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Merck und Nanolek – deutsche Qualität aus russischer Fertigung

04.10.2021

Merck ist ein deutsches Forschungs- und Technologieunternehmen mit langer Tradition, Nanolek Russlands jüngster und vielversprechendster Player in der Biomedizinbranche. Gemeinsam produzieren die beiden AHK-Mitglieder in einem High-Tech-Werk in Kirow jährlich 30 Millionen Medikamente zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und von Diabetes Typ 2. Die Vollzyklusproduktion unter dem Motto „Deutsche Qualität aus russischer Fertigung“ umfasst sämtliche Stufen vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt.

Thorsten Gutmann, AHK Russland


„Hier werden die Pillen in die Durchdrückpackungen gestanzt“, sagt Danail Dontschew, Vorstandsmitglied von Nanolek und als Chef der Biomedizin-Sparte verantwortlich für die gesamte Produktion in der Nanolek-Fabrik in Kirow, einer 1,3 Millionen Einwohner zählenden Region 900 Kilometer nordöstlich von Moskau. Eine futuristisch anmutende Maschine, an der vier durchsichtige Schläuche befestigt sind, rattert wie ein Presslufthammer und verpackt die silbernen Tablettenblister in Sekundenschnelle. Mitarbeiter in sterilen Ganzkörperanzügen überwachen den Prozess. „Seit 2016 produzieren wir in Kirow gemeinsam mit Merck Medikamente zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie von Diabetes Typ 2 und Prädiabetes“, erklärt der 47-jährige Dontschew. „Unser gemeinsames Investitionsprojekt ist ein Paradebeispiel für das erfolgreiche Zusammenspiel von einzigartigem Fachwissen und hohen Kompetenzen bei Entwicklung und Herstellung von Medikamenten nach den höchsten Qualitätsstandards.“

Modernste Technik

Der Grundstein für das Nanolek-Werk in Kirow wurde 2012 gelegt. Heute ist die Fabrik ausgestattet mit modernsten Labor- und Produktionsmaschinen aus Deutschland, anderen EU-Ländern und Japan. Sie arbeitet täglich von 0 bis 24 Uhr.

Die sterile Zone, in der Nanolek und Merck gemeinsam produzieren, wird von einem Tunnel, der an ein Raumschiff aus einem Science-Fiction-Film von Stanley Kubrick erinnert, mit dem Kühllager und Produktionshallen verknüpft. Menschen in astronautenartigen Schutzanzügen und metallenen Rollwägen marschieren von einem zum anderen Ende des Tunnels. Er grenzt an ein weitflächiges Labor mit hunderten Geräten, die chemische Substanzen auf ihre Qualität testen.

Unabhängig von der Partnerschaft mit Merck stellt Nanolek eine breite Palette von Arzneimitteln her. Produziert werden vor allem Kinder-Impfstoffe und sogenannte Orphan Drugs („Waisenmedikamente“), die so heißen, weil sie zur Behandlung seltener Krankheiten eingesetzt werden. Auch eine Produktionslinie für einen russischen Corona-Impfstoff ist ab Ende 2021 geplant. Aber Nanolek will noch weiter gehen. „Das Gelände umfasst 29.000 Quadratmeter – so groß wie 36 Handballfelder“, erzählt Werksleiter Danail Dontschew. „Dort, wo Sie jetzt grüne Wiesen sehen, entstehen schon bald neue Labore, Produktionshallen und Lager. Erst im vergangenen Jahr haben wir stark in die Herstellung weiterer Produkte investiert.“ Obwohl viele Gebäude noch nicht fertiggestellt sind, wirkt die Fabrik bereits jetzt wie ein riesiger futuristischer Komplex.

Export und internationale Zusammenarbeit

Nanolek ist im Vergleich zu seinem 350 Jahre alten deutschen Partner blutjung. In nur wenigen Jahren konnte Nanolek zu einem der wichtigsten Player im russischen Pharmabusiness aufsteigen. Gründer und Lenker von Nanolek ist Wladimir Christenko, ein junger Geschäftsmann mit charismatischem Auftreten. Für den 40-jährigen Christenko liegt die Zukunft des Unternehmens klar auf Innovationen im Biotech-Sektor. Abgesehen von der Gemeinschaftsproduktion mit Merck setzt das russische Unternehmen auch verstärkt auf rekombinante Impfstoffe. Vor kurzem hat Nanolek präklinische Studien für einen Impfstoff gegen Gürtelrose und klinische Studien für ein Vakzin gegen humane Papillomviren gestartet. „In einem neuen Forschungs- und Entwicklungszentrum in der Nähe von Moskau testen wir außerdem einen eigenen Corona-Impfstoff, der bald in die präklinische Studienphase geht“, sagt Christenko. „Außerdem nehmen wir bald eine vollständige Produktionslinie für Medikamente mit monoklonalen Antikörpern in Betrieb, die meist bei Autoimmun- oder Krebserkrankungen zum Einsatz kommen“, erklärt der Nanolek-Präsident in einem Moskauer Café.

Bisher produziert Nanolek ausschließlich für den russischen Markt. Doch Christenko ist sich sicher: russische Medizinhersteller müssen in bahnbrechende Innovationen investieren und ihre Produkte mittel- und langfristig auch ins Ausland exportieren, um Russlands weltweite Bedeutung im Pharmasektor zu erhöhen. Wenn die klinischen Studien ein positives Ergebnis bescheinigen, wäre der russische Impfstoff gegen humane Papillomviren (HPV) womöglich ein internationaler Durchbruch. Nanolek wolle mit seinem HPV-Impfstoff zu einer internationalen Ausschreibung antreten. „Das Kinderhilfswerk UNICEF, das eng mit der Welthandelsorganisation zusammenarbeitet, hat uns gebeten, 2027 an einem Tender teilzunehmen, um unseren HPV-Impfstoff in die ganze Welt zu liefern“, erklärt der Nanolek-Präsident.

Innovationen brauchen aber nicht nur Export, sondern Zusammenarbeit mit internationalen Partnern. Deshalb hebt Christenko die Bedeutung globaler Vernetzungen hervor: „Wir sind voneinander abhängig.“ So sei das Werk in Kirow stark mit deutscher Technik ausgerüstet – angefangen von hochmodernen Maschinen zur Tablettenherstellung bis zum Lagerverwaltungssystem. „Wir können nicht die Grenzen schließen und sagen, dass wir ab sofort alles allein machen.“

Deutsch-russisches Potenzial

Ähnlich sieht das Matthias Wernicke. Vier Jahre lang lenkte der in Oxford promovierte Ökonom das Pharmageschäft der Merck-Russlandtochter, bevor er zum Generaldirektor von Merck Russland & GUS wurde. Im September 2021 stieg der 48-jährige Wernicke zum Chef der Healthcare-Schiene Merck Serono mit Stammsitz in Darmstadt auf.

„Es gibt eine Menge Potenzial in der deutsch-russischen Pharma-Zusammenarbeit“, sagt Wernicke. „Nicht umsonst ist Merck als langfristig orientiertes Familienunternehmen schon seit 120 Jahren in Russland tätig.“ Merck sei ein globales Unternehmen, das Kunden auf der ganzen Welt bediene und weltweit Produktionsstätten betreibe. „Die deutsch-russischen Beziehungen im Pharmabereich sind sehr stark. Und ich bin mir sicher, dass sie noch stärker werden“, betont Wernicke. So produziere derzeit ein russisches Unternehmen Merck-Produkte in einem Werk in Deutschland. Aber auch in der Forschung gebe es viel Potenzial für Kooperation. „Wir arbeiten mit führenden Onkologen aus Deutschland und Russland zusammen, um die Krebsbehandlung zu optimieren.“

Mammutaufgabe Warenmarkierung

Wie erfolgreich die Zusammenarbeit zwischen Nanolek und Merck funktioniert, zeigt sich bei der digitalen Warenmarkierung. Die seit 2020 verpflichtende Markierung von Pharmaprodukten in Russland soll Fälschungen vorbeugen und Logistik effizienter gestalten. Doch ihre Umsetzung gestaltete sich äußerst kompliziert. Dennoch gelang es, die Warenmarkierung als eine der ersten Produktion in Russland einzuführen. Die Erfahrung, die Merck aus dem europäischen Kennzeichnungssystem mitgebracht habe, sei ein großer Vorteil gewesen, erinnert sich Wernicke. „Wir haben ein straffes Projektmanagement durchgeführt, es war eine sehr deutsche Vorgehensweise.“ Alles sei Schritt für Schritt geplant worden. Zu den größten Herausforderungen zählten die Barcodes, erklärt Wernicke. „Die russischen Barcodes sind sehr dicht und enthalten mehr Informationen als die europäischen.“ Ebenso kompliziert sei die Frage der Produktionsgeschwindigkeit, pflichtet Nanolek-Präsident Christenko bei. „Um 30 Millionen Verpackungen pro Jahr herzustellen, muss die Produktion wirklich schnell sein. Es ist eine Mammutaufgabe, in diesen Prozess ein völlig neues IT-System zu implementieren.“

Globalisierung in der Pandemie

Bei der Frage, ob man den Weg der Globalisierung weiter gehen müsse, herrscht Einigkeit bei Christenko und Wernicke. Das wettbewerbsfähigste Produkt sollte gewinnen, denkt der Merck-Chef: „Deutsche Fahrzeuge und Anlagen sind überall erfolgreich. Und auch unsere Medizin wird weltweit verkauft.“ Es wäre falsch, wenn es für den russischen Markt Einschränkungen gebe. „Umgekehrt – wenn russische Antivirenprogramme zu den besten weltweit zählen, wieso sollten wir Deutsche sie nicht verwenden?“, fragt Wernicke. Nanolek-Präsident Christenko findet es bedauernswert, dass viele Länder ihre Impfstoffe immer noch nicht gegenseitig anerkennen würden. Sein Kollege Wernicke stimmt zu: „Die Pandemie hat uns alle getroffen. Deshalb sollte es unwichtig sein, aus welchem Land der Impfstoff stammt.“ Wichtig sei, dass die Impfstoffe funktionieren und ungefährlich sind.

 

Impuls 3/2021

 

Medizin und Pharma – gesund durch die Krise

 


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