Zukunftsforscher Jan Berger: Maschinen kommunizieren miteinander mehr als Menschen

Alle merken es: Arbeit verändert sich. Arbeitszeiten werden flexibler, Projekte sind nicht mehr mit wasserfallartigen Plänen versehen, sondern hangeln sich von Sprint zu Sprint zum Ziel. Unsere Büros werden lichter und bunter. Moment, Büros? Wie viele davon brauchen Firmen eigentlich noch in Zukunft, wenn das Arbeiten von zu Hause doch ganz gut funktioniert?

Jan Berger


Jan Berger ist der CEO des in Leipzig ansässigen Business ThinkTanks 2b AHEAD. Die Zukunftsforscher untersuchen die Auswirkungen von Technologien auf die Geschäftsmodelle und Prozesse von Unternehmen, oft auch ganzer Branchen. Mit ihren Analysen und Studien wirken sie auf die zukünftige Ausrichtung von Unternehmen ein. Jan Berger ist gefragter Redner und Sparringspartner für Unternehmensvorstände und Geschäftsführer. Er ist aber auch Russland eng verbunden. Zwölf Jahre seines Lebens verbrachte er zu unterschiedlichen Zeiten in Moskau und im Ural.


Mythos und Realität von „New Work“

Viele fassen die Veränderungen der Arbeitswelt des letzten Jahrzehnts unter dem Begriff „New Work“ zusammen. Oberflächlich betrachtet stimmt es ja auch. Wir arbeiten auf „neue“ Art und Weise. Nur hat die Veränderung der Arbeitswelt nicht stattgefunden, weil der amerikanisch-österreichische Philosoph Frithjof Bergmann im Detroit der Siebzigerjahre postulierte, Arbeit solle von Selbständigkeit, Freiheit und Teilhabe geprägt sein.

Die Werte klingen gut auf dem Papier. Wer möchte nicht selbständig und frei sein? Doch Bergmanns Vorstellungen neuer Arbeit fußen auf einem Wirtschaftssystem von Verzicht („smart consumption“ – selbst die Knoblauchpresse soll weg) und Subsistenz (Selbstversorgung). Ich finde, unsere Gesellschaft verträgt solche Experimente. Ich meine auch, dass ein Menschheitsproblem wie der Klimawandel nicht allein durch Verzicht zu stoppen ist. Wir benötigen global skalierbare klimapositive industrielle Technologien. Beide Systeme werden also koexistieren. Aber ihre Arbeitsweisen sind nicht beliebig übertragbar.

Warum verändert sich Arbeit?

Ideologien mögen ihre Rolle bei der Veränderung von Arbeit spielen. Aber es sind tatsächlich Technologien, die prägen, wie wir arbeiten. Und Prozesse, die dem Geschäftsmodell oder Unternehmenszweck angepasst sind.

Wer in den Achtzigerjahren ins Berufsleben einstieg, lernte noch Telexgeräte und Schreibmaschinen kennen. Es gab sogar noch das Berufsbild der Typistin. Diese Tätigkeit wurde durch Textverarbeitungsprogramme in unseren Alltag integriert. Diese wiederum werden noch im jetzigen Jahrzehnt allmählich verschwinden, wenn wir standardmäßig mit unseren Geräten sprechen werden.

Das dominierende Arbeitsprinzip des Industriezeitalters war Frederick Winslow Taylors Lehre vom Scientific Management oder wissenschaftlicher Betriebsführung. Sein Buch aus dem Jahr 1911 wird 110 Jahre später immer noch an deutschen Wirtschaftsfakultäten gelehrt, wo es doch längst in der Geschichte Platz finden sollte. Eine Teildisziplin dieses Systems ist das „Verwalten menschlicher Rohstoffe“ oder Human Resource Management, kurz HR. Menschen wurden in bestehende (Fließband-)Prozesse eingefügt. Nur hat das Fließband überhaupt eine Zukunft? Und wie sieht ein neues Arbeitssystem aus, das einem vernetzten Informationszeitalter gerecht wird?

Technologien, die unser Arbeiten verändern werden

Wenn wir in die nächsten 10-20 Jahre schauen, dann erkennen wir am Horizont eine Reihe technologischer Durchbrüche, die unser Leben und Arbeiten verändern werden. Das Internet hat inzwischen fast jedes Gerät durchdrungen. Maschinen kommunizieren heute schon mehr miteinander als Menschen dies miteinander tun. Gepaart mit machtvollen Algorithmen (manche sprechen missverständlich von „Künstlicher Intelligenz“ – KI), kann die Arbeit an und mit Maschinen zum großen Teil automatisiert werden. Und das ist gerade erst der Anfang. Blockchain-Technologie wird neue Geschäftsmodelle unabhängig von den Monopolen der „Big Data“-Giganten eröffnen. Quantencomputing steckt heute noch in den Kinderschuhen, meistert aber schon erste Anwendungen in der Logistik und Datensicherheit auf beeindruckende Weise. Genetisches Engineering sorgte dafür, dass wir in weniger als einem Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie weltweit mehrere Impfstoffe zur Verfügung haben. Biologische Ingenieurbüros wie BioNTech werden mutmaßlich wie Pilze aus dem Boden schießen, wenn durch Algorithmen gestützte Diagnostik und Genetik eine personalisierte Gesunderhaltung von Menschen ermöglichen. Und autonomes Fahren ist heute schon vielerorts möglich und wird bis 2030 keine Seltenheit mehr sein.

Tätigkeiten, die entfallen werden

Langfristig wird also das Fahren als Tätigkeit entfallen. Wir werden gefahren werden. Und das muss gar nicht so schlecht sein. Allein in Deutschland pendeln täglich PKW 20 Millionen Kilometer. Und je nachdem, welche Geschwindigkeit wir ansetzen, werden jeden Tag in Deutschland 6000 bis 8000 Jahre die Hände ans Steuer gelegt. Was wir in dieser Zeit alles Sinnvolles tun könnten! Das Berufsbild des Kraftfahrers wird also in den nächsten 20 Jahren allmählich verschwinden. Und auch das der Triebfahrzeugführer, vielleicht auch das der Piloten.

Auch die vielzitierte Kassiererin ist ein Berufsbild, das uns in der Zukunft immer weniger begegnen wird. Und auch Dolmetschen und Übersetzen hat sich zunehmend in unsere Handys integriert und nur noch wenige spezialisierte Übersetzerinnen und Dolmetscher werden auf Tagungen erscheinen oder Schriftsätze in mehreren Sprachen erstellen. Viele von ihnen werden jedoch Algorithmen trainieren.

Das kann man gutheißen oder schlecht finden. Vor allem aber ist es eine Realität, die wir aktiv gestalten können, denn diese Veränderungen vollziehen sich nicht von heute auf morgen.

Komplementarität – Tätigkeiten, die sich verändern werden

Je nachdem, welcher Beratungsgesellschaft Sie am ehesten Glauben schenken, werden Sie immer wieder Berichte sehen, die wahlweise die Vernichtung mehrerer Millionen bis hin zu zwei Milliarden Jobs vorhersagen. Das ist in vielen Fällen Panikmache und Aufmerksamkeitsheischerei. Auch Berufe wie der Aktuar in der Versicherung landet dann auf solchen Listen. Und obwohl es stimmt, dass Algorithmen besser darin sind als wir Menschen, Risiken zu erkennen, wird der Aktuar nicht aussterben.

Denn die Analyse von Daten ist nur ein Teil seiner Tätigkeit. Die Aufgabe, welche Risikomodelle für eine Versicherung in Zukunft die besten sind, ist eine vom Bewusstsein des Aktuars getriebene Entscheidung. Maschinen besitzen kein Bewusstsein, keinen Antrieb. Sie sind einfach nur so viel besser als wir, große Mengen von Zahlen zu verarbeiten. Wir sind das genaue Gegenteil. Wir scheitern bei kleinen Algebra-Aufgaben, sind aber gut darin, komplexe Entscheidungen zu treffen. Und so werden wir uns durch Maschinen ergänzen lassen.

Marketing und Vertrieb werden insbesondere im Konsumentenbereich sich noch stärker hin zu datengetriebenen Einheiten entwickeln. Jeden Tag entstehen Hunderte neuer Touchpoints – schneller, als sie „Kanal“ sagen können. Genauso viele verschwinden auch. Ein altmodisches Kanal- oder Omnikanalmanagement aufzubauen, wäre albern. Vielmehr wird es Teams geben, in denen Daten aus Tausenden Touchpoints analysiert werden – wann ist welcher Kunde zu welcher Zeit gut ansprechbar, und welche Kombination von Farbe und Worten kommt gut bei ihm an. Für solch kleinteilige Segmente werden andere Menschen im Team mithilfe von Algorithmen Geschichten mit Bildsprache entwickeln und zielgenau Kunden zum Kauf animieren. Die Abwicklung des Geschäfts muss dann so einfach wie möglich sein. Darum kümmern sich wieder andere im Team. Mit Marketing und Sales vor zehn Jahren hat dieses System kaum etwas gemein.

Und auch in der Produktion werden unsere Tätigkeiten ergänzt. Wenn ein Produktionsarbeiter früher seine Muskelkraft am Fließband zum Einsatz brachte, dann sagte ihm der Meister: „Tu das!“. Heute und morgen werden in der Werkshalle aber nur noch Prozesse überwacht, ob die Abläufe der Produktionsroboter ineinandergreifen und den Zweck der gewünschten Produktion erfüllen. Dem Arbeiter, der diese Prozesse überwacht und der sie gegebenenfalls anpasst, kann man nicht mehr „Tu das!“ sagen. Er wird verstehen müssen, warum zu welcher Zeit welche Maschine welchen Prozess umsetzt. „Versteh das!“ ist jetzt das Motto, und mehr noch. „Ändere es, wenn es falsch läuft!“

Tätigkeiten, die entstehen werden

Und eine ganze Reihe von Tätigkeiten wird neu entstehen. Vielleicht wird es sogar den Beruf des KI-Ethikers geben. Wenn Sie zum Beispiel einen Kreditvergabealgorithmus mit den Kreditvergabedaten der letzten 50 Jahre trainieren, dann wird dieser Algorithmus auch in Zukunft Frauen weniger Kredit zur Verfügung stellen als Männern. Denn auch für den Algorithmus gilt: Sagt der Chef, das haben wir schon immer so gemacht, dann verändert sich nichts. Nur, dass es eigentlich keiner sagen muss. Der Algorithmus schreibt nur die in Daten gegossene Vergangenheit mit all ihren guten und schlechten Werten in die Zukunft fort. Dieses potenzierte Fortschreiben von menschlicher Dummheit oder auch Aggressivität erleben wir medial jeden Tag zuhauf. Also rufen viele nach „ethischer KI“ – die EU besitzt sogar schon Richtlinien dafür.

Nur, wie übersetzen Sie „fair“ in eine Sprache, die ein Entwickler und ein Algorithmus verstehen? Was ist Ihre Definition von „fair“ und was die Ihrer Mitarbeiterinnen oder Ihres Wettbewerbers? Mit solchen Themen werden sich KI-Ethiker beschäftigen, die vom Aufstöbern problematischer Daten über die Korrektur und Versionierung von Datenbeständen bis hin zu händischen Unterbindungen einzelner Funktionsweisen und dem Neutrainieren eines Algorithmus allerlei Tätigkeiten ausführen werden. Solch ein Team kann gut und gern bis zu 30-40 Menschen umfassen – je nachdem wie mächtig der Algorithmus ist, den sie einsetzen.

Und wer weiß, wenn die Pläne der Kolonisierung von Mond und Mars aufgehen – und danach sieht es derzeit aus – dann wird auch der verloren geglaubte Beruf des Entdeckers eine Renaissance erfahren.

Weg von Abschlüssen, hin zu Kompetenzen

Denken wir noch einmal kurz zurück in die späten Achtzigerjahre mit Schreibmaschinen und Telex. Computer und Drucker waren auch schon im Einsatz, dann kam das Internet, dann das Smartphone. Der Abstand zwischen tiefgreifenden technologischen Veränderungen verringert sich. Und wenn Sie vor 50 Jahren noch Glück haben konnten, einer Tätigkeit ein Arbeitsleben lang nachzugehen, ist das heute nicht mehr möglich. Darüber hinaus wird das tayloristische Stampf- und Sortierwerk ersetzt werden durch agile Prozesse.

Wenn wir also früher Mitarbeiter danach beurteilten, ob sie „bekannte unbekannte“ Probleme lösen können und eine Zensur meist aufschlussreich genug war, um eine solche Fähigkeit abzulesen, werden wir es in der Zukunft im Arbeitsleben mit der Lösung „unbekannter unbekannter“ Probleme zu tun haben. Nur: ein „cum laude“ in Wirtschaftspsychologie oder ein Einser-Abschluss als Versicherungskauffrau sagen nichts aus über die Fähigkeit, einen komplexen Zusammenhang zu lösen. Abschlüsse, da sind sich die meisten Bildungsforscher einig, werden in Zukunft einen viel geringeren Stellenwert haben als nachweisliche Kompetenzen.

Welche Prinzipien ersetzen Taylorismus?

Das eine System, das tayloristische siloförmige Organisationen aufbricht, gibt es nicht. Manche sprechen von vernetzten Unternehmen – ein guter Begriff, wie ich finde. Andere sprechen von „Holokratie“, was dem ebenbürtig ist, aber häufig missverstanden wird.

Versuchen wir es, konkret zu fassen: Elon Musk wandte sich 2017 in einer E-Mail an alle Mitarbeiter bei Tesla zu Thema Kommunikation. Er beschrieb, wie in den meisten Unternehmen Kommunikation einer Kommandokette folgt. Gibt es ein Problem, wird ein Manager informiert, der es einem anderen Manager eines anderen Bereichs erzählt, der es weitergibt an einen Mitarbeiter. Und dann fließt die Information irgendwann zurück.

Musk schrieb: „Das ist unglaublich dumm. […] Jeder bei Tesla kann und sollte mit anderen per E-Mail / Gespräch reden, je nachdem, was ihrer Meinung nach der schnellste Weg ist, ein Problem zum Nutzen des gesamten Unternehmens zu lösen. […] Hier geht es nicht um zufälliges Geplauder, sondern darum sicherzustellen, dass wir ultraschnell und gut ausführen. Wir können offensichtlich nicht mit den großen Autoherstellern konkurrieren, also müssen wir dies mit Intelligenz und Agilität tun.“ Drei Jahre später ist Tesla das wertvollste Automobilunternehmen.

Schauen wir einmal näher auf Musks E-Mail. Dort ist nicht nur die Rede von Agilität, Intelligenz oder Offenheit – Worte die wir auf jedem „New Work“-Seminar hören. Auch nicht von flachen Hierarchien. Musk geht es um „ultraschnelles und gutes Ausführen.“ Wenn also die Ausführung von unternehmenswichtigen Aufgaben in die Teams in der Werkhalle verlegt werden, dann ist das nicht eine flache Hierarchie, sondern Hierarchie auf Steroiden. Dann können produktionsverhindernde Probleme fix und ohne lange Kettenmails und Meetings gelöst und umgesetzt werden. Und so arbeiten „holokratische“ oder „vernetzte“ Unternehmen. Ihre Arbeitsorganisation ist dem Ziel des Unternehmens angepasst. Und sie setzt voraus, dass das Topmanagement bereit ist, exekutive Vollmachten in die untersten Ebenen des Unternehmens zu übertragen. Das ist vielleicht der wichtigste Punkt, wenn wir über die Zukunft von Arbeit reden.

Zurück

Ansprechpartner

Thorsten Gutmann

Leiter der Abteilung Kommunikation & Marketing