„Seit der Gründung des Fonds haben wir bereits 404 Projekte mit 91,4 Milliarden Rubel finanziert“

Interview mit Sergej Wologodskij, Vizedirektor des Fonds für Industrieentwicklung

Erklären Sie bitte, was Ihr Fonds macht.

Der Fonds für Industrieentwicklung wurde 2014 durch das russische Ministerium für Industrie und Handel gegründet – im Rahmen des Auftrags des Präsidenten zur Modernisierung der einheimischen Industrie – mit dem Ziel, neue importablösende und exportorientierte Fertigungen zu finanzieren und die „besten verfügbaren Techniken“ (BVT) zu implementieren.

Für die Realisierung von Industrieprojekten stellt der Fonds zweckgebundene Darlehen mit Zinssätzen von einem, drei bzw. fünf Prozent, einer Laufzeit von fünf bis sieben Jahren in einer Höhe von 5 bis 750 Millionen Rubel zur Verfügung, um mehr Investitionen in den realen Wirtschaftssektor anzulocken. Die Darlehenskosten liegen unter dem marktüblichen Niveau, sie können jedoch nur zweckgebunden eingesetzt werden.

Was sind Ihre vorrangigen Tätigkeitsbereiche aktuell?

Der Fonds bietet aktuell acht Programme für die Finanzierung von Projekten in folgenden Bereichen an: Entwicklung neuer hochtechnologischer Fertigungen, Importsubstitution, Export und Leasing von Produktionsanlagen, Umsetzung von Anlagenprojekten, Digitalisierung vorhandener Fertigungen, Produktion durch die Rüstungsindustrie von High-Tech-Produkten zur zivilen und/oder dualen Anwendung, Fertigung von Zubehörteilen, Arzneimittelkennzeichnung und Steigerung der Arbeitsproduktivität.

Wir wissen, wie wichtig es ist, im Dialog mit der Wirtschaft zu bleiben, und haben daher ein Beratungszentrum eingerichtet, in dem wir Unternehmern nach dem One-Stop-Shop-Prinzip helfen, sich in allen unseren Programmen und zusätzlichen staatlichen Fördermaßnahmen zurechtzufinden. Die Mitarbeiter des Beratungszentrums informieren ausführlich über die Darlehen des Fonds und helfen, Projekte vor Beantragung den jeweiligen Programmen des Fonds richtig zuzuordnen. Außerdem beraten wir zu diversen anderen staatlichen Fördermöglichkeiten, die im speziell dafür entwickelten Maßnahmennavigator zur Unterstützung der russischen Industrie aufgelistet sind. 2018 zählte unser Beratungszentrum mehr als 15.000 Anfragen: Diese Zahlen sprechen für sich.

Und wie ist die allgemeine Bilanz seit der Gründung des Fonds 2014?

Der Fonds ist zu einem effizienten Instrument zur Unterstützung von Industrieprojekten geworden. Seit der Gründung des Fonds haben wir bereits 404 Projekte mit 91,4 Milliarden Rubel in diversen Industriezweigen und Regionen Russlands finanziert. Wir sind stolz darauf, dass bereits mehr als 130 Projekte aus unserem Portfolio in Betrieb genommen wurden und aktiv produzieren. Dank der Umsetzung aller durch den Fonds geförderten Projekte sollen mehr als 154 Milliarden Rubel an Steuereinnahmen für die Haushalte verschiedener Ebenen generiert werden und mehr als 22.000 neuer Arbeitsplätze entstehen.

Eines Ihrer Programme heißt „Zubehörteile“ und setzt sich zum Ziel, ein lokales Lieferantennetzwerk auszubauen. Das ist ein wichtiges Thema für die russische Industrie insgesamt und für die ausländischen Hersteller auf dem russischen Markt im Besonderen. Erzählen Sie bitte mehr darüber.

Unser Programm „Zubehörteile“ stößt auf große Nachfrage unter Firmen, die Basiskomponenten fertigen und sich in die Lieferketten großer Unternehmen und Holdings integrieren wollen. Seine Bedingungen sind sehr attraktiv für Unternehmen, da in den ersten drei Jahren der Zinssatz ein Prozent beträgt und für die Restlaufzeit fünf Prozent, bei einem Darlehensbetrag von 50 bis 500 Millionen Rubel. Im Rahmen des Programms gewähren wir eine Tilgungsaussetzung der Hauptschuld für die ersten drei Jahre: So können Firmen in Serienproduktion gehen und stabile Erlöse aus dem Projekt generieren. Der Eigenanteil des Unternehmens wurde auf minimale 20 Prozent des Gesamtwerts gesenkt.

Wie ist die Nachfragebilanz des Programms? Und was gilt es dabei zu beachten?

Die Zahlen sprechen für sich. Seit dem Programmstart 2017 hat der Fonds Darlehen in einer Höhe von 8,4 Milliarden Rubel für die Realisierung von 29 Projekten ausgereicht.

Die Mittel des Fonds im Rahmen dieses Programms bieten eine breite Palette an Möglichkeiten zur zweckgebundenen Verwendung: Sie können für die Entwicklung neuer Technologien/Produkte, für die Vorbereitung ihrer Produktion und den Beginn der Markterschließung, den Erwerb von russischen bzw. ausländischen Lizenzen und Patenten, für Engineering, den Kauf russischer bzw. importierter Industrieausrüstungen und sogar für einen Teil der Projektaufwendungen verwendet werden.

Außerdem bieten wir in Kooperation mit den regionalen Fonds Darlehen für kleine Projekte an: Speziell dafür stellen wir im Rahmen unserer gemeinsamen Programme mit den Regionalfonds eine Finanzierung von 20-100 Millionen Rubel zur Verfügung.

Was sind das für Regionalfonds?

Seit 2016 überträgt der Fonds sein Arbeitsmodell in die Regionen. Gegenwärtig gibt es in 60 Föderationssubjekten Regionalfonds für Industrieentwicklung mit einem Gesamtkapital von mehr als zwölf Milliarden Rubel. Sie werden durch die regionalen Behörden gegründet, wir als Fonds koordinieren deren Arbeit und stehen ihnen beratend zur Seite, damit die Arbeitsstandards dem Qualitätsniveau der föderalen Struktur entsprechen.

Zusammen mit den Regionalfonds setzen wir zwei gemeinsame Programme um – „Entwicklungsprojekte“ und „Zubehörteile“. Dabei können wir in ein Projekt bis zu 70 Prozent des Darlehens investieren, der Regionalfonds finanziert nur 30 Prozent. Auf planmäßiger Basis führt der Fonds Praxisseminare und Weiterbildungsmaßnahmen für die Regionalfonds durch. Diese Maßnahmen erlauben es den Mitarbeitern in den Regionen, gegenseitig Erfahrungen auszutauschen und Best Practices aus der Arbeit des Fonds bei der Auswahl und Bewertung von Projekten zu übernehmen. 2018 hat der Fonds drei Schulungen organisiert, an denen mehr als 120 Vertreter von Regionalfonds teilgenommen haben. Seit Ende 2015 wurden insgesamt acht solcher Seminare durchgeführt. Im Laufe unserer Zusammenarbeit mit den Regionalfonds haben wir für bereits 50 Projekte vergünstigte Darlehen mit einem Gesamtvolumen von 3,2 Milliarden Rubel bewilligt (der Fonds – 2,2 Milliarden Rubel, die Regionalfonds – 1 Milliarde Rubel).

Der Fonds tritt unter anderem auch als Betreiber des Mechanismus Sonderinvestitionsvertrag (SPIK) auf. Wie soll man sich das konkret vorstellen?

SPIK ist heute eines der vorteilhaftesten Formate für die Zusammenarbeit zwischen dem Staat und den ausländischen Wirtschaftsvertretern in Russland. So wurden 22 von 33 unterzeichneten Verträgen mit Firmen mit ausländischer Beteiligung abgeschlossen, darunter Daimler, DMG MORI, Claas, Mazda, Vestas, AstraZeneca und Sanofi.

Der Fonds tritt im Auftrag von Minpromtorg als Betreiber des SPIK-Mechanismus auf und kümmert sich entsprechend um die umfassende Bearbeitung der Investitionsprojekte: Der Fonds prüft zusammen mit den Investoren die Bedingungen für den SPIK-Abschluss, begutachtet die Vollständigkeit des vorzubereitenden Dokumentensatzes (des Antrags), übermittelt die Ergebnisse einer solchen Begutachtung an die Investoren, bereitet auf Anfrage des Minpromtorg das Expertengutachten des jeweils eingereichten Projekts für die innerbehördliche Kommission vor und wirkt bei der Abstimmung von SPIK-Kennwerten und entsprechenden Gesetzesbestimmungen mit. Der Fonds kümmert sich zudem um die Popularisierung des SPIK-Mechanismus unter ausländischen Investoren, wobei er das ganze Instrumentarium der Möglichkeiten einsetzt, einschließlich Handelsvertretungen, ausländische Wirtschaftsverbände etc. Dabei ist der Fonds immer in engem Kontakt mit dem Projektteam des jeweiligen Investors, um maximale Flexibilität und Effizienz der Antragsbegleitung bis zur Finalphase zu gewährleisten.

Wie kommt SPIK an?

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind 33 Sonderinvestitionsverträge in den wichtigsten Industriebranchen (Maschinenbau, Automobilindustrie, Pharmazie u.a.) mit einem Gesamtvolumen der Investitionen von 520 Milliarden Rubel unterzeichnet, in deren Rahmen mehr als 17.000 Arbeitsplätze entstehen sollen. Eine große Anzahl von Projekten wird im Rahmen von SPIK realisiert, die mit einer allmählichen Lokalisierung der Produktion verbunden sind, was natürlich den Aufbau eines lokalen Lieferantennetzwerks erfordert. Im Zusammenhang damit gibt es im Fonds insbesondere das bereits zuvor erwähnte Programm „Zubehörteile“ zur Unterstützung von Projekten, die auf die Modernisierung oder Errichtung einer Fertigung von Zubehörteilen abzielen und zur Erhöhung von Local Content verhelfen. Außerdem sind wir bemüht, auch weiterhin in diesem Bereich mit Unternehmen zusammenzuarbeiten, die SPIK abgeschlossen haben und/oder unsere Darlehensnehmer waren bzw. sind.

In welchem Format?

Als Beispiel möchte ich die deutsche Firma Wilo Rus anführen, welche 2017 einen Sonderinvestitionsvertrag abgeschlossen hat und seitdem aktiv auf der Suche nach russischen Gusslieferanten ist. Einer der potentiellen Lieferanten hat sich an den Fonds gewandt, mit der Bitte um Beratung. Im Zuge dieser Beratung wurde festgestellt, dass das Projekt nicht nur finanziell durch uns unterstützt werden kann, sondern auch durch den Fonds für die Unterstützung der Entwicklung kleiner Unternehmensformen im wissenschaftlich-technischen Bereich, sodass wir nun auf ein positives Ergebnis hoffen.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit des Fonds mit ausländischen Wirtschaftsverbänden in Russland?

In letzter Zeit baut der Fonds intensiv seine Kontakte mit den führenden ausländischen Wirtschaftsverbänden aus. Seit 2018 haben wir Kooperationsvereinbarungen mit der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, der Koreanischen Agentur zur Förderung von Handelsinvestitionen, der Association of European Businesses, der Französisch-Russischen Industrie- und Handelskammer sowie der Turkish Exporters Assembly unterzeichnet. Wir arbeiten auch mit anderen interessierten Verbänden zusammen.

Als Ergebnis einer solchen Zusammenarbeit sehen wir vor allem die Schaffung eines Mehrwerts für die Unternehmen, der in der finanziellen Unterstützung von Projekten in Russland besteht, in der Suche nach Lieferanten von Rohstoffen, Zubehörteilen und Verbrauchsmaterialien mit dem Label „Made in Russia“, in der Aufnahme der technologischen Zusammenarbeit zwischen russischen und ausländischen Industrieunternehmen, in der Mitwirkung bei der Lösung anderer operativer Fragen.

Können Sie uns dafür Beispiele nennen?

Ein Beispiel ist das Ergebnis des systematischen Zusammenwirkens des Fonds und der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Im Rahmen dieser Kooperation wurde ein Projekt der deutschen Firma Schattdecor AG zur Fertigung von bedruckten Dekorpapieren für Möbel und Baumaterialien zu 100 Prozent finanziert. Noch ein Beispiel: Auf Initiative des Fonds wurde in die Tagesordnung der Deutsch-Russischen Strategischen Arbeitsgruppe für Wirtschaft und Finanzen ein Problemfall zur Lokalisierung der High-Tech-Drehmaschinen-Produktion der deutschen Niles-Simmons-Hegenscheidt Gruppe aufgenommen.

Seit 2018 haben im Rahmen der Umsetzung des gemeinsamen Programms Technical Cooperation des Fonds und der Koreanischen Agentur zur Förderung von Handelsinvestitionen der Schneefahrzeughersteller „Russkaja Mechanika“, Kreditnehmer des Fonds, und der südkoreanische Hersteller von Industriemotoren Korea R&D ein Memorandum über die Zusammenarbeit im Bereich des Motorenbaus unterzeichnet. Jetzt gerade überlegen wir, eine elektronische russisch-koreanische Plattform für die technologische und industrielle Zusammenarbeit mit nachgefragten Serviceleistungen für ausländische und russische Unternehmen zu erstellen.

Die Fragen stellte Lena Steinmetz, AHK Russland

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