Kaliningrader Gouverneur: „Tauwetter ist das Ziel, auf das wir gemeinsam hinarbeiten müssen.“

Das Gebiet Kaliningrad ist einer der attraktivsten Investitionsstandorte in Russland. Dazu trägt nicht nur die geografische Lage der Ostsee-Exklave bei. Kaliningrad punktet auch mit attraktiven wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und gehört zu den Spitzenreitern, was die Mobilisierung von Investitionen angeht.

Unternehmen aus mehr als 70 Ländern investieren in Kaliningrad bzw. bauen dort eine Produktion auf, wie Anton Alichanow, Gouverneur der westlichsten Region Russlands, am Dienstag beim „Dialog mit dem Gouverneur“ sagte. Die Veranstaltung wurde von der AHK Russland traditionell zusammen mit der Deutschen Botschaft organisiert. Die deutsche Wirtschaft sei für Kaliningrad ein besonders wertvoller Partner: Der Handel der Region mit Deutschland habe 2019 mehr als 800 Millionen US-Dollar betragen.

„Russische Steueroase“

Der deutsche Botschafter in Moskau Géza Andreas von Geyr zeigte sich in seiner Begrüßungsrede überzeugt, dass die deutsche Wirtschaft insbesondere an Kooperationen mit russischen Regionen interessiert sei. Das Gebiet Kaliningrad habe dafür ein hohes Potenzial.

Insbesondere die Sonderwirtschaftszone und die Freihandelszone Kaliningrads locken Investoren an: Die in der Ostsee-Region tätigen Unternehmen profitieren von Steuervorteilen, zudem werden auf die Einfuhr von Rohstoffen und Materialien keine Mehrwertsteuer und kein Zoll erhoben.

In ihrem jährlich erscheinenden Ranking der attraktivsten Wirtschaftsstandorte der Welt zeichnete die „Financial Times“ das Gebiet Kaliningrad in drei Kategorien aus: „Logistik“, „Neue Investitionen“ und „Spezialprogramme“.

In der Region befindet sich zudem der so genannte „Spezielle Administrative Kreis“, eine russische Steueroase, in der sich bereits 40 Firmen niedergelassen haben. Darüber hinaus können in Kaliningrad tätige Unternehmen mit Subventionen in einer Gesamthöhe von mehr als eine Milliarde Euro rechnen.

Während der Veranstaltung gab Anton Alichanow einen Überblick über die aussichtsreichsten Branchen der Kaliningrader Wirtschaft und erwähnte dabei ganz besonders den Autohersteller Avtotor, der mit dem Münchner Autobauer BMW und südkoreanischen Konzernen zusammenarbeitet.

Die Agrarindustrie-Firma Sodruschestwo wolle in Kaliningrad Eiweißkonzentrate in großem Stil produzieren, erzählte der Gouverneur weiter. Wenn das ambitionierte Vorhaben gelinge, könnten die Exporte in die EU wertmäßig um 120 bis 150 Millionen Euro steigen.

Doch die größte Erfolgsgeschichte im Gebiet Kaliningrad schreibt laut Alichanow die Landwirtschaft. Seit zwei Jahren fahre die Region Rekordernten bei Getreide ein. Mehr als die Hälfte davon gehe in den Export.

Deshalb wolle die Regierung der Region Pflanzenzüchtung und Melioration künftig verstärkt fördern sowie auf eine tiefere Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse setzen, um so ihren Marktwert zu steigern. Der Gouverneur verwies auch darauf, dass die Pandemie dem Gebiet Kaliningrad einen Touristenboom beschert habe: Aufgrund der Grenzschließungen strömten Tausende heimische Urlauber an die Ostsee.

Tor zum europäischen Markt

Die Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen ist für das Gebiet Kaliningrad laut Gouverneur Alichanow von enormer Bedeutung:

„Trotz Schwierigkeiten und gegenseitigen Sticheleien, die es ab und zu gibt, waren wir uns gegenseitig schon immer freundlich gesinnt. Wir sind Nachbarn, und man wählt seine Nachbarn nicht. Tauwetter ist das Ziel, auf das wir gemeinsam hinarbeiten müssen.“

Weiter sprach der Gouverneur über russisch-deutsche Gemeinschaftsprojekte, die in der Region umgesetzt werden. Dabei ging er auf die Produktion des innovativen Verbundwerkstoffs AmperTex ein, der sowohl in der Bekleidungsindustrie als auch in der Luft- und Raumfahrt zum Einsatz kommen kann.

Deutsche Mittelständler würden bei der Entwicklung des Schiffbaus eine wichtige Rolle spielen, betonte Alichanow. So habe der Yachtbauer Uschakowskije Werfi des Russlanddeutschen Viktor Lider die Produktion von Hausbooten der Marke Brandenburg gestartet, die auch in europäischen Ländern beliebt seien. Der Gouverneur sagte dazu: „Deutsche nutzen Kaliningrad als ein Tor zum europäischen Markt.“

Beim Dialog ging es auch um Elektromobilität als attraktive Zukunftsbranche für die Zusammenarbeit. Kaliningrad ist laut dem Gouverneur bereit, diese Sparte zusammen mit BMW zu entwickeln. Viele Unternehmen und AHK-Vertreter nutzten die Veranstaltung auch, um dem Gouverneur ihre Investitionsprojekte vorzuschlagen.

Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der AHK Russland und Delegierter der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation, schlug vor, ein Programm der dualen Berufsbildung in der Region zu starten. Dabei könnten die bereits gesammelten Erfahrungen der AHK durchaus helfen.

„Genehmigung wird Sie selbst erreichen“

Unternehmen, die in Kaliningrad ohne langwierige Vorbereitungen in den Markt einsteigen möchten, stehen der  innovative Elektronikindustrie-Park Technopolis GS sowie die Industrieparks Chrabrowo und Tschernjachowsk mit der benötigten Infrastruktur zur Verfügung.

In Tschernjachowsk gibt es Eisenbahngleise sowohl mit Normal- als auch mit Breitspur, so dass Transporte bequem in beide Richtungen abgewickelt werden können.

Roman Gorowoj von der Electrostar Gmbh fragte den Gouverneur nach der Dauer des Genehmigungsverfahrens bei der Eröffnung einer Produktionsstätte in Kaliningrad.

„Man braucht buchstäblich ein paar Wochen, um Schreiben auszutauschen und formelle Abkommen zu schließen. Aber wenn Sie ein Werk bauen wollen und die Genehmigung dafür beantragen, dann sage ich es so: Fangen Sie mit dem Bau an, und die Genehmigung wird Sie schon mitten im Bauprozess erreichen.“

Generalkonsul Mattern: „Angezogene Handbremsen lockern“

Deutschlands Generalkonsul in Kaliningrad, Hans Günther Mattern, der am Dialog mit dem Gouverneur per Videoschalte teilnahm, griff zu Metaphern, um den aktuellen Zustand der deutsch-russischen Beziehungen zu beschreiben. Dabei verwendete er zwei Bilder: Eis und angezogene Handbremsen. Der aktuelle eisige Zustand der Beziehungen zwischen Moskau, Berlin und Brüssel erinnere ihn an den „zugefrorenen, schneebedeckten Oberteich”, sagte der Generalkonsul. Aus seiner Sicht könnte diese Etappe des gegenseitigen Misstrauens aber den Ausgangspunkt für eine neue Annäherung bilden: „Wenn Eis dick genug ist, kann man gut darauf gehen – aufeinander zu.“ Um in Bewegung zu kommen, müssten beide Seiten aber „die angezogenen Handbremsen lockern“. Hans Günther Matterns Rede im Wortlaut lesen.

Die Aufzeichnung der Veranstaltung können Sie sich als Videostream hier ansehen. Alle aktuellen Informationen zu Wettbewerbsvorteilen im Gebiet Kaliningrad und zu Unterstützungsmaßnahmen für Investoren finden Sie in unserem Handbuch für Investoren.


Der „Dialog mit dem Gouverneur” ist ein etabliertes Format der Veranstaltungen, die die AHK Russland in Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft in Moskau organisiert. AHK-Mitgliedsunternehmen haben dabei die Möglichkeit, dem Oberhaupt einer der russischen Regionen ihre Fragen zu stellen und mit ihm aktuelle Geschäftsthemen zu besprechen. Die AHK Russland trägt zusammen mit der Regierung der jeweiligen Region zur Lösung der angesprochenen Probleme bei und zieht ein halbes Jahr später Bilanz.

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Ansprechpartner

Thorsten Gutmann

Leiter der Abteilung Kommunikation & Marketing