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Grüner Doppelpunkt: Germantech

27.07.2021

Mit der Abfallreform geht Russland neue Wege, um eine Wende beim Umgang mit dem Müll herbeizuführen.

Die AHK-Plattform Germantech bringt dafür deutsche Unternehmen mit ihrer Kompetenz auf diesem Gebiet in Stellung. Gut anderthalb Jahre nach dem Start soll das Projekt nun erweitert werden.

Tino Künzel


Das Thema Abfallentsorgung ist für Matthias Schepp auch die Geschichte einer Mutprobe. Als er acht, neun Jahre alt war, kletterte er mit Freunden über den Zaun einer Müllhalde am Rande seiner Heimatstadt Mainz. Wer den Gestank am längsten aushielt, durfte sich als Sieger feiern lassen. Ein paar nützliche Dinge für eine gemeinsame Hütte fanden sich zwischen all dem Unrat auch noch.

Erzählt hat der AHK-Vorstandsvorsitzende Schepp, Jahrgang 1964, von diesen Kindheitserlebnissen bei der Präsentation der Digital-Plattform Germantech im November 2019 in Moskau City. Aus dem abseitigen Abenteuerspielplatz in Mainz sind längst eine Golfanlage und ein Park geworden. Deutschland gilt international als Vorreiter bei der Mülltrennung. Viele Firmen aus der Abfallbranche sind Weltspitze. Die Idee hinter Germantech ist es, Unternehmen aus dem Mutterland des Grünen Punkts mit potenziellen Auftraggebern aus der Wirtschaft, von Behörden und aus den Regionen in Russland zu vernetzen. Wohl selten waren die Potenziale einer deutsch-russischen Zusammenarbeit so groß: Die Expertise auf der einen Seite trifft auf einen schier unendlichen Bedarf auf der anderen.

Bisher 40 Firmen in der Datenbank

Das Portal Germantech wurde im Rahmen der Exportinitiative Umwelttechnologien des deutschen Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit eingerichtet. Damit verbunden war eine Anschubfinanzierung in Höhe von 70.000 Euro. Perspektivisch soll sich die Plattform selbst tragen. Die Aussicht auf lukrative Aufträge kostet Unternehmen, die sich auf Germantech mit ihren Leistungen vorstellen, eine Teilnahmegebühr von 500 bis 1000 Euro pro Jahr. Interessenten aus Russland können in der Datenbank zielgenau nach einem Technologiepartner aus Deutschland für ihre Belange suchen. Rund anderthalb Jahre nach dem Projektstart bieten dort 40 Firmen ihre Dienste an, darunter große Namen wie SAP und Siemens. Manche Unternehmen sind seit Jahrzehnten in Russland tätig, andere wollen hier erst Fuß fassen.

Der Recyclingtechnik-Experte Matthiessen aus Schleswig-Holstein hat 2014 seine erste Maschine nach Russland verkauft. Inzwischen wurden bereits 40 Projekte in verschiedenen Regionen realisiert. So lieferte das Unternehmen beispielsweise Sackaufreißer für Osteuropas größte Abfallverwertungsanlage „Wostok“ in Jegorjewsk südöstlich von Moskau. Sie wurde Ende 2019 eingeweiht, ein zweiter Bauabschnitt ist seit Januar dieses Jahres in Betrieb. Bei Germantech mitzumachen, bezeichnet Matwej Bauer, Vertriebsleiter Russland bei Matthiessen, als „sehr gute Gelegenheit“. Russland habe bei der Mülltrennung noch einen weiten Weg vor sich, „da wollen wir gleich von Anfang an dabei sein“.

Vorgaben des Gesetzgebers

Der weite Weg hat, von teils sehr beachtlichen lokalen Initiativen abgesehen, erst vor zweieinhalb Jahren so richtig begonnen. Noch 2013 hatte das russische Umweltministerium eine Strategie für eine Kreislaufwirtschaft bis zum Jahr 2030 erarbeitet. Auf ihrer Grundlage wurden ein Jahr später Änderungen im Gesetz „Über Industrie- und Konsumabfälle“ von 1998 vorgenommen. In Kraft traten sie aber erst nach einer Schonfrist, in der sich die Regionen auf die neuen Realitäten vorbereiten sollten, zum 1. Januar 2019. Bis dahin hatte jede Region per Ausschreibung einen sogenannten regionalen Abfallentsorger zu benennen, womit sämtliche relevanten Zuständigkeiten in einer Hand gebündelt wurden. Der neu geschaffene Russische Umweltdienstleister (REO) koordiniert den Aufbau der nötigen Infrastruktur. Finanziert werden sollen entsprechende Investitionen vor allem über die Müllgebühr, die im Unterschied zu früher nun erstmals als eigener Posten unter den Nebenkosten ausgewiesen ist und im Durchschnitt etwa doppelt so hoch ist wie das, was bisher für diese Zwecke an die Wohnungsgesellschaft entrichtet wurde.

Der politische Rahmen für die Abfallreform ist mit dem „Nationalen Projekt Ökologie“ und seinen föderalen Subprojekten gesetzt. Im Sommer 2020 wurden per Präsidentenerlass nationale Ziele fixiert, die bis 2030 unter anderem eine flächendeckende Mülltrennung und die Halbierung der Abfallmenge, die auf den Deponien landet, vorsieht.

Lage spitzt sich zu

Doch der Ist-Zustand gibt Anlass zu der Frage, ob Russland wirklich eine Abfallreform braucht – oder nicht vielmehr eine Abfallrevolution. Um die Situation zu beschreiben, wird oft ein Vergleich zur Schweiz herangezogen. Allerdings geht es dabei nicht um klare Bergluft und grüne Almwiesen, sondern die schiere Größe. Zählt man alle legalen und illegalen Mülldeponien, -halden und -kippen zusammen, so kommt man nach offiziellen Angaben nämlich auf eine Fläche von vier Millionen Hektar, was in etwa dem Territorium der Schweiz entspricht. Besonders kritisch ist die Lage im Moskauer Umland, wo es um die 20 Deponien gibt. In der jüngsten Vergangenheit flammten immer wieder Proteste von Anwohnern dagegen auf, woraufhin einige der Stinkbomben geschlossen oder technisch entschärft wurden.

Von den 70 Millionen Tonnen Müll, die jährlich in Russland anfallen, produziert die Hauptstadt Moskau geschätzt ein Zehntel. Der erste Versuch, einen Teil davon nicht mehr in der unmittelbaren Umgebung zu verbuddeln, sondern mit Güterzügen in weiter entfernte Regionen zu verfrachten, scheiterte am entschiedenen Widerstand der dortigen Bevölkerung. Die Errichtung eines sogenannten Ökotechnoparks an der Bahnstation Schijes in der nordrussischen Taiga mündete in einen Abnutzungskampf mit den Einwohnern der Region Archangelsk und der Komi-Republik, die sich organisierten, demonstrierten, Mahnwachen in vielen Städten hielten und mit einem Lager vor Ort die Bauarbeiten störten. Nach Aufgabe der Pläne wird das Gelände derzeit rekultiviert.

Auch die Abfallreform stößt auf zahlreiche Widerstände. Vielleicht war das auch nicht unbedingt anders zu erwarten. Der russische Rechnungshof kritisierte allerdings in einem Gutachten vom vergangenen Herbst scharf, dass nach wie vor nur sieben Prozent des Hausmülls einer Wiederverwertung zugeführt würden (in Deutschland sind es zwei Drittel) und über 90 Prozent unbehandelt auf Deponien gelangten (in Deutschland ist das generell verboten). Laut Rechnungshof gehen in mehreren russischen Regionen die Deponiekapazitäten zur Neige. Ein Durchbruch sieht anders aus.

Mülltrennung? Ja, aber …

Dabei lässt die Demoskopie durchaus hoffen. Nach einer Umfrage des Lewada-Zentrums vom Frühjahr 2020 sind 73 Prozent der Bevölkerung bereit, ihren Müll zu trennen, sofern die nötigen Wertstofftonnen im Hof vorhanden sind. 34 Prozent trennen bereits heute. Skeptiker tun das laut Umfrage vor allem deshalb nicht, weil sie glauben, dass am Ende sowieso alles wieder zusammengeworfen wird. Auch sollte berücksichtigt werden, dass die herkömmlichen Müllschlucker in den Wohnhochhäusern immer noch stark verbreitet sind, was einer systematischen Mülltrennung ebenfalls nicht dienlich ist.

Swetlana Bigesse, Geschäftsführerin des deutschen Entsorgers Remondis in Saransk, ist so oder so überzeugt, dass die Abfallreform alternativlos war. „Davor gab es so gut wie keine Infrastruktur für die Behandlung und Wiederverwertung der Haushaltsabfälle.“ Mit der Reform seien „sehr wichtige Rahmenbedingungen für langfristige Investitionen in notwendige Abfallbehandlungsanlagen“ geschaffen worden. Allerdings sei der finanzielle Spielraum, um auch große Investitionen zu tätigen, eng begrenzt. Einerseits sei die jährliche Tarifanpassung vom Gesetzgeber auf maximal vier Prozent gedeckelt worden. Andererseits fehle es an Mechanismen für Subventionen im Bereich Abfallbehandlung. „Auch gibt es immer noch kein Modell der Finanzierung der Infrastruktur der getrennten Wertstoffsammlung in russischen Städten durch die Produzentenverantwortung.“

Remondis ist das einzige ausländische Unternehmen unter den regionalen Abfallentsorgern in Russland und bereits seit 2011 in Saransk, der Hauptstadt von Mordowien. Dort hat es ein System der Mülltrennung aufgebaut, das landesweit als vorbildlich gilt.

Nachhaltigkeit im Fokus

Die Kreislaufbeschwerden auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft sind unterdessen eher noch ein weiteres Argument für Germantech. Deutsche Unternehmen mussten schon viel früher Lösungen für Probleme entwickeln, mit denen heute Russland konfrontiert ist, das macht ihre Erfahrung so wertvoll. „Wir wollen unseren Teil zum Erfolg der Abfallreform beitragen“, sagt Germantech-Projektleiterin Polina Tveleneva.

Die Plattform selbst soll in den kommenden Monaten weiterentwickelt werden. Das betrifft sowohl ihre Benutzeroberfläche als auch ihre Ausrichtung: Der Fokus wird künftig nicht mehr nur auf der Abfallbranche liegen, sondern generell auf Nachhaltigkeit. Dass das auch für Russland eines der großen Zukunftsthemen ist, zeigt nicht zuletzt das aktuelle deutsch-russische Themenjahr, das unter dem Motto „Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung“ steht.


Germantech, gestartet 2019 mit Unterstützung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU), vereint führende deutsche Unternehmen aus der Abfall- und Abwasserwirtschaft und präsentiert ihre Kompetenzen auf dem russischen Markt.

Die Projektteilnehmer bieten ihre Technologien in folgenden Bereichen an: Müllentsorgung, Recycling, Sekundärrohstoff- und Energiegewinnung. Ab 2021 soll das Portal um weitere Bereiche erweitert werden: Abwasserwirtschaft, Luftreinigung, Bodenbehandlung, erneuerbare Energien.

Kontakt:
Polina Tveleneva, Projektmanagerin
+7 (495) 2344950 ext. 2265

tveleneva(at)deinternational.ru
germantech.ru/de/

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