Positionspapier

Positionspapier der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer zu Klima und nachhaltiger Entwicklung

15.07.2021

Schlüsselthemen:

  • Die Klima-Agenda wird mittel- und langfristig einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der europäischen und russischen Wirtschaft haben und die Zukunft der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Russland bestimmen.
  • Der Green Deal der Europäischen Union (EU) und das Ziel der beschleunigten Dekarbonisierung bewirken eine deutliche Reduzierung der Nutzung fossiler Brennstoffe und stellen die Abnahme von Energierohstoffen aus Russland durch Deutschland in Frage.
  • Zudem kann die Einführung des europäischen Kohlenstoff-Grenzausgleichsmechanismus (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM) im Jahr 2023 kritisch für Russlands Grundstoffindustrien wie Stahl-, Öl- und Gasindustrie, Kohle-, Stickstoffdünger-, Zellstoff- und Papierindustrie u.a. werden, die 40 Prozent der russischen Exporte ausmachen. Gleichzeitig sind die Folgen der Einführung des CBAM für Europa selbst ungewiss. Europas Wirtschaft ist zu einem großen Teil von Rohstofflieferungen aus Drittländern abhängig. Aus diesem Grund ist eine gründliche Analyse der wirtschaftlichen und nicht-wirtschaftlichen Auswirkungen des CBAM sowohl für die EU als auch für ihre Handelspartner ebenso notwendig wie der Aufbau eines effektiven Dialogs zwischen Russland und der EU unter Einbeziehung aller Interessengruppen aus Politik und Wirtschaft. Die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) verfügt über alle Voraussetzungen, als Plattform für einen solchen Dialog zu dienen.
  • Die Notwendigkeit, auf die Herausforderungen der globalen Klimapolitik zu reagieren, und die Einführung von ESG-Prinzipien[1] in Regierungs- und Unternehmensführung können zu einem starken Impuls und Modernisierungsschub der russischen Industrie führen und enorme Chancen für die deutsch-russische Zusammenarbeit eröffnen.
  • Schon jetzt geht der allgemeine Trend bei zahlreichen russischen Unternehmen dahin, die CO2-Bilanz (Kohlenstoff-Fußabdruck) von Produkten zu reduzieren und zusätzliche Mittel für energieeffiziente und kohlenstoffarme Technologien aufzubringen. Die Umsetzung dieser Initiativen erfordert jedoch zweifellos staatliche Unterstützung, die Schaffung eines effektiven Systems von Marktanreizen und einen entwickelten grünen Finanzmarkt.

 

Antworten auf die Herausforderungen der internationalen Klimapolitik und des CBAM

Um die wirtschaftshemmenden Auswirkungen des CBAM abzumildern, wären aus Sicht der AHK folgende Maßnahmen zielführend:

  • Die Einführung eines nationalen Emissionshandelssystems in Russland und dessen anschließende Integration in das EU-Emissionshandelssystem. Dies ermöglicht erstens eine Reduzierung der grenzüberschreitenden CO2-Steuer durch die Möglichkeit, Zahlungen für Treibhausgasemissionen auf dem Territorium der Russischen Föderation zu kompensieren. Zweitens kann der nationale Markt für Kohlenstoffeinheiten in Russland zu einer der größten Finanzierungsquellen von grünen Projekten werden.
  • Verbesserung der bestehenden Methodik zur Anrechnung des Absorptionsvermögens von Wäldern, Böden und Gewässern sowie die Koordination der neuen Methodik auf internationaler Ebene. Entwicklung des Mechanismus von Carbon Polygons (CO2-Farmen), einschließlich einer internationalen Kooperation in Bezug auf solche Projekte.
  • Reduzierung der CO2-Bilanz von kohlenstoffintensiven Industrien (Stahl, Aluminium, Zement usw.) durch die Nutzung von erneuerbaren Energien in diesen energieintensiven Branchen.
  • Schaffung grüner Sonderwirtschaftszonen in logistisch gut erreichbaren Regionen mit entwickeltem Industriesektor und einem hohen Potenzial für erneuerbare Energien, in denen dem Investor im Gegenzug für die Lokalisierungsanforderung die Bedingungen für eine kostengünstige Herstellung von Produkten mit niedriger CO2-Bilanz, und die auf ausländischen Märkten wettbewerbsfähig sind, geboten werden.
  • Entwicklung eines grünen Finanzmarktes in Russland als kritischer Wegbereiter für die Förderung von kohlenstoffarmen Technologien und die Umsetzung von Projekten zur nachhaltigen Entwicklung.

 

Energiewende: Neue Chancen für die deutsch-russische Zusammenarbeit

In einer Ära der globalen Dekarbonisierung und Energiewende ist die Zusammenarbeit im Bereich der nachhaltigen Energien – der erneuerbaren Energien und Wasserstoff – eine vielversprechende Option für die deutsch-russische Energiekooperation.

 

Erneuerbare Energien

Ein wesentliches Hindernis für die Entwicklung von erneuerbaren Energien in Russland ist, dass lediglich begrenzte Volumen im inländischen Markt durch das staatliche Förderprogramm garantiert werden. Ohne eine Anhebung des Volumens wird es nahezu unmöglich sein, die Reduzierung der Herstellkosten sowie die Entwicklung von Technologieexporten zu erreichen. Dieser Prozess könnte dadurch umgekehrt werden, dass schrittweise Subventionen für Strom reduziert und bei der Erzeugung fossiler Energieträger auch die Nachfolgekosten eingepreist werden.

Im Rahmen der Entwicklung der deutsch-russischen Zusammenarbeit in diesem Bereich können vielversprechende Marktnischen ausgebaut werden, wie u.a. der Endkundenstrommarkt in energiearmen Gebieten sowie in weit entlegenen und isolierten Territorien.

Aufgrund der CBAM-Risiken sollte auch das Wachstum der Unternehmensnachfrage nach Strom aus erneuerbaren Energien sowie die Möglichkeit der Einrichtung grüner Sonderwirtschaftszonen berücksichtigt werden.

 

Wasserstoff

Die deutsch-russische Zusammenarbeit bei Wasserstoff könnte zu einer Diversifizierung der Energieimporte beitragen und ein neues Modell für eine Klimapartnerschaft mit der EU werden.

Entlang der gesamten Wertschöpfungskette (Herstellung, Transport, Speicherung) für Wasserstoff gibt es ein großes Potenzial für den Technologieaustausch zwischen Deutschland und Russland. Dieser offene Austausch kann auf ein breites Fundament gestellt werden, um die Herstellung von verschiedenen Arten von CO2-armem Wasserstoff (grün, blau, türkis) zu gewährleisten und ein schnelles und ökonomisch sinnvolles Hochfahren des Wasserstoffmarktes in Deutschland zu ermöglichen.

Für die Entwicklung der internationalen Zusammenarbeit im Bereich des blauen Wasserstoffs (entsteht mittels Erdgasdampfreformierung, wenn Erdgas in Wasserstoff und CO2 gespalten wird; das CO2 wird direkt gespeichert – Carbon Capture and Storage, CCS) ist die Vereinbarung über die Zertifizierung von CCS-Projekten sowie die Sicherstellung der gegenseitigen internationalen Anerkennung von CO2-Zertifikaten von grundlegender Bedeutung.

Im Rahmen der Entwicklung der Zusammenarbeit im Bereich des grünen Wasserstoffs ist es wichtig, den Ausbau der Kapazitäten für erneuerbare Energiequellen in Russland (vor allem Wind- und Solarkraftwerke) sicherzustellen.

Grundlegende Faktoren für den zukünftigen Export von grünem Wasserstoff sind erstens der Ausbau der erneuerbaren Energien und zweitens die Einführung eines internationalen Systems zur Zertifizierung von Ökostrom in Russland. In diesem Zusammenhang begrüßen wir die Einführung eines nationalen Zertifizierungssystems für CO2-freien Strom in Russland ab dem Jahr 2022.

Es ist nötig, die Integration und die Teilnahme russischer Wasserstoffprojekte an deutschen und europäischen Fördermechanismen, vor allem H2Global, zu ermöglichen. Zu diesem Zweck ist es äußerst wichtig, eine effektive Kommunikation zwischen den Betreibern der Förderprogramme und den russischen Akteuren sicherzustellen. Die AHK, vertreten durch die Initiativgruppe Wasserstoff (IG Wasserstoff), kann als eine Plattform für eine solche Kommunikation fungieren.

Derzeit steht die IG Wasserstoff in einem aktiven Dialog mit den Hauptakteuren des aufstrebenden russischen Wasserstoffmarktes (Rosatom, Rusnano, Gasprom, Novatek, NTI-Kompetenzzentrum „Neue und mobile Energiequellen“, H2 Clean Energy) und sucht nach gemeinsamen Lösungen, um erste deutsch-russische Pilotprojekte umzusetzen. Darüber hinaus stellt die IG Wasserstoff Kontakte zu deutschen Technologieanbietern sowie Anbietern von deutschen Engineering-Dienstleistungen her, sucht nach Märkten für russischen Wasserstoff in Deutschland und unterstützt bei der Einbindung russischer Projekte in öffentliche Wasserstoffenergie-Fördermechanismen in Deutschland.

 

I.    Globale klimapolitische Herausforderungen als Quelle der Modernisierung für die russische Wirtschaft

Seit dem Inkrafttreten des Pariser Klimaabkommens 2016 hat sich die Weltwirtschaft in Richtung Klimaneutralität bewegt. Viele Länder, darunter China, die Vereinigten Staaten und die Europäische Union, haben das Ziel formuliert, in den kommenden Jahrzehnten Klimaneutralität zu erreichen. Als Teil ihrer Politik zur Eindämmung des Klimawandels hat die Europäische Kommission im Jahr 2019 einen sogenannten „EU Green Deal“ vorgestellt, der die Einführung eines Kohlenstoff-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) ab 2023 vorsieht.

Der Mechanismus soll es ermöglichen, die Dekarbonisierung der EU-Industrie voranzutreiben, ohne ihre Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden. Durch den CBAM sollen die Wettbewerbsbedingungen zwischen europäischen Unternehmen und Unternehmen aus Drittstaaten vergleichbarer werden. Gleichzeitig soll er die EU-Handelspartner dazu ermutigen, eine eigene Umwelt- und Klimapolitik zu entwickeln.

Für Russland, dessen Exporte zu einem Drittel auf die EU entfallen, könnte die Einführung einer CO2-Steuer zu negativen Auswirkungen auf grundlegende Wirtschaftssektoren führen. Insbesondere werden die Öl- und Gasindustrie, Metall-, Kohle-, Stickstoffdünger-, Zellstoff- und Papier- sowie Glasindustrie betroffen sein. Das Beratungsunternehmen KPMG schätzt die Verluste durch die Einführung der europäischen CO2-Steuer für russische Exporteure auf 33,3 Milliarden Euro in den Jahren 2025–2030.

Auch für Europa selbst, dessen wirtschaftliche Sicherheit mittelfristig in hohem Maße von externen Energie- und Rohstofflieferungen abhängen wird, sind die Folgen des CBAM ungewiss. Aus diesem Grund ist eine gründliche Analyse der Auswirkungen des CBAM sowohl für die EU als auch für ihre Handelspartner erforderlich.

Die Risiken der Einführung des CBAM ermutigen russische Unternehmen, proaktiv zu handeln. Der allgemeine politische Trend im Unternehmensumfeld zielt darauf ab, den Kohlenstoff-Fußabdruck von Produkten zu reduzieren und zusätzliche Mittel in energiesparende und kohlenstoffarme Technologien zu lenken. Zum Beispiel plant das russische Mineralölunternehmen Tatneft bis 2050 Kohlenstoffneutralität zu erreichen. Gazprom folgt den Trends der nachhaltigen Entwicklung, indem es im Rahmen seines Umweltmanagementsystems Maßnahmen zur Energieeinsparung und Energieeffizienz umsetzt. Der russische Stahlgigant Severstal wiederum hat sich zum Ziel gesetzt, die CO2-Iintensität seines Flüssigstahls bis 2023 um drei Prozent im Vergleich zu 2020 zu reduzieren, während der russische Nickelförderer Nornickel mit der Produktion von CO2-neutralem Nickel begonnen hat. PhosAgro, Russlands größter Düngemittelhersteller, hat sich im Rahmen seiner Klimastrategie zum Ziel gesetzt, seine CO2-Bilanz bis 2028 um 14 Prozent zu reduzieren.

Um die Auswirkungen der CO2-Steuer zu minimieren, beginnen viele russische Unternehmen mit der Umstellung auf grüne Energien. Insbesondere kündigte das Goldabbauunternehmen Polyus an, dass durch ein System von „grünen Zertifikaten“ der Verbrauch von Energie aus erneuerbaren Energien vollständig gewährleistet ist. Und „Sibur“, Russlands größter Petrochemiekonzern erklärte, Energie aus dem Windpark Adygea aus dem Nordkaukasus zu liefern.

So kann die Notwendigkeit, auf die Herausforderungen der globalen Klimapolitik zu reagieren, zu einer Quelle der Modernisierung und Dekarbonisierung der russischen Industrie werden – und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit russischer Exporteure auf ausländischen Märkten stärken.

Die steigende Nachfrage der Unternehmen nach energiesparenden und CO2-armen Technologien schafft zusätzliche Perspektiven für den deutschen Export von Energieeffizienztechnologien und -dienstleistungen (insbesondere Energiespar-Contracting).

Der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft und die Verankerung von Nachhaltigkeit in den Betrieben der Unternehmenskonzerne ist jedoch mit enormen Kosten verbunden, die zweifelsohne staatliche Unterstützung, ein effektives Marktanreizsystem und einen gut entwickelten grünen Finanzmarkt erfordern.

Um die Risiken der globalen Klimapolitik im Allgemeinen und des europäischen Kohlenstoff-Grenzausgleichsmechanismus im Besonderen zu minimieren sowie die deutsch-russische und europäisch-russische Klimakooperation zu stimulieren, sehen wir folgende Handlungsfelder als dringend am:

  • Bildung einer klaren Klimaagenda und eines effektiven Kohlenstoffregulierungssystems in der Russischen Föderation;
  • Entwicklung eines grünen Finanzmarktes;
  • Entwicklung des Marktes für nachhaltige Energien.

 

II.   Erarbeitung einer klaren Klima-Agenda und eines effektiven Kohlenstoffregulierungssystems

Seit 2019 ist ein steigendes Interesse der russischen Regierung an Klimafragen zu beobachten. Dies wird u.a. durch die Entwicklung der CO2-armen Entwicklungsstrategie des Landes bis 2050 deutlich, aber auch durch die Diskussion zweier Klimagesetze – „Über die Begrenzung der Treibhausgasemissionen“ und „Über die Durchführung eines Versuchs zur Einführung einer speziellen Regulierung der Treibhausgasemissionen und -absorption in der Region Sachalin“.

Auf dem diesjährigen Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg (SPIEF) skizzierte Präsident Wladimir Putin das Ziel, in den nächsten 30 Jahren kumulierte Netto-Treibhausgasemissionen in Russland zu erreichen, die niedriger sind als die in der Europäischen Union. Die russische Regierung soll dazu bis zum 1. Oktober 2021 einen Fahrplan zur Reduzierung der Kohlenstoffintensität der russischen Wirtschaft für den Zeitraum bis 2050 erstellen. Gleichzeitig soll die Dekarbonisierung der Wirtschaft nicht nur durch die Reduzierung der CO2-Emissionen erfolgen, sondern auch durch die Erhöhung des Potenzials zur CO2-Absorption durch Wälder, Böden und Gewässer.

Darüber hinaus soll es spätestens ab dem 1. Juli 2022 in Russland möglich sein, Projekte zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen und zur Erhöhung des Absorptionspotenzials umzusetzen. In den regulatorischen Dokumenten für die Umsetzung solcher Projekte sollte „die Möglichkeit der Teilnahme von ausländischen Organisationen“ ermöglicht werden.

 

 

Verbesserung der Methodik zur Berücksichtigung der Absorptionsfähigkeit von Wäldern

Bei der Formulierung der Klimaziele konzentriert sich Russland auf die Berücksichtigung der Absorptionsfähigkeit der Wälder, die fast die Hälfte seines Territoriums einnehmen (20 Prozent aller Waldflächen der Welt). Hier ist jedoch anzumerken, dass es Lücken in den offiziellen Informationsquellen gibt, die es nicht erlauben, diese Kapazität vollständig zu berücksichtigen. Es ist notwendig, die bestehende Bilanzierungsmethodik zu verbessern, indem das Absorptionsvermögen von Wäldern, Böden und Gewässern einbezogen wird, sowie die neue Methodik auf internationaler Ebene zu harmonisieren.

Die Verbesserung der Bilanzierung von Treibhausgasemissionen und der Absorptionskapazität von Wäldern und Böden wird zur Schaffung von CO2-Polygonen (Farmen) beitragen. Im Dezember 2020 kündigte das russische Ministerium für Bildung und Wissenschaft an, im Jahr 2021 ein Programm zur Schaffung von Kohlenstoffpolygonen mit Unterstützung russischer Universitäten in verschiedenen Regionen und unter Einbeziehung von regionalen Behörden und Unternehmen zu starten. Es ist wünschenswert, die Möglichkeiten der deutsch-russischen Zusammenarbeit in diesem Bereich weiter auszubauen und zu fördern.

 

Einführung der Kohlenstoffregulierung in Russland

Russland ist einer der wichtigsten Handelspartner der EU und hat derzeit keine Kohlenstoffregulierung (CO2-Steuer oder Emissionshandel). Dadurch wird dem Land die Flexibilität genommen, Zahlungen für Treibhausgasemissionen in Russland auszugleichen.

Wir begrüßen neue Gesetzesinitiativen, die Voraussetzungen für die Entwicklung des Marktes für Kohlenstoffeinheiten in Russland schaffen.

Zunächst einmal handelt es sich um das Gesetz zur Einführung einer verpflichtenden Emissionsberichterstattung für große Emittenten. Es bietet auch Möglichkeiten für die Umsetzung von Klimaprojekten von Unternehmen mit der Aussicht auf die Schaffung eines freiwilligen Marktes für den Handel mit Kohlenstoffeinheiten.

Zweitens begrüßen wir einen Gesetzesentwurf über das Experiment der staatlichen Regulierung der CO2-Emissionen und des Umlaufs von Kohlenstoffeinheiten in der Region Sachalin. Das Pilotprojekt in Sachalin wird einen einzigartigen Präzedenzfall für den Emissionshandel in einer separaten Region schaffen, das anschließend auf das gesamte Territorium des Landes ausgeweitet werden kann.

Die Schaffung eines nationalen Emissionshandelsmarktes in Russland könnte eine der größten Finanzierungsquellen für grüne Projekte werden.

Darüber hinaus könnte die Einführung einer nationalen Kohlenstoffregulierung im Land die CO2-Steuer für russische Exporteure minimieren. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die russischen CO2-Zertifikate von der Europäischen Union anerkannt werden.

Wir unterstützen daher die Entwicklung eines nationalen Emissionshandelssystems in Russland und dessen spätere Integration in das EU-Emissionshandelssystem.

 

III.  Entwicklung des grünen Finanzmarktes in Russland

Einer der wichtigsten Treiber der Dekarbonisierung in Russland ist die Ausweitung des Zugangs zu grüner Finanzierung für Unternehmen.

Viele deutsche und europäische Geschäftsbanken (Deutsche Bank, KfW) bieten russischen Entwicklern von nachhaltigen Projekten zunehmend grüne Finanzierungsinstrumente (einschließlich grüner Anleihen – Green Bonds) an.

Parallel dazu wird der russische Bankensektor schrittweise in die Konturen eines modernen globalen Ökosystems für nachhaltige Finanzierung und verantwortungsvolle Investitionspraktiken eingebunden.

In naher Zukunft soll in Russland ein nationales grünes Finanzsystem starten. Das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung der Russischen Föderation bereitet einen Entwurf für einen Regierungserlass vor, der ein Paket von Basisdokumenten für den Start von Projekten zur nachhaltigen Entwicklung in Russland und deren Finanzierungsinstrumente genehmigt. Das Paket enthält Kriterien für grüne Projekte, methodische Richtlinien für die Klassifizierung von Finanzinstrumenten als „grün“ und eine Methodik zur Bestimmung der Unternehmen, welche die Übereinstimmung von Projekten und Finanzinstrumenten mit den Kriterien der nachhaltigen Entwicklung überprüfen und bestätigen.

Eine nationale Taxonomie grüner Projekte würde es der russischen Wirtschaft ermöglichen, im Hinblick auf ökologische und klimatische Nachhaltigkeit ausgewogene Investitionsentscheidungen zu treffen.

 

IV. Marktentwicklung für erneuerbare Energien als Lösung für den CBAM

Die Entwicklung erneuerbarer Energien ist ein wirksames Instrument zur Lösung der Herausforderung des Kohlenstoff-Grenzausgleichsmechanismus für Russlands Wirtschaft: Die Nutzung sauberer Energie kann die CO2-Bilanz kohlenstoffintensiver Industrien (Stahl, Aluminium, Zement usw.) verringern.

Zur Minimierung der CBAM-Folgen werden Russlands Unternehmen zunehmend ihren Strom aus erneuerbaren Energien beziehen. Damit dieser Mechanismus funktioniert, wird ein effektives und glaubwürdiges nationales Zertifizierungssystem für CO2-freien Strom benötigt. Die Strommarktregulierungsbehörde „Market Council“ plant, ein solches System bis zum Ende des Jahres zu schaffen. Die Markteinführung wird für das erste Quartal 2022 erwartet.

Im Zusammenhang mit den Herausforderungen, die sich aus dem CBAM ergeben, hält es die AHK für ratsam, in logistisch gut erreichbaren Regionen mit einem entwickelten Industriesektor und hohem Potenzial für erneuerbare Energien grüne Sonderwirtschaftszonen zu entwickeln. In solchen Gebieten können dem Investor steuerliche Anreize geboten und Industriestandorte mit kohlenstoffarmer Infrastruktur geschaffen werden, einschließlich der Möglichkeit, auf Strom aus erneuerbaren Energien zurückzugreifen. Der Investor wiederum ist verpflichtet, seine kohlenstoffarme Produktion in Russland zu lokalisieren. Es gibt bereits Dutzende von Sonderwirtschaftszonen in Russland, die eine grüne Infrastruktur und eine kostengünstige Produktion von kohlenstoffarmen Produkten bieten können, die auf ausländischen Märkten wettbewerbsfähig sind.

 

V.  Nachhaltige Energie als Antwort auf die Herausforderungen der Energiewende

Das Ziel der beschleunigten Dekarbonisierung beinhaltet eine komplette Umgestaltung des europäischen Energiesystems und eine starke Reduzierung der Nutzung fossiler Brennstoffe. Einigen Schätzungen zufolge könnte die Gasnachfrage in der EU bis 2030 um 20 Prozent sinken, der deutsche Gasverbrauch bis 2050 sogar um 90 Prozent zurückgehen.

Für Russland, den wichtigsten Energielieferanten der EU, liegen die wirtschaftlichen Risiken auf der Hand.

Die Energiewende bedeutet jedoch nicht, dass Russland Möglichkeiten verliert, Energie nach Europa zu exportieren. Selbst im Falle einer vollständigen Kohlenstoffneutralität wird die EU mit hoher Wahrscheinlichkeit einen erheblichen Teil ihres inländischen Energieverbrauchs durch Energieimporte decken. Es wird davon ausgegangen, dass diese Energie klimaneutral ist.

In Anbetracht all dessen könnte die Zusammenarbeit in den Bereichen erneuerbare Energien und Wasserstoff eine vielversprechende Option für die deutsch-russische Energiekooperation im Zeitalter der globalen Dekarbonisierung und Energiewende sein.

Russland hat die größten Ressourcen für fast alle Arten grüner Energie. Das technische Potenzial der erneuerbaren Energieerzeugung im Land übersteigt die jährliche Produktion von Primärenergie um das 35-fache. Die inländische Produktion von hocheffizienten Solar- und Windanlagen ist gut etabliert. Darüber hinaus verfügt Russland über eine günstige geografische Lage für die Lieferung grüner Energie nach Europa.

Es gibt jedoch Einschränkungen. Die Entwicklung der erneuerbaren Energien in Russland ist eher langsam: Bis 2024 wird der Anteil der erneuerbaren Energien ohne große Wasserkraftwerke in Russland bestenfalls 2,5 Prozent der installierten Kapazität und 1 Prozent der Stromerzeugung betragen. Trotz der Verlängerung des Förderprogramms für erneuerbare Energien bis 2035 hat die Regierung beschlossen, die Höhe der Finanzierung zu reduzieren und gleichzeitig die Bedingungen für die Ausschüttung der Förderung zu verschärfen. So werden bis Ende 2035 in Russland höchstwahrscheinlich insgesamt mehr als 13 GW an Kapazitäten für erneuerbare Energien gebaut werden (ohne große Wasserkraftwerke), was 5,4 Prozent der gesamten installierten Kapazität und 2,3 Prozent des Volumens der Stromerzeugung entspricht.

Im Rahmen der Entwicklung der deutsch-russischen Zusammenarbeit in diesem Bereich können vielversprechende Marktnischen ausgebaut werden, wie u.a. der Stromeinzelhandelsmarkt in energiearmen Gebieten sowie in weit entlegenen und isolierten Territorien.

Es ist entscheidend, dass sich der Sektor der erneuerbaren Energien in Russland weiter nachhaltig entwickelt und dass Russland sein riesiges Potenzial in diesem Bereich nutzt, um eine eigene Industrie für erneuerbare Energien zu schaffen, die nicht nur den heimischen Bedarf decken, sondern auch saubere Energie und Technologie exportieren kann.

 

VI. Wasserstoff – ein neues Modell für eine Klimapartnerschaft mit der EU

Die deutsch-russische Zusammenarbeit bei Wasserstoff könnte zu einer Diversifizierung der Energieimporte beitragen und ein neues Modell für eine Klimapartnerschaft mit der EU werden.

Die russische und deutsche Wirtschaft sowie die Wissenschaft zeigen großes Interesse am Aufbau einer Wasserstoffkooperation zwischen den beiden Ländern. Die Verabschiedung konzeptioneller strategischer Dokumente – die Nationale Wasserstoffstrategie in Deutschland und der Aktionsplan zur Entwicklung der Wasserstoffenergie bis 2024 in Russland – schafft den institutionellen Rahmen und neue Mechanismen für die praktische Umsetzung einer solchen Zusammenarbeit.

Die deutsche Nationale Wasserstoffstrategie sieht die Umsetzung von internationalen Wasserstoffenergieprojekten vor. Derzeit sucht das deutsche Bundesministerium für Wirtschaft und Energie nach potenziellen Partnern für solche Projekte in anderen Ländern, darunter auch in Russland.

Darüber hinaus gibt es auf EU-Ebene zahlreiche Förderprogramme zur Unterstützung internationaler Projekte – auch im Bereich der Wasserstofftechnologien – an denen sich Russland potenziell beteiligen kann (IPCEI, Innovationsfonds, Horizon Europe, Connecting Europe Facility / CEF etc.)

Die Entwicklung der internationalen Zusammenarbeit ist auch eine der Prioritäten der russischen Wasserstoffpolitik. Der Aktionsplan-2024 sieht die Entwicklung von systemischen Maßnahmen zur Förderung der Wasserstoffenergie in Russland vor, die sowohl internationale Pilotprojekte unterstützen als auch den Export von in Russland produziertem Wasserstoff und einheimischen Technologien anregen sollen.

 


[1] ESG (Environment, Social und Governance) beschreibt die zentralen Faktoren für die Messung von Nachhaltigkeit.

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Ansprechpartner

Thorsten Gutmann

Leiter der Abteilung Kommunikation & Marketing