Russisches Klopapier für Deutschland

Warum eine Fabrik im Gebiet Kaluga tonnenweise Toiletten- und Küchenpapier nach Deutschland exportiert – und was ein AHK-Mitglied damit zu tun hat.

Thorsten Gutmann, AHK Russland


Die riesigen weißen Zellulose-Rollen stapeln sich bis zur Decke der Lagerhalle, wie in einem Labyrinth. „Hier geht die Reise los“, sagt Alexander Scherbina, der für die Produktion vor Ort zuständig ist. „Zuerst wird die Zellulose mit einer Flüssigkeit aufgeweicht, danach kommt sie zur Aufbereitung in die Papiermaschine. Daraus entstehen am Ende Toilettenpapier, Taschentücher und Küchenrollen der Marke Soffione, die wir überall in Russland und sogar in der EU und Deutschland verkaufen.“

Hier im Industriepark Worsino im Gebiet Kaluga, knapp 100 Kilometer südwestlich vom Moskauer Stadtkern, befindet sich das Werk von Arkhbum Tissue. „Arkh“ steht für Archangelsk, die Stadt im kalten Norden Russlands, die seit der Sowjetunion für seine Zellulose- und Papierherstellung berühmt ist. Von dort bezieht Arkhbum Tissue seine Rohmaterialien. „Bum“ steht für das russische Wort „Bumaga“ (dt.: Papier). Die Fabrik gehört zu Pulp Mill, einer österreich-deutschen Holding mit Hauptquartier in Wien, in deren Besitz sich eine Reihe von Papierfabriken in Russland und der Ukraine befindet.

Eine Papiermaschine, 182 Transporteinheiten

In der Halle, in der die Papiermaschine arbeitet, ist es ohrenbetäubend laut. Eine tonnenschwere gigantische Rolle dreht die Zellulose so glatt, dass sie am Ende wie seidenes Papier herausgleitet. Weißer Dampf und Staub drängen aus der Maschine, die rattert und vibriert wie ein Presslufthammer. „Sie stammt aus österreichischer Herstellung und ist die modernste Maschine ihrer Art in Russland“, so Scherbina. „Es war ein echter Kraftakt, sie nach Russland zu liefern.“ Und hier kommt ein AHK-Mitglied ins Spiel: die WR Group, ein Düsseldorfer Logistikspezialist für Transport, Zertifizierung und Zoll in der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU).

„Wir haben die Lieferung von A bis Z abgewickelt“, sagt Wadim Rosenstein, mit gerade einmal 30 Chef und Eigentümer der 100 Mitarbeiter zählenden WR Group. Rosenstein hat in der russischen Gashauptstadt Nowy Urengoi am Nordpolarkreis seine Kindheit verbracht und ist im Alter von neun Jahren mit seinen Eltern nach Düsseldorf ausgewandert. Im Alter von 14 Jahren gewann er die U20-Bundesliga im Schach, mit 20 gründete er seine erste eigene Firma.

„Für eine reibungslose Zollabwicklung mussten wir die Maschine in Einzelteile zerlegen und mit 182 Transporteinheiten nach Russland liefern lassen, darunter mehrere Schwer- und Übermaßtransporte“, erzählt Rosenstein. „Die Besonderheit war, dass wir alle Maschinenteile mit einem Klassifizierungsbescheid unter einem Unicode verzollten und die Transporte zur gleichen Zeit am Grenzübergang eintreffen mussten, um eine fristgerechte Lieferung zu ermöglichen.“ Das war im Jahr 2019. Nur ein Jahr später, auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie, wurde WR Group erneut für Arkhbum Tissue tätig. Diesmal aber auf eine Art und Weise, wie es Wadim Rosenstein nicht erwartet hätte.

Klopapier in Deutschland – made in Russia

„Normalerweise wickeln wir komplexe Logistikprojekte für Industriebetriebe in Bereichen wie Öl, Gas, Chemie und Petrochemie ab. Wir liefern und zertifizieren Industrieausrüstung. Aber mit der Pandemie haben sich ganz neue Möglichkeiten für uns eröffnet.“ Als Corona mit voller Wucht in Deutschland einschlug, gingen erstaunliche Bilder um die Welt: Hamsterkäufer deckten sich massenweise mit Klopapier ein, die Supermarktregale waren leergeräumt. „Ich habe sofort an meine Partner in Kaluga gedacht. Und habe dort nachgefragt, ob sie nicht auch Toilettenpapier nach Deutschland liefern könnten.“ Eine erste Partie von 15.000 Rollen spendete die WR Group an das Universitätsklinikum Düsseldorf. Das war Anfang April, als in Deutschland die Nachfrage nach Toilettenpapier explodierte.

„Durch die Aktion ist der deutsche Einzelhandel auf Soffione aufmerksam geworden. Wir haben angefangen, im großen Stil nach Deutschland zu importieren. Weil die Qualität der Ware so erstaunlich ist, konnten wir Lieferverträge mit den größten deutschen Supermarktketten abschließen.“ Aber die WR Group importiert nicht nur Toilettenpapier, wie Rosenstein betont: „Wir liefern auch Küchenpapier, Taschentücher und andere Hygieneprodukte.“ Außerdem sei das Papier nachhaltig, so der 30-Jährige. „Unsere Produkte tragen das international anerkannte FSC-Sigel, das für umweltschonende Holzgewinnung steht.“

Expansionspläne

Bisher hat die WR Group mehr als 1000 mit Papier vollbeladene Lastkraftwagen nach Deutschland geschickt. In Zukunft soll aber noch mehr geliefert werden. Die Voraussetzungen dafür werden gerade in Kaluga geschaffen. „Derzeit ist nur die erste Produktionsphase implementiert“, sagt Werksleiter Alexander Scherbina. „Sobald wir die volle Kapazität erreicht haben, werden wir 210.000 Tonnen pro Jahr produzieren und 700 Mitarbeiter beschäftigen.“ Die gesamte Investitionshöhe: 11 Milliarden Rubel, umgerechnet 120 Millionen Euro.

Direkt neben dem Werk entstehen zwei weitere Werke: eine Kartonfabrik, in der auch Altpapier verarbeitet werden soll, sowie eine Papiertütenfabrik. Beides sind Projekte der österreichisch-deutschen Pulp Mill Holding, die auch Filialen in Woronesch, Podolsk, Istra und Uljanowsk betreibt. Die Investitionssumme wird mit umgerechnet fast 300 Millionen Euro beziffert. Die Zukunft wird zeigen, ob bald auch andere Produkte aus Kaluga ihren Weg in den deutschen Einzelhandel finden.


KENNEN SIE SCHON…

…die Kontaktstelle Export der AHK Russland? Zu ihren Aufgaben gehört es, russischen Firmen beim Export nach Deutschland zu helfen und deutsche Unternehmen bei der Suche nach russischen Produkten und Partnern zu unterstützen. Lassen Sie sich jetzt beraten vom Projektleiter Alexander Botow: botow(at)russland-ahk.ru, +7 (495) 234 49 50 ext. 2325.

Kontaktstelle für Einkauf in Russland


 

Zurück

Ansprechpartner

Thorsten Gutmann

Leiter der Abteilung Kommunikation & Marketing