Rede von AHK-Vorstandschef Matthias Schepp auf Mitgliederversammlung 2021

Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) und Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Russland, hat auf der AHK-Mitgliederversammlung 2021 eine Grundsatzrede gehalten, die wir hier vollständig veröffentlichen.

Lieber Herr Dr. Seele,

Uwaschajemij Alexej Alexandrowitsch,

sehr geehrte AHK-Ehrenpräsidentin Andrea von Knoop,

liebe Kammer-Mitglieder, sehr geehrte Damen und Herren,

was für ein Jahr liegt hinter uns!  Eine Pandemie so tödlich wie lange nicht. Knapp drei Millionen Tote weltweit. 255 Millionen Covid-Arbeitslose. Hunderttausende Firmen bankrott. Existenzen vernichtet. Lieferketten unterbrochen. Grenzen hochgezogen. Vielfach nationale Abschottung statt internationaler Zusammenarbeit.

Was für ein Jahr! Auf der Bühne der Weltpolitik ein amerikanischer Präsident, der seinen russischen Kollegen einen Mörder nennt. In den deutsch-russischen Beziehungen eine Bundeskanzlerin, die am Berliner Krankenbett eines vergifteten russischen Oppositionellen sitzt. Ein russischer Außenminister, der gegenüber der Europäischen Union mit dem Abbruch der Beziehungen droht. Neue Sanktionen. Nord Stream 2 nicht zu Ende gebaut.

Wie haben wir uns, wie hat sich die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) in dieser Situation von Instabilität und Unsicherheit geschlagen? Recht anständig, würde ich sagen, liebe Mitglieder.

Wir haben früh alle unsere mehr als 300 Veranstaltungen auf Online- und Hybridformate umgestellt.  Wir haben beispielsweise unsere AHK-Treffs und das Moskauer Oktoberfest zwar online durchführen müssen, aber den Teilnehmern immerhin Catering-Pakete mit Wein und Bier und Leckereien ins Home-Office, in die eigene Wohnung geliefert. So konnten wir wenigstens auf diese Art und Weise online miteinander anstoßen. Früh haben wir uns das Motto gegeben: Krisenzeiten sind Kammerzeiten! (Slide Mitgliederentwicklung 2011-2021)

Insgesamt haben wir unsere Aktivitäten im zurückliegenden Covid-Jahr nicht herunter-, sondern im Gegenteil hochgefahren und unsere Schlagzahl noch einmal erhöht. Drei Beispiele möchte ich herausgreifen.

Als Wladimir Putin im Januar 2020 den damaligen Ministerpräsidenten Dmitrij Medwedew durch Michail Mischustin ersetzte und einen Großteil der Minister auswechselte, haben wir für Sie - unsere Mitglieder und unsere Kunden - und Partner in einer langen Nacht Dossiers zu den neuen Regierungsmitgliedern erstellt, für die manch anderer sicher ein, zwei Tage gebraucht hätte.

Auf dem Höhepunkt des russischen Lockdowns haben wir so schnell interessierte Mitgliedsfirmen kontaktiert, die sich bei der föderalen Regierung als systemrelevant registrieren lassen wollten, dass wir die Webseite des zuständigen Industrie- und Handelsministeriums vorübergehend zum Einsturz gebracht haben. Insbesondere in den Regionen konnten wir zahlreiche Firmen dabei unterstützen, den für die Fortsetzung der Produktion so wichtigen Status “systemrelevant” zu bekommen.

Im Schulterschluss mit der Deutschen Botschaft, der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Russland, deren Leiter ich in Personalunion bin, und der Lufthansa haben wir Rückkehrflüge für mehr als 1200 Manager, Techniker und Familienmitglieder organisiert. (Slide Managerflüge) Einige unserer zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren buchstäblich 24/7 erreichbar, um das möglich zu machen.  Manchmal glich das Ringen mit Bürokratie und Corona-Vorschriften einem Häuserkampf. So unterschiedlich, so komplex, so schwierig waren viele Fälle.

Insbesondere die Abteilung Regierungskontakte hat hier Herausragendes geleistet. Herzlichen Dank, liebe Kolleginnen und Kollegen. Herzlichen Dank, lieber André Fritsche, liebe Natalja Kutschinina, liebe Greta Lucas.

Im September haben wir ein Positionspapier veröffentlicht mit der Kernforderung nach Aufhebung der Quarantäne nach negativen Schnelltests bei Aus- und Einreise und unsere Idee und Vorschläge an die Regierungen in Russland und Deutschland geschickt. Dieser Initiative haben sich dann zahlreiche andere große ausländische Wirtschaftsverbände in Russland angeschlossen. Das gemeinsame Positionspapier ging nach Brüssel und an Regierungen von EU-Mitgliedsstaaten.

Auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus anderen Abteilungen haben sich mit Sechs-Tage-Wochen, mit der ein oder anderen Nachtschicht und insgesamt mit einer gewaltigen Zahl von Überstunden reingekniet. Getragen vom Enthusiasmus für unsere gemeinsame Sache. Nur wenn wir selbst von unserer gemeinsamen Sache überzeugt und begeistert sind, können wir andere überzeugen und begeistern! Ich bin sehr stolz, der Kapitän einer solchen Mannschaft zu sein und danke unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr herzlich, egal ob sie in der AHK, in der Delegation der Deutschen Wirtschaft oder im Informationszentrum der Deutschen Wirtschaft arbeiten. Ihr seid eine tolle Truppe und gerade im Sturm habt ihr gezeigt, dass auf die AHK Verlass ist.

Sie, unsere Mitgliedsfirmen, sind dabei unser Vorbild. Ich danke Ihnen allen für Ihr außergewöhnliches Engagement in schwierigen Zeiten. Sie schauen mehr auf Chancen, als dass Sie sich aus Angst vor Risiken wegducken. Sie treibt der Unternehmergeist im besten Sinne des Wortes, und als ich vor fünf Jahren Kammerchef und Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Russland wurde, habe ich – diese Interna mag ich gern preisgeben – unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach den ersten sechs Wochen sehr deutlich gesagt, dass wir näher an die Wirtschaft rücken wollen, an Sie, unsere geschätzten Mitgliedsfirmen. Dass wir ein Unternehmensverband sind und unser Schwerpunkt eindeutig und nachhaltig darauf liegt, dass wir etwas unternehmen und etwas wagen und nicht in Bürokratie und ewigen Ausreden ersticken, die neue Initiativen behindern.

Ich danke sehr herzlich den hunderten Mitgliedern, die sich ehrenamtlich und mit vielen Tagen Einsatz in unseren Komitees engagieren. Denen, die uns mit ihren Ideen unterstützen und ganz ausdrücklich auch denen, die mit Kritik dazu beitragen, dass wir besser werden können. (Slide AHK hilft)

Ich danke dem Vorstand der AHK, der mit beträchtlichem Zeitaufwand und einer Vielzahl von Ideen unsere gemeinsame Sache voranbringt und den deutschen und russischen Mitgliedern unseres Präsidialrates, der uns mit Rat und Tat zur Seite steht, insbesondere wenn bei uns mitunter die Dinge Spitz auf Knopf stehen.

Ich danke denen, die in der Aktion „AHK hilft“ ihre Best Practices und am Anfang der Pandemie Bezugsquellen für die damals knappen und begehrten Masken geteilt haben. Ich danke denen, die an Positionspapieren und Eingaben an Ministerien und Behörden mitgeschrieben haben.

Weil wir einander helfen und fest zusammenstehen, sind wir insgesamt gut durch die Krise gekommen.

Und ich danke Ihnen für ein Kompliment, das Sie uns in unserer Zufriedenheitsumfrage 2020 gemacht haben, an der sich im vergangenen Sommer eine Rekordzahl von mehr als 150 Firmen beteiligt hat. 95 Prozent loben die Gesamtarbeit der AHK als sehr gut oder gut (Slide Gesamtzufriedenheit), niemand fand die Arbeit schlecht oder sehr schlecht. Auch bei der Erreichbarkeit der Mitarbeiter und der Schnelligkeit, mit der wir Anfragen (Slide Erreichbarkeit) beantworten, stellen Sie uns ein gutes Zeugnis aus.

Die gemeinsamen Anstrengungen vieler, die Dynamik und der Erfolgswille unseres Verbandes haben die AHK im vergangenen Jahr um zehn Prozent auf tolle 1000 Mitglieder wachsen lassen. Seit vielen Jahren sind wir der einzige ausländische Wirtschaftsverband in Russland, der solche Zahlen vorweisen kann, und auch unter den weltweiten AHKn Spitzenreiter. (Slide Verbändevergleich) Unsere Position als mitgliederstärkster ausländischer Wirtschaftsverband in Russland konnten wir halten und ausbauen. Wir sind doppelt so groß wie unsere Freunde und Partner von der Association of European Businesses (AEB). Die Amerikaner, Franzosen, Italiener und Briten haben zwischen 300 und 400 Mitglieder, unsere Freunde und Partner vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft 350.

Und was mich besonders freut: Wir haben im vergangenen Jahr insbesondere produzierende Unternehmen und deutsche Mittelständler in unseren Reihen begrüßen können.

Natürlich machen wir Fehler, sogar viele. Natürlich können und müssen wir noch besser werden. Aber: Im Großen und Ganzen ist auf uns Verlass. Und das wird und soll so bleiben, auch und gerade, wenn die Windstärke auf hoher See noch weiter zunimmt.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kammer-Mitglieder, der heutige Rechenschaftsbericht ist nicht nur eine Bilanz des vergangenen Jahres, er ist auch eine Bewerbungsrede für eine zweite Amtszeit. Es ist mir eine Ehre und Freude, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer und in Personalunion Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Russland zu sein. Und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir Ihr Vertrauen für eine weitere Amtszeit schenken.

Gestatten Sie mir deshalb einen Rückblick auf die fünf Jahre, die vergangen sind, seit Sie mich im März 2016 zum Vorstandsvorsitzenden der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer gewählt haben.

Zusammen haben wir einiges erreicht, auf das wir stolz sein können.

  • Wir haben unsere Lobbystärke erhöht. Wir haben Ideen und Initiativen von Ihnen, liebe Mitglieder, aufgegriffen (Slide Komitees) und die Zahl der Komitees und Arbeitsgruppen von 14 auf 27 so gut wie verdoppelt. In Moskau kam eine Reihe wichtiger Komitees dazu, beispielsweise Mittelstand, Pharma und Gesundheitswesen, Soziale Verantwortung, Technische Regulierung und die Initiativgruppe Wasserstoff. In Sankt Petersburg die Komitees Energiewirtschaft sowie Marketing und Vertrieb.
  • Zusammen mit der Delegation der Deutschen Wirtschaft ist es uns gelungen, den wirtschaftspolitischen Dialog zwischen Russland und Deutschland trotz den sich kontinuierlich verschlechternden deutsch-russischen Beziehungen aufrechtzuerhalten. Unsere traditionelle Russlandkonferenz im Februar fand dreimal hintereinander mit Ministerbeteiligung aus beiden Ländern statt, 2020 mit einer großen russischen Delegation in Berlin, der Präsidentenberater Maxim Oreschkin, Industrie- und Handelsminister Denis Manturow und RSPP-Präsident Alexander Schochin angehörten. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier war viermal in Russland und bei den letzten drei Russlandkonferenzen dabei. Im Online-Format hat er im vergangenen Herbst zusammen mit Industrieminister Manturow einen Logistikkomplex von Globus unweit von Moskau eröffnet.
  • Liebe Kammermitglieder, zusammen haben wir die Weitsicht und den Mut aufgebracht, eine Immobilie zu erwerben. (Slide Immobilienkauf Filigrad) Das war und ist ein klares Bekenntnis, dass die deutsche Wirtschaft am russischen Markt festhält. Wir haben nun ein neues Zuhause in einem sich schnell entwickelnden, aufstrebenden Viertel und nur zehn Autominuten von unseren wichtigsten Partnern in der russischen Regierung entfernt, dem Industrie- und Handelsministerium und dem Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung. Und in St. Petersburg sind wir vom Stadtrand ins Zentrum gerückt. Sie sehen hier auf dem Slide unseren Leiter in St. Petersburg - Wladimir Nikitenko mit seinem Team.
  • Es war mir bei meinem Amtsantritt wichtig, verstärkt Russinnen und Russen in wichtige Ämter zu bringen. (Slide Russen in Führungspositionen) Ich habe dem Vorstand deshalb 2016 mit Alexej Grigorjew von Metro erstmals einen Russen als stellvertretenden Vorsitzenden des Vorstandes vorgeschlagen – und danach Elena Semenova von Phoenix Contact und nun Valeria Khmelevskaya von Brandt & Partner. Und Wladimir Nikitenko ist der erste Russe, der stellvertretender Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Russland geworden ist, und der erste Russe als Chef unserer Filiale in St. Petersburg. Wir sind, liebe Mitglieder, eben eine bilaterale Auslandshandelskammer – und das ist gut so. Und das sollte sich auch in Spitzenpositionen ausdrücken, finde ich, auch wenn Firmen mit deutschem Kapital rund zwei Drittel unserer Mitglieder ausmachen. Russische Mitglieder haben wir 24 Prozent.
  • Wir haben uns entbürokratisiert, soweit es die russische und die deutsche Bürokratie zulassen. (Slide Digitalisierung) Wir haben auf agiles Management umgestellt. Dafür gab es die Goldmedaille beim Innovationswettbewerb der weltweit 140 AHKn. Wir haben eine eigene Online-Veranstaltungsplattform entwickelt. Wir sind sicher eine der digitalsten Kammern der Welt.
  • Wir haben die Effizienz im Back-Office erhöht und heute beispielsweise drei Buchhalterinnen weniger als 2016 und dass, obwohl wir fast 200 Mitglieder mehr und ein Drittel mehr Veranstaltungen verwalten.  Das Geld haben wir in neue Stellen und Projekte gesteckt, insbesondere in den Bereichen Lobbying und Digitalisierung.
  • Wir haben ein modernes, schnelles und breites Informationsangebot geschaffen: mit dem Morgentelegramm, mit dem Termin-Newsletter “Meine AHK-Woche", dem AHK Digital Quarterly, dem Zoll-Newsletter, der von Dr. Irina Grekhuchina von der Delegation der Deutschen Wirtschaft in enger Zusammenarbeit mit dem Zollkomitee der AHK erstellt wird, und mit dem Russland-Update für deutsche IHKn. Unsere Website hat ihre Zugriffszahl im vergangenen Jahr auf rund 845.000 verdoppelt (Slide Informationsangebot)
  • Während viele andere Verbände stagnieren oder schrumpfen, haben wir die Mitgliederzahl in den vergangenen vier Jahren um mehr als 20 Prozent auf 1000 erhöht. (Slide Mitgliederzuwachs 2016-2020)

Wir sind nicht schlecht. Selbstzufriedenheit aber, liebe Mitglieder, wäre der erste Schritt auf den Weg zum Abgrund. Wir wollen, können und müssen noch ein Stück besser, stärker und attraktiver werden. Nur so können wir die nicht einfachen Zeiten, die uns erwarten, bestehen. Stillstand ist Rückschritt.

Wir wollen deshalb neue Plattformen und Produkte entwickeln, die für Ihre Firmen, für Sie und die deutsche Wirtschaft in Russland insgesamt einen direkten Nutzen bringen.

Wenn wir auf die nächsten, sicherlich nicht einfachen Monate und Jahre schauen, halte ich drei Annahmen für wahrscheinlich.

Erstens, der russische Markt bleibt für die deutsche Wirtschaft weiterhin interessant. Trotz vieler Einschränkungen, weltweiter protektionistischer Tendenzen, die auch in Russland um sich greifen, trotz Sanktionen und politischer Eiszeit, trotz wachsender Rolle des Staates und bekannter, nur langsam heilender postsowjetischer Malaisen wie Vetternwirtschaft, Korruption, Rechtsunsicherheit und Rohstoffabhängigkeit verdienen unsere Firmen in ihrer großen Mehrheit in Russland nach wie vor gutes Geld. Mit dem niedrigen Rubelkurs, der Investitionen preiswert macht, mit seiner im internationalen Vergleich gut ausgebildeten und kauffreudigen Bevölkerung, mit großartigen IT-Ingenieuren und mit seiner hohen Digitalisierung ist Russland eine Art Hidden Champion für diejenigen, die genau hinschauen. Das tun deutsche Unternehmen. Das tun Sie, liebe Mitglieder. Und so sind die Netto-Direktinvestitionen deutscher Firmen im größten Flächenstaat der Erde nach wie vor hoch.

Zweitens, es ist wahrscheinlicher, dass sich die politischen Beziehungen zwischen Russland und dem Westen nicht entscheidend verbessern oder sogar weiter verschlechtern, als dass mit einer Verbesserung der Beziehungen zu rechnen wäre. Zu groß sind die Interessensgegensätze, zu verschieden die Wertvorstellungen. Russland mit seiner Geschichte, Mentalität und Geographie teilt die Vorstellungen des Westens von Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten nicht. Dies wird auf absehbare Zeit so bleiben.

Drittens, Deutschland ist in den vergangenen Jahren aus der Rolle des russischen Lieblingspartners herausgefallen und wird diese in absehbarer Zeit nicht zurückerobern können. Das Russlandbild in Deutschland ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich degradiert, ebenso das Deutschlandbild in Russland. Russland rückt Stück für Stück von Europa ab und wendet sich Asien und insbesondere China zu. Laut einer Umfrage des angesehenen Lewada-Meinungsforschungsinstituts, die in dieser Woche veröffentlicht wurde, halten nur noch 29 Prozent der Russen Russland für ein europäisches Land, 2008 waren es noch 52 Prozent gewesen.

Was können wir tun in dieser Situation? Was sollten wir tun? Was müssen wir tun?

Mehr denn je kommt es in dieser politisch bleiernen Zeit darauf an, dass wir zusammen noch besser darstellen, was alles die deutsche Wirtschaft hier in Russland tut. Sie alle, die deutschen Unternehmen tun viel für Russland. Sie bringen modernste Technologien. Sie investieren Milliarden. Sie haben Hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen. Sie halten nichts von “hire and fire”. Sie bilden aus. Sie engagieren sich für Behinderte, für Obdachlose, für Kultur und Kirche.  Sie alle tun bewundernswert viel, aber nicht immer ist dies an den richtigen Stellen gut und hinreichend genug bekannt. Hier, liebe Mitglieder, liegen für uns große Chancen.

Wenn Deutschland nicht mehr der Lieblingspartner ist, sondern in der öffentlichen Rhetorik und den Medien zum russischen Lieblings-Prügelknaben Amerika aufschließt, ist es umso wichtiger, den Menschen in Russland und der russischen Regierung zu zeigen, was unsere 4000 in Russland ansässigen Unternehmen in Russland alles auf die Beine stellen. Das tun wir im Schulterschluss mit der Delegation der Deutschen Wirtschaft und das Themenjahr „Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung“, das sich von 2021 bis Ende 2022 faktisch über zwei Jahre erstreckt, bietet dazu eine Steilvorlage.

Fünf wichtige Dinge und Ziele haben wir heute im Vorstand und in Sitzungen davor besprochen. Wir möchten sie zusammen mit Ihnen, liebe Mitglieder, auf den Weg bringen.

1. Unsere Plattform Germantech wollen wir von einer Plattform, die als Plattform für Abfallwirtschaft begonnen hat, zu einer Plattform ausbauen, die auf moderne und effektive Weise deutsche Firmen mit innovativen Technologien in den Bereichen Energie, Wasserwirtschaft, Infrastruktur mit russischen Kunden und Partnern zusammenbringt.

In den vergangenen zwei Jahren haben wir mehr als 125.000 Euro in die Entwicklung von Germantech gesteckt. Keine Kammergelder übrigens, keine Mitgliedsbeiträge. Und das soll auch so bleiben. Ein Teil des Geldes kam von unserem kommerziellen Arm, dem Informationszentrum der Deutschen Wirtschaft (IZDW), inklusive von teilnehmenden Firmen, die für die Präsenz auf der Plattform eine Teilnehmergebühr bezahlen. Sie ist nicht allzu hoch. Der andere Teil des Geldes war eine Anschubfinanzierung des Bundesumweltministeriums.

Lassen Sie mich an dieser Stelle auch zwei Dinge zu unseren Finanzen sagen, ohne dass ich hier dem Bericht unseres Schatzmeisters Borislav Ivanov-Blankenburg allzu sehr vorgreifen möchte.

Erstens, wir sind finanziell gesund, und zwar in allen Organisationen, dem IZDW, der Delegation und in der Kammer. Durch gutes Wirtschaften, Erhöhung der Effizienz und Wachstum an Mitgliedern und Kunden haben wir im IZDW einen Überschuss von rund 200.000 Euro erwirtschaftet, das entspricht rund sieben Prozent vom Umsatz. In der AHK haben wir das Jahr 2020 mit einem Plus von 188.000 Euro abgeschlossen. Dieses Plus ist nötig, um nach unserem Immobilienkauf mit Augenmaß und ohne wichtige Zukunftsinvestitionen zu vernachlässigen wieder Rücklagen zu bilden, die es uns in Zeiten von unvorhersehbaren Schocks von außen erlauben, wenigstens zwei, drei Monate die Löhne weiter bezahlen zu können.

Zweitens, ich habe von Anfang an einen klaren Kurs als Kammerchef und Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Russland verfolgt, dass Projektfinanzierung aus Berlin nur Anschubfinanzierung ist. Nachhaltige Projekte tragen sich von selbst.

Also, auch bei Germantech können wir nun nach anderthalb Jahren auf eigenen Füßen stehen. Machen Sie mit.

Verantwortlich für Germantech sind Hannes Farlock, der Leiter des IZDW und Polina Tvelenova, die Germantech betreut.

Im vergangenen Jahr haben wir die Partnerbörse gestartet, den Binnenmarkt der AHK-Mitglieder. Unsere Mitgliedsfirmen tauschen hier Waren, Produkte und Dienstleistungen aus. Die Partnerbörse hat einen guten Start hingelegt – mit bereits 336 registrierten Firmen. Idee und Inhalte stimmen, aber die Plattform hat in weiten Teilen noch den Charme einer Excel-Tabelle. Wir werden sie in den kommenden Monaten nutzerfreundlicher und optisch attraktiver machen. Verantwortlich sind Marina Gogolidze, unsere Data-Managerin und Anna Ilmer-Maurer, unsere Frau für das Marketing. Großen und besonderen Dank möchte ich auch Anna Nikiforowa aussprechen, die Germantech in unermüdlicher Arbeit vorangebracht hat.

Wenn die Partnerbörse der Binnenmarkt der 1000 AHK-Mitglieder ist, dann ist Germantech unser Instrument, um in einem Markt zusammen präsent zu sein, der in Russland und den Ländern der EAWU 190 Millionen Menschen und acht Millionen Unternehmen umfasst. Machen Sie mit!

Wir haben Ihnen einen Flyer in die Unterlagen bzw. in den Chat gelegt, den Sie sich herunterladen können. Auf ihm sind die Kontakte zu Germantech und anderen Projekten zusammengefasst.

Unser zweites Ziel: Wir wollen unsere Lobbystärke im Interesse all unserer Mitglieder, aber auch aller in Russland tätigen deutschen Firmen und der in Deutschland aktiven russischen Firmen weiter ausbauen. (Slide Positionspapiere) Wir wollen weiter gute Positionspapiere schreiben und noch mehr gute Eingaben und Gesetzesvorschläge an Regierung und Behörden machen. Der Schlüssel dazu ist die Komiteearbeit. Hier werden wir weiter Ideen, Ressourcen und Geld investieren.

Unser drittes Ziel: Zusammen mit der Deutschen Botschaft und der Konrad-Adenauer-Stiftung haben wir im Rahmen der Themenjahres „Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung“ zwei Ideen des Deutschen Botschafters Andreas Géza von Geyr aufgegriffen. Eine lässt sich griffig unter dem Motto „1000 Kammermitglieder, 1000 Praktikanten und Azubis“ zusammenfassen. Wir wollen öffentlichkeitswirksam darstellen, was die deutschen Firmen, die in Russland tätig sind, im Bereich Ausbildung bereits tun – und wir laden Sie herzlich ein, im Rahmen des Nachhaltigkeitsjahres zusätzliche Praktikanten- und Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Wir werden dazu eine digitale und Printbroschüre erstellen, die wir der russischen Regierung vorstellen. Machen Sie mit. Ich denke, es ist in unser aller Interesse.

Verantwortlich bei uns sind die Projektleiterin Maria Fayzulaeva, die Leiterin Duale Ausbildung, Patricia Robel, und mein Stellvertreter als Delegierter der Deutschen Wirtschaft, Tim Knoll.

Hier nun unser viertes Ziel.  Zusammen mit Botschafter von Geyr haben wir eine zweite Idee ausgeheckt: eine Wanderausstellung durch russische Städte auf Grundlage unseres erfolgreichen Projektes Russlandmeister. (Slide Russlandmeister) Für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war die WM 2018 ein Desaster, für die deutsche Wirtschaft in Russland das Jahr 2018 kein schlechtes. Die Netto-Direktinvestitionen laut deutscher Bundesbank betrugen damals 3,4 Milliarden Euro. Und an unserem Projekt “Die Russlandmeister” haben sich bis heute 44 Unternehmen beteiligt, beim Bildband waren 26 dabei – und zusammen mit Volkswagen haben wir eine AHK-Rallye in alle WM-Städte geschickt in einem schönen Win-Win für Kammer und VW, das damals seinen neuen Tiguan vor WM-Stadien vom Starfotografen Hans-Jürgen Burkard in Szene setzen ließ. Die Wanderausstellung war damals über Wochen in Moskau am Arbat und am Gartenring zu sehen, im Petersburger Stadtzentrum in einer Nebenstraße des Newskij-Prospekts sowie in Sotschi. Nun wollen wir die Beiträge aktualisieren und die Ausstellung im Rahmen des Deutsch-Russischen Themenjahr „Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung“ durch sechs bis zehn russische Städte und Regionen schicken. Bei der Eröffnung hoffen wir auf hochrangige Beteiligung der Gouverneure, Bürgermeister, Firmenchefs und der Deutschen Botschaft.

Verantwortlich für Russlandmeister ist Elena Grigoreva, die stellvertretende Leiterin der Kommunikationsabteilung.

5. Fünftens - und last but not least - werden wir in den kommenden Wochen und Monaten mit unserer App „Members-for-Members“ auf Sie zukommen.  Verantwortlich ist Fjodor Menschenin. Über „Members-for-Members“ können alle Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Genuss von Rabatten bei Mitgliedsfirmen kommen – und die App und die AHK auf ihrem Smartphone hoffentlich nahe am Herzen tragen.

Es gibt noch viel zu tun in diesen stürmischen Zeiten. Packen wir es an.


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Ansprechpartner

Thorsten Gutmann

Leiter der Abteilung Kommunikation & Marketing