wirtschaft mit mehr als 4500 in Russland tätigen Unternehmen, sind das mehrere Milliarden Euro“, erklärte AHK-Vorstandschef Matthias Schepp. Die AHK Russland hat 900 Mitglieder und ist der einzige ausländische Wirtschaftsverband, der mit zehn Prozent in den vergangenen beiden Jahren ein starkes Mitgliederwachstum verzeichnen kann.

„Die deutsche Wirtschaft, darunter viele Hidden Champions des Mittelstandes, werden zur Zielscheibe immer neuer und willkürlicher US-Sanktionen, die offen wirtschaftliche Interessen der USA befördern sollen“, sagte AHK-Präsident Rainer Seele. „Solche Sanktionen sind kontraproduktiv, verfehlen ihren politischen Zweck, treiben einen Keil zwischen Amerika und Europa und schaden langfristig allen Parteien.“ Der AHK-Präsident fordert deshalb einen „möglichst raschen Einstieg in den Ausstieg wenigstens aus den Russland-Sanktionen der EU“.

Trotz schwacher Konjunktur mit einem erwarteten Wachstum von lediglich rund einem Prozent erzielen die in Russland tätigen deutsche Firmen gute Umsätze und Gewinne. Laut Umfrage wollen 39 Prozent der Unternehmen in nächster Zeit in Russland investieren. 29 Prozent wollen ihre Russland-Aktivitäten trotz der US-Sanktionen gegen Russland weiter ausbauen, 63 Prozent halten unverändert an ihren Russlandplänen fest, lediglich 8 Prozent planen, „Aktivitäten zurückzufahren“.

„Unsere Wirtschaft, insbesondere die vielen Familienunternehmen und Mittelständler, lassen sich durch Konjunkturschwankungen und politische Probleme eben nicht so schnell aus der Ruhe bringen und schauen ebenso wie die Großunternehmen langfristig und nachhaltig auf den perspektivreichen russischen Markt“, erklärte AHK-Präsident Seele. Nach Angaben der Deutschen Bundesbank betrugen die Netto-Direktinvestitionen, d. h. die Bilanz aus Kapitalzufluss und Kapitalabfluss deutscher Unternehmen, aus Russland im Jahr 2018 knapp 3,2 Milliarden Euro, die höchste Zahl des vergangenen Jahrzehnts.

Die AHK tritt mit einem bei ihrer jährlichen großen Russlandkonferenz im Februar im Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin vorgestellten Positionspapier für Nord Stream 2 ein. 93 Prozent der AHK-Mitglieder sprechen sich laut Umfrage für die zeitnahe Fertigstellung des zweiten Strangs der Ostseepipeline aus, sieben Prozent der Firmen sind am Bau der Pipeline direkt und indirekt als Zulieferer beteiligt.

Intensiveren Dialog streben die Firmen auch multilateral zwischen der Europäischen Union (EU) und der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) an, zu der neben Russland auch Belarus, Kasachstan, Armenien und Kirgisistan gehören. Fast drei Viertel wollen, dass die beiden Wirtschaftsbündnisse bei Fragen der technischen Regulierung, Zertifizierung, Verzollung und Visaerleichterungen enger kooperieren. Über 80 Prozent sprachen sich für die Idee einer gemeinsamen Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok aus. „Für die Politik mag eine Freihandelszone zwischen Lissabon und Wladiwostok eine weit entfernte Zukunftsvision sein. Für die Wirtschaft ist sie eine naheliegende Option, an der wir jetzt anfangen zu arbeiten“, sagte Rainer Seele.

Die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer ist die Vertretung deutscher Unternehmen in Russland und russischer Unternehmen in Deutschland. Sie hat derzeit rund 900 Mitgliedsunternehmen. Die Zahl der Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung in Russland belief sich Ende 2018 auf 4.461 Firmen.

Kontakt:
Matthias Schepp
Vorstandsvorsitzender der AHK Russland
E-Mail: ahk(at)russland-ahk.ru
Телефон: +7 (495) 234 49 50

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