„Die Nähe zu EU-Ländern ist unser Vorteil gegenüber anderen Regionen“

Das Leningrader Gebiet ist eines der größten Industriereviere nicht nur im Föderalbezirk Nordwest, sondern in ganz Russland. Das Bruttoregionalprodukt betrug im vorigen Jahr 1,06 Billionen Rubel. Über die Prioritäten der Wirtschaftsentwicklung und Fördermaßnahmen für Investoren in der Region spricht im Interview mit Impuls Dmitrij Jalow, stellvertretender Vorsitzender der Regierung des Leningrader Gebiets, Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaftsentwicklung und Investitionstätigkeit.

 

Im laufenden Jahr hat sich das Leningrader Gebiet im Nationalen Investitionsklima-Ranking vom 12. auf den 9. Platz verbessert. Wodurch ist dieser Aufstieg begründet?

Dies ist zweifelsohne das Ergebnis der konsequenten und akribischen Arbeit unseres Teams, des gesamten Wirtschaftsblocks der Regierung des Leningrader Gebiets – und der Entscheidungen, die der Gouverneur Alexander Drosdenko trifft. Unsere Region war immer schon führend beim Investitionsumfang und bei der Wirtschaftsförderung. Doch bei all der Freude gab es bei uns auch Probleme, mit denen Investoren konfrontiert waren: die Firmenanmeldung, die Erteilung technischer Anforderungen, der Anschluss an die Versorgungsleitungen. Wir mussten und müssen diese Probleme lösen, sonst verlieren wir schnell unsere Position.

Welche konkreten Schritte haben Sie unternommen?

Wir haben intensiv mit der Agentur für Strategieinitiativen zusammengearbeitet, angefangen bei der Einführung eines regionalen Investitionsstandards. Wir untersuchten die Erfolgsmethoden anderer Regionen und wendeten sie auf das Leningrader Gebiet an. Seit letztem Jahr organisieren wir Treffen des Investitionsteams mit den Unternehmen vor Ort. Für uns ist das die einmalige Gelegenheit, aus erster Hand von den Problemen zu erfahren, vor denen die Wirtschaft steht, und Lösungen zur Verbesserung der Lage umzusetzen. Das Ergebnis sehen Sie nun selbst. 2016 waren wir auf Platz 20, im Jahresergebnis 2018 sind wir schon auf Platz 9: ein klarer Aufstieg bei einer Reihe von Kriterien. Die Anzahl der Schritte, die nötig sind, um eine juristische Person anzumelden, hat sich deutlich verringert, wie auch der Aufwand beim Anschluss an die Stromversorgung, bei der Anmeldung von Eigentums- und Immobilienrechten.

Was fehlt der Region bislang, um es in die Top-5 zu schaffen?

Wichtig ist, dass die Arbeit an einem förderlichen Wirtschaftsumfeld für uns auch jetzt, nachdem wir es unter die besten Zehn geschafft haben, nicht zu Ende ist. Noch hat die Wirtschaft Fragen: bei der Erteilung von Baugenehmigungen, bei der Anmeldung von Eigentumsrechten – auch mit natürlichen Monopolen gibt es Schwierigkeiten. Die Unternehmer halten uns immer in Trab. Und unser Minimalziel ist es, nicht zurückzufallen.

In diesem Jahr haben wir mit dem Aufbau einer Onlineplattform begonnen, die alle Informationssysteme im Investitionsbaubereich bündeln wird. Dieses Tool vereinfacht die Abläufe für die Unternehmen und gestaltet den kompletten Dokumentenumlauf transparent. Um Entscheidungen zu treffen, ist dann kein direkter Kontakt zu Beamten mehr nötig: Das lässt sich online erledigen. Firmen, die ins Leningrader Gebiet kommen, können amtliche Lagepläne für Baugrundstücke online erhalten, in kurzer Zeit, ohne Verzug. Wir haben uns das Ziel gesetzt, die Zahl der Ablaufschritte bei Baugenehmigungen um ein Drittel zu kürzen, die Fristen für die Erstellung von Unterlagen zu halbieren. Wir gehen davon aus, dass wir dieses Projekt bis Ende 2021 realisiert haben werden.

Was sind Ihre gegenwärtigen Prioritäten in der Wirtschaftsentwicklung der Region?

Die Schlüsselaufgaben für die Regionen sind in den Mai-Dekreten des russischen Präsidenten festgelegt worden. Im Bereich Wirtschaft geht es vor allem um die Exportsteigerung bei Waren und Dienstleistungen außerhalb des Energie- und Rohstoffbereichs. Das spiegelt sich wider in der Neufassung der sozioökonomischen Entwicklungsstrategie des Leningrader Gebiets. 2018 betrug der Exportumfang von nicht-energetischen Gütern und Nicht-Rohstoffen in der Region 2,64 Milliarden Dollar. Allein für die ersten neun Monate dieses Jahres werden die Ausfuhren auf 1,89 Milliarden Dollar beziffert.

Wir nutzen mehrere Instrumente, damit unsere Firmen sich aktiver am Export beteiligen. Zum einen haben wir das Zentrum für Exportförderung gegründet, das die Firmen beim Markteintritt im Ausland systematisch und umfassend unterstützt. Über 60 Firmen führt das Zentrum derzeit. Auch haben wir einen neuen Zuschuss für Kleinunternehmer eingeführt, die im Export tätig sind. Unsere Firmen sind Teil eines Programms des russischen Industrie- und Handelsministeriums zur Unterstützung von Produzenten, die ihrerseits Programme zur Steigerung der Konkurrenzfähigkeit ihrer Produkte umsetzen.

So spielt hier die Nähe zu EU-Ländern eine wichtige Rolle?

Ja, das ist definitiv ein Plus für die Firmen bei uns. Die Nähe zu europäischen Ländern ist unser Vorteil gegenüber anderen Regionen: Die Investoren schauen im Vorfeld auf eine wirtschaftlich sinnvolle Exportlogistik. Unsere Region ist ein Verkehrskorridor Richtung Europa, was eine Entwicklung der Straßen und Häfen mit sich bringt.

Unternehmen aus welchen Branchen werden mit offenen Armen im Leningrader Gebiet erwartet?

Ich finde es nicht richtig, Trennlinien zu ziehen nach dem Grundsatz „Diese Investoren sind gut für uns, die anderen nicht“. Bei uns sind alle willkommen, wir sehen uns verschiedene Branchen und Projekte an. Aufgrund seiner geografischen Lage ist das Leningrader Gebiet die perfekte Region sowohl für Firmen, die für den russischen Binnenmarkt fertigen, als auch für Firmen, die für westliche Länder produzieren. Beispielweise fiel dieses Jahr der Startschuss für den Bau eines Betriebs des Elektroausrüsters Hakel; der deutsche Antriebstechnikspezialist SEW-Eurodrive hat kürzlich einen neuen Betrieb im Leningrader Gebiet eröffnet. Dort erfolgt die Montage von Getriebemotoren und der Service an der kompletten Antriebstechnik aus dem Produktportfolio des Unternehmens. Die Firma Niedax plant den Bau einer Fabrik für Kabelträgersysteme im Industriepark „Fjodorowskoje“ im Bezirk Tosno. Es gibt eine Vielzahl solcher Projekte. Sie sind nicht sehr groß, aber für uns sehr wertvoll.

Dann einmal der Reihe nach: Ein Unternehmen kommt zu Ihnen und zeigt sich bereit, zu investieren und zu lokalisieren. Welche konkreten Schritte bis zur Eröffnung eines Betriebs muss das Unternehmen gehen?

Jedes Unternehmen kann seinen Weg im Büro für Investorenangelegenheiten unserer Region beginnen. Hier bekommt jedes Projekt eine umfassende Begleitung und Beratung bei vielerlei Fragen, von der Auswahl des Baugrundstücks bis zum Fabrikstart. Strategisch wichtige Großprojekte nimmt natürlich der Gouverneur in seine oder ich in meine Obhut. Die Investoren können sich bei wichtigen Fragen an die Regionalführung wenden, aber eigentlich ist handgesteuertes Management nicht der richtige Ansatz.

Die allermeisten Firmen starten mit der Auswahl des Grundstücks für die Produktion. Zu diesem Zweck haben wir vor wenigen Jahren das integrierte regionale Informationssystem geschaffen („Investitionsentwicklung Leningrader Gebiet“), welches ein aktuelles Register aller schon vorhandenen und geplanten Industrieparks enthält. Danach erfolgt der große Arbeitsblock mit der Dokumentation zum Grundstück und zur Bebauung. Das ist die Etappe, in der die Investoren die Unterstützung des oben genannten Büros am stärksten benötigen.

Und wie ist es mit Steuerpräferenzen?

In Bezug auf Steueranreize unterscheiden wir uns nicht sonderlich von anderen Regionen. Die föderale Gesetzgebung verbietet es den Regionen, ermäßigte Ertragssteuersätze einzuführen – mit Ausnahme der Sonderinvestitionsverträge, der regionalen Investitionsverträge und der Regionen für sozioökonomische Vorrangentwicklung. Deshalb haben wir die regionale Gesetzgebung dahingehend überarbeitet, dass ein neues Gesetz nunmehr für regionale Investitionsprojekte einen Vorzugssteuersatz von zehn Prozent bei der Ertragssteuer, die an die Region abzuführen ist, vorsieht. Außerdem findet eine Befreiung von der Vermögenssteuer statt. Das Leningrader Gebiet ist die einzige Region in Russland, wo Vorzugssätze bei der Vermögenssteuer mit gleichen Laufzeiten wie bei der Ermäßigung auf die Ertragssteuer gelten. In der Anfangsphase des Projekts sind Ermäßigungen beim Betriebsvermögen für die Investoren häufig wichtiger.

Die Ermäßigungen gelten dann ab dem Moment, an dem der erste operative Gewinn erzielt worden ist, bis zum steuerlichen Veranlagungszeitraum, in dem die Ersparnis aus der Anwendung der Vorzugssätze den Investitionsumfang nicht übersteigt. Dabei gelten die Vorzugssätze für Projekte von 50 Millionen bis 500 Millionen Rubel über maximal vier, für Investitionen von mehr als 500 Millionen Rubel über maximal sechs Jahre. Eine der Bedingungen für die Ermäßigung: Der Erlös des Unternehmens aus der Realisierung des neuen Projekts muss mindestens 90 Prozent betragen.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit ausländischen Investoren? Mit welchen Specials können sie rechnen?

Ob russischer oder ausländischer Investor – wir behandeln alle gleich. Ausländische Investitionsprojekte werden von unserem Büro für Investorenangelegenheiten genauso sorgfältig begleitet. Gegenwärtig sind es 45 ausländische Projekte von insgesamt 300. Hauptsächlich handelt es sich um Projekte jener ausländischen Firmen, die bereits seit langem und erfolgreich im Leningrader Gebiet tätig sind. Sie sind am Fortgang der Zusammenarbeit interessiert, was wiederum heißt, dass sie sich im Leningrader Gebiet wohl fühlen.

Wir nehmen an großen internationalen Events teil, am Petersburger Wirtschaftsforum oder auch am Investitionsforum in Sotschi – Hotspots für ausländische Firmen mit Lokalisierungsplänen in Russland. In diesem Jahr haben wir erstmalig das Wirtschaftsforum „Baltic Region – China“ veranstaltet, das zu einer Vernetzung Europas und Asiens geführt hat und zu einer Plattform für den Wissensaustausch zwischen regionalen, europäischen und chinesischen Firmen geworden ist. Über 300 Wirtschaftsvertreter aus vielen Ländern, darunter auch Unternehmer aus Deutschland, haben daran teilgenommen. Da wir ein positives Feedback von den Teilnehmern erhalten haben, weil es ihnen gelungen ist, potenzielle Partner auf dem Forum zu finden, haben wir beschlossen, dass es sinnvoll wäre, nächstes Jahr ein zweites solches Forum zu veranstalten.

Welche Rolle spielen deutsche Firmen in der regionalen Wirtschaft?

Deutschland ist ein langjähriger Partner des Leningrader Gebiets – wie im Außenhandel so auch bei Investitionen. Das Handelsvolumen zwischen unserer Region und der Bundesrepublik hat sich in den vergangenen vier Jahren verdoppelt: Im letztjährigen Ergebnis waren es 743 Millionen Dollar. Es gibt viele gute Beispiele dafür, wie deutsche Firmen ihre Position im Leningrader Gebiet stärken.

Würden Sie ein paar Beispiele nennen?

Natürlich. Beispielsweise ist Knauf Petroboard bei uns tätig, der größte Hersteller von Kartonplatten aus recyceltem Material. Der Gasturbinenhersteller „Siemens Gas Turbines Technologies“ erweitert die Produktion, um Windkraftanlagen herzustellen. Das Zementwerk Cesla, ein Tochterunternehmen der HeidelbergCement, plant den Bau einer zweiten Fertigungslinie. Auch die Firma Interfill, ein Hersteller chemischer Grundstoffe und Waschmittel, ist erfolgreich bei uns. Im selben Industriepark in Tosno hat Henkel im September eine Produktion von Baumischungen eröffnet, auf dem Gelände der eigenen Fabrik für Klebstoffe. Die deutsche Lorenz Snack-World hat auf dem Gelände des Backwarenkombinats in Kirischi eine Snack-Produktion gestartet und bereits einen Ausbau angekündigt. Und das ist nur ein Teil der Unternehmen.

Die Fragen stellte Lena Steinmetz, AHK Russland

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Ansprechpartner

Thorsten Gutmann

Leiter der Abteilung Kommunikation