Nach neuen Sanktionen: Wie hart kontert Russland?

Das Boulevardblatt Komsomalskaja Prawda hat sich populistisch mit möglichen Sanktionen auseinandergesetzt, die Russland gegen Amerika verhängen könnte. Allerdings würden diese Russland angesichts der übermächtigen Wirtschaft der USA wohl am stärksten selbst schaden. Mit den möglichen Sanktionen und ihren Folgen für Russland und den Westen befasst sich unser Mitarbeiter Ruslan Kokarew von der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Russland auf unserer Website.

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Die "Komsomolskaja Prawda" (KP) setzt sich in einem Artikel vom 27. April mit der Frage auseinander, ob Russland mit harten wirtschaftlichen Gegenmaßnahmen auf die „unfreundlichen“ Aktionen der westlichen Länder antwortet und wie diese aussehen könnten. 

Theoretisch „ja“ heißt es in dem Artikel, denn die wirtschaftlichen Interessen vieler westlicher Unternehmen seien zum Teil mit Russland verbunden.

Hier eine Auflistung der schwerwiegendsten Sanktionen, die Russland laut dem „Komsomolskaja Prawda“-Artikel gegen westliche Länder verhängen könnte:

1. Verbot für Palladium-Export. Palladium ist ein sehr seltenes Metall. Die Hälfte des Weltmarktes wird von Russland beliefert. Es wird verwendet, um Teile für Flugzeuge, Autos, Handys und Computer herzustellen. Wenn Russland seine Palladium-Verkäufe in den Westen stoppt, verteure sich die Elektronik und würde einige kleine Hersteller in den Ruin treiben.

2. Verbot für Titan-Export. Dieser Werkstoff ist unverzichtbar für Motoren und andere Komponenten für Flugzeuge. Russland deckt 65% des Titanbedarfs von Airbus, bei Boeing sind es 35%. Wenn Russland die Titanlieferungen einstellt, würde die Produktion und Reparatur von Flugzeugtriebwerken abrupt enden. Die westlichen Flugzeuggiganten würden schwere Verluste erleiden.

3. Verbot für große westliche Unternehmen, in Russland tätig zu sein. Einige russische Politiker fordern regelmäßig die Verbannung US-amerikanischer Unternehmen aus Russland. Im Visier mancher Duma-Abgeordneter stehen in der Regel McDonald's, Coca-Cola und PepsiCo.

4. Schließung des russischen Luftraumes für westliche Fluggesellschaften. Vorstellbar wäre: Eine internationale Airline fliegt von Tokio nach Amsterdam über Russland, während eine andere aus einem „unfreundlichen“ Staat dieselbe Route fliegt, Russland umgehen und Tausende zusätzliche Kilometer zurücklegen muss. Wer würde teurere Tickets anbieten und wem würden die Kunden weglaufen?

5. Verkaufsverbot für russische Raketentriebwerke an die USA. In zurückliegenden 20 Jahren hat Russland mehr als 100 Raketentriebwerke an die NASA geliefert. Dieses Jahr erwarten die Amerikaner weitere zehn Antriebe aus russischer Produktion. Sie werden in Atlas- und Antares-Raketen eingebaut, die Fracht in den Weltraum befördern.

Es gebe auch andere russische Waren, ohne die der Westen es schwer haben würde. Dazu gehören unter anderem: 

- schwere Hubschrauber,

- Kernbrennstoff,

- große astronomische Spiegel

- die schwersten Pressen der Welt.

Wird Russland tatsächlich schweres Geschütz auffahren?

Sollte Russland einen Exportstopp auf die genannten Rohstoffe und Waren verhängen, würden die betroffenen Partner nur kurzfristig darunter zu leiden haben. Denn Russland ist kein absoluter Monopolist in diesen Bereichen. Es wird zu vorübergehenden Schwierigkeiten und einem Mangel an bestimmten Rohstoffen und Fertigwaren kommen. Aber nach einiger Zeit wird sich der Weltmarkt an die neuen Bedingungen anpassen und den entsprechenden Bedarf mit Lieferungen von anderen Anbietern und aus anderen Ländern decken. Russland entgehen dabei enorme Einnahmen, und zwar für lange Zeit, wenn nicht für immer. Viel schlimmer ist aber das stark beschädigte Image, dass bisweilen nicht weniger wert ist als die gelieferten Waren und Rohstoffe.

Theoretisch, so Wirtschaftswissenschaftler Denis Raksha in dem „KP“-Artikel, könnte Russland Wirtschaftssanktionen verhängen. Und sie könnten tatsächlich einige westliche Unternehmen oder sogar Länder vor Probleme stellen. Dennoch sollte Moskau ehrlich genug zu sich sein, dass drastische Gegensanktionen die Wirtschaft der Europäischen Union oder der USA kaum beeinträchtigen würden. Außerdem würde der russische Otto-Normal-Verbraucher am meisten unter den Sanktionen gegen den Westen leiden.

Wie könnte Russland sonst noch auf die Sanktionen reagieren?

Laut Anastasia Likhachova, Direktorin des Zentrums für integrierte europäische und internationale Studien an der Higher School of Economics, ist es für Russland wichtig, eine Strategie zu entwickeln, um weniger abhängig von äußeren Sanktionen zu sein - nicht so sehr, um sie zu umgehen, sondern um Teil von alternativen Systemen zu werden. Dies wäre die vernünftigste Reaktion auf die Sanktionen. Aber es sei fast unmöglich, diese Aufgabe allein zu bewältigen.

Es gebe viele Länder, die wegen der US-Sanktionspolitik Probleme haben. Dazu gehören China und seine südostasiatischen Partner, der Nahe Osten und langfristig auch Südamerika sowie viele Länder in Afrika. Russland solle sich mit ihnen zusammenschließen, um neue Absatzmärkte erschließen und alternative Systeme schaffen zu können, um neue Sanktionen nicht nur "standzuhalten", sondern sich auch weiterzuentwickeln.

Dies würde noch viel Zeit in Anspruch nehmen, meint die Expertin. Es sollte klar sein, dass die Sanktionen gegen Russland schnell aufgehoben werden würden. Russland werde noch lange mit den Sanktionsbedingungen zurechtkommen müssen.

Wie sieht die Zukunft aus?

Das Thema Sanktionen werde in naher Zukunft wohl kaum an Relevanz verlieren. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Russland im Wirtschaftsbereich hart reagieren werde. Moskau würde sich eher auf asymmetrische und weniger schmerzhafte restriktive Maßnahmen gegen Einzelpersonen und Organisationen sowie auf "Spiegelmaßnahmen" gegen Botschaften, Konsulate von der Liste der "unfreundlichen Länder“ beschränken.  / Komsomolskaja Prawda

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Ansprechpartner

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Leiter der Abteilung Kommunikation & Marketing