Andrea von Knoop: „Russland ist mein Schicksal – für immer“

  • © Hans-Jürgen Burkard, Die Russland-Meister

Sie ist die Grande Dame der deutschen Wirtschaft in Russland. Jeder kennt sie, und sie kennt jeden. Andrea von Knoop leistete als Gründerin der AHK-Vorgängerorganisation Verband der Deutschen Wirtschaft (VDW) Pionierarbeit für die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen. Im Impuls-Gespräch gibt die Ehrenpräsidentin der AHK faszinierende Einblicke in 25 Jahre Verbandsgeschichte, spricht über ihre erste Moskau-Reise 1965, ihre Liebe zu Russland und die Bedeutung der AHK in der heutigen Zeit.

Thorsten Gutmann, AHK Russland

Als Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Russland ab 1993 und Vorstandsvorsitzende der AHK-Vorgängerorganisation – Verband der Deutschen Wirtschaft – ab 1995 standen Sie an der Wiege der AHK. An welche Erlebnisse und Momente aus der Anfangszeit können Sie sich noch besonders gut erinnern?

Man muss sich zurückversetzen in die wilden 1990er Jahre. Es gab damals noch kein Büro der Deutschen Wirtschaft. Viele der jetzigen Kammermitglieder können sich heutzutage kaum vorstellen, wie das damals zuging. Die Sowjetunion gab es nicht mehr, und das neue Russland war noch nicht geformt. Wir alle wurden zu Zeugen des schmerzhaften Aufbruchs in die Marktwirtschaft mit Stichworten wie Preisliberalisierung, Hyperinflation und Schocktherapie. Es war der Wilde Osten, in dem die Steuerpolizei schon mal ein deutsches Unternehmen mit Baseballschlägern besuchte. Es gab in dieser Zeit etliche Übergriffe, in Jekaterinburg etwa ist ein deutscher Firmenchef in seiner Wohnung festgesetzt worden, indem die Mafia seine Tür zuschweißte. In vielen Fällen konnten wir aufgrund unserer exzellenten Beziehungen zu den russischen Regierungsstellen helfen. Es war einzigartig, mit welchem Engagement der Verband entstand. Da waren Leidenschaft, Aufbruchstimmung und ein ganz besonderer Spirit im Spiel. Das ließ uns in diesen bewegten Jahren in vielen kritischen Momenten zusammenstehen.

In diesem Jahr feiert die AHK, deren Ehrenpräsidentin Sie sind, ihr 25-jähriges Jubiläum. Wie hat sich die Kammer in Ihren Augen in mehr als zwei Jahrzehnten verändert und entwickelt?

Wie Sie sich vorstellen können, liegt mir die AHK als Nachfolgeorganisation meines VDW sehr am Herzen. Ich verfolge mit großer Freude, wie meine beiden Nachfolger Michael Harms und Matthias Schepp die Erfolgsgeschichte des VDW fortgeschrieben und den Verband konsequent weiterentwickelt haben. Dies ist vor allen Dingen in den letzten fünf Jahren zu bemerken. Die AHK wird immer digitaler und führt hervorragende Veranstaltungen durch. Neben den traditionellen AG- und Komiteesitzungen sowie Geschäfts- und Netzwerktreffen gibt es heute Online- und Hybridformate sowie Großveranstaltungen mit über 800 Teilnehmern, was früher überhaupt nicht denkbar gewesen wäre. Ich bin sehr beeindruckt von der großartigen Leistung des gesamten AHK-Teams. Und ich war auch sehr beeindruckt, zu lesen, dass die AHK Russland für die Einführung agiler Methoden die Goldmedaille des Innovationswettbewerbs unter 140 AHKn weltweit gewonnen hat.

Was gefällt Ihnen besonders an der modernen AHK?

Ein besonderes Asset ist das Morgentelegramm, das unter deutschen Firmenvertretern – und nicht nur unter diesen – heißbegehrt ist. Der zweimal pro Woche erscheinende Newsletter gibt einen hervorragenden Überblick über aktuelle für die Wirtschaft relevanten Geschehnisse, den es in dieser Form vorher nicht gab. Das wird auch in Deutschland sehr gut aufgenommen bei vielen Chefs und Entscheidungsträgern in den Mutterorganisationen. Während der Corona-Zeit sind auch die Sonderflüge für deutsche Topmanager nach Russland positiv hervorzuheben. Das wäre ohne die fruchtbare Zusammenarbeit von AHK und Botschaft nie möglich gewesen.

VDW-Gründungspräsident Otto Wolff von Amerongen, schon zu Lebzeiten als heimlicher Osthandelsminister geehrt, war Ihr enger Weggefährte. Welche Rolle hat sein Wirken für Ihr Leben und die deutsche Wirtschaft in Russland gespielt?

Otto Wolff von Amerongen kannte ich durch mein Elternhaus seit meiner Jugend. Damals konnte ich nicht ahnen, dass er eines Tages mein Mentor sein würde. Er hat mich inspiriert, den Weg nach Russland einzuschlagen. Durch ihn ist Russland mein Schicksal geworden – für immer. Es war mir eine große Ehre, dass er mich Anfang der 1990er Jahre gebeten hatte, die Delegation der Deutschen Wirtschaft in Russland aufzubauen. Amerongen war 45 Jahre Vorsitzender des Ost-Ausschusses des Deutschen Wirtschaft, 20 Jahre Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) und damit eine Schlüsselfigur in den deutsch-sowjetischen und später deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen. Als Brückenbauer zwischen Ost und West gehörte er zu den bedeutendsten Unternehmerpersönlichkeiten der Bundesrepublik. Er war aber auch ein engagierter Pionier der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen. Er beriet die Bundesregierung von Adenauer bis Kohl und war auch international ein gesuchter Gesprächspartner. Präsidenten und Generalsekretäre aus aller Welt holten sich bei ihm Rat. Ihm ist auch der Mittelstandspreis der AHK gewidmet, der dieses Jahr zum sechsten Mal am 11. November in Moskau verliehen wird. Wie immer ist es mir eine Ehre und Herzensangelegenheit, die Laudatio über diese herausregende Persönlichkeit zu halten.

Als promovierte Osteuropa-Historikerin wissen Sie, dass die deutsch-russischen Beziehungen schon immer von Aufs und Abs geprägt waren. Auch jetzt sind die Zeiten nicht einfach. Wie wichtig ist die Wirtschaft als Vermittler zwischen unseren Ländern?

Traditionell gibt es seit Jahrhunderten sehr enge wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen zwischen Deutschland und Russland. Vor allem die wirtschaftlichen Beziehungen, die schon zu Zeiten der Hanse begonnen hatten, erweisen sich in Krisenzeiten als wichtige Konstante. Selbst im dunkelsten Kapitel unserer Geschichte, dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, waren die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen nur kurzfristig unterbrochen worden. Ansonsten weisen sie eine ungebrochene Kontinuität auf. Es ist bezeichnend für deutsche Unternehmen, dass sie sich von Krisen nicht abschrecken lassen, sondern strategisch in diesen Zukunftsmarkt investieren. Und nicht nur das: Sie fühlen sich verbunden zu ihren jahrelang bewährten russischen Partnern. Das ist eine Wesenseigenschaft, die ihnen hier in Russland großes Ansehen verleiht: Nicht nur ihr Können, sondern auch ihre Treue.

Also bleiben Sie weiterhin optimistisch?

Ich bleibe optimistisch. Es sind zwar sehr ernste Zeiten, weil es sich bei der derzeitigen Krise seit 2014 nicht nur um eine innerrussische Krise handelt, sondern weil sie eine internationale Dimension angenommen hat. Und es wird noch eine ganze Weile dauern, bis diese Krise überwunden werden kann. Aber nichtsdestotrotz: Auf die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen schaue ich mit Optimismus, auch auf das deutsch-russische Verhältnis, jedenfalls langfristig. Denn Europa braucht Russland, und Russland braucht Europa. Auch zur Lösung von gemeinsamen internationalen Konflikten. Daran führt kein Weg vorbei.

Sie sind im Jahr 1965 nach Ihrem Abitur zum ersten Mal nach Russland gereist. War es Liebe auf den ersten Blick?

Nicht Liebe auf den ersten Blick, aber Faszination auf den ersten Blick. Ich war einfach neugierig, einen Blick hinter den Eisernen Vorhang zu werfen. Mich mit eigenen Augen zu überzeugen, wie es dort aussieht, wie die Menschen sind. Ich bin damals mit drei Mitarbeitern der Firma Otto Wolff mit dem Auto nach Moskau gefahren, mehrere Tage von Köln über Berlin, Warschau und Minsk. So fing das Abenteuer an. In Moskau habe ich auf der ersten internationalen Industriemesse in der Geschichte der Sowjetunion gejobbt, der „Chimija 1965“. Zahlreiche Größen der deutschen Wirtschaft waren angereist. Das war unglaublich spannend, aber auch irgendwie einschüchternd.

Und 1970 sind Sie als Austauschwissenschaftlerin zur Moskauer Staatsuniversität gekommen. Das war Ihre zweite Reise nach Russland.

Damals gab es noch keinen Studentenaustausch zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion. Ich hatte das Glück, in einen Wissenschaftleraustausch zwischen der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem sowjetischen Hochschulministerium aufgenommen zu werden. Wir waren eine kleine Gruppe und nicht an Studiengänge angeschlossen, sondern haben in Bibliotheken zu unseren Forschungsprojekten gearbeitet. Das war in meinem Fall eine Dissertation zu einem Thema der russischen Geschichte. Da hatte ich 120.000 Seiten Quellmaterial und saß von morgens bis abends in der Lenin-Bibliothek. Ich wohnte im Studentenheim auf den Lenin-Bergen.

Haben Sie damals schon geahnt, dass Ihr Leben eng mit Russland verbunden sein wird?

Ich spürte, dass mich Russland nicht loslassen würde. Ich habe in dieser Zeit sehr interessante Russen kennengelernt, die mich geprägt haben: Vertreter der alten Intelligenzija, die lange tot sind. Schriftsteller und Künstler wie Lew Kopelew, Irina Iljinitschna Ehrenburg, Boris Birger oder Wadim Sidur. Es war damals nicht ungefährlich für meine russischen Freunde, sich mit Vertretern westlicher Länder zu treffen. Aber die meisten von ihnen waren ziemlich unerschrocken. Das war erlebte Geschichte: In kleinen Küchen sitzen und den Erzählungen über den Terror der Stalin-Zeit lauschen, wie sie überlebt hatten und unter welchen Bedingungen. Unglaublich.

Seit mehr als 35 Jahren leben Sie in Russland und haben dort Ihr Lebenswerk aufgebaut. Was fasziniert Sie so sehr an diesem Land?

Das werde ich immer wieder gefragt, weil es wohl ungewöhnlich ist, dass eine Westdeutsche sich seit mehr als einem halben Jahrhundert mit Russland so verbunden fühlt wie ich, obwohl ich hier keine persönlichen familiären Wurzeln habe. Meine Liebesgeschichte mit Russland und seinen Menschen begann Mitte der 1960er Jahre. Aus diesen Anfängen sind inzwischen über 37 Jahre geworden, die ich mit Unterbrechungen und in verschiedenen Funktionen hier lebe und arbeite. Ich wurde Zeitzeugin mehrerer Epochen, von der Sowjetunion zu Zeiten des Kalten Krieges über die gewaltigen Veränderungen in den 1990er Jahren bis hin zum heutigen Tage und ich habe lebenslange, ganz besondere Freunde gewonnen. In dieser wechselhaften und oft nicht einfachen Zeitspanne ist mir hier nur Gutes widerfahren. Das ist nicht selbstverständlich, und ich bin meinen russischen Freunden unendlich dankbar dafür.

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