Was zu tun ist, um das Konzept der Industrie 4.0 in Russland umzusetzen

Wie können sich russische Unternehmen digital transformieren und welchen Herausforderungen müssen sie sich dabei stellen? Wie viel Zeit bleibt ihnen für den Umbau der Produktion? Und welche praktischen Folgen hätte die Einführung von Industrie 4.0 für die russische Wirtschaft? Diese Fragen wurden bei den Veranstaltungen der German-Russian Initiative for Digitalization (GRID) auf der Industriemesse Innoprom am 9. Juli in der Ural-Hauptstadt Jekaterinburg diskutiert.

Auf der internationalen Industriemesse Innoprom im russischen Jekaterinburg fanden am 9. Juli gleich zwei Veranstaltungen der German-Russian Initiative for Digitalization (GRID) statt: eine Podiumsdiskussion zum Thema „Digitalisierung in Industriebereichen: Zukunftschancen erkennen“ und ein Expertenpanel zum Thema „Digitalisierung von metallverarbeitenden Betrieben“. Bei den hochrangig besetzten Diskussionsrunden haben die GRID-Teilnehmer ihre Erfahrungen bei der Einführung des Industrie 4.0-Konzepts in Russland und in Deutschland geteilt.

An der Paneldiskussion, moderiert durch Sergej Mytenkow, Vize-Präsident des Russischen Unternehmensverbands RSPP und Geschäftsführer der Abteilung für IT und Kommunikation, beteiligten sich Vertreter führender russischer und deutscher Technologieunternehmen: Dietrich Möller, Präsident von Siemens in Russland; Natalia Parmenowa, Geschäftsführerin von SAP CIS; Alexej Beljakow, Vize-Präsident und Executive Director des Clusters für fortschrittliche Produktions-, Atom- und Raumfahrttechnologien der Skolkovo Foundation; sowie Igor Bogatschow, Geschäftsführer von „Zyfra“, eines Unternehmens, das sich auf AI-Lösungen im Industriebereich spezialisiert.

Die Diskussion rankte sich um die aktuellen Herausforderungen für russische Unternehmen in Zeiten des digitalen Wandels. Es wurden zahlreiche Best-Practise-Beispiele deutscher Unternehmen vorgestellt, die an der Digitalisierung russischer Industriebetriebe mitwirken. Dabei wurden auch Themen wie Fachkräfte für die Digitalbranche, Zukunftschancen und konkrete Schritte zur vollständigen Umstellung russischer Industriebetriebe auf den Industrie 4.0-Ansatz besprochen.

Wie etwa Siemens in Russland das Konzept des „digitalen Unternehmens“ implementiert, erörterte Dietrich Möller von Siemens anhand konkreter Projektbeispiele, die in Russland bereits umgesetzt wurden. So werde der Betrieb der Hochgeschwindigkeitszüge „Sapsan“ und „Lastotschka“ digital gesteuert: Der technische Zustand der Züge wird in Echtzeit kontrolliert, alle Daten online übertragen. So können die Ingenieure frühzeitig erkennen, wann die nächste Wartung ansteht („predictive maintainance“). Dank dieses Konzeptes liege die Einsatzbereitschaft der „Sapsan“-Züge bei stolzen 99,8 Prozent. Das Konzept des „digitalen Unternehmens“ werde derzeit auch in der LKW-Produktion bei KAMAZ eingeführt. Auch hier lägen bereits die ersten Ergebnisse vor. So konnte etwa der zeitliche Entwicklungsaufwand für komplizierte Design-Projekte und Systemänderungen um 50 Prozent reduziert werden, der Aufwand für die Erstellung von Wartungs- und Reparaturanleitungen um 40 Prozent und der Aufwand für Updates sogar um 90 Prozent. Als Ergebnis dieser Zusammenarbeit werde der erste digitale LKW entstehen, so Möller.

Natalia Parmenowa , Geschäftsführerin von SAP CIS, stellte die wichtigsten Trends in der digitalen Transformation und globale Lösungen vor, die den Industrie 4.0-Ansatz in der russischen Industrie implementieren können. In ihrem Vortrag fokussierte sie sich auf innovative Big-Data-, Blockchain- und Machine-Learning-Projekte, die gemeinsam mit Partnern entwickelt wurden.

Auch Alexej Beljakow von der Skolkovo Foundation teilte seine Erfahrungen bei der praktischen Implementierung des Industrie 4.0-Ansatzes zu einer möglichst schnellen Umstellung vom rohstoffbasierten Wirtschaftsmodel zur Know-How-basierten Wirtschaft und High-Tech-Produktion. Die digitalen Plattformen der Industrieunternehmen stellen ein Vehikel zur Förderung von technologischen Lösungen dar, so Beljakow. Die Kooperation internationaler und russischer Firmen mit der Skolkovo Foundation trage systematisch zur Förderung moderner Technologien bei. Beljakow erklärte, wie Corporate Accelerators funktionieren und wie die Zusammenarbeit mit Staatskonzernen funktioniert.

Igor Bogatschow berichtete über Erfahrungen der Firma „Zyfra“, die digitale Systemlösungen für russische und internationalen Kunden anbietet. Er führte die Ergebnisse der aktuellen Umfrage von „Zyfra“ an, in der untersucht wurde, ob die russische Industrie für die Digitalisierung bereit sei. Der Bedarf an AI-Lösungen werde künftig weiter ansteigen. Gleichzeitig verwies Bogatschow darauf, dass bereits mehr als 60 Prozent der russischen Industriebetriebe eine klare Digitalisierungsagenda einschließlich einer Kostenkalkulation hätten. Solche Projekte seien meistens auf zwei Jahre ausgelegt. Der Maschinenbau beschäftigt sich intensiv damit, seine Produktionsanlagen in ein einheitliches IoT-Netzwerk zu integrieren. Branchen wie Metallurgie oder Petrolchemie greifen verstärkt auf die Vorteile des Machine Learning zurück.  Die Unternehmen vertrauen diesen Technologien immer mehr, weil sie Effizienz und Rentabilität signifikant erhöhen.

Auch Andrej Maljutin, stellvertretender Geschäftsführer des Unternehmens RT-Inform, das erst kürzlich der GRID-Initiative beigetreten ist, äußerte sich zum Einsatz moderner und effizienter IT-Technologien. Er berichtete, dass RT-Inform als eine Art Front Office fungiert, das neue Technologien testet und anschließend Nutzungsempfehlungen für die Unternehmen des staatlichen Technologiekonzern Rostech entwickelt. Dabei sei der Erfahrungsaustausch mit Branchenexperten sehr wichtig.

Für die Intensivierung des deutsch-russischen Dialogs auf der höchsten gesellschaftlich-politischen Ebene und eine schnelle Umstellung der russischen Wirtschaft seien zahlreiche Faktoren zu berücksichtigen, hielten die Diskussionsteilnehmer fest. Die German-Russian Initiative for Digitalization (GRID) gehöre zu den Treibern, die die Wettbewerbsvorteile russischer und deutscher Produkte durch Know-how- und Technologie-Transfer weiter erhöhen und ein Modell für eine erfolgreiche Zusammenarbeit etablieren könne. Vor allem russische Industrieunternehmen seien deshalb eingeladen, sich der GRID anzuschließen, um an der Digitalisierung der russischen Wirtschaft mitzuwirken.

Auf dem Expertenpanel der GRID-Teilnehmer zum Thema „Digitalisierung von Unternehmen: praxisorientierte Ansätze“ nahmen Igor Sergejew, Vize-Präsident von Siemens Russia und Leiter der Digital Factory Division; Alexander Pissarez, Leiter des Industrie-Cluster und des Center of Expertise bei SAP CIS; sowie Pawel Rastopschin, Managing Director von „Zyfra“ teil.

Die Redner gingen auf konkrete Implementierungsbeispiele und Digitalisierungsansätze einzelner Firmen ein. Igor Sergejew erzählte über das Konzept des digitalen Unternehmens am Beispiel eines Eisenhüttenbetriebs, in dem in allen Phasen eines „digitalen Zwillings“ eingesetzt werden – von der Produkt- und Technologieentwicklung über die Fertigungsvorbereitung bis hin zu Produktion und Service.

Alexander Pissarez widmete seinen Vortrag der Einführung des Konzepts eines intelligenten Unternehmens durch einzelne Firmen. Er berichtete, dass SAP schon seit Jahren Industrieunternehmen unterstützt, indem es Systeme für Geschäftsprozesse und Plattform für innovative Szenarien anbietet – einschließlich IIoT, Blockchain, maschinelles Sehen und künstliche Intelligenz. Viele russische Unternehmen, die bereits einen „digitalen Kern“ implementiert haben, setzen sich nun intensiv mit dem Prototyping in SAP Leonardo auseinander, um ihre Prozesse noch effizienter zu gestalten. Das dortige „digitale Menü“ beinhalte bereits über 100 innovative Szenarios.

Pawel Rastopschin von „Zyfra“ erklärte ausführlich, welche Vorteile künstliche Intelligenz mit sich bringe, und betonte, dass nach der Digitalisierung einzelner Anlagen der logische Übergang zur digitalen Steuerung aller Herstellungsprozesse folgen müsse. Ein großes Handicap sei dabei ausgerechnet der Personalmangel. Deswegen wurde auf der Industriemesse „Innoprom“ die „Digital Aсademy“ gestartet, bei der jeder Mitarbeiter eines Industriebetriebs grundlegende Kenntnisse erwerben und diese im Praxisversuch umsetzen könne.

Die vorgestellten Fallbeispiele signalisieren: Für die erfolgreiche Umstellung auf Industrie 4.0 ist ein systematischer Ansatz notwendig. Und: Produkte, die in Russland und in Deutschland entwickelt werden, könnten einander sehr gut ergänzen und besser an kundenspezifische Anforderungen angepasst werden. Die Vertreter aller drei bei der Veranstaltung vertretenen Mitgliedsfirmen von GRID einigten sich darauf, dass die digitale Transformation keine universellen Out-of-the-box-Lösungen beinhalten, sondern die aktive Mitwirkung des Kunden voraussetzt, damit dessen Besonderheiten, Bedürfnisse und Aufgaben berücksichtigt werden können. Hierfür biete GRID eine gute Plattform, um Erfahrungen und Expertise im Bereich Digitalisierung auszutauschen. Alle GRID-Mitgliedsfirmen sind bereit, russische Unternehmen beim Aufbau und der Implementierung ihrer Digitalisierungsstrategien tatkräftig zu unterstützen.

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