Interview

„Für russische Start-ups liegt die Chance im Ausland“

20.04.2020

Benjamin Wilkening ist ein echter Russland-Pionier. Der gebürtige Hesse kam in den wilden 1990ern als Unternehmensberater nach Moskau und half Wirtschaftstycoons beim Geschäftsaufbau. Heute ist er für das Moskauer Innovations- und Technologiezentrum Skolkowo tätig und unterstützt russische Start-ups beim Markteintritt in Deutschland. Im Impuls-Gespräch erklärt Wilkening, was Skolkowo vom Silicon Valley unterscheidet und warum russische Start-ups ins Ausland expandieren sollten.


Sie sind geboren in Königstein am Taunus, studierten in Sofia, Madison in Wisconsin und Philadelphia. Wie kamen Sie nach Russland?

Gleich nach meinem MBA-Studium bin ich als einer der ersten Berater von McKinsey nach Russland gekommen. Das war 1993. Unsere Kunden waren unter anderem Unternehmer wie Rustam Tariko, Gründer von Russian Standard, oder Dmitrij Simin, Gründer des Telekom-Riesen Beeline. Kurz vor dem Staatsbankrott 1998 bin ich in den Private-Equity-Bereich gewechselt und habe für private Vermögensgesellschaften gearbeitet. Ab 2012 lebte ich in Berlin als selbstständiger Berater und Start-up-Investor. 2017 kam der Ruf nach Skolkowo als Vice President International Investor Relations.

Die Abteilung International Investor Relations existiert seit 2017, Sie sind seit der Gründung dabei. Wieso hat sich Skolkowo für Sie entschieden?

Ich denke, dass ich eine wichtige Brückenfunktion einnehme. Man hatte jemanden gebraucht, der einerseits die Bedürfnisse russischer Start-ups gut versteht, andererseits aber auch mit deutschen Industriepartnern wie Daimler, Airbus oder Volkswagen zusammenarbeiten kann. Das ist eine sprachliche und kulturelle Kombination, die zusammengepasst hat.

Skolkowo wird oft als russisches Silicon Valley beschrieben. Sind Sie damit einverstanden?

Der entscheidende Unterschied ist: Im Silicon Valley gibt es Abermilliarden von privaten Geldern, die Venture-Capital-Industrie ist sehr stark ausgestattet. Die Start-ups im Silicon Valley sind nicht angewiesen auf staatliche Hilfe und erhalten ihr Geld von privaten Investoren. Hier in Russland dagegen gibt es so gut wie keine Venture-Capital-Industrie, es geht um lächerlich niedrige Ziffern und es ist sehr schwierig für Start-ups, überhaupt loszulegen. Deshalb ist Skolkowo eine herausragende Idee, weil der Staat in einem frühen Stadium eingreift. Wenn ein junges Team eine gute Idee hat und ein Labor braucht, erhalten die Start-ups Unterstützung von Skolkowo.

Welche Vorteile bringt Skolkowo für die Unternehmen?

Skolkowo ist vergleichbar mit einer Sonderwirtschaftszone, spezialisiert sich aber auf Start-ups sowie Forschung und Entwicklung. Die Programmteilnehmer erhalten zehn Jahre Steuerprivilegien, zahlen keine Umsatzsteuer, keine Mehrwertsteuer und auch keine Importzölle auf Maschinen oder Komponenten. Die Lohnnebenkosten sind von 30 auf 14 Prozent reduziert. Das ist ein riesiger Vorteil, weil viele Start-ups trotz hoher Ausgaben für Forschung und Entwicklung über mehrere Jahre hinweg keine Umsätze haben. Darüber hinaus können Start-ups einen Grant beantragen. Das sind keine Kredite, sondern Fördergelder, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Die Start-ups profitieren vom Skolkowo-Ökosystem. Es gibt eine Vielzahl an Labors und Werkstätten sowie Skoltech, die erste russische Universität für angewandte Wissenschaften nach dem Vorbild von MIT und Fraunhofer. Hier wird Auftragsentwicklung für die Wirtschaft gemacht. Bosch arbeitet in Skoltech aktuell an zwei Projekten.

Mit seinen vielen Baustellen wirkt Skolkowo noch rau und unfertig. Was ist das langfristige Ziel des Technologiezentrums am Moskauer Stadtrand?

Es gibt drei Standbeine: Das erste ist die Förderung von Start-ups, das zweite ist Skoltech und das dritte ist die Ansiedlung von Forschung und Entwicklung für russische und internationale große Unternehmen. Neben Sberbank und Tatneft betreiben auch Boeing, Philips und Panasonic Forschungszentren in Skolkowo. Ausländische Firmen erhalten übrigens die gleichen Privilegien wie russische. Wer hier ein eigenes Entwicklungszentrum bauen möchte, bekommt sogar das Bauland auf dem Skolkowo-Gelände für einen symbolischen Preis. Das Angebot nutzen sogar deutsche Mittelständler, so baut etwa derzeit das AHK-Mitgliedsunternehmen Phoenix Contact in Skolkowo sein eigenes Forschungs- und Entwicklungszentrum auf. Das Ziel von Skolkowo ist die Vertiefung der Wertschöpfung in Russland. Dafür bietet das Land mit seinen gut ausgebildeten Programmierern und Ingenieuren die besten Voraussetzungen.


Der deutsche Elektrotechnik-Hersteller Phoenix Contact baut in Skolkowo auf einer Fläche von 13.500 Quadratmetern ein hochmodernes Forschungs- und Entwicklungszentrum mit einem Büro- und Lagerkomplex. Dabei kooperiert das AHK-Mitgliedsunternehmen eng mit russischen Start-ups und der in Skolkowo angesiedelten Universität Skoltech.


Welcher Markt ist besonders interessant für russische Start-ups, die ins Ausland expandieren wollen?

Der deutsche Markt. Am Skolkowo-Programm nehmen aktuell 2000 Start-ups teil, die meisten davon entwickeln einzigartige B2B-Lösungen für die Bereiche IT, Maschinenbau, Life Sciences oder Energieeffizienz. Deutschland mit seiner hoch entwickelten Industrie in Maschinenbau, Automotive oder Weltraumtechnik ist das ideale Tor für die russischen Start-ups.

Gibt es schon eine echte Skolkowo-Erfolgsgeschichte?

Ich arbeite seit fast zwei Jahren mit einem Start-up namens Anisoprint. Es hat einen 3D-Drucker entwickelt, der Komponenten druckt, die doppelt so fest sind wie Aluminium bei halbem Gewicht. Es gibt weltweit nur ein Äquivalent, ein amerikanisches Start-up mit einer Bewertung von 800 Millionen Dollar. Anisoprint hat seinen Drucker in Skolkowo entwickelt, aber mithilfe meiner Abteilung das Business praktisch vollständig nach Deutschland verlegt. Die Produktion erledigt nun ein Auftragshersteller in Augsburg, der Hauptvertriebspartner Myprintoo ist in Hamburg. Deutschland ist ein Schlüsselmarkt, von dort aus kann die Welt erobert werden.

Wenn man in Deutschland über Start-ups spricht, denkt man zunächst an USA, Israel und Skandinavien, eher weniger an Russland. Zu Unrecht?

Sehr zu Unrecht. Auch in Deutschland und den USA ist das Interesse an Deep Tech, an tiefen technologischen Innovationen, sehr spät in der Venture-Capital-Szene erwacht. Ursprünglich war man immer nur an Consumer-Lösungen interessiert, an möglichst vielen Klicks und Nutzerzahlen. Es hat eine Weile gedauert, bis man auch im Westen erkannt hat, dass man mit innovativen B2B-Lösungen, die durch Patente geschützt sind, Milliarden verdienen kann. In Russland gibt es viele agile Start-ups, die eine realistische Chance haben, eine Position für sich in den Weltmärkten zu erobern.

Wie sieht es eigentlich mit der Innovationskraft in Deutschland aus?

Es besteht die Gefahr, dass Amerika die europäischen und deutschen Player langfristig hinter sich lässt. Wenn die deutsche Wirtschaft nicht aufwacht und nicht schneller agile Technologien integriert, dann besteht ein großes Risiko. Noch ist Deutschland Marktführer in vielen Industriebereichen, vor allem im Maschinenbau. Aber die digitale Konkurrenz kommt von überall.

Was sind für russische Start-ups die größten Hürden bei der internationalen Expansion?

Geld. In Russland gibt es kaum institutionelle Investoren, deshalb ist es für Start-ups schwer, Kernfinanzierung für die internationale Expansion zu erhalten. Es ist das typische Henne-Ei-Problem. Ein innovatives russisches Start-up will in den deutschen Markt, benötigt aber allein für ein Büro, Vertrieb und Marketing im ersten Jahr rund eine halbe bis eine Million Euro. Woher soll dieses Geld kommen? Im Silicon Valley stellt sich diese Frage nicht.

Woher kommt der Mentalitätsunterschied zwischen der Start-up-Kultur in Russland und im Westen?

Ich glaube, in Russland gilt das für alle Privatinvestitionen. Der Markt ist nicht groß, und der Appetit für Risiken ist beschränkt. Im Westen läuft es so, dass man zunächst viel Geld verbrennt, um erfolgreich zu wachsen. Diese Mentalität ist hier noch nicht angekommen. Die Frage ist eher: Wie schnell erreichen wir die Gewinnschwelle? Wann haben wir eine Million Dollar Umsatz, um unsere Entwickler zu füttern? In der westlichen Venture-Industrie fragt man dagegen: Wie schnell können wir wachsen und was kostet es?

Am Skolkowo-Förderprogramm nehmen 2000 Start-ups teil. Wie viele von ihnen haben das Potenzial, zum Unicorn aufzusteigen, sprich eine Bewertung von über einer Milliarde Dollar zu erreichen?

Ich schätze, ein Prozent, etwa 20 Start-ups. Skolkowo gibt nur eine Anstoßfinanzierung und Steuervorteile, deshalb kommen viele Firmen oftmals nicht zu dem Punkt, an dem sie erwachsen werden und unabhängig vom Programm überleben können. Das Programm ist auf zehn Jahre angelegt. Bei den ersten Firmen laufen die ersten zehn Jahre bald ab und es gibt bei Weitem nicht genug Anschlussfinanzierung, um die nächste Ebene zu erreichen.

Wo sehen Sie in Russland das größte Wachstumspotenzial im digitalen Bereich?

Überall. E-Commerce ist erst am Anfang und hat ein riesiges Potenzial. Dies haben auch deutsche Unternehmer erkannt, die in Russland nach dem Vorbild von Zalando die Modeplattform Lamoda gegründet haben. Auch im Bereich Finanztechnologien sieht man ein interessantes Wettrennen zwischen staatlichen Playern wie Sberbank sowie privaten Banken wie Tinkoff.

Und im B2B-Bereich?

Im B2B-Markt ist es komplizierter, weil der Innovationsdruck seitens der russischen Industriepartner nicht so hoch ist wie im Westen. Russische Firmen arbeiten zum Teil in geschlossenen Märkten und sind nicht so stark auf Digitalisierung und Innovationen angewiesen. Deshalb liegt die Chance für russische Start-ups vor allem im Ausland, gerade in Märkten wie Deutschland.

In Rankings wird Moskau häufig für die guten Bedingungen für Start-ups gelobt. Woran liegt das?

Der wichtigste Grund ist in erster Linie das Bildungssystem. In den technischen Universitäten in Russland werden die besten Leute weltweit ausgebildet. Russische Programmierer und Ingenieure haben ein ganz anderes Level in Fachbereichen wie Mathematik und Physik und können viel komplexere Aufgaben lösen als Absolventen westlicher Institute. Zum anderen muss man Moskau separat von Russland betrachten. Hier leben 15 Millionen Menschen mit einem hohen Einkommen. Moskau gehört zu den im digitalen Bereich am besten entwickelten Städten in Europa und weltweit, die Einstellung zu digitalen Technologien ist tief in der Bevölkerung verankert. Wir haben hier ein Publikum, das gerne Neues ausprobiert und Experimente zulässt. Das ist ein dankbares Pflaster für Start-ups.

Das Gespräch führte Thorsten Gutmann.

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Thorsten Gutmann

Leiter der Abteilung Kommunikation & Marketing