Runder Tisch zur digitalen Transformation der Leichtindustrie

Kann man Digitalisierung „kaufen“ wie eine Dienstleistung? Ist die Digitalisierung für Unternehmen ein Werkzeug oder ein Selbstzweck? Wie kann man die Leichtindustrie digitalisieren und muss man das überhaupt? Mit diesen Fragen setzten sich die Teilnehmer eines Runden Tisches im Rahmen der Deutsch-Russischen Initiative für Digitalisierung der Wirtschaft (GRID) auseinander, der am 5. Februar beim Russischen Verband der Industriellen und Unternehmer (RSPP) in Moskau stattgefunden hat.

Der russische Markt für die Leicht- und Textilindustrie hat gegenwärtig ein Volumen von rund vier Billionen Rubel – umgerechnet 58 Milliarden Euro. Dies teilte Andrej Rasbrodin (RSPP und Russischer Unternehmerverband der Textil- und Leichtindustrie) mit und berief sich dabei auf die Angaben des Statistikamtes Rosstat. Die Teilnehmer des Runden Tisches verwiesen darauf, dass es problematisch sei, den Begriff Leichtindustrie zu definieren. Denn das Adjektiv „leicht“ wurde ursprünglich verwendet, um diesen Wirtschaftszweig von der Schwerindustrie zu unterscheiden. Mit anderen Worten: Leichtindustrie ist ein Oberbegriff für spezialisierte Industriezweige, die Konsumgüter herstellen. Er umfasst sowohl die Aufbereitung von Rohstoffen als auch die Herstellung von Endprodukten. Die wichtigsten Teilbereiche sind Textilindustrie, Bekleidungsindustrie, Lederindustrie, Rauchwarenindustrie und Schuhindustrie. Produkte der Leichtindustrie finden auch in anderen Branchen wie Luftfahrt, Automobilbau oder Agrarindustrie Anwendung.

Heute gibt es in Russland rund 16.500 überwiegend kleine und mittlere Unternehmen, die in der Leichtindustrie tätig sind. Der Markt für die Leichtindustrie ist zwar hauptsächlich B2C-orientiert, doch auch im B2B-Segment lässt sich laut Rasbrodin eine Tendenz feststellen.

Die Klassifikation einzelner Industriezweige bereitet manchmal Schwierigkeiten, doch es ist keineswegs einfacher, die Begriffe Digitalisierung, Industrie 4.0 und Internet of Things voneinander abzugrenzen und das Verhältnis zwischen ihnen zu beschreiben. Denis Bachajew, Digital Manufacturing Portfolio Development Manager von Siemens, führte ein amüsantes Beispiel an: Manchmal werde er von Unternehmern gefragt, „was die Digitalisierung kostet“. Man kann lange danach googlen, wo sie zu kaufen sei und was man dann mit ihr tun solle. Doch nach Ansicht der Redner sollte man besser erkennen, dass es bei der Digitalisierung nicht nur um die Schaffung höherer Effizienz geht, sondern dass es sich um grundsätzlich neue Geschäftsmodelle handelt.

Prof. Dr. Thomas Gries (Institut für Textiltechnik der RWTH Aachen) erinnerte in seinem Beitrag daran, dass Industrie 4.0 eine deutsche Wortschöpfung sei. So heißt nämlich eines der zehn High-Tech-Projekte der deutschen Bundesregierung, das als Synonym für die vierte industrielle Revolution weltweit bekannt geworden ist. Im weiteren Sinn geht es um ein Konzept der smarten Produktion auf Grundlage des industriellen „Internet of Things“ und der Digitalisierung.

Vladimir Gal (SAP CIS) ging in seinem Bericht auf die erweiterten Möglichkeiten der Customization (d.h. die individuelle Anpassung der Produkte an die Kunden) ein, die sich durch die Digitalisierung der Leichtindustrie ergeben. So könne ein Kunde einen Anzug nicht nur online bestellen, sondern ihn auch nach eigenem Wunsch gestalten und sich innerhalb von 24 Stunden zustellen lassen – dank dem hohen Automatisierungsgrad der Produktion.

Vor allem der Digitaldruck zählt zu den zukunftsträchtigen Bereichen der digitalen Transformation der Leichtindustrie. Nach Angaben des World Textile Information Network haben die traditionellen Stoffdruckverfahren mit mehr als 80 Prozent zwar noch immer den höchsten Marktanteil, doch der Anteil des Digitaldrucks wächst. Dabei spielt der Fast-Fashion-Trend – die „schnelle Mode“ – eine wichtige Rolle: Durch den Digitaldruck werden neue Kleiderkollektionen schneller auf den Markt gebracht.

Auch Gloria Jeans macht vom Digitaldruck Gebrauch. Sergej Klimasch, Senior Vice President für IT, berichtete über die Erfahrungen des Unternehmens mit der digitalen Transformation. Nach seinen Worten setzt Gloria Jeans auf kollektive Intelligenz, also die Zusammenarbeit von Künstlicher Intelligenz und Mensch.

Im Idealfall arbeiten Roboter und Menschen zusammen, ohne sich gegenseitig zu stören. Wie es dann aber in der Wirklichkeit kommt, wird sich erst noch zeigen.

Ein Bericht von Margarita Afanasyeva

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Leiter der Abteilung Kommunikation