Standort Nordwesten: eine Region mit viel Potenzial

Als Peter der Große 1703 mit St. Petersburg eine Stadt an der Ostsee gründete, war sein Ziel, die Position Russlands im internationalen Handel zu stärken. Damals wie heute ist die Ostsee der wichtigste Handelsweg zwischen Russland und Westeuropa. Heute sind in der russischen Nordwestregion über 1000 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung registriert, knapp 600 davon in St. Petersburg und im Leningrader Gebiet. Warum haben sie sich für die Nordwestregion als Standort entschieden, und warum bleiben sie da? Wir haben gefragt – für die Impuls-Ausgabe mit dem Schwerpunktthema „Auf nach Nordwest!“.


Holger Schulz, Generaldirektor Zeppelin Russland OOO

  • Zeppelin Russland ist seit 20 Jahren in St. Petersburg mit einem angemietetem Vertriebs- und Servicezentrum in der Nordwestregion vertreten. Steigende Maschinen- und Motorenverkäufe in unserem Vertriebsgebiet in den letzten Jahren sowie wachsende Anforderungen im After-Sales-Bereich erforderten eine langfristige Kapazitätserweiterung in Lagerflächen für Bau- und Forstmaschinen und Ersatzteile sowie moderne Reparaturwerkstätten. Zudem wollen wir unserer Verantwortung gegenüber unseren ca. 150 Mitarbeitern in St. Petersburg mit modernen Arbeitsplätzen gerecht werden und unseren hiesigen Kunden eine attraktive Niederlassung mit kurzen Wegen bieten.
  • Unsere Firma nutzt den St. Petersburger Hafen und angeschlossene Logistikanbieter als Eingangstor zur Lieferung von Baumaschinen in den europäischen Teil Russlands. Es herrscht eine hohe Dichte von qualifizierten Fachkräften mit gut ausgeprägtem Geschäftssinn nach europäischen Standards – allerdings auch einhergehend eine hohe Nachfrage an technisch gut ausgebildetem Personal. Die Entwicklung unseres Geschäftsmodells sowie die Errichtung und Inbetriebnahme unserer Vertriebs- und Serviceniederlassung treiben wir ohne eine gezielte engere Anbindung an lokale Behörden voran. Vielmehr verstärken wir unsere Zusammenarbeit mit Ausbildungsstätten – in St. Petersburg gezielt mit der ansässigen Bergbau-Universität. Generell – nicht nur für den Nordwesten gültig – sind nach meiner Wahrnehmung russische Verbraucher sowie Unternehmen wesentlich offener und fortgeschrittener um Umgang mit digitalen Medien und Geschäftsmodellen.
  • Meine Tipps für Neueinsteiger im Markt wären: Top Management mit Expats besetzen, die Russischkenntnisse und Empathie für kulturelle Besonderheiten mitbringen. Man sollte wissen: Mitarbeiter identifizieren sich sehr stark mit ausländischen / deutschen Arbeitgebern über Wertekultur und Entwicklungschancen, sind aber gleichzeitig auch deutlich wechselfreudiger als in Deutschland. Je nach Branche sollten sich Neueinsteiger auf anspruchsvolle Kunden einstellen – der bürokratische (Mehr-)Aufwand beim Import, Lokalisierungsanforderungen im produzierenden Gewerbe sowie verstärkter Wettbewerb aus China bilden nicht unbedingt ein schnell gewinnbringendes Marktumfeld. Langer Atem ist durchaus gefragt!
  • Neben den in einschlägigen Reiseführern angegebenen Sehenswürdigkeiten und Konzerthallen empfehle ich, während der Saison bei gutem Wetter eine individuelle Bootstour auf den Kanälen bzw. der Newa zu machen – nicht unbedingt die großen Dampfer nutzen! Die Extrakosten sind gut investiert und bieten einzigartige Ansichten auf die Stadt und den Finnischen Meerbusen. Unbedingt im Zentrum die Kneipen-, Café- und Restaurantscene genießen und vielleicht einen gezielten Ausflug in den Stadtteil Neu-Holland machen. Als Krönung für Abenteuerlustige … Kronstadt!!!

Alexander Belunin, Geschäftsführer Sarstedt OOO

  • Die Nordwestregion ist eine mit am stärksten entwickelte Industrieregion Russlands und eine der größten Regionen in der Nutzung unserer Firmenprodukte. Bei der Auswahl des Standorts waren uns vor allem folgende Kriterien wichtig: die logistische Anbindung; die Verfügbarkeit von Fachkräften; das Potenzial bei Forschung und Technologie; die Nähe zu den wichtigsten Absatzmärkten. Bei der Nordwestregion fügte sich das alles zusammen.
  • Unsere Erfahrung zeigt: Die Verfügbarkeit eines Partners in Form eines Industrieparks führt deutlich schneller zu einer Lösung, wenn es um Fragen der fertigungstechnischen Infrastruktur geht. Es ist außerdem sinnvoll, auf einen erfahrenen Generalunternehmer zurückgreifen zu können, der bei der Auswahl von Nachunternehmern behilflich sein kann. Plant eine Firma eine Ansiedlung, ist es ratsam, den Standort im Voraus zu prüfen, auf die Verfügbarkeit von Fachkräften und auf die logistische Anbindung für den Güterverkehr ebenso wie für das Firmenpersonal.
  • St. Petersburg ist eine über das Geschäftliche hinaus zweifelsohne einmalige Stadt. Auch das spielt eine besondere Rolle bei der Attraktivität der Stadt für die Fachleute und das Management unterschiedlicher Firmen in Russland und im Ausland.

Nico Paetzold, Generaldirektor OOO Siemens Gas Turbine Technologies

  • Unsere Entscheidung, eine Produktion im Leningrader Gebiet anzusiedeln, ist durch zwei Faktoren bedingt. Einerseits war es die Unterstützung der Regionalregierung, mit der wir ein Investitionsabkommen für 15 Jahre geschlossen haben. Andererseits: Die Infrastruktur. Unsere Gasturbinen wiegen über 200 Tonnen, weshalb die Nähe zum Hafen und ein Gleisanschluss für uns wichtig sind. Der dritte Faktor war die enge Zusammenarbeit mit Power Machines. Angefangen hatte die Kooperation vor über 25 Jahren mit der Gründung einer gemeinsamen Montagefertigung. Mit einer Lizenzfertigung von Turbinen ging es weiter, bis wir am Ende der dritten Etappe schließlich ein neues Werk gebaut haben mit dem Ziel, die Produktion unserer Gasturbine SGT5-2000E in Russland zu 100 Prozent zu lokalisieren.
  • In Bezug auf die Herausforderungen, vor denen die Region steht, möchte ich auf den Zustand des Straßennetzes hinweisen. Die Region wächst rasant, es entstehen Wohnviertel und Betriebe, während die Straßen weder im erforderlichen Umfang gebaut noch saniert werden. Das führt zu Staus, zu Problemen beim Transport unserer Produkte, in der Material- und Teilelogistik, beim täglichen Pendeln unserer Mitarbeiter. Dabei ist zu betonen, dass wir Erfahrung darin haben, Infrastrukturprobleme durch gemeinsamen Einsatz von Wirtschaft und Politik zu lösen. Zusammen mit der Regionalverwaltung des Leningrader Gebiets, mit den Firmen YIT und Ahlers haben wir an einem Unfallschwerpunkt an der Ausfahrt aus dem Industriegebiet Gorelowo innerhalb passabler Fristen eine Ampel aufgestellt.
  • Einer Firma, die eine Ansiedlung hier plant, würde ich empfehlen, als Erstes das Büro für Investorenangelegenheiten bei der Regierung des Leningrader Gebiets zu kontaktieren. Wir schätzen die Möglichkeit zum direkten und konstruktiven Dialog mit der Regionalregierung. Und sind dem Gouverneur des Leningrader Gebiets, Alexander Drosdenko, wie auch Dmitrij Jalow, Vizevorsitzender der Regionalregierung, sehr dankbar für die Unterstützung und das rege Interesse an unserem Unternehmen.
  • In puncto Freizeit hat St. Petersburg eine Auswahl an Kulturevents zu bieten, die großzügiger nicht sein kann. Es gibt darüber hinaus immer die Möglichkeit, in der Natur abzuschalten. Ich war vom Ladogasee, dem größten in Europa, fasziniert.
  • Ich bin seit 27 Jahren bei Siemens tätig und war in dieser Zeit in 14 Ländern – alle zwei Jahre Länderwechsel. In Russland bin ich nunmehr seit über fünf Jahren, und es ist nach wie vor spannend. Hauptsächlich wegen der Menschen: Sie sind offen und hervorragend gebildet. Ich glaube, St. Petersburg ist ein perfekter Ort zum Leben und zum Arbeiten.

Hakan Mandali, Generaldirektor (COO), BSH Russland

  • In diesem Jahr feiern wir unser 25-jähriges Jubiläum in Russland. Und bereits seit zwölf Jahren haben wir ein eigenes Werk bei St. Petersburg und produzieren dort Kühlgeräte. 2010 haben wir dort außerdem mit der Fertigung von Waschmaschinen begonnen.
  • Ich finde, die Anzahl der internationalen Unternehmen in St. Petersburg und Umland könnte größer sein. Zwar haben sich hier schon so einige ausländische Investoren niedergelassen, aber es könnten auch mehr sein. Das zur Verfügung stehende Arbeitskräfteangebot, die geographische Nähe zum EU-Binnenmarkt, der Große Hafen machen St. Petersburg attraktiv für mehr ausländische Direktinvestitionen.
  • In einigen Prozessen wird man leider noch mit zu viel Bürokratie konfrontiert: Das wäre definitiv verbesserungswürdig. Optimierungsbedürftig ist auch die Infrastruktur in der Region – und notwendig für mehr Lebensqualität. Als Vorbild kann hier die schöne U-Bahn von St. Petersburg dienen. Sie ist im Übrigen auch eine der Top-Sehenswürdigkeiten der Stadt, die man unbedingt gesehen haben muss.
  • St. Petersburg bietet definitiv die notwendige Lebensqualität. Die Stadt und ihre reiche Geschichte sind wahre Inspirationsquellen. Hier spürt man den Geist von etwas Großem – seien es die wichtigen Persönlichkeiten der Stadtgeschichte oder das umfangreiche Kulturleben. Das macht die Stadt besonders. Und besonders liebenswert. Die historischen Gebäude sind gut erhalten: Es macht Spaß, sie anzuschauen, wenn man spazieren geht oder in einem gemütlichen Café sitzt. Meine Lieblingszeit in St. Petersburg sind die Winternächte – da kann man die Schönheit der schneebedeckten Stadt und der beleuchteten alten Gebäude bewundern. Ich lebe bereits seit fünf Jahren hier und fühle mich wie halber Petersburger.

Vladimir Zolotarev, Generaldirektor SEW-Eurodrive AO

  • Seit 1993 ist unser Unternehmen in Russland tätig, und wir haben seitdem nicht einen Moment lang bereut, den Föderalbezirk Nordwest als Hauptsitz und als Ausgangsbasis für die weitere Firmenentwicklung ausgesucht zu haben. In den 1990er Jahren war das Interesse westlicher Länder und Firmen an Russland groß. St. Petersburg – Russlands Kulturhauptstadt und eine ansprechende, für Ausländer nachvollziehbare Metropole – lockte damals Auslandsinvestitionen an. In der Stadt selbst und im Nordwestbezirk sind viele Partner und Kunden von SEW-Eurodrive tätig, wobei sich der Wirkungsbereich unseres Unternehmens in Russland mit der Zeit natürlich deutlich erweitert hat.
  • Die Vorteile der Nordwestregion sind die Nähe zu Europa und die gut entwickelte Verkehrsanbindung an andere russische Städte. Dieser Faktor ist über die Zeit unverändert geblieben und ist für Firmen, die mit westlichen Partnern zusammenarbeiten, maßgeblich.
  • Der Großraum St. Petersburg ist nicht nur des Geschäftlichen wegen eines Besuches wert: Das intensive Kulturleben der Region und die reiche Geschichte ziehen von Jahr zu Jahr immer mehr Touristen an.
  • Wir sehen gute Perspektiven der Region und sind der Ansicht, dass die Ansiedlung im Nordwestbezirk mit Blick auf die Ziele unseres Unternehmens eine gute Entscheidung ist. Das Unternehmen entwickelt sich, es wächst – und 2019 haben wir einen weiteren Schritt nach vorn gemacht: Es wurde das russlandweit erste Zentrum für Antriebstechnik SEW-Eurodrive eröffnet – im Leningrader Gebiet, dem Nachbar St. Petersburgs im Föderalbezirk Nordwest.

Die Fragen stellte Lena Steinmetz, AHK Russland

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Leiter der Abteilung Kommunikation