Russland gut gewappnet gegen Corona und Ölpreisverfall

Die Covid-19-Pandemie, der Lockdown, und die infolge des Ölpreisverfalls wegbrechenden Haushaltseinnahmen haben den russischen Rubel auf Talfahrt geschickt. Man könnte denken, schlimmer könnte es gar nicht kommen. Doch Russland hat aus den bisherigen Krisen und Sanktionen Lehren gezogen. Macro-Advisory-CEO Christopher Weafer erklärt, warum die russische Wirtschaft gut gewappnet für die Corona-Krise ist und nicht mehr so stark am Öltropf hängt.

„Ich sage nicht, dass die Sanktionen Russland in die Hände gespielt haben. Sanktionen gegen wen auch immer sind immer schlecht. Aber Russland, nachdem es in den Jahren 2014 bis 2016 sowohl mit Sanktionen als auch mit gesunkenen Öleinnahmen konfrontiert worden war, wechselte seine Strategie. Als Folge ist der russische Staatshaushalt in der aktuellen Krise besser gegen Ölpreisschwankungen geschützt als je zuvor“, sagte Christopher Weafer in einem AHK-Webinar am 27. Mai.

Der CEO der Beratungsagentur Macro-Advisory, der jetzt bereits die vierte Krise in Russland erlebt, berichtete deutschen und russischen Teilnehmern über die Erholung der russischen Wirtschaft nach der Corona-Krise. Experten würden glauben, dass Krisen immer von mehreren Faktoren geprägt seien, sagte er. So sei auch die aktuelle Corona-Krise durch eine Kombination aus Virus und Ölpreisverfall ausgelöst worden. Aber sei Russland in einer viel besseren Situation als etwa der andere Ölgigant Saudi-Arabien oder die amerikanische Fracking-Branche.

Ursache sei, dass das russische Finanzministerium in der Konsequenz der Krise von 2014-2016 seine Haushaltspolitik revidiert habe. Sei der Staatshaushalt im Jahr 2013 bei einem Ölpreis von 115 US-Dollar je Barrel (159 Liter) ausgeglichen gewesen, so haben dafür im vergangenen Jahr 50 US-Dollar gereicht – und damit so wenig wie seit zwölf Jahren nicht mehr.

Wäre Russland nicht mit den Sanktionen konfrontiert worden, hätte die Regierung die Schritte, die den Haushalt weniger anfällig für sinkende Ölpreise gemacht haben, möglicherweise gar nicht unternommen, mutmaßte Weafer. Hinzu kämen die rund 570 Milliarden US-Dollar umfassenden Währungsreserven, die in Verbindung mit dem milliardenschweren Nationalen Wohlfahrtsfonds ein Sicherheitspolster gegen wegbrechende Einnahmen aus den Öl- und Gasexporten seien.

Eine weitere Lehre aus den Sanktionsjahren 2014 bis 2016 sei, dass die Zentralbank in Moskau jetzt nicht viel Geld für die Rettung des Rubels ausgebe, der durch den Ölpreis-Crash unter Druck geraten sei. Der Regierung sei klar, dass ein Wechselkurs von 65 Rubel je Dollar zwar wünschenswert wäre, aber kaum erreicht werden könne, solange sich der Ölpreis nicht stabilisiere.

Dass der Ölpreis in den letzten Mai-Tagen auf 36 US-Dollar je Barrel gestiegen sei, zeuge davon, dass die Nachfrage nach Energieträgern nicht so stark gelähmt sei, wie man befürchtet habe, so Weafer. Für eine Stabilisierung sei aber nicht der „Ölhunger“ wichtig, sondern vielmehr die Fördermenge. Es herrsche Optimismus, dass die Opec+-Gemeinschaft und die USA die vereinbarten Förderkürzungen, die seit dem 1. Mai in Kraft seien, einhalten würden. Wenn sich der Optimismus bewahrheiten würde, würde ein Barrel Öl etwa 35 Dollar kosten. Widrigenfalls würde der Preis wieder unter 30 Dollar fallen.  

Im 1. Quartal 2020, also vor der Corona-Krise, sei das russische Bruttoinlandsprodukt um 1,8 Prozent gewachsen. Aber viel wichtiger sei, dass es im 2. Quartal einen Einbruch um 8 bis 10 Prozent geben könne. Der Lockdown, der im März begonnen habe, habe im April die Wirtschaft am schlimmsten getroffen: Der Einzelhandelsumsatz sei laut den jüngsten Rosstat-Angaben um fast 23 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum geschrumpft. Aber schon in der Woche vom 11. bis zum 17. Mai seien die Verbraucherausgaben der Russen um 5,3 Prozent gegenüber der Vorwoche gestiegen, was auf eine Wiederherstellung der Kaufkraft hinweisen könne.

Weafer erwartet, dass die Regierung als nächste Maßnahme gegen die Krise ihre vorrangigen Ausgaben überdenkt. In diesem Zusammenhang stelle sich die Frage, wie mit den milliardenschweren Nationalprojekten umgegangen werde, die von Präsident Wladimir Putin initiiert worden seien, sagte Weafer. Nach seiner Einschätzung sind die Nationalprojekte Gesundheit, Umwelt und Digitalwirtschaft nicht gefährdet. Die Finanzierung der anderen Projekte könnte jedoch gekürzt werden.

Zum Auftakt des Webinars hatte Weafer zwar eingeräumt, dass derzeit keine sicheren Wirtschaftsprognosen möglich wären. Dennoch stellte er den Teilnehmern zwei Szenarien zur Erholung der russischen Wirtschaft vor. Laut seinem Basisszenario wird das BIP in diesem Jahr um 3,5 Prozent singen, die durchschnittliche Inflationsrate wird bei 4,5 Prozent und der Ölpreis bei 35 US-Dollar liegen. Im nächsten Jahr wird das BIP um 2,5 Prozent wachsen – bei einer Jahresinflation von 3,7 Prozent und einem Ölpreis von 48 Dollar je Barrel. 2022 dürfte es einen Zuwachs der Wirtschaftsleistung um weitere 2,5 Prozent geben - bei 3,5 Prozent Inflation und einem Ölpreis von 55 Dollar, wobei der Rubelkurs endlich auf 65 Rubel je Dollar klettern könnte.

Die soziale und politische Stabilität, die in Krisenzeiten oft in Mitleidenschaft gezogen wird, ist in der aktuellen Krise laut Weafer nicht gefährdet. Obwohl die Zustimmungswerte für Wladimir Putins soziale und politische Entscheidungen laut April-Studien des Lewada-Zentrums auf ein historisches Tief von 28 Prozent gefallen seien, bleibe Russland stabil. Die Russen stünden weiter zu ihrem Präsidenten und sympathisierten zunehmend mit der Politik der neuen Regierung. Michail Mischustin, der erst seit Anfang des Jahres an der Spitze des Kabinetts steht, sei mittlerweile der zweitpopulärste Politiker im Land.

In der Corona-Krise beschäftigt die Frage nach protektionistischen Maßnahmen die ausländischen Unternehmen in Russland stärker denn je. Weafer kann sich vorstellen, dass die Regierung nach der Pandemie im Rahmen ihrer Anti-Krisen-Strategie die Lokalisierungsanforderungen verschärfen könnte. Da aber das Industrie- und Handelsministerium die „Made in Russia“-Produktion anspornen wolle, würden die ausländischen Unternehmen in Russland „im Spiel“ bleiben.

Ein Bericht von Margarita Afanasyeva

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