„Eine Umsatzsteigerung wie von Zauberhand in der Pandemie erwarte ich nicht“ Impuls-Fokus: Herausforderung Corona

Impuls-Fokus: Herausforderung Corona

Die Corona-Pandemie bleibt sicherlich nicht jedem der heute lebenden 7,7 Milliarden Menschen in Erinnerung, aber gewiss jedem Pneumologen. Das Fachwissen und die Fertigkeit der Lungenärzte sind momentan überall dort gefragt, wo Corona-Fälle bekannt geworden sind. Gegenwärtig (Stand: 05.06.2020) sind 6.515.796 Fälle in 216 Ländern und Regionen der Welt bestätigt worden; in Russland – 449.834. Über die Wirksamkeit der russischen Corona-Maßnahmen, über die Anwendung von Beatmungsgeräten zur Rehabilitation von COVID-19-Patienten und über neue Formen des Umgangs mit Kunden und Kollegen spricht mit Impuls Dr. med. Pneumologin Elena Titova, Generaldirektorin von PARI synergy in medicine OOO.

Lena Steinmetz, AHK Russland


PARI synergy in medicine OOO agiert seit 2002 auf dem russischen Markt als Vertretung und Handelsgesellschaft der PARI GmbH, ein weltweit bekannter Entwickler und Hersteller von Medizintechnik und Arzneimitteln zur Behandlung von Lungenerkrankungen mit Sitz in Starnberg.


Wie oft waren Sie draußen seit Ende März?

Deutlich seltener als sonst.

Immer mit einer Maske?

Ja, seit der Shutdown verhängt worden ist, besuche ich Orte, wo sich auch andere Menschen aufhalten (Geschäfte, Apotheken), nur mit Schutzmaske.

Inwiefern hat der Shutdown aus Ihrer Sicht geholfen?

Ich finde, der Shutdown war notwendig. Das Virus ist gerade dadurch so tückisch, dass es sich schnell ausbreitet. Die meisten Erkrankten (ca. 80 Prozent) genesen spontan, ohne ins Krankenhaus zu müssen. Bei etwa einem von fünf Fällen verläuft die Erkrankung schwer mit progressivem Atemversagen. Bei älteren Patienten und Menschen mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Herz- und Lungenerkrankungen, Diabetes oder Krebs ist die Wahrscheinlichkeit eines schweren Krankheitsverlaufs höher. Aber es kann jeden treffen, jeder kann infolge einer Ansteckung mit COVID-19 schwer erkranken.

Wie bewerten Sie die Maßnahmen, die in Russland ergriffen wurden, um die Ausbreitung von COVID-19 einzudämmen? Waren sie ausreichend?

Ob ausreichend oder nicht, lässt sich noch nicht abschätzen. Das wird man erst sehen müssen. Es ist momentan schwierig, das gesamte Ausmaß der Pandemie zu bewerten. Die Behörden haben vornehmlich auf epidemiologische Maßnahmen gesetzt, vor allem auf die vorbeugende Abtrennung einzelner Bevölkerungsgruppen, auf die Isolation der Infizierten und Erkrankten. Hierfür mussten zusätzliche Infektionsbetten bereitgestellt werden.

Keine leichte Aufgabe für das russische Gesundheitssystem.

Das ist eine echte Herausforderung nicht nur für Regierungen und die Gesundheitssysteme in einzelnen Ländern, sondern für die gesamte Weltgemeinschaft. Die rasante Ausbreitung der Infektion erforderte allerorts außergewöhnliches Handeln. Wie in anderen Ländern wurden auch in Russland zahlreiche medizinische Einrichtungen umgestellt, Infektionsstationen und provisorische Behandlungsplätze eingerichtet. Das medizinische Personal aufzustocken, auszubilden, mit Schutzausrüstung und notwendigen Gerätschaften auszustatten, geeignete Therapieverfahren binnen kürzester Zeiten zu entwickeln – da kamen einige große Herausforderungen unter sehr schwierigen Umständen auf einmal zusammen.

Gibt es bei Corona-Maßnahmen Unterschiede zwischen Russland und anderen Ländern?

Ich kann vielen Berichten aus der internationalen Fachpresse und auch persönlichen Gesprächen mit Kollegen im Ausland entnehmen, dass die Maßnahmen, die in Russland getroffen wurden, weitgehend mit jenen anderer Länder übereinstimmen. Das gilt nicht nur für die Organisation von ärztlicher Hilfe, sondern auch für viele weitere epidemiologische Präventivmaßnahmen zur Eindämmung der Infektionsausbreitung.

Ihr Unternehmen – Anbieter von medizinischen Geräten zur Behandlung von Atemwegserkrankungen – ist einer der Helfer in dieser Lage?

Beatmungssysteme sind Teil der Behandlungstherapie bei Patienten mit chronischen Erkrankungen der Atemwege wie chronische Atemwegsobstruktion (COPD), Asthma, Mukoviszidose und anderen. Oder bei minderschwerem Verlauf der COVID-19-Erkrankung zur Erleichterung von Krankheitssymptomen wie unproduktiver Husten. Auf Infektionsstationen kommen Vernebler eher selten zum Einsatz. In der Reha nach überstandener Lungenerkrankung können Inhalationssysteme und Atemtrainingsgeräte hingegen durchaus nützlich sein, aber das ist perspektivisch. Eine Umsatzsteigerung wie von Zauberhand aufgrund hoher Nachfrage nach Inhalationsgeräten in Zeiten der Pandemie erwarte ich deshalb nicht.

Mehr Aufträge seit dem Ausbruch des Coronavirus verzeichnen Sie aber schon, oder?

Ja, die Nachfrage medizinischer Einrichtungen nach Gerätschaften ist gestiegen. Nicht nur das: Wir stellen auch reges Interesse von Fachleuten an qualifizierten Auskünften zu COVID-19 fest. Deshalb betreibt unsere Stammfirma nicht nur in der Produktion einen größeren Aufwand, sondern auch in der Forschungsabteilung. Dort werden zügig Dossiers zu wissenschaftlichen Publikationen und Übersichten zum Thema COVID-19-Behandlung erstellt, die wir anschließend übersetzen und an die Fachärzte verteilen. Dieser Infoservice von PARI kommt sehr gut an. Wir werden als Experten aus der Industrie zu Workshops für Mediziner eingeladen, damit wir auf Besonderheiten hinweisen, die bei der Nutzung von Verneblern in einer Umgebung mit erhöhtem Infektionsrisiko auftreten können. Ärzte haben Interesse an Erfahrungen mit der Anwendung von Therapie- und Rehabilitationsgeräten an COVID-19-Patienten in anderen Ländern. Wir teilen gerne alle Informationen, die uns zur Verfügung stehen.

Wäre die Annahme richtig, dass Ihr Unternehmen in der Pandemie zwar nicht reich wird, aber jedenfalls nicht zu den Verlierern zählt?

Wir gehören zu den Unternehmen, die in den ersten Pandemiewochen nicht betroffen waren. Aber perspektivisch sehen wir vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Auswirkungen eine hohe Wahrscheinlichkeit für Absatzrückgänge im Einzelkundengeschäft. Viele Menschen werden sich medizinische Geräte der Premiumklasse schlicht nicht mehr leisten können und sich stattdessen mit günstigeren, aber weniger hochwertigen und weniger wirksamen Modellen begnügen.

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie verlor der Rubel gegenüber dem Euro an Wert. Wie hat sich das auf Ihre Preise ausgewirkt?

Wir versuchen, die Preise am jahresdurchschnittlichen Wechselkurs auszurichten und haben in Zeiten der Pandemie keine Preiserhöhungen vor.

Wie haben Sie auf den eingeführten Corona-Sonderurlaub reagiert?

Angesichts unseres Geschäftsfeldes war es uns klar, dass wir unsere Tätigkeit nicht einstellen können. Allerdings mussten wir, um weiterarbeiten zu können, vieles zügig umstellen. Zum Teil sind Mitarbeiter nach vertraglicher Regelung in Fernarbeit versetzt worden. Desgleichen haben wir Urlaubsvereinbarungen getroffen, von denen manche Mitarbeiter Gebrauch gemacht haben.

Wie sieht Ihr Arbeitstag heute aus?

An der Kommunikation mit Kollegen hat sich im Grunde kaum etwas verändert, außer dass sie jetzt über Messenger und E-Mail stattfindet. Als Geschäftsführerin habe ich meine Abläufe umstellen müssen: Konkrete Projekte und Anfragen bespreche ich persönlich mit jedem einzelnen Manager. Diese Kommunikationsform ist für uns unkompliziert, auch wenn sie mitunter mehr Zeit erfordert.

Die Kundenkommunikation hat sich sicherlich verändert.

Ja, sogar wesentlich. Zur Belieferung von Firmenkunden, hauptsächlich medizinischen Einrichtungen, nutzen wir unterschiedliche Logistikverfahren und Liefermethoden. Es kommt uns zugute, dass die meisten Speditionen wie gewohnt weiterarbeiten. Unseren Privatkunden aber raten wir vom Direktkontakt ab und empfehlen ihnen Handelsplattformen im Internet. Für besonders relevante Produktlösungen in Zeiten der Pandemie haben wir sogar extra Websites eingerichtet (spacerpari.ru und parimesh.ru). Das vereinfacht den Bestellvorgang und die Lieferung nach Hause oder in die nächstgelegene Apotheke. Einige unserer Partner bieten Möglichkeiten eines Ratenkaufs oder Rabattaktionen, was bei schwierigen finanziellen Situationen nicht unwichtig ist.

Welche Fachkräfte, außer im Vertrieb, sind bei Ihnen noch besonders gefragt?

Sehr gefragt ist der Service auf unserer Website, wo ein Kundenberater während der Arbeitszeiten auf die Fragen der Besucher, hauptsächlich Patienten, eingeht. Auch hat unser SMM-Manager jetzt mehr zu tun.

Zum Schluss würde ich gern Ihre Meinung hören: Wie hat sich das russische Gesundheitssystem in der Corona-Krise bewährt?

Noch ist die Bewährungsprobe nicht vorbei – es gilt, sich täglich wieder zu bewähren. Die Situation rund um COVID-19 ist zu einer echten Qualifikationsprüfung für alle medizinischen Fachkräfte geworden. Es deutet aber alles darauf hin, dass sie diese Aufgabe trotz aller erkennbaren Hindernisse erfolgreich bewältigen. Viele Ärzte haben ihre Familien seit Wochen nicht mehr gesehen, einige haben sich leider angesteckt. Die hohe Professionalität und Opferbereitschaft der Ärzte und Pfleger verdient Respekt und aufrichtige Dankbarkeit.

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Ansprechpartner

Thorsten Gutmann

Leiter der Abteilung Kommunikation