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Wasserstoff, Infrastruktur und ESG: VEB.RF-Chefökonom stellt sich Fragen der AHK-Mitglieder

29.09.2021

Wie wird die russische Wirtschafts- und Finanzpolitik in absehbarer Zeit aussehen? Angesichts der vielen „Black Swans“ (unvorhersehbare Ereignisse) sei eine Prognose schwer, sagt Andrej Klepatsch. Der Chefökonom der staatlichen russischen Entwicklungsbank VEB.RF hat beim gestrigen CEO-Frühstück der AHK seine Sicht auf die Zukunft der russischen Wirtschaft dargelegt.

Die russische Wirtschaft hat sich 2021 laut Klepatsch über Erwarten gut entwickelt. „Wir hatten schon mit einem Anstieg des Ölpreises gerechnet und ihn sogar im Haushaltsplan berücksichtigt“, sagte der frühere russische Vizewirtschaftsminister. „Aber wir hatten nicht erwartet, dass der Preis so stark steigen wird.“ Das Bruttoinlandsprodukt sei 2020 ungeachtet des Lockdowns um nur drei Prozent gesunken. Für dieses Jahr würden die Wirtschaftsexperten mit einem Zuwachs um 4,5 Prozent rechnen.

Doch schon im nächsten Jahr könnte es mit dem Wachstum wieder nach unten gehen, warnte Klepatsch. 2022 dürfte sich das BIP-Wachstum selbst bei guter Konjunktur auf höchstens 2,4 Prozent belaufen und damit unter der Regierungsprognose liegen, wenn die Wirtschaft keine starken Impulse zusätzlich erhalten sollte.

Außerdem habe die Regierung finanzielle Mittel für mehrere „strategische“ Initiativen in den Haushalt gestellt, führte der VEB.RF-Chefökonom aus. Dabei sollen Projekte in den Bereichen Bildung (Gründung von Ingenieurschulen, Umschulung von technischem Personal), unbemannte Schifffahrt in der Ostsee, Korridore für den unbemannten Güterverkehr von Sankt Petersburg nach Moskau, Telemedizin usw. „punktuell“ und „begrenzt“ gefördert werden.

Eine weitere wichtige Initiative ziele auf die Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft ab, sagte Klepatsch. Unter anderem sei geplant, städtische Verkehrsmittel auf Wasserstoffantriebe umzustellen und die E-Mobilität zu fördern.

Aber in diesem Bereich seien noch einige Engpässe zu beheben, räumte Klepatsch ein.  So müssten Batterien für Elektroautos derzeit aus China importiert werden. Künftig wolle der staatliche Atomkonzern Rosatom die Batterien im Kernkraftwerk Kaliningrad herstellen. Parallel dazu würden Technologien zur Herstellung von blauem und grauem Wasserstoff entwickelt.

Zum Rubel-Kurs sagte Klepatsch, seine Entwicklungsbank erwarte für Ende dieses Jahres einen Wechselkurs von 73 Rubel für einen US-Dollar. 2022 könnte die russische Währung vor dem Hintergrund sinkender Ölpreise auf 74 bis 75 Rubel pro Dollar nachgeben. Danach könnte der Rubel aber wieder zulegen.

Progressiver Steuersatz
Johannes Peter Schönhuber, Chef von Zentis Russland, fragte, ob es beim progressiven Einkommensteuersatz weitere Änderungen geben werde. Ab diesem Jahr unterliegen Jahreseinkommen ab fünf Millionen Rubel (ca. 59.000 Euro) in Russland einem höheren Einkommensteuersatz von 15 Prozent (statt bisher 13 Prozent). Klepatsch versicherte, dass bis zu den nächsten Wahlen keine Änderungen an der Einkommensteuer zu erwarten seien.

Es werde zwar über eine Staffelung des Ertragssteuersatzes je nach Höhe der Dividenden und Investitionen diskutiert, sagte der Chefökonom von VEB.RF. Aber er selbst glaube nicht, dass diese Diskussion in absehbarer Zeit in eine konkrete Entscheidung münde. Gleichzeitig sei nicht ausgeschlossen, dass für Investoren wieder Ertragssteuer-Vergünstigungen eingeführt würden.

Entstaatlichung stockt
Igor Anufrijew, Präsident des Engineering-Unternehmens GEA, fragte nach Privatisierungsplänen für Staatsunternehmen. „Diese Pläne wurden nie umgesetzt“, stellte Klepatsch fest. Sämtliche Diskussionen darüber seien nichts mehr als heiße Luft. Es habe zwar Pläne zum Verkauf von Anteilen an den staatlichen Energieriesen Gazprom und Rosneft gegeben, doch diese seien wegen Sanktionen und begrenzten Investitionen aus dem Ausland nie verwirklicht worden.

Zugleich erkennt Klepatsch nach eigener Auskunft eine „schleichende“ Privatisierung von Maschinenbauunternehmen, die von der Öffentlichkeit oft unbemerkt bleibe. Als Beispiel nannte er das auf 1,5 Billionen Rubel (mehr als 17 Milliarden Euro) geschätzte Projekt zum Bau einer Hochgeschwindigkeitsbahn zwischen Moskau und Sankt Petersburg, das „in Zukunft sehr wahrscheinlich“ um deutsche Investitionen werben werde. Denn: Bei Großprojekten setze Russland immer auf ausländisches Kapital.

Rückstand bei Infrastruktur
Warum könne ein reiches Land wie Russland nicht einfach mehr Geld in die Infrastruktur investieren, fragte AHK-Vorstandschef Matthias Schepp. Klepatsch räumte ein, dass die Infrastruktur Russlands „wunder Punkt" sei. Man habe zwar vor Jahren ein staatliches Programm für den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur beschlossen, doch dieses sei bislang nur zu 50 bis 60 Prozent umgesetzt worden.

Schuld daran seien Interessenkonflikte: „Wer eine Autobahn baut, will keine Eisenbahn in der Nähe haben“, erläuterte Klepatsch. In Russland gebe es derzeit keine großen Infrastrukturprojekte, konstatierte er.

Bedarf an Ingenieurnachwuchs
In Deutschland fehle es jungen Menschen oft an Motivation, Ingenieur zu werden, sagte Einzelunternehmer und AHK-Mitglied Thomas Neumann. Dieses Problem gebe es auch in Russland, bestätigte Klepatsch. „Bei uns wurden in den letzten Jahren so viele Juristen ausgebildet, dass viele von ihnen jetzt keinen Job finden.“

Doch die neuesten Umfragen unter Schülern würden zeigen, dass auch medizinische Ausbildungsberufe sowie technische und naturwissenschaftliche Fachrichtungen wieder beliebter würden, fügte der Chefökonom der Entwicklungsbank VEB.RF hinzu. Zudem würden viele Unternehmen aus den Branchen Öl und Gas, Metallurgie und Rüstungsindustrie Studierende mit Stipendien anlocken. „In Russland gibt es ein wirkungsvolles System von Anreizen.“

In Russland könne man immer noch eine qualitativ hochwertige Ausbildung erhalten, auch wenn der Staat nicht genug in die Forschung investiere, führte Klepatsch aus. Selbst im laufenden Jahr, das in Russland zum „Jahr der Wissenschaft“ erklärt wurde, sei eine nennenswerte Erhöhung der Finanzierung ausgeblieben. Ein Braindrain sei die Folge.

Importsubstitution mit neuem Stellenwert
Jelena Semjonowa, Generaldirektorin von Phoenix Contact RUS, verwies auf Probleme der russischen Importsubstitutionspolitik. Einerseits sei in vielen Branchen, die früher jahrzehntelang auf Importe angewiesen waren, mit der Eigenproduktion begonnen worden. Andererseits sei es unklug, „das Rad immer wieder neu zu erfinden“, gab sie zu bedenken. Denn der russische Markt sei trotz der flächenmäßigen Größe des Landes relativ klein. Und eine Lokalisierung lohne sich nicht, wenn die Absatzmöglichkeiten begrenzt seien.

Mit der Verhängung der Sanktionen habe die Importsubstitution für Russland einen ganz neuen Stellenwert bekommen, erklärte Klepatsch. Denn bei Elektronik, Erdölverarbeitung, Werkzeugen und in vielen anderen Bereichen sei Russland stark auf Importe angewiesen. Allen sei klar, dass Russland jetzt nicht alles im Alleingang machen könne, denn für bestimmte Produkte fehle hierzulande das Know-how.

VEB.RF achte bei der Finanzierung von Projekten nicht darauf, wie hoch die Importquote sei, und stelle auch keine Lokalisierungsanforderungen, sagte der Chefökonom der staatlichen Entwicklungsbank weiter. Klepatsch rief die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer auf, konkrete Missstände in diesem Bereich zu melden. Er werde diese Information dann an Vizepremier Juri Borissow weitergeben.

ESG-Trend
Bei dem Treffen ging es auch um den ESG-Ansatz (Environmental Social Governance, zu Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung), der laut Klepatsch „zur Mode geworden“ ist. VEB.RF und Sberbank hätten bereits Konzepte für eine ESG-Transformation beschlossen. „Es ist nun sehr wichtig, dass diese interne Praxis werden“, betonte der VEB.RF-Chefökonom. „Wenn die Bank VEB.RF über die Finanzierung eines neuen Projekts entscheidet, achtet sie nicht darauf, ob der Projektbetreiber den ESG-Praktiken folgt und wie groß sein CO2-Fußabdruck ist“, führte Klepatsch aus. Aber zukünftig wolle man mit diesem Thema kritischer umgehen.

Russland versuche hier einen Spagat. Es könne nicht wie Deutschland bis zum Jahr 2038 aus der Kohle aussteigen, denn niemand wisse, was dann mit Steinkohlerevieren wie Kusbass geschehen soll, äußerte Klepatsch. Daher sollte Russland nicht auf Wind- und Solarstrom, sondern vielmehr auf Energieeinsparung setzen, um seinen CO2-Fußabdruck zu senken, rät der VEB.RF-Chefökonom. Denn gerade beim Thema Energieeffizienz habe Russland enormes Potenzial und könne mit Energieeinsparung viel mehr im Kampf gegen CO2-Emissionen erreichen als mit Wind- und Solarstrom. „Rosatom geht schon diesen Weg gemeinsam mit Siemens und anderen Unternehmen.“

Ansprechpartner

Thorsten Gutmann

Leiter der Abteilung Kommunikation & Marketing