Die lange Nacht von Domodedowo

Es ist 2.24 Uhr, als Hansjürgen Overstolz ein Emoji absetzt. Darauf ist ein kleines, rundliches Flugzeug über einem Stück Landebahn zu sehen. In Worten heißt das: Wir sind da. In Moskau. Happy End einer Reise von Deutschland nach Russland, an der nichts selbstverständlich war, auch wenn sie keine drei Stunden dauerte.

Overstolz, Präsident der Bosch-Gruppe in Russland, gehörte zu den 151 Passagieren von Lufthansa-Sonderflug LH 1452 aus Frankfurt/Main. Der nahezu vollbesetzte Airbus A320neo landete heute Nacht auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo. An Bord: auch viele Deutsche, die in Russland in Führungspositionen arbeiten und als sogenannte HQS mit einer Sondergenehmigung trotz weiterhin geschlossener Grenze einreisen dürfen, dazu Diplomaten. Es war bereits der vierte derartige Rückholflug seit dem 10. Juni, maßgeblich auf den Weg gebracht von der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) und der Deutschen Botschaft.

Dabei gelang es diesmal, so viele Menschen wie bei keinem der vorherigen Flüge nach Moskau zu bringen – wieder ein kleiner Erfolg in einem zähen Prozess, der den treibenden Kräften hinter den Kulissen so einiges abverlangt und für die Betroffenen oft genug zum Geduldsspiel wird, mit Zittern und Bangen verbunden ist. Die AHK hat sich bereits seit April über ihre Kontakte zu russischen Stellen, aber auch öffentlich und mit Briefen an den Kreml und Ministerien für die Rückkehr der Manager stark gemacht. Damit konnte schließlich so manche Odyssee beendet, so manche unternehmerische oder auch familiäre Extremsituation gelöst werden, auch wenn das große Anstrengungen um eine deutsch-russische Verständigung in jedem Einzelfall erforderte.

Nun konnte die deutsche Wirtschaft in Russland auf diese Weise wieder personell verstärkt werden. Hansjürgen Overstolz, der sich auf Heimatbesuch bei Familie und Freunden befunden hatte und jetzt nach Moskau zurückkehren konnte, fand schon den Flug „das pralle Leben, mit spielenden Kindern und schreienden Baby“. Mit ihm im Flieger saßen unter anderem auch Michael Kindermann, neuer Produktionsleiter von BMW in Russland, Führungskräfte weiterer namhafter deutscher Unternehmen wie etwa von Bayer, Stada, Thyssen Schachtbau und Daimler Kamaz Rus, der Journalist Juri Rescheto, Studioleiter der Deutschen Welle in Moskau sowie Botschaftsangehörige und andere Diplomaten.

Begrüßt und betreut wurden sie auf dem Flughafen Domodedowo von einem Empfangskomitee der Deutschen Botschaft und von einer AHK-Mannschaft unter Leitung von André Fritsche, dem Chef der Abteilung Regierungskontakte, wobei die Kammer-Abordnung auch direkt im Abfertigungsbereich tätig war, den Passagieren bei der allgemeinen Orientierung und beim Ausfüllen der Formulare mit Rat und Tat zur Seite stand, was diese zu schätzen wussten. „Danke für den Support an die AHK“, sagte beispielsweise Frank Helmreich, Head of Engineering Department  bei Linde Engineering Rus, als er den Papiermarathon hinter sich hatte. „Die Leute vor Ort waren sehr hilfreich. Ohne sie wäre ich jetzt noch dort drin.“

Für André Fritsche ist der „menschliche Faktor“ die entscheidende Variable bei dem gesamten Verfahren. Unter dem „enormen Stress“ könnten Vertreter der Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadsor und die Grenzbeamten auch mal Entscheidungen treffen, die sonst vielleicht nicht getroffen werden.

Die größte Sorge der Einreisenden galt den Quarantänebestimmungen. Dazu hatten Mitte Juli zwei Verordnungen offenbar für viel Verwirrung gesorgt. Zwar ist es der AHK in der Vergangenheit in Einzelfällen erfolgreich gelungen, dass ein negativer Corona-Test ausgereicht hatte, um sich nicht 14 Tage in Quarantäne begeben zu müssen. Doch das ist leider nicht immer möglich. Eine unangenehme Überraschung erlebte Frank Jakob, Geschäftsführer von Dienes Rus. Weil sich der Sitz seiner Firma in Tula befindet und die Gesetzeslage bei Weiterreise in eine andere Region als Moskau und die Moskauer Oblast eine 14-tägige Quarantäne in einem zugewiesenen Hotelzimmer vorsieht, saß er zunächst einmal fest, anstatt seinen beruflichen Verpflichtungen zumindest im Home Office nachgehen zu können. Die nächsten drei Wochen seien durchgeplant gewesen, nun werde er irgendwohin verfrachtet, eine „Katastrophe“, so Jakob. Die AHK fordert in zahlreichen Gesprächen mit Kreml und Ministerien, dass ein negativer Corona-Test die verpflichtende Quarantäne ersetzen soll.

Trotz solcher Stimmungskiller war die Atmosphäre im Terminal im Großen und Ganzen entspannt. Die Polizei erwies sich als kooperativ und kommunikativ. Ein hochrangiger Vertreter des Verkehrsministeriums der Moskauer Oblast trug dazu bei, dass alles seinen geregelten Gang ging, und schob sogar persönlich den einen oder anderen Koffer der Passagiere durch die Ankunftshalle Richtung Ausgang. Draußen waren Kleinbusse aufgereiht, mit denen die Ankommenden nach Hause gebracht wurden.

Mehr als zwei Stunden nach der Landung erkundigte sich eine ältere Frau hinter der Absperrung bei einigen Damen, die gerade aus der Abfertigung kamen: „Mädels, sind da jetzt noch viele drin?“ Die antworteten: „Oh ja, viele.“ Während es jenseits der großen Fensterfront des Flughafens schon hell wurde, ging die Nacht für die AHK-Mitarbeiter weiter. Der Lufthansa-Flieger hatte zu diesem Zeitpunkt längst in der Gegenrichtung abgehoben. Zwei Angehörige der Bundespolizei, die beim Einchecken zugegen gewesen waren, damit auch wirklich nur an Bord ging, wer nach Deutschland einreisen darf, waren nun unterwegs zum Flughafen Scheremetjewo, von wo heute ebenfalls eine Aeroflot-Maschine nach Frankfurt startete.

Inzwischen deutet einiges darauf hin, dass Russland zum 1. August den regulären internationalen Flugverkehr wieder aufnimmt. Einen entsprechenden Antrag hat die Luftfahrtbehörde Rosawijazija bei der Regierung gestellt. Doch ob es dazu kommt, ist zur Stunde noch unklar, ob auch der Flugverkehr mit Deutschland betroffen wäre und was das für die Einreisebestimmungen bedeuten würde, ebenfalls. Vor diesem Hintergrund will sich die AHK vorerst weiter für Rückholflüge engagieren und Listen erstellen, in die sich Interessenten eintragen können und die dann über die Botschaft ans russische Außenministerium gehen. André Fritsche sagt dazu: „Wir wollen nicht, dass die Leute in der Luft hängen, wenn zum 1. August nichts passiert. Also machen wir weiter.“

Eine Reportage von Tino Künzel

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Leiter der Abteilung Kommunikation