Interview

Sterngoff Audit: „Der Wirtschaftsprüfer von heute ist so etwas wie der Revisor von damals“

16.03.2021

Das Geschäftsleben in Russland erfordert oftmals einen Kompromiss zwischen Gestaltungswillen und rechtlichen Bestimmungen. Es ist ein Balanceakt, der nicht jedem gelingt. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Sterngoff Audit unterstützt ihre Kunden dabei, dieses Gleichgewicht zu wahren. Über den Wettbewerb auf dem Geschäftsfeld ihres Unternehmens, über die Leitsätze ihrer Tätigkeit und die perfekte Geschäftsführung spricht im Interview die Generaldirektorin Olga Grigoriewa.

Anna Braschnikowa, AHK Russland


Dieses Interview stammt aus unserer jährlichen Publikation „100 Fragen und Antworten zum Russlandgeschäft“. (2020). In Interviewform schildern die in Russland tätigen Unternehmen ihre je persönliche Sicht auf ihre Branche und den russischen Markt.



Wie lässt es sich in einfachen Worten erklären, was ein Audit ist?

Ein Audit ist eine Prüfung der Unternehmensbilanzen auf ihre Ordnungsmäßigkeit, deren Ergebnisse natürlichen ebenso wie juristischen Personen zur Verfügung stehen. Eine Bankenprüfung beispielsweise gibt Aufschluss darüber, ob Einlagen bei der jeweiligen Bank angebracht sind. Eine Unternehmensprüfung gibt Angaben darüber, ob die Unternehmensbilanz plausibel ist und ob das Unternehmen Probleme hat. Man denke dabei etwa an Nikolaj Gogols „Revisor“: „Ich habe Sie, meine Herren, geladen, um Ihnen eine überaus unangenehme Kunde zu überbringen. Ein Revisor ist auf dem Weg zu uns.“ Der Wirtschaftsprüfer von heute ist denn auch so etwas wie der Revisor von damals. Aber auch nicht ganz! In der Gegenwart ist ein Wirtschaftsprüfer primär ein hochspezialisierter Experte, der nicht einfach nur Schwachstellen in der unternehmerischen Buchführung oder den Steuerbilanzen aufspürt, sondern auch Empfehlungen zu deren Behebung gibt. Auch Betrug, Täuschung und Steuerhinterziehung erkennt ein Prüfer und nimmt eine umfassende Analyse der geschäftlichen Tätigkeit des betreffenden Unternehmens vor.

Sie sind nicht nur Generaldirektorin, sondern auch Gründerin des Unternehmens. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich hatte bei der Beratungsgesellschaft Görlitz & Partner angefangen. Mir gefielen die dortige Arbeitsweise und die Expertise, die ich dort erwarb. Dann verließ ich die Firma infolge einiger Umstrukturierungen und beschloss, ein eigenes Unternehmen auf verwandtem Gebiet aufzubauen.

Sterngoff Audit – wie kam es zu dem Namen?

Als wir über den Namen nachdachten, wollten wir unbedingt einen, der vom ersten Moment an für Qualität steht, und das Wort „Stern“ musste darin vorkommen: „Per aspera ad astra“ – wir begleiten unsere Kunden durch Schwierigkeiten hindurch und verhelfen ihnen mithin zu einem klaren Bild der Geschäftstätigkeit ihres Unternehmens.

Was verbindet Sie und Ihr Unternehmen mit Deutschland?

Nach Deutschland kam ich erstmalig 1991 mit elf Jahren, durch ein Förderprogramm von Michail Gorbatschow. Es war ein Austausch, wir wohnten unmittelbar bei deutschen Familien. Damals lernte ich Englisch, aber die deutsche Sprache gefiel mir sehr. Auch die Menschen in Deutschland und das Land an sich imponierten mir, sodass ich damals schon beschloss, mein Leben auf irgendeine Weise mit Deutschland zu verknüpfen. Das war auch für die Auswahl von Görlitz & Partner als Arbeitgeber ursächlich. Deutsch lernte ich später beim russischen Ministerium für Wirtschaftsförderung und Handel, weil ich die Sprache für die Arbeit benötigte. Mit Deutschen zusammenzuarbeiten, gefällt mir sehr: die Exaktheit, die Anständigkeit und die Konstanz sind Eigenschaften, die mir von der Art her sehr nah sind.

Wer sind Ihre Schlüsselkunden heute?

Hier möchte ich zunächst die allerersten Schlüsselkunden nennen: Firmen wie Viessmann, Hawle, Bogner, Grohe, Flottweg. Später ist auch die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer zu unserem Kunden geworden, sowie Enders, Bartec, PERI und andere nicht weniger namhafte Unternehmen aus Deutschland.

Wie hoch und wie stark ist die Konkurrenz auf Ihrem Geschäftsfeld in Russland?

Im Audit-Bereich führen die Großen Vier: Firmen mit weltweiter Präsenz und den gleichen Dienstleistungen, die auch wir anbieten, also Prüfung russischer ebenso wie internationaler Bilanzen. Ihre Leistungen sind hochpreisig und es ist schwierig, mit ihnen in Wettbewerb zu treten. Gleichzeitig stellen wir seit einiger Zeit eine Abwanderung von den Großen Vier zu mittleren Unternehmen fest, begründet durch ein etwas anderes Service- und Qualitätsniveau wie auch durch eine geringere Personalfluktuation. Viele russische Firmen bieten vielfach niedrigere Preise an als wir. Allerdings betrachten wir solche Unternehmen nicht als Konkurrenz, denn bei uns steht immer noch die hohe Qualität der Leistungen im Vordergrund. Es kommt doch bitte auf ein ausgewogenes Preis-Leistungs-Verhältnis an.

Ihr Unternehmen ist seit nunmehr acht Jahren am russischen Markt aktiv. Auf welche Erfolge sind Sie besonders stolz?

Es ist besonders zufriedenstellend, dass es unserem Unternehmen in den acht Jahren gelungen ist, verlässliche Partner zu finden, mit denen wir gemeinsam unterschiedliche Projekte und Seminare veranstalten. Dieser Zusammenarbeit ist es zu verdanken, dass wir unseren Kunden das komplette Spektrum an Leistungen anbieten können, die ein deutsches Unternehmen in Russland braucht. Zu unseren Dauerkunden zählen viele namhafte Firmen. Bei uns arbeiten hochqualifizierte Profis mit einer mehr als zwanzigjährigen Erfahrung.

Haben Sie einen Grundsatz, von dem Sie sich bei Ihrer Arbeit immer leiten lassen?

Integrität, Schnelligkeit, professionelle Gründlichkeit und permanente Weiterqualifizierung. Wir, die Wirtschaftsprüfer von heute, sind immer bestrebt, auf dem neuesten Stand zu sein. Ein Prüfer ist schließlich niemand, der bedrohlich wirkt wie der Revisor von Gogol, sondern jemand, der ins Unternehmen kommt, um zu helfen und aufzuzeigen, was verbesserungswürdig ist.

Wie hat sich die Pandemie auf Ihr Unternehmen ausgewirkt? Hat es auch positive Aspekte gegeben?

Wir gehörten nicht zu den Firmen, denen das Weiterarbeiten im Lockdown in Moskau erlaubt war, und arbeiteten in der Isolationsphase folglich von zuhause aus. Dabei hatten wir die Fernarbeit gleichsam intuitiv drei Tage vor dem Lockdown organisiert. Die Pandemie hat gezeigt, dass das Team auch aus der Ferne ohne Komplikationen arbeiten kann. Und wäre die Pandemie nicht gewesen, hätten wir das neue Feld der Onlineseminare wahrscheinlich nicht erschlossen. Dass die Nachfrage danach so groß sein würde, hatten wir allerdings nicht erwartet. An unserem ersten Onlineseminar im April nahmen ca. 350 Menschen teil, während sich in unseren Offlineseminaren im Durchschnitt 100 Teilnehmer einfinden. Natürlich sind persönliche Kontakte durch nichts zu ersetzen, aber die neue Wirklichkeit schreibt uns eine andere Arbeitsweise vor und wir müssen diese Herausforderung annehmen.

Was ist die allerwichtigste Aufgabe, die im Moment bei Ihnen ansteht?

Diese Phase gebührend durchzustehen, ist momentan die größte Aufgabe. Ich bekomme es ja mit, dass viele Firmen ihre Ausgaben senken, Personal kürzen und Finanzpläne niedrig ansetzen. Aber das Wichtigste ist, nicht zu schließen, sondern durchzuhalten. Das ist das primäre Ziel eines jeden Unternehmenschefs und gegenwärtig auch meins.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Unternehmens in den kommenden fünf Jahren?

Die Tätigkeit als Wirtschaftsprüfer hat mich gelehrt, in absehbaren Zeitintervallen zu denken. In zwei Jahren wird unser Unternehmen zehn Jahre alt und wir haben uns vorgenommen, dieses Jubiläum zu feiern. Alles hängt davon ab, wie die globale Lage sich entwickelt. In fünf Jahren werden wir, so meine Hoffnung, zu einem größeren Unternehmen mit umfangreicheren Dienstleistungen, vorwiegend unter Berücksichtigung der Digitalisierung der Wirtschaft. Vieles wird davon abhängen, mit welchem Tempo sich die Wirtschaft weiterentwickelt, welche strukturellen Veränderungen stattfinden und auch davon, wie sich weitere Partnerschaften entwickeln.

Die perfekte Führungskraft ist…?

Jemand, der keine Angst vor Verantwortung hat und bereit ist, Entscheidungen nicht nur für sich, sondern auch für andere zu treffen. Ein Geschäftsführer nimmt das Team mit und braucht deshalb vor allem einen kühlen, rationalen Kopf. Das Führungsideal sind für mich in erster Linie Frauen in Führungspositionen: Frauen wie Indira Gandhi, Golda Meir und Margaret Thatcher. Diese Frauen rufen bei mir Respekt hervor und den Wunsch, etwas Großes und Wertvolles zu tun. Auch Angela Merkel kann ich hierbei nicht unerwähnt lassen, die erste Frau als deutsche Bundeskanzlerin. Die Rolle der heutigen Frauen und ihr Beitrag zur Wirtschaft werden immer präsenter.

Wer ist für Sie ein Vorbild im Wirtschaftsleben? Und weshalb?

Für mich sind es primär unsere Kunden, selbst Unternehmensgründer. In Deutschland ist es in der Regel die mittelständische Wirtschaft. Jedes Mal schaue ich mir mit großem Interesse den Werdegang unserer Kunden an und erkenne in jedem einzelnen dieser Wirtschaftsmenschen ähnliche Wesenszüge. Es ist das Streben nach Innovation, die Risikobereitschaft, die Fähigkeit, Prioritäten richtig zu setzen und das Unternehmen an die Spitze zu führen.

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