Interview

Varian: „Unser Erfolg fußt auf unseren Mitarbeitern, die sich dem Ziel einer Welt ohne Angst vor Krebs verschrieben haben“

25.01.2021

Vor 80 Jahren entwickelten die Brüder Russel und Sigurd Varian eine Quelle für starke Mikrowellensignale, um das Warnsystem für Bombenangriffe aus Nazideutschland zu verbessern. 1969 begleiteten die Technologien von Varian die Apollo-11-Astronauten bei der Mondlandung. Heute ist Varian ein globales Großunternehmen und stellt medizinische Geräte für die Strahlentherapie her. Varians erklärtes Ziel ist es, die Welt von Krebsleiden zu befreien. Darüber, wie es gelingt, dieses Ziel in Russland zu verwirklichen, und welche Schwierigkeiten dabei entstehen, erzählt Chris Toth, Präsident und Chief Operating Officer von Varian Medical Systems.


Dieses Interview stammt aus unserer jährlichen Publikation „100 Fragen und Antworten zum Russlandgeschäft“. (2020). In Interviewform schildern die in Russland tätigen Unternehmen ihre je persönliche Sicht auf ihre Branche und den russischen Markt.


Varian ist seit bald 30 Jahren auf dem russischen Markt aktiv. Wie war es, 1986 hier geschäftlich tätig zu werden?

Damals machten wir noch Geschäfte mit der Sowjetunion, nicht mit Russland. Mitte der 1980er Jahre, ein Jahr nach dem Geschäftsstart auf dem russischen Markt, wurde unser Beschleuniger im Zentralen Klinischen Krankenhaus in Moskau installiert, das heutige Zentrale Klinische Krankenhaus der Präsidialverwaltung (ZKB). Wie Sie sich sicherlich vorstellen können, sind wir sehr stolz auf dieses Projekt. Die Kollegen, die vor 30 Jahren bei Varian tätig waren, sagen, die erfolgreiche Umsetzung dieses Vorhabens sei zum großen Teil dem Ärzteteam des ZKB zu verdanken. Viele Mitglieder dieses Kollegiums sind hervorragende Ärzte und Physiker, die bereits damals in der Lage waren, klinische Verfahren an einem Linearbeschleuniger dieser Qualität zu realisieren. Das ZKB zählt auch heute noch zu unseren Kunden. Nur die Beschleuniger sind natürlich andere. Wir haben dort zwei unserer Beschleuniger im Einsatz.

Was kam danach? Welche Projekte sind noch besonders erwähnenswert?

Wir freuen uns insbesondere über die seit 2011 bestehende vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der OAO Medizina. Das Gleiche gilt für das European Medical Center in Moskau. Das Center, mit dem Varian seit 2012 kooperiert, ist unser größter privater Kunde. In St. Petersburg verbindet uns seit 2011 eine solide Partnerschaft mit dem Nikolai-Petrow-Krebsforschungszentrum (NMIZ onkologii imeni N.N. Petrowa – Anm. d. Red.). Und 2018 haben wir im Petersburger Zentrum für Strahlenmedizin am medizinischen Beresin-Institut (Medizinskij institut imeni Sergeja Beresina – Anm. d. Red.), das russlandweit erste Protonentherapiesystem von Varian eröffnet.

Worin besteht der Vorteil Ihrer Beschleuniger?

Von Anfang an stand für uns mehr Sicherheit im Zentrum der Entwicklung. Sie kennen doch sicherlich die Geräte, die auf Cobalt-60-Isotopen basieren? Tja, es sind völlig andere Maschinen, Vorgängergeneration, Technologien aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, mit denen eine Eingrenzung des Bereichs, auf den die Strahlung einwirken soll, praktisch unmöglich ist. Wir produzieren Beschleuniger eines grundsätzlich anderen Typs. Unser neustes in Russland verfügbares System – das Halcyon – macht die Strahlentherapie für den Patienten bequemer und schneller. Der Vorgang ist für den Patienten weniger belastend, denn statt eines Raumes mit rotierenden Anlagen bei ausgeschaltetem Licht nimmt der Patient einen Computertomografen wahr, der ihn innerhalb von gerademal zwei Minuten lautlos und sanft auf einem Tisch hin und her rollt – und das war es. Mit einem herkömmlichen Beschleuniger kann man im Durchschnitt 20 bis 60 Patienten pro Tag behandeln, mit dem Halcyon jedoch therapiert man bei gleicher Personalstärke 80 bis 100 Patienten pro Tag. Dadurch hat man eine um 60 Prozent höhere Behandlungskapazität. Neulich erst haben wir zwei Halcyon-Systeme im regionalen Onkologiezentrum Irkutsk installiert, mit dem wir seit 2014 zusammenarbeiten. Über 60 Prozent aller von uns in Russland verkauften Beschleuniger sind Halcyon-Systeme. Deren weiterer Vorteil offenbart sich bei der Installation in den Krankenhäusern: Die Geräte auf Cobalt-60-Basis haben eine relativ geringe Dosisleistung, das heißt, sie bestrahlen lange mit geringer Intensität. Deshalb können die speziellen Bunker, die normalerweise um die Bestrahlungsgeräte herum angelegt werden, mitunter geringe Wandstärken aufweisen. Doch wir haben das Halcyon von Anfang an so entworfen, dass es die Energie im eigenen Inneren absorbieren kann. Also kann man es im selben Bunker aufstellen, in dem das Cobalt-Gerät stand: Kein Neubau ist erforderlich. Die Systeme haben identische Parameter, bieten sehr kurze Installations- und Ausbildungszeiten für das Personal. Wir sind stolz auf dieses Projekt und sehen darin die Möglichkeit, zeitgemäße Strahlentherapie auch dort einzurichten, wo sie vorher nicht zur Verfügung stand.

Welche fachlichen Fähigkeiten müssen Führungskräfte in Ihrem Unternehmen mitbringen? Ist ein Physikstudium Grundvoraussetzung?

In unserem Unternehmen sind viele hochqualifizierte Führungskräfte beschäftigt, Fachleute auf unterschiedlichen Gebieten – das schließt Physiker und insbesondere Medizinphysiker mit ein. Gleichzeitig sind aber auch IT- und Softwareingenieure gefragt, genauso wie Experten aus den Bereichen BWL, Vertrieb, Verwaltung und Marketing. Die Mischung und Vielfalt verschiedener Disziplinen ist in meinen Augen die Voraussetzung für erfolgreiches Wirtschaften.

Ich persönlich habe Marketing und BWL studiert und bin 1999 als Praktikant bei Varian eingestiegen. Glauben Sie mir, wenn man zwanzig Jahre lang sein Herzblut in ein Unternehmen steckt und bereit ist, von Kolleginnen und Kollegen zu lernen, dann entwickelt man sein eigenes, unabdingbares Fachwissen. Aber selbstverständlich fußt der Erfolg unseres Unternehmens auf unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich dem Ziel einer Welt ohne Angst vor Krebs verschrieben haben.

Wer sind Ihre heutigen Schlüsselkunden? Wie finden Sie zueinander?

Wir arbeiten mit staatlichen wie mit privaten Gesundheitseinrichtungen zusammen. Wir nehmen an Fachmessen für Strahlentherapie teil. Es sind engspezialisierte Veranstaltungen, weil dort nur Profis anzutreffen sind, die entweder bereits mit Beschleunigern behandeln oder erst welche erwerben möchten: also Fachärzte, Strahlentherapeuten, Physiker. Auf derlei Messen kommen viele Menschen auf uns zu. Da die Zahl der Ausrüster auf dem Gebiet der Strahlentherapie relativ gering ist, gehen die Kunden von selbst auf uns zu.

Sie produzieren in Deutschland: in Troisdorf und in Haan. Wie ist es mit Russland, ist eine Lokalisierung hier vorgesehen?

In Russland kooperieren wir seit 2017 mit unserem Lizenzpartner Fabrika RTT, der zur Unternehmensgruppe R-Farm gehört und auf die Fertigung zweier Varian-Systeme zur Radioonkologie spezialisiert ist. Zudem haben wir kürzlich ein Übereinkommen über die Fertigung von 200 Halcyon-Systemen abgeschlossen. Ich habe das System bereits erwähnt. Wir gehen davon aus, dass diese Zusammenarbeit dazu beitragen wird, die Strahlentherapieeinrichtungen russlandweit aus der Abhängigkeit von Geräten zu lösen, die auf Basis des hochtoxischen Cobalt-60 funktionieren. Soweit bekannt, ist die Fabrika RTT gegenwärtig das einzige Unternehmen in Russland zur Herstellung von Geräten für die Strahlentherapie. In die Produktion von Linearbeschleunigern gehen unterschiedlichste Komponenten ein, die miteinander zu verknüpfen sind. Ein moderner Linearbeschleuniger ist ein Gerät von höchster Komplexität, dessen Herstellung nicht trivial ist. Wir sind gespannt darauf, wie dieser Bereich sich in Russland weiterentwickeln wird.

Gab es Schwierigkeiten mit den Lieferketten während der Corona-Krise?

Nein, mit derlei Problemen wurden wir nicht konfrontiert und haben auch sonst keine negativen wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Strahlentherapie in Russland wahrgenommen. Allerdings waren die lokalen Reiseeinschränkungen zu Beginn der Pandemie ein Problem, denn die Installation und die Wartung unserer Geräte kann landesweit nur von hochqualifizierten Spezialisten ausgeführt werden. Damit die Fachleute sich im Land fortbewegen konnten, waren Sonderlösungen nötig, die wir glücklicherweise erhalten konnten.

Wie entstehen Innovationen in Ihrem Unternehmen? Welche Rolle spielt dabei künstliche Intelligenz?

Innovationen sind entscheidend. In den zurückliegenden vier Jahren hat die Varian Medical Systems Inc. insgesamt rund 1,5 Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung investiert. Weltweit sind über 1000 forschende Entwickler für Varian tätig, das Unternehmen hält mehr als 200 gültige Patente. Selbstverständlich wenden wir neue Technologien wie künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen und Big Data an, um die Krebstherapie zu perfektionieren und den Zugang zu Therapien weltweit zu erleichtern. Ein Beispiel ist eine unserer neuesten Lösungen im Bereich der Radiotherapie – die Ethos Therapie. Dabei kommt die KI zur Anwendung, um den Behandlungsplan des Patienten vor der jeweiligen Therapiesitzung anzupassen. Damit wird es den Strahlentherapeuten ermöglicht, die bestmögliche Behandlung für jeden einzelnen Patienten zu gewährleisten. Wir vereinen Ärzte und Wissenschaftler führender Krebskliniken, um die Verfahren der adaptiven Radiotherapie auf der Grundlage klinischer Daten zu entwickeln. Darüber hinaus erarbeiten wir im Moment unter dem Einsatz der KI den Ablauf der adaptiven Strahlentherapie, die es ermöglichen wird, alle visuellen Daten (MRT, PET, CT) in die Entscheidungsfindung einzubeziehen.

Die künstliche Intelligenz verordnet den Behandlungsplan… Sind Ärzte womöglich schon überflüssig?

Nein, Ärzte bleiben Ärzte. In absehbarer Zeit werden unsere Geräte den Arzt nicht ersetzen, sondern allerhöchstens von Routineaufgaben entlasten können. Was die künstliche Intelligenz aber in der Tat grundlegend verändert, ist die Rolle der Medizinphysiker. Im postsowjetischen Raum sind die Medizinphysiker in der Behandlungsplanung traditionell für die Dosimetrie zuständig: eine Aufgabe, die in westlichen Ländern üblicherweise ausgebildetem Fachpersonal zukommt, also Krankenpflegern oder technischen Assistenten. Nun übernimmt die KI die Dosiseinteilung komplett, die Medizinphysiker aber werden zur Kontrolle der Qualität des Behandlungsplans benötigt. Da der Mangel an Medizinphysikern in Russland enorm ist, wird die Einführung der KI dazu beitragen, dass mehr Patienten behandelt werden können.

Mit welchen Herausforderungen ist Varian in Russland konfrontiert?

Ein Problem, mit dem wir es permanent zu tun haben, ist die Wartung der Geräte durch Dritte. Wie gesagt, für die Wartung und Reparatur unserer Systeme ist hochqualifiziertes Fachpersonal notwendig. Unsere Mitarbeiter werden regelmäßig geprüft, aus- und fortgebildet, um Reparaturen und Inspektionen an unseren Geräten vornehmen zu können. Nach rechtlicher Lage ist es in Russland jedoch jedem erlaubt, Systeme zur Strahlentherapie zu warten und instand zu setzen. Eine Herstellerlizenz ist hierfür nicht erforderlich. Dies ist problematisch, weil Risiken entstehen, dass unqualifizierte Kräfte die Ausrüstung, die wir installiert haben, beschädigen und für die Behandlung von Krebspatienten unbrauchbar machen. Dies schadet unseren Kunden, vor allem aber den Patienten, deren Behandlung nicht unterbrochen werden darf.

Worin sehen Sie die Weiterentwicklung des Unternehmens?

Wir möchten erreichen, dass alle Patienten in Russland, denen eine Strahlentherapie verordnet ist, exakt die Therapie bekommen, die sie benötigen. In anderen Ländern wird unterschieden zwischen Symptompatienten, deren Schmerzen gelindert werden müssen, Palliativpatienten, deren Leben zu verlängern ist, und den Radikalpatienten, die geheilt werden können. In Russland aber fehlt im Moment das Verständnis für palliative Strahlentherapie. Es geht hierbei um den Umgang mit Menschen, mit Krebspatienten, der radikal zu verändern ist. Unsere Kernaufgabe besteht darin, den Patienten über die Gesundheitseinrichtungen, das Fachpersonal und unsere Geräte die Möglichkeit zu geben, Krebs zu einer chronischen Erkrankung zu machen. Diabetes ist da ein gutes Beispiel. Denn was war diese Krankheit in den 1970er Jahren? Und was ist die Zuckerkrankheit heute? Inzwischen ist Diabetes eine Krankheit, mit der man leben kann. In den 1970ern aber bedeutete diese Krankheit das, was heute Krebs bedeutet.

Halten Sie das wirklich für möglich?

Das sehen wir ja. In anderen Ländern gehen Menschen zum Arzt mit dem Gedanken: „Ich möchte jetzt in Urlaub fahren. Wir sollten die Behandlung zeitlich auf meine Arbeit oder meinen Urlaub einstellen“. In Russland aber sind Krebspatienten allzu häufig Menschen, denen man den baldigen Tod ankündigt. Es ist ein ganz anderer Ansatz. Man sagt inzwischen allenthalben, Krebs sei kein Todesurteil. Und das stimmt in der Tat. Nicht nur, dass Krebs kein Todesurteil ist: In vielen Ländern hat beispielsweise Brustkrebs mittlerweile keinen Einfluss mehr auf die Lebenserwartung. Dank der Fortschritte nicht nur in der Strahlentherapie, sondern auch in anderen Bereichen: Pharmakologie, gezielte Therapie, Früherkennung. Ich denke, die Zielrichtung ist die, dass Krebspatienten sich einfach nur einer Behandlung unterziehen und in aller Ruhe weiterleben können. Ohne moderne Ausrüstung wird das nicht gehen.

Das Interview führte Lisa Sidorova.

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