„Es gibt nichts Beständigeres als die Unbeständigkeit“

Interview mit Alexei Laukart, Generaldirektor Roeder OOO (erschienen in „100 Fragen und Antworten zum Russlandgeschäft“, Ausgabe 2018)

Wie lange gibt es „Röder“?

Das Mutterunternehmen feiert im nächsten Jahr sein Jubiläum – 60 Jahre. Die russische Tochtergesellschaft entstand vor 12,5 Jahren. Das Unternehmen begann mit Holzkonstruktionen und Überdachungsvorrichtungen aus Decklaken. Doch Schritt für Schritt entwickelten sich die Technologien weiter. Heute stellt das Unternehmen moderne, technisch komplexe Konstruktionen her und verwendet dabei ein sehr vielfältiges Sortiment von Aluminiumprofilen, das sowohl im Sommer als auch im Winter betriebsbereit ist.

Wann und warum fiel die Entscheidung, in den russischen Markt einzutreten? Was waren die wichtigsten Meilensteine der Unternehmensentwicklung in Russland?

Man war immer davon überzeugt, dass Russland ein interessanter potenzieller Markt ist. In erster Linie wegen der großen Aluminiumindustrie. Und genau diesen Bereich, Aluminiumgerüste, werden wir auch weiterentwickeln. Zweitens werden unsere Verdecke hauptsächlich in zwei Bereichen gebraucht – bei Events und in der Industrie. Russland begann, aktiv an allen internationalen Veranstaltungen teilzunehmen, sowohl an sportlichen als auch politischen. Die Vorrichtungen, die wir anbieten, sind ein unverzichtbarer Teil jeder großen Veranstaltung.

Als „Röder“ den russischen Markt betrat, war dieser recht frei. Es gab einige Kleinunternehmen, die hier arbeiteten, doch sie boten keine schlüsselfertigen Komplettlösungen an. Die technologischen Möglichkeiten unseres Unternehmens waren bedeutend besser als das, was vorher angeboten wurde.

Wie ist Ihr Unternehmen heute aufgestellt?

Unser Unternehmen hat sich recht schnell entwickelt. Heute ist Roeder OOO ein äußerst sichtbarer Betrieb mit gewichtigem Umsatz und großem Lager. In unserem Hauptbüro arbeiten mehr als 100 Mitarbeiter, während großer Projekte, etwa der Olympiade in Sotschi, ganze 500. Heute sind wir definitiv ein Vollfunktionsbetrieb. Wir können technische Konzepte für Veranstaltungen oder für Industrie anbieten, vorläufige Planungslösungen vorbereiten, die Modellierung übernehmen. Wir sind eben ein vollwertiges Entwicklungsunternehmen und ein ernstzunehmender Ingenieursbetrieb. Wir produzieren und bauen selbst, stellen die nötige Ausstattung für konkrete Ziele und Aufgaben zusammen und können den vollen Service anbieten. Und schließlich bieten wir Transformationen an. Wir können fertige Konstruktionen an neue Ziele anpassen.

Wie hoch ist Ihr Lokalisierungsanteil in Russland?

Was das ganzheitliche Produkt betrifft, liegt der Lokalisierungsanteil bei einzelnen Projekten schon lange über 50 Prozent. Das hängt mal von der Projektierung, mal von der Vorbereitung der Baustellen und mal von der Ausrüstungserweiterung ab. Die gesamte Ausstattung, die wir benutzen – Elektrotechnik, Kabel – ist hauptsächlich aus russischer Herstellung. Wandzubehör, Sandwich-Panels, benutzen wir aus lokaler Produktion.

Erzählen Sie bitte von Ihren bedeutendsten Projekten.

Die Olympiade in Sotschi war der bedeutsamste Meilenstein in der Geschichte von „Röder“ in Russland. 2014 erledigten wir 75 Prozent aller Aufbauarbeiten der temporären Infrastruktur für die Olympiade. Insgesamt waren es mehr als 70.000 Quadratmeter Konstruktionen mit kompletter technischer Ausstattung, Bodensystemen und allen notwendigen Elementen.

Vor Sotschi gab es noch zwei große Projekte: Wir waren beim Forum der APEC-Länder 2012 von Wladiwostok bis St. Petersburg, und beteiligten uns 2013 an der Vorbereitung der Universiade in Kasan.

Wir nehmen auch jedes Jahr an der Versorgung des St. Petersburger Wirtschaftsforums teil. Länger sind wir auch beim Östlichen Wirtschaftsforum dabei. In den letzten vier Jahren waren wir der technische Hauptpartner der Internationalen Messe für Luft- und Raumfahrt MAKS in Schukowski beim Aufbau aller Raumlösungen. Und natürlich waren wir bei der Fußballweltmeisterschaft aktiv: in neun der elf WM-Städte gleichzeitig am Werk. Wir errichteten sowohl die Teamzonen als auch die Fanzonen, darunter auch die Moskauer Fanzone, und auch Sicherheitsperimeter für Stadien in sieben Städten.

Wie sieht die geografische Verteilung Ihrer Aufträge jetzt aus?

Ein Großteil unserer Aktivitäten konzentriert sich auf das Gebiet im europäischen Teil des Landes. Hier gibt es deutlich mehr Veranstaltungen, hier befinden sich auch mehr Betriebe, die unsere Produkte benutzen.

Doch wir erweitern die Grenzen. Wir liefern unsere Produkte nach Murmansk, Sotschi, Kaliningrad, Wladiwostok. Darüber hinaus arbeiten wir auch in den GUS-Staaten. Wir hatten Projekte in Weißrussland, Aserbaidschan, gerade wurde ein interessantes Projekt in Kasachstan fertiggestellt. Unsere Konstruktionen lassen sich platzsparend transportieren. Wir suchen optimale Logistiklösungen, weil sich die Geografie unserer Tätigkeit vergrößert.

Sie bieten Lösungen für eine komplette temporäre Infrastruktur an. Was soll man darunter verstehen?

Neben dem Hauptprodukt in Form von Gerüst- und Zeltsystemen bieten wir ein komplettes Dienstleistungspaket an: vom Projektieren über die Auswahl der Ausstattung bis hin zum Bau und der Inbetriebnahme. Zu Beginn bauen wir unsere Konstruktionen auf. Danach installieren wir das Stromversorgungssystem, die Generatoren und schließen die nötige Ausstattung an. Geht es um eine Reiseküche, installieren wir die Küchenausstattung; geht es um eine Reparaturwerkstatt, schließen wir die notwendigen Armaturen an. Neben Zeltsystemen bieten wir auch eine Auswahl an Klimatisierungssystemen an, die für die Versorgung von Veranstaltungen angemietet werden können. Wir haben auch Feueralarmanlagen und Warnsysteme im Angebot. Wir können eine Videoüberwachung installieren. Teils gehört diese Ausrüstung uns, teils beziehen wir diese von unseren langjährigen Stammlieferanten.

In welchen Industriebereichen werden Ihre Systeme am meisten gebraucht?

Heute gibt es eine ganze Reihe an potenziellen Bereichen, bei denen es nicht ganz zweckmäßig ist, gleich ein festes Gebäude zu errichten. Denn es gibt doch nichts Beständigeres als die Unbeständigkeit. Heute können wir einer ganzen Reihe an Betrieben, seien das Montage-, Komplettierungs- oder Abpackbetriebe, unsere Technologien anbieten und schnelle Inbetriebnahme in vier-sechs Monaten gewährleisten.

Da gehen wir mit eigenem Beispiel voran: Drei-fünf Monate nach dem Grundstückserwerb konnten wir bereits in vollem Umfang an unseren Technologien arbeiten. Wir arbeiten hier praktisch schon das dritte Jahr, dabei sind es noch immer die anfangs angebrachten Konstruktionen. Natürlich haben wir sie im Laufe der Zeit auf unsere Bedürfnisse abgestimmt und angepasst. Doch die gute Wärmeisolierung unserer Vorrichtungen ermöglicht unseren Mitarbeitern nach wie vor, absolut effektiv sowohl bei heißem Wetter als auch im Winter zu arbeiten.

In Russland kann es schon recht kalt sein. Für welche Temperaturen sind Ihre Systeme vorgesehen?

Alles hängt davon ab, was wir bauen. Es gibt sehr einfache und leichte Systeme, die nur aus Aluminiumgerüsten und -zelten bestehen. In diesem Fall wird nur die Leistung der Gerätschaften angepasst.

In unseren zwölf Jahren Arbeit in Russland wurden wir schon mit klimatischen Arbeitsbedingungen von unter -40 Grad konfrontiert. Was die elektrothermischen Geräte betrifft, so ist unsere Ausrüstung an die russischen Bedingungen angepasst. Wenn Dieseltechnik benutzt wird, dann nur mit einem Vorwärmsystem für Behälter, in denen sich der Dieseltreibstoff befindet; wir benutzen Schläuche mit Elektroerwärmung, Filter mit Elektroerwärmung, Treibstoffeinspritzung in die Geräte mit Erwärmung. So schließen wir Störungen bei der Arbeit aus, wenn z.B. minderwertiger Treibstoff mit falsch angegebenen technischen Charakteristika geliefert wurde. Wir benutzen auch Zweikreissysteme mit äußerer Erwärmung, wenn die Luft sich aufgrund des hohen Temperaturunterschieds in zwei Etappen aufwärmt.

Kürzlich schlossen wir ein Projekt in Kasachstan ab. Wir mussten bei Temperaturbedingungen von +43...+45 Grad arbeiten, während diese im Innenbereich laut Auftraggeber +20...+22 Grad betragen sollte. Nach sorgfältiger Berechnung entschieden wir uns für den Einsatz – zum ersten Mal – des neuen Zweikreiskühlungssystems, so konnte die erforderliche Temperatur eingestellt und behalten werden.

Ist Fachkräftemangel ein Thema für Ihr Unternehmen? Wie lösen Sie das Problem?

Im Grunde genommen gibt es für uns keine fertigen Spezialisten. Fast unser gesamtes Personal, vom Konstrukteur zum Verkaufsspezialisten, hat die nötige Spezialisierung auf die ein oder andere Weise bei uns erworben. Unsere Spezialisten machen wir uns in gewissem Maße selbst. Die, die im Unternehmen bleiben, werden Schritt für Schritt immer qualifizierter.

Obwohl die Ausarbeitung der Systeme selbst hauptsächlich in Deutschland stattfindet, gibt es im Unternehmen in Russland schon Spezialisten, die vor Ort zusätzliche technische Lösungen für die Systeme vorschlagen, mit denen wir das ergänzen, was in Deutschland gemacht wurde.

Was waren Ihre außergewöhnlichsten Projekte?

Wenn wir von technologisch komplizierten Projekten sprechen, dann ist eines der bemerkenswertesten Beispiele dafür der internationale Flughafenterminal Kaluga, der im April 2018 in Betrieb genommen wurde. Wir haben diese Anlage entwickelt und gebaut. Bei vergleichbar geringen Ausgaben gelang es, regelmäßige Fluglinien einzurichten. Das ist eine einzigartige Erfahrung. Das ist der einzige Terminal dieser Art in Russland und er wurde mit unseren Technologien erbaut.

Während der Universiade in Kasan haben wir das größte temporäre Restaurant mit 12.500 Quadratmetern Fläche und neun unterschiedlichen Küchen der Welt – von der muslimischen bis zur japanischen – gebaut.

Im letzten Jahr haben wir das längste Restaurant entlang der Adler-Arena gebaut. Die Gesamtlänge der Vorrichtung betrug 240 Meter mit unterschiedlicher Breite. Es war ein Restaurant für das Jugend- und Studentenfestival, das in Sotschi stattfand.

Während der Olympiade in Sotschi errichteten wir einen Trainingsplatz für die Eröffnungs- und Schlusszeremonie der Olympischen und Paralympischen Spiele. Die Anlage – 50 Meter breit, 120 Meter lang und bis zu 17 Meter hoch – war eine Kopie des Fischt-Stadions.

Vor drei-vier Jahren brachten wir eine Präsentationskonstruktion mit Glaswänden auf dem Dach eines der Wolkenkratzer von Moscow-City an – in 220 Metern Höhe, mit einem speziellen Windschutz.

Worin liegen Ihre Hauptvorteile im Vergleich zur Konkurrenz?

Was das Grundprodukt betrifft, so ist das ein sehr großes Sortiment an Anlagen mit zahlreichen technischen Möglichkeiten. Heute können wir z.B. eine Anlage mit einer Breite von drei bis zu fünfzig Metern in gänzlich unterschiedlichen Längen anbieten. Mit unserer Basis können wir nicht nur in Russland, sondern sogar auch in Europa Konkurrenz machen.

Zweitens bieten wir das gesamte Spektrum der Projektvorbereitung an – von der Konzepterstellung bis zur vollständigen Projektierung. Wir sind Mitglieder der Berufsständischen Körperschaft in der Projekterstellung in Russland.

Der dritte Vorteil ist unser umfangreiches Zubehörangebot an Klimatisierungs-, Belüftungs- und Heizungssystemen. 70 bis 90 Prozent der Gesamtausrüstung, die wir bei der Organisation von Veranstaltungen benutzen, gehört uns.

Viertens haben wir ein eingespieltes Team von erfahrenen Spezialisten, Unternehmenspartnern, die seit vielen Jahren mit uns zusammenarbeiten.

Eine nicht unwichtige Rolle spielt auch unsere große funktionsbereite Servicestelle. Jedes Zelttuch bei uns hat ein kleines Label, ähnlich einem Strichcode im Laden. So können wir innerhalb weniger Sekunden Informationen darüber bekommen, wann das Zelttuch hergestellt wurde und wo es im ganzen Land im Einsatz ist. In Übereinstimmung mit diesen Informationen können wir unsere Service- und Wartungsdienstleistungen entsprechend erbringen.

Außerdem sind wir stolz auf unseren immer höheren Lokalisierungsanteil. Viele Dinge können wir schon unmittelbar in Russland machen. Wir können bereits fertige Konstruktionen zeitnah ändern oder komplettieren.

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